Äthiopien versus Vietnam

Äthiopien versus Vietnam

Kennen Sie Magatte Wade? Ich auch nicht – bis letzten Donnerstag.

(Bildquelle: Screenshot von der Webseite magattewade.com)

Nun sind wir mitten in der Sommerferienzeit. Die Weltereignisse machen zwar keine Pause. Aber etwas leichtere Ferienkost – „noch leichter als sonst?“ werden einige fragen – scheint mir für die Zeit, da sich der Dichtestress von den Städten in die Ferienregionen verlagert, angemessen. Es gab diese Woche einige Vorkommnisse und Meldungen, die eines Blogbeitrags würdig gewesen wären, aber andere Medien kamen mir zuvor. Ein eher lokales Ereignis liess mich aber nicht los. Deshalb muss Mrs. Wade noch ein wenig warten.

Klima-woke ZHAW-Studie
Jüngst kommentierten einige Blätter und News-Plattformen eine neue Studie der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) mit dem Titel „Auswirkungen einer Aufhebung des AKW-Verbots auf die Beschäftigung in der Schweizer Photovoltaik-Branche“. Die Studienautoren schätzten den Verlust von Arbeitsplätzen durch die Aufhebung des AKW-Neubauverbots. Der ‚Blick‘, weiterhin energie- und klimawoke, berichtete wohlwollend mit der Schlagzeile „Verlust von bis zu 16’000 Arbeitsplätzen“. Auftraggeberin der ZHAW-Studie: Die Schweizerische Energie-Stiftung SES, bekannt als fundamentale Anti-AKW-Aktivistin.Die gleiche ZHAW hatte schon im Jahr 2020 wegen Corona-bedingten Arbeitsplatzverlusten eine Studie mit dem Titel „Solar-Offensive könnte 14 000 Jobs schaffen“ produziert.

Die Wahl des Massstabs ‚Verlust oder Gewinn von Arbeitsplätzen‘ mag politisch opportun sein, da das Schulversagen auf dem Gebiet der ökonomischen Bildung sich darin manifestiert, dass man der Bevölkerung alles Mögliche an schiefen Argumenten auftischen kann. Alex Reichmuth hat auf nebelspalter.ch mein altes Argument wiederbelebt: Wer Arbeitsplätze schaffen will, kann auch dafür bezahlte Menschen einen Graben ausheben und nachher wieder zuschütten lassen, möglichst manuell mit Pickel und Schaufel. Entscheidend sind aber die Produktivität der Arbeitsplätze sowie die Berücksichtigung von Opportunitätskosten.

Der Verzicht auf AKW dürfte in der langen Frist im Vergleich zu einer Energieversorgung ohne Kernenergie hohe ‚Verzichtsverluste‘ verursachen. Nicht umsonst ist die Kernenergie in vielen westlichen Ländern wieder im Aufwind. Um den Verzicht auf Kernenergie attraktiver erscheinen zu lassen, unternimmt die schweizerische Anti-AKW-Lobby schon seit langem alles, um die Kosten der Kernenergie bzw. neuer AKW in die Höhe zu treiben. Leider stehen dafür in der Schweiz politisch-institutionelle und rechtliche Instrumente zur Verfügung, die es kaum in einem anderen entwickelten Land in dieser Ballung gibt.

Wer über die energie- und klimawoke Grundeinstellung der akademisch gebildeten Oberschicht inklusive Oberbau der Hochschulen noch Zweifel hat, dem seien hier noch einmal eine Tabelle und eine Grafik aus meinem Argumentationsdatenarchiv präsentiert. Es handelt sich um Folien aus einer Präsentation mit dem Titel ‚Elite Wokeness in Figures‘.

Stimmende mit Hochschulbildung zeigen die bei weitem höchsten Zustimmungsraten zu Gesetzen der ‚Leuthard-Energiewende‘ mit Atomausstieg
(Daten aus den VOX-/VOTO-Studien)

Die Grafik unten betrifft die Verhältnisse in den USA, geben aber ein Bild wieder, das mit gutem Grund auch auf die Schweiz zutreffen könnte (siehe nebenstehende Tabelle). Angehörige der obersten Elite unterstützen teils massiv Verbote von Gasherden, Verbrennerautos, nicht notwendigen Flugreisen, SUVs und privaten Air-Conditioning-Anlagen. Die Durchschnittswähler, welche die Folgen einer elitär bestimmten Politik zu tragen hätten, sind ebenso massiv dagegen. Kann man sich vorstellen, dass diese Elite auf all diese Dinge verzichten würde?

(Datenquelle: Survey by the Committee to Unleash Prosperity:  “Them vs. U.S.  –  The Two Americas and How the Nation’s Elite Is Out of  Touch with Average Americans”

In dieser Abbildungs spiegelt sich eine Erkenntnis, die ich an anderem Ort mit Rückgriff auf die Ergebnisse der VOTO-Studie zur Abstimmung vom Mai 2017 über das Energiegesetz so beschrieben hatte (leicht gekürzt und redigiert):

Magatte Wade: Äthiopien versus Vietnam
Auf irgend einem Social Media-Kanal bin ich am letzten Donnerstag auf dieses Zitat gestossen:

Das Zitat enthält in grösster Kürze alles, was Angus Deaton, Träger des Wirtschafts-Nobelpreises, in einem NZZ-Interview über die x Milliarden westlicher Entwicklungshilfe in Afrika so ausdrückte: „Zu sagen, die Moral verlange nach Entwicklungshilfe, ist albern… Länder entwickeln sich von innen. Dazu braucht es eine Regierung und eine Bevölkerung, die gemeinsam auf Entwicklungsziele hinarbeiten.“ Entwicklungshilfe könne die notwendigen wachstumsfördernden Institutionen zerstören, statt sie aufzubauen. Die Entwicklungshilfe habe Afrika nicht reicher, sondern ärmer gemacht.

Unsere Entwicklungszusammenarbeit ist von diesen Einsichten unberührt. Dazu passend habe ich zufällig auf der samstäglichen Velorunde ein Helvetas-Plakat entdeckt. Diese schweizerische Entwicklungs-NGO sorgt in Äthiopien seit Jahren für sauberes Trinkwasser. Die abgebildete 31-jährige Äthiopierin Emebet Mekonnen freut sich. Aber die dortigen Regierungen haben es über all die Jahre nicht fertig gebracht, selbst einfache Infrastrukturen aufzubauen. Gut für das Spenden-Marketing von Helvetas, könnte man mit leicht zynischem Unterton sagen.

Grosses Plakat an der Wand eines COOP-Tankstellen-Shops

Der wirtschaftlich-technische Aufstieg von Vietnam ist das beste Argument für Deatons Satz „Länder entwickeln sich von innen.“ Was es dazu braucht: Ein Schul- und Bildungswesen, das die traditionellen Sekundärtugenden Disziplin, Fleiss und Leistungsbereitschaft hochhält, eine funktionierende Gesundheitsversorgung, möglichst geringe Korruption im politischen System und ein meritokratisches Wirtschaftssystem mit geschützten Eigentumsrechten. Genau auf diesen Gebieten gibt es in Äthiopien und vielen anderen Ländern Afrikas grosse Defizite.

Wer ist Magatte Wade?
Ich hatte zuvor noch nie von Magatte Wade gehört. Also ging ich ins Internet und stiess auf eine eindrückliche Persönlichkeit. Mehr über diese aussergewöhnliche Frau findet man auf ihrer Webseite magattewade.com. Die senegalesische Unternehmerin liefert noch weitere schlagende Botschaften an die Adresse der progressiven Gutmenschen aller Parteien und Institutionen, zum Beispiel diese:

„Socialism always seems to arrive with rich children volunteering poor people for experiments.“ Oder auf deutsch, nicht ganz wörtlich übersetzt: „Sozialismus taucht oft dann auf, wenn privilegierte Kinder arme Menschen für ihre gesellschaftlichen Experimente einspannen.“ Passt auch bestens auf die zweite Abbildung oben, wenn man ‚privilegierte Kinder‘ durch ‚privilegierte Eliten‘ ersetzt!

Westliche Entwicklungshilfe atmete über lange Jahrzehnte diesen Geist. Jugendliche kapitalismuskritische Entwicklungshelfer mit naiven Vorstellungen von den Ursachen wirtschaftlichen Fortschritts engagierten sich in den Hilfswerken und -institutionen. Unterstützt wurden sie von ähnlich tickenden Leuten in der staatlichen Entwicklungsbürokratie. Man denkt bei diesem Zitat von Magatte Wade auch spontan an die Klimakinder der ‹Fridays for Future›- und der ‹Extinction Rebellion›-Bewegung mit ihren radikalen Forderungen nach dem sofortigen Ausstieg aus den fossilen Energien – völlig unberührt von den Folgen für die paar Milliarden Menschen in Entwicklungsländern.

Denselben Geist verströmt auch das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen HEKS in seiner aktivistischen Rolle in der Klage von vier indonesischen Fischern gegen den Zementkonzern HOLCIM. Offenbar zählt man beim HEKS darauf, dass auch in den für Klimaklagen zuständigen Gerichten naive Auffassungen von einer modernen Wettbewerbswirtschaft vorherrschen. Der Erfolg der Klimaseniorinnen am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte EGMR mit der Klage gegen die Schweiz – Klimaschutz als Menschenrecht – macht Mut für mehr.


Lesen Sie den Text auf dem Blog des Autors volldaneben.ch.

Vielen Dank für das Teilen und Verbreiten dieses Artikels!
FacebooktwitterlinkedinmailFacebooktwitterlinkedinmail

Dies ist ein Blog von Autoren, deren Meinungen nicht mit denen von CCN übereinstimmen müssen.

1 thought on “Äthiopien versus Vietnam”

  1. Man kann nicht alle Hilfswerke in den gleichen Topf werfen. Löbliche Ausnahme bildet das seit über 150 Jahren tätige Hilfswerk „Don Bosco Jugendhilfe Weltweit“, einer der grössten privaten Bildungsanbieter weltweit. Das Angebot reicht von Kindergärten über Primar- und Sekundarschulen bis hin zu Berufsschulen, höherer Fachschulen. Die Lehrgänge sind zwischen Praxis und Theorie eng verzahnt. Genau solche Ausbildungshilfe ist die richtige Entwicklungshilfe. Ich konnte das persönlich bei einem Einsatz in Südindien feststellen. Und über 90 % eines gespendeten Franken gehen in die Projekte! Davon könnte Staatliche Entwicklungshilfe einiges lernen!

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie: Kommentare sind auf 2000 Zeichen begrenzt.