Ist Wokeness heilbar?

Ist Wokeness heilbar?

Radio SRF verharmlost eine brisante Lehrerumfrage über die integrative Schule

Die vergangene Woche war geprägt von Medienberichten über die erwähnte Lehrerumfrage und einem zwischenzeitlichen Ausflug nach Monforte d’Alba im Piemont. Dieser führte am ersten Tag im Velosattel ab Capolago Riva San Vitale nach Robella bei Trino am südlichen Rand der Poebene. Dort fand ich in einem Agriturismo ‹La Corte del SignorB› sehr warme Nachtruhe. Der baulich stattliche Albergo-Teil ist einem grossen reisproduzierenden Bauerngut angegliedert.

Zurück aus dem Piemont, aber immer noch halbwegs im Ferienmodus, stütze ich mich in diesem Beitrag zum Teil noch auf früheres Material. Es geht im Zusammenhang mit der erwähnten Lehrerumfrage um das viel diskutierte Problemthema von Schule und Bildung – Stichwort: sinkende Schulleistungen. Interessant sind nicht nur die Ergebnisse der Umfrage, sondern wie unterschiedlich zwei Leitmedien – Radio SRF und die NZZ – darüber berichteten.

Der asiatische Vorsprung ist nicht aufzuholen
Eine hohe Qualität der Bildung schafft die Voraussetzungen für eine innovative Wirtschaft und nachhaltigen Wohlstand. «Europa wird den globalen Kampf ums technische Wissen verlieren» hiess es im Oktober 2017 in der Überschrift eines NZZ-Artikels des 2023 verstorbenen Bremer Soziologen Gunnar  Heinsohn. Dort verglich er Mathe-Leistungen von Schülern in asiatischen und westlichen Ländern und schrieb:

«Unter 1000 zehnjährigen Schülern erreichten bei ‚Trends in International Mathematics and Science Study‘ (Timss) 2015 in Hongkong 450 und in Singapur sogar 500 die höchste mathematische Leistungsstufe. In Gesamt-Ostasien liegen die Japaner mit 320 Assen unter 1000 Schülern am Schluss. Erst im globalen Vergleich zeigt sich die Aussagekraft dieser Werte. So hat Frankreich unter 1000 Kindern lediglich 20 solcher Könner. Deutschland steht mit 53 auf 1000 etwas besser da.»

Der kanadische Bestseller-Autor Malcolm Gladwell zeigt in einem YouTube-Referat folgende Grafik, die ich in einem früheren Blogartikel schon einmal präsentiert hatte:

In Hongkong, Singapur, Südkorea und Japan erzielten die Schüler viel höhere Mathe-Testresultate als die Schüler in den drei grossen westlichen Volkswirtschaften USA, England (oder ist Grossbritannien gemeint?) und Deutschland. Gladwell verweist zur Erklärung auf die langfristig gewachsenen kulturellen Unterschiede zu westlichen Gesellschaften.

Asiatische Kinder sind nach Gladwell viel hartnäckiger als westliche, wenn es darum geht, eine anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen. Sie sagen sich, wenn ich mich anstrenge, kann ich das Problem lösen. Dagegen ist die vorherrschende Haltung bei westlichen Kindern grundlegend anders: Entweder kann ich es oder ich kann es nicht, und das ist eine Frage angeborener Fähigkeiten.

‹Integrative Schule›: eine gescheiterte Maximalreform
Wer in der jüngeren Vergangenheit die hiesigen Schulreformen verfolgt hat, muss daraus schliessen, dass unsere tonangebenden Akteure in der staatlichen Bildungsbürokratie und an den Pädagogischen Hochschulen von derselben kulturellen Haltung geprägt sind. Zu den angeborenen Unterschieden bei Kindern kommen aber noch die Differenzen aus der ‹Geburtslotterie›. So sind in der jüngeren Vergangenheit in westlichen Demokratien, auch in der Schweiz, zum Ausgleich von Startnachteilen vor allem Reformen unter dem dominierenden Anliegen der ‹Chancengleichheit› verordnet worden.

Eine wichtige Reform mit diesem Ziel lief zunächst unter dem Begriff der integrativen Schule, später ersetzt durch inklusionsorientierte Schule. Integriert in den normalen Unterricht werden bei diesem Konzept auch leistungsschwache und verhaltensauffällige Kinder mit allen möglichen ‹Benachteiligungen›, betreut von einem Schwarm von Heilpädagoginnen, Logopädinnen und, bei Bedarf, weiteren sozialen Betreuerinnen. Mit der Überbetonung von Massnahmen und Ressourceneinsatz für das Ziel ‹Chancengleichheit›, begleitet von der Abwertung des Leistungsprinzips, fällt die integrative Schule in die Kategorie der woken gesellschaftspolitischen Projekte.

Die Ergebnisse dieses Reformexperiments sind gut erforscht und bekannt: eine Nivellierung nach unten und messbar sinkende Schulleistungen. Die integrative Schule kam seit längerem immer mehr unter Beschuss. Jüngst bestellte der Schweizer Lehrerverband dann beim Forschungsinstitut GfS Bern eine Umfrage, in der rund 10`000 Lehrer über ihre Erfahrungen mit der Integration befragt wurden. Mein Fokus ist hier primär der Vergleich der stark unterschiedlichen Berichte in zwei Leitmedien.

NZZ: «Vernichtende Umfrage über die integrative Schule»
Im Vorspann zum NZZ-Bericht von Sebastian Briellmann heisst es: «Die Hälfte der Schweizer Lehrer hält das inklusive Modell für gescheitert, weil es sie überlastet – und die Schüler schlechter macht. Gerade jene Pädagogen, die am meisten betroffen sind, äussern sich negativ zum Status quo.» Und Briellmann folgert in der NZZ: «Geht man in die Details, zeigt sich, wie schwach der Rückhalt für das grösste Schulprojekt, die grösste Umwälzung des Systems nach nicht einmal zwei Jahrzehnten, ist.»

Der reformkritische Condorcet-Blog publizierte den NZZ-Artikel (hier). Wer an den Umfrageergebnissen interessiert ist, erfährt in einem anderen Beitrag auf dem Condorcet-Blog Details:

  • 83% stimmen der Aussage zu, die Entwicklung hin zur inklusionsorientierten Schule habe ihre Arbeitsbelastung erhöht.
  • 81 % fühlen sich in Situationen mit herausforderndem Verhalten stark belastet.
  • Nur 45 % geben an, die Idee im Berufsalltag gut umsetzen zu können.
  • 47 % stimmen der Aussage zu, die inklusionsorientierte Schule sei gescheitert.
  • 71 % sehen leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zu kurz kommen.
  • 52 % stimmen der Aussage zu, das allgemeine Leistungsniveau sei gesunken.
  • Das Hauptanliegen der Inklusion schlechthin, gleiche schulische und soziale Chancen für Kinder mit besonderem Förderbedarf zu verwirklichen, sehen nur 28 % als verwirklicht.“

Dagegen unser SRF-Radio
An solchen Details war aber unser SRF-Radio nicht interessiert. Obwohl die Umfrage eine Fülle von Daten erhoben hatte, die mehrheitlich gegen die Integration sprachen, beschränkten sich die Berichte in den Radionachrichten und in der Abendsendung Echo der Zeit auf die Aussage, für oder gegen die integrative Schule sei je etwa die Hälfte der Befragten. Mit dem verengten Blick auf bloss eines der Umfrage-Teilergebnisse gelangte man bei Radio SRF zum pauschalen Fazit, die Lehrerschaft sei gespalten. Das ist zwar nicht falsch, aber so funktioniert Manipulation: Man lässt einfach weg, was nicht in das eigene Bild von der Wirklichkeit passt, obwohl die Information verfügbar wäre.

Um die Gespaltenheit zu demonstrieren, kamen ein reformkritischer Lehrer und eine wärmstens für die integrative Schule argumentierende Heilpädagogin – eine von der Integration besonders profitierende Berufsgattung – zu Wort. Die Heilpädagogin erweckte bei mir den Eindruck von ‹woke im Quadrat›. Voll von Empathie für die Schwachen und unberührt von verfügbaren Daten über negative Reformwirkungen, erzählte sie von einem hörbehinderten Kind, das sie über sechs (!) Jahre individuell begleitet und erfolgreich integriert habe. Man multipliziere einmal diesen Aufwand mit der Gesamtnachfrage nach Unterstützung von ähnlich benachteiligten Kindern!

Kein Wunder fordern Anhänger der integrativen Schule – wie üblich, wenn ein staatliches Projekt nicht funktioniert – mehr Ressourcen und mehr Geld. Auch Dagmar Rösler, die Präsidentin des Schweizerischen Lehrerverbandes, sagt zur Umfrage gemäss NZZ, die Zukunft des Modells der integrativen Schule entscheide sich an der politischen Bereitschaft, endlich die notwendigen Bedingungen zu schaffen, damit sie richtig umgesetzt werden könne. Auch beim Lehrerverband heisst das offenbar mehr Geld.

Gesucht: ein Optimum an Integration
Man kann alles übertreiben, auch das Projekt der integrativen Schule. Das ökonomische Denkkonzept des Optimums hilft beim Ausbruch aus Grabenkämpfen. Der bekannte Bieler Oberstufenlehrer Alain Pichard1, Initiant des Condorcet-Blogs, vertrat genau dies im April 2026 in einem Artikel in der Sonntagszeitung:

«Ich kann es nur immer wieder betonen. Die Integration ist nicht gescheitert. Unsere Volksschule war noch nie so offen, so durchlässig, so individualisiert wie heute. Sie unterrichtet heute eine grosse Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die noch vor 20 Jahren in Kleinklassen versetzt wurden. Dies ist vor allem den Lehrkräften in unserem Lande zu verdanken, die einen Knochenjob machen. Gescheitert ist das ideologisch getriebene Heilsprojekt einer vollständigen Integration, das von gut alimentierten Fachleuten entworfen wurde, die den Herausforderungen des Unterrichts fernbleiben. Es wird zu einem Fass ohne Boden mit schlimmen Folgen für die betroffenen Schüler, Eltern und Lehrpersonen.»

Man kann nur hoffen, dass es den ideologisch Getriebenen an den wichtigen Schalthebeln des Schul- und Bildungswesens gelingen wir, aus ihren eigenen Stereotypen auszubrechen. Unsere SRF-Kanäle bieten dazu mit pseudo-ausgewogenen Berichten vorderhand keine Unterstützung. Die Frage im Titel «Ist Wokeness heilbar?» muss für unsere staatlich eingerichteten Medien wohl verneint werden.

  1. Alain Pichard ist mir vor rund 15 Jahren in einer Club-Sendung des Schweizer Fernsehens aufgefallen. Seine damalige Schilderung des Ausgestossenwerdens durch seine Lehrerkollegen in vier Phasen beeindruckte mich so sehr, dass ich ihn später kontaktierte. Hier die Episode, Pichard neben Sarrazin! Die Club-Sendung lief unter dem Titel „Wie Gutmenschen auf Kritiker losgehen.“ Eine solche Programmankündigung kann man sich heute nur noch schwer vorstellen. 

Lesen Sie den Text auf dem Blog des Autors volldaneben.ch.

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1 thought on “Ist Wokeness heilbar?”

  1. Schön, dass das CC-Netzwerk für einmal nicht nur über die von links verursachte Energiemisere schreibt, sondern über die von ähnlichen Kreisen zu veranwortende Bildungsmisere. Mir scheint, unsern linken Bildungsideologen gehe es nicht “bloss” um Chancengleichheit, sondern um Ergebnisgleichheit: wenn man die Dummen schon nicht gescheiter machen kann, so muss man wenigtens versuchen, die Gescheiten dümmer zu machen!
    Ins selbe Kapitel gehört die verordnete Negierung der Schweizer Geschichte, des Staatsaufbaus (bottom up Prinzip) und der Pflichten der Bürger. Man will offenbar eine Multi-Kulti-Generation heranzüchten, die im eigenen Land keine Wurzeln hat und sich ihm gegenüber auch nicht verpflichtet fühlt.

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