Teure Märchen: Die unkontrollierte Macht der Bundes-Berater

Teure Märchen: Die unkontrollierte Macht der Bundes-Berater

Deutschland, das grosse Vorbild der Verwalter im BFE und im UVEK sowie ihrer externen Berater, ist nun einen Schritt weiter, die Industrie zu schädigen und Investoren abzuschrecken: Die Bundesnetzagentur bereitet Abschaltpläne für die Industrie vor. “Die Welt” am 10. August berichtete, dass sich die Behörde damit auf die Gefahr struktureller Mangellagen und langer Blackouts vorbereite. Katastrophale Zustände, die von den Akteuren der deutschen Energiewende, naiven Politikern und willfährigen Beratern selbst herbeigeführt wurden. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis ist grösser geworden. Seit Jahrzehnten verfeinern in Deutschland unzählige Forscher ihre Modelle für eine in den Augen ihrer Auftraggeber ideale Energiewelt. Und für etliche Beratungsunternehmen hat sich dieser Bereich zu einer nachhaltigen äusserst profitablen Einnahmequelle entwickelt.

Modelle von Energiewenden basieren auf Hunderten von Variablen etwa der Versorgungssicherheit alleinig durch neue erneuerbare Energien, der Kosten von grünem Wasserstoff und anderer Speichersysteme, der Spezifikation zusätzlicher Übertragungskapazitäten oder neuer Technologien zur Netzstabilität u. dgl. mehr. Wer ein bestimmtes (erwünschtes, sic!) Ergebnis erzielen möchte, muss das Modell nicht einmal fälschen. Es reicht völlig aus, die Eingangsannahmen entsprechend optimistisch zu wählen. Die Immunisierung gegen Kritik wird durch “Über-Komplexität” hergestellt sowie durch fehlenden Zugriff auf den Quellcode des Modells und akademische Diskreditierung von Handwerkern und Ingenieuren vor Ort und anderen Praktikern. Schlussendlich generieren die Modelle aber keine Realität, sondern sind hochgradig abhängig von den Annahmen, die man in sie hineinfüttert.

Es ist allerdings gefährlich, die Simulation der Realität mit der Realität zu verwechseln, wie dies z.B. krass auch damals vor der globalen Finanzkrise 2008 der Fall war: Wie der Journalist Felix Salmon im Februar 2009 im Technologiemagazin “Wired” aufdeckte, vertraute praktisch die gesamte Wall Street blind einer mathematischen Formel, die das Risiko von gebündelten Immobilienkrediten berechnete. Warnungen von altgedienten Bankern wurden mit dem Verweis auf die “geniale Formel” des Mathematikers David X. Li beiseite gewischt – aber der Crash kam trotzdem.

Die Energieperspektiven 2050+, d.h. “Netto Null 2050, aber bitte ohne neue Kernkraftwerke”, basieren auch auf solchen Modellen. Unter den zuständigen Bundesrätinnen Leuthard und Sommaruga wurden die Beratungsunternehmen Prognos, TEP Energy und INFRAS mit der Schaffung und Interpretation solcher Modelle beauftragt. Diese Firmen waren bereits Schwergewichte in der deutschen Strom-, Wärme- und Verkehrswende und konnten ihre Modelle oder wichtige Modellbausteine zu einem sehr hohen Grad wiederverwenden, so z.B. Technologie-Datenbanken, Sektor-Logik, Marktkoppelung, Stromhandel, mathematische Logik und Software u.a.i Und von der schweizerischen Politik wurden damals ja auch dieselben grünen Wunschwelten wie in Deutschland eingefordert.

Diese Unternehmen waren und sind weiterhin auch für umstrittene Organisationen wie die «Agora Energiewende» tätig, und auf Personenebene sind denn auch oft dieselben Mitarbeiter an Agora- und an BFE-Szenarien beteiligt. Eine eingeschworene Beratergemeinschaft, die so eng mit der zuständigen Verwaltung und der Politik kungelt, dass von einer neutralen Beratung oder gar einer kritischen Kontrolle keine Rede sein kann: Unter dem ideologisch total verbrämten und sachlich ebenso total unbedarften Minister Robert Habeck wechselte der Grünaktivist Patrick Graichen von Agora als Staatssekretär ins Wirtschaftsministerium, Rainer Baake, Mitbegründer von Agora, wurde Sonderbeauftragter für die deutsch-namibische Energiekooperation, der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, wurde Mitglied im “Rat der Agora”. Der Filz verdichtete sich bis zur „Graichen‑Affäre“ – einer Kombination aus Compliance‑Verstößen und persönlichen Verflechtungen im Bundeswirtschaftsministerium – und führte im Mai 2023 zum Rücktritt bzw. zur Versetzung in den einstweiligen Ruhestand von Staatssekretär Patrick Graichen.

Wie dem auch sei, letztes Jahr konnten sich in der Schweiz die «immer gleichen» Berater Prognos, TEP Energy und INFRAS beim BFE auch wieder die Aufträge für die Erarbeitung neuer Energeperspektiven (EP 2060+) schnappen – immerhin dürfen auch GWS, PSI, OST und Meteotest mitmachen. Ergebnisse dieser Arbeiten sollen Ende 2027 vorgelegt werden.

Und Wettbewerb?

Bis zu einem gewissen Grad sorgt das Beschaffungsrecht (BöB) der Schweiz für Wettbewerb und richtet sich gegen Interessenskonflikte und unzulässige Bevorzugung – Stichworte: “Expertentum”, “Dezemberfieber” und “Hoflieferantentum”. Nichtsdestotrotz ist Prognos in ihrer Beratungsfunktion schon seit 2004 (EP 2035) für das BFE in derselben Angelegenheit offenbar mass- und taktgebend aktiv. Hat hier schlicht die Governance versagt? Für einen zwingenden Wechsel der Anbieter nach einigen Jahren gibt es keine gesetzliche Regelung. Die Ausschreibung ist zwar formal offen, doch kann wohl kein neuer Auftragnehmer so günstig wie frühere Auftragnehmer anbieten, weil er erst viele Strukturen neu aufbauen müsste. Und so ergibt sich für die etablierten Anbieter mit jeder neuen Ausschreibung eine noch bessere Ausgangsposition.

Modell- und Expertenmonopole

Jedenfalls ist bei den Experten im Auftrag von BFE und UVEK eine Modell- und Experten-Monokultur entstanden und dadurch das Lock-In-Risiko exponentiell angestiegen. Genau hier hat die Governance der zuständigen Ämter und des zuständigen Departements komplett versagt: Für die Zukunft der Schweiz braucht es zwingend den Wettbewerb der Denkansätze durch unabhängige Experten. Wir brauchen dringend den ergebnisoffenen, kritischen Blick auf die überoptimistischen Modelle. Die mittel- und langfristigen Risiken der laufenden Energiepolitik müssen ständig aktiv untersucht und bewertet werden (strategisches Controlling).

  • Was passiert, wenn einige Nachbarländer gleichzeitig Dunkelflaute haben?
  • Und wenn Frankreich irgendwann zu wenig Kernkraftleistung zur Verfügung hat für alle die Nachbarstaaten, die sich freiwillig und auf Jahrzehnte unumkehrbar von hohen Importen im Winter abhängig gemacht haben?
  • Oder wenn durch unvorhersehbare politische Verhältnisse in Europa in 10, 20 oder 50 Jahren gar keine Stromlieferungen an die Schweiz mehr möglich wären?
  • Oder diese nur unter exorbitanten Preisen oder harschen politischen Auflagen und nationalem Wohlverhalten genehmigt würden?

Diese und viele andere wichtigen Fragen sollten besser früher als später beantwortet werden. Aber leider sind diese Fragen beim BFE bis dato noch gar nicht gestellt worden. Die Modelle zumindest sagen: Kein Problem!

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2 thoughts on “Teure Märchen: Die unkontrollierte Macht der Bundes-Berater”

  1. Vielen Dank für diese Initialzündung für ein Thema, mit dem wir uns (wieder) stärker befassen müssen. Ich habe in diesem Blog schon öfters auf die Problematik der verfilzten Energie”forschung” hingewiesen… NFP 70 und 71 mit “kastrierten Fragestellungen” war der Anfang. Dann SCCER-CREST, SWEET, SOUR – alles immer schön in English in such a way that as few people as possible will read it and even fewer will understand it. Inzwischen sind Hunderte von Millionen CHF an immer die gleichen Forscher geflossen, die mit ihren neuen Arbeiten ihre früheren Behauptungen nur sehr ungern umstossen. So geht es in der Tat nicht!

    Und noch was zu Deutschland: Sobald man mit Abschaltplänen für die Industrie der Gefahr struktureller Mangellagen begegnen will, steckt man bereits mitten in einer Mangellage! Leider sind wir hierzulande auch bald soweit.

  2. Die Bundesverwaltung wächst und wächst……. Wenn man die Pflichtenhefte anschaut, werden immer kompetentere Leute angestellt (und sehr gut bezahlt). Diese sollten die sich stellenden Probleme selbst lösen können und nur in absoluten Ausnahmefällen Wissen von aussen einkaufen, durch klar und unmissverständlich formulierte Aufträge und enge Begleitung der Arbeiten.
    Leider geschieht oft in allen Teilen das Gegenteil, wie etwa die Weidmann-Studie beweist. Dort zeigt schon ein Blick auf die angewandte Methodik, dass brauchbare Resultate schon vor Beginn der eigentlichen Arbeiten verunmöglicht wurden. Im übrigen gehört die Priorisierung von Projekten unter Brücksichtigung volkwirtschaftlicher, betriebswirtschaftlicher und raumplanerischer Aspekte zu den ureigenen Aufgaben des UVEK. Hierfür sollte es keines Auftrags an einen ETH-Bauingenieur (!) bedürfen.
    Die von Markus erwähnten Auftgräge sind noch viel abstruser und haben nicht im entferntesten etwas mit einer rationalen Energiepolitik zu tun.

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