Mit der Kostenkeule gegen die Kernenergie

Mit der Kostenkeule gegen die Kernenergie

Die Abstimmungen im Nationalrat vom 15. und 18. Juni 2026 zeigten, wie erbittert um die künftige Schweizer Stromordnung gerungen wird. Vordergründig ging es um die Finanzierbarkeit neuer Kernkraftwerke, tatsächlich um Marktanteile und Subventionen.

Von der Blackout-Initiative zum Gegenvorschlag

Ausgangspunkt war die «Blackout-Initiative – Jederzeit Strom für alle», lanciert vom Energieclub Schweiz um Irene und Simon Aegerter. Sie verlangte eine sichere, technologieoffene Stromversorgung und damit faktisch die Aufhebung des seit 2018 geltenden Neubauverbots.

Der Bundesrat reagierte mit einem indirekten Gegenvorschlag: Neue Kernkraftwerke sollten wieder bewilligungsfähig werden. Der Ständerat und die vorberatende Umweltkommission des Nationalrats, die UREK-NR, unterstützten die Aufhebung grundsätzlich.

Trotzdem scheiterte der Gegenvorschlag am 15. Juni im Nationalrat zunächst an einer neuen völlig sachfernen und hinterlistigen Vorbedingung: Zuerst müsse die Finanzierbarkeit künftiger Kernkraftwerke geklärt werden. Erst nach Intervention des Ständerats und der Zusicherung einer Studie durch das UVEK kam am 18. Juni im Nationalrat eine hauchdünne Zustimmung zustande.

Eine Frage, die heute niemand exakt beantworten kann

Doch eine belastbare Kostenstudie für ein Kernkraftwerk zu verlangen, das vielleicht erst in fünfzehn oder zwanzig Jahren gebaut wird, ist sachlich kaum seriös.

Niemand kennt heute Reaktortyp, Seriengrad, Bauzeit, Zinssatz, künftige Bewilligungssituation mit Verschlankung des Bewilligungsverfahrens oder Lieferketten. Ein standardisiertes Kraftwerk mit acht Jahren Bauzeit ist etwas völlig anderes als ein neuartiges Einzelprojekt, das durch Einsprachen und Nachforderungen zwei Jahrzehnte verschleppt wird.

Die Kostenfrage wurde deshalb nicht nur zur Abklärung gestellt. Sie wurde als Waffe eingesetzt.

Strategie eins: Das Neubauverbot retten

Der fundamentalste Flügel der Neuen-Erneuerbaren-Lobby verfolgt ein klares Ziel: Das KKW-Neubauverbot resp. die Verhinderung von KKW muss bleiben. Allein die rechtliche Möglichkeit eines neuen Kernkraftwerks bedroht das bisherige energiepolitische Vorrangmodell von Wind und Solar. Die NEE-Lobby wird sich nun mit diesem Ziel für die Volksabstimmung rüsten.

Nachdem Nuklearsicherheit und Endlager als Gegenargumente an Zugkraft verloren haben, wird nun die Kostenkeule geschwungen. Als Belege dienen die hohen Baukosten des neuen EPR-Reaktortyps von Flamanville, Olkiluoto und Hinkley Point C nach einer fast 40 jährigen KKW-Baupause. Diese Beispiele werden zum Normalfall erklärt, während die 4 KKW Barakah (VAE), die in Rekordzeit zu vernünftigem Preis gebaut wurden, koreanische Serienprojekte oder kurze chinesische Bauzeiten für den E/CPR geflissentlich unter den Teppich gekehrt werden. So entsteht die Botschaft: Kernenergie sei grundsätzlich unbezahlbar. Nicht ein konkretes Projekt soll geprüft, sondern bereits die Option politisch vergiftet werden.

Strategie zwei: Zustimmung nur gegen Dauersubventionen

Sollte sich das Neubauverbot auch durch die kommende Volksabstimmung nicht halten lassen, wird die zweite Verteidigungslinie folgen: Ein Ja zur Kernenergie gibt es nur gegen gesetzliche Garantien für den weiteren Ausbau und die dauerhafte Förderung der NEE.

Dann wird Technologieoffenheit zum politischen Tauschhandel. Neue Kernkraftwerke dürfen wieder bewilligt werden – aber nur, wenn NEE-Investitionsbeiträge, Marktprämien, Winterstromboni, Abnahmegarantien sowie der staatlich finanzierte Ausbau von Netzen und Speichern auf Jahrzehnte abgesichert werden.

Das wäre kein fairer Kompromiss, sondern eine Schutzklausel für das NEE-Geschäftsmodell, das mit zunehmendem Marktanteil immer stärker von flankierenden Systemkosten abhängt.

Der wahre Konflikt: Wer erhält die nächsten Milliarden?

Wind- und Solarstrom wirken günstig, solange nur die anfänglichen Produktionskosten am Anlagenzaun betrachtet werden. Mit wachsendem Anteil steigen jedoch die Kosten für Netzausbau, Regelenergie, Reservekraftwerke, Speicher und Abregelung. Prinzipiell bleibt das Winter- und Saisonproblem mit NEE ungelöst. Saisonspeicher gibt es nicht. Weltweit nicht.

Kernkraftwerke haben das umgekehrte Profil: Hohe Anfangsinvestitionen, danach jahrzehntelang grosse, wetterunabhängige Strommengen mit hoher Verfügbarkeit bei abbezahlten Krediten und niedrigen Betriebskosten. Das KKW Leibstadt lieferte 2025 seinen Strom zu Betriebsvollkosten von 4,65 Rp/kWh. Deshalb sind neue Kernkraftwerke für die Neue Erneuerbarenbranche ein direkter Konkurrent um Kapital, Netze, Lieferverträge und politische Aufmerksamkeit.

Der Slogan «Better Together» zerbricht an dieser Realität. Technisch können Kernenergie, Wasser-, Solar- und Windkraft zwar nebeneinander existieren. Wirtschaftlich kämpfen sie um dieselben Milliarden. Und wirtschaftlich-operativ macht der parallele Einsatz von NEE und Kernkraft keinen Sinn. Kernenergie und NEE bleiben deshalb unvereinbar. Die aktive Gegnerschaft und Fundamentalablehnung der anderen Technologie geht wie immer vom Marktteilnehmer mit dem schlechteren Produkt aus. Im vorliegenden Fall sind dies klar die volatilen, flächenintensiven und nicht generell speicherbaren NEE, die in einem echten, freien Markt obsolet und schon längst wieder verschwunden wären.

Alle postmodernistischen Gutmensch-Ansätze wie «Better Together» oder blauäugige Versicherungen, dass neue KKW keine finanzielle Gefährdung der Erneuerbaren bedeuten, entpuppen sich bei genauer ökonomisch-technischer Betrachtung als das was sie sind: Offensichtliche, pseudodiplomatisch-durchsichtige Appeasementversuche unter aktiver Ausblendung des Marktbezugs.

Die Studie darf kein bestelltes Todesurteil werden

Die angeforderte Finanzierungsstudie darf nicht nur Reaktorbaukosten betrachten. Sie muss die beiden Stromsysteme über ihre gesamten spezifischen Lebensdauern miteinander vergleichen: Investitionen, Finanzierung, Betriebskosten, Winterproduktion, Speicherbedarf, Netzausbau, Instandhaltung der Gesamtsysteme, Importabhängigkeit, Grad der Versorgungssicherheit und Wiederbeschaffung.

Wer nur den Projekt-, Finanzierungs- und Baupreis eines  Kernkraftwerks berechnet, aber die Folgekosten eines stark wetter- und saisonabhängigen NEE-Systems mit den entsprechend nötigen Stromnetzimplikationen ausblendet, betreibt keine Analyse, sondern politische Auftragsarbeit. Ob das UVEK-BfE zu einer solchen wirklich harten Studie gewillt ist, ist eine andere Frage. BR Rösti wird hier sehr genau darauf schauen müssen, wer hier im und für das BfE arbeitet. Wir kennen die üblichen Verdächtigen für grün-links orientierte politische Auftragsstudien in Bern.

Die Kernenergiebefürworter sollten deshalb aufhören, mit Samthandschuhen zu argumentieren. Die Debatte braucht keine künstliche Harmonie, sondern einen offenen Kostenvergleich. Erst dann wird sichtbar, welche Technologie teuer ist – und welche nur publikumswirksam teuer geredet wird.

Merke: Totgeglaubte leben länger! The future is nuclear.

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Dies ist ein Blog von Autoren, deren Meinungen nicht mit denen von CCN übereinstimmen müssen.

6 thoughts on “Mit der Kostenkeule gegen die Kernenergie”

  1. Die Anti-Atomkraft-Bewegung verfolgt eine Ablenkungsstrategie, und die bürgerlichen Parteien fallen darauf wie die Spatzen herein.
    Die Grundsatzfrage „Soll das Bauverbot für neue Atomkraftwerke aufgehoben werden oder nicht?“ hängt überhaupt nicht von finanziellen Aspekten ab.
    Damit ein konkretes Projekt zur Erlangung einer Rahmenbewilligung vorgelegt werden kann, darf es zunächst einmal nicht verboten sein. Erst wenn ein Unternehmen weiss, dass es möglich ist, kann es ein Projekt mit allen erforderlichen Informationen und Zusicherungen auf den Weg bringen. Das kostet schon Zeit, Menschenenergie, und viel Geld. Niemand wird sich darauf einlassen, wenn das Verbot nicht aufgehoben wird.
    Ist das zu logisch für unsere Vertreter in Bern, die sich jetzt in ausweichenden Diskussionen verlieren?

    1. Absolut richtig, Michel. Ein hinterlistiges Ablenkungsmanöver, das seine Wirkung bis tief ins bürgerliche Lager entfaltet hat, fast zu spät als solches erkannt wurde, und gottseidank noch in letzter Minute durch starke Intervention von BR Rösti und Herr Aeschi hauchdünn abgeschmettert werden konnte. Wer macht diese ominöse “Finanzierungsstudie” nun? Das BfE? Echt jetzt? 🙂

      1. Der Energielub hat schon vor einem halben Jahr Finanzierungsmöglichkeiten aufgezeigt.
        https://energieclub.ch/wie-finanziert-man-kernkraftwerke/
        Einleuchtend ist doort der letzte Satz:
        Man hat früher Kernkraftwerke finanziert, man finanziert in aller Welt Kernkraftwerke. Es gibt keinen Grund, warum das in der Schweiz nicht wieder möglich sein sollte. Es ist die alte Geschichte: Wer nicht will, sieht Probleme – wer will, sieht Lösungen.

  2. An sich geht es um die Aufhebung eines mittelalterlich anmutenden Denkvebots, das in einem freien Land niemals hätte als Gesetz erlassen werden dürfen. Kein Mensch spricht von der Baubewilligung eines Kernkraftwerks. Folglich ist es sachfremd, Baukosten für etwas, das so niemand verlangt, errechnen zu lassen.

    Wenn trotzdem etwas ausgerechnet werden muss, dann scheint mir nur der Vorschlag Nöggerath zielführend. Die Spiesse müssen dann aber bei beiden Rechnungen gleich lang sein. Es müssen nicht die Kosten einer einzelnen Anlage ausgerechnet werden, sondern die des Gesamtsystems. Da die Kernkraft-Lösung weder Gaskraftwerke noch Stromimporte benötigt, dürfen diese auch in der Rechnung der Erneuerbaren nicht enthalten sein. D.h. es ist auf Teufel komm raus abzuschätzen, wie viele Windredli, Solarpanels (mittelländisch und hochalpin), Stauseen (Pumpspeicherwerke) und Uebertragungsleitungen es braucht, um mit Erneuerbaren eine gleich autarke Jahres- und insbesondere Winterstromversorgung hinzukriegen, wie mit AKWs. Wahrscheinlich geht das nicht ohne schwere Eingriffe in Wohnsiedlungen, Landwirtschaftsgebiete, Naturschutzgebiete und andere schützenswerte Landschaften. Das wäre politisch nicht realisierbar. Durchgerechnet werden muss et trotzdem. Um den Grünen und andern Romantikern zu zeigen, welche Umweltzerstörungen, Kosten (ich schätze einige hundert Milliarden Franken), Realisierungszeiten (wahrscheinlich bis ins nächst Jahrhundert) und Auslandabhängigkeiten (die chinesischen Solarpanels haben ein Ablaufdatum) die konsequente Verwirklichung ihrer Träume zur Folge haben würden.
    Alles andere wäre Selbstbetrug.

  3. Sehr gut. Danke Herr Vogel. Ich habe genau wegen der “Sachfremdheit” dieser Studienvorbedingunng noch einen wichtigen Satz ergänzt.

  4. Ich freue mich auf den Bericht des Bundesrats zu den Kosten von AKW. Man kann sogar die Subventionen von Erneuerbaren weiterlaufen lassen. Deren Ausbau lohnt sich ja offensichtlich auch mit Subventionen nicht.

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