Fiktion schlägt Fakten

Fiktion schlägt Fakten

Nachhaltigkeitspsychologen erklären, welche Botschaften dem ‹Klimaschutz› nützen


Den Titel ‹Fiktion schlägt Fakten› habe ich dem SRG-Newsportal swissinfo.ch gestohlen. Swissinfo.ch informierte jüngst über eine Studie der Fachrichtung Nachhaltigkeitspsychologie an der Universität Genf über die Wirksamkeit von verschiedenen Kommunikationsstrategien in der Klimapolitik.1 Die Hauptbotschaft der Studie goss swissinfo.ch in in den Satz: ‹Emotionen fördern Klimaschutz wirksamer als Fakten›. Zusammenfassend heisst es auf swissinfo.ch:

«Für mehr Klimaschutz braucht es Gefühl statt nur Fakten. Eine Genfer Studie zeigt, dass Bilder und emotionale Geschichten Menschen eher zum Handeln bewegen als wissenschaftliche Beweise… Besonders leistungsfähig waren gemäss der Studie Kampagnen, die ein starkes emotionales Engagement hervorriefen… Auch die Verwendung von Bildern erhöhte die Wirksamkeit der Botschaften… Diese emotionalen Ansätze seien deutlich erfolgreicher als die reine Übermittlung von wissenschaftlichen Beweisen… Ebenfalls bessere Resultate erzielten Botschaften, die auf moralischen oder ethischen Überlegungen basierten… Da Wiederholung die Wirkung verstärke, bestehe ein grosses Verbesserungspotenzial für die Klimakommunikation.»

Für Greenpeace nichts Neues
Als ich diesen Kommentar las, wurde mir klar, dass aktivistische Umwelt-NGO, allen voran Greenpeace, diese Erkenntnisse der Genfer Nachhaltigkeitspsychologen in ihren Aktivitäten längst erfolgreich ein- und umgesetzt haben.2 Was niemanden überraschen sollte, der die Unterscheidung zwischen schnellem und langsamem Denken von Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahneman kennt. Die meisten Leute leisten sich ein beschränktes Zeitbudget für die Aufnahme von Informationen und denken deshalb schnell – das heisst weitgehend emotional, oft aufgrund von Vorurteilen. Daraus lassen sich Varianten zu ‹Fiktion schlägt Fakten› ableiten: ‹Emotionen schlagen Fakten› oder ‹Vorurteile schlagen Fakten›.


Greenpeace-Demo gegen zu wenig ‹Klimaschutz› an einer Limmatbrücke in Zürich
(Screenshot aus einem Video von Greenpeace auf Facebook)

Wenn Fiktion und Emotionen Fakten schlagen, kommt dann in demokratisch-partizipativen Verfahren auch gute Politik heraus? Oder anders gefragt: Ist die Akzeptanzforschung vielleicht politisch gefärbt, weil sie Akzeptanz in Bezug auf gängige Massnahmen des ‹Klimaschutzes› untersucht, aber die Frage offen lässt, ob diese Massnahmen überhaupt eine wirksame Klimapolitik ausmachen? Oder direkter gefragt: Mit was für einer politischen Agenda im Hinterkopf gehen die Nachhaltigkeitspsychologen an ihr Akzeptanzthema heran? Dazu liefert Professor Brosch auf eine Interviewfrage eine Banalität wie aus dem Parteiprogramm der Grünen: «Der Verzicht auf Flugreisen ist ein besonders wirksames Mittel gegen die Klimaerwärmung.

Professor Broschs Mindset
Broschs Forschung beruht auf seiner Schlagwort-Diagnose ‹Ressourcenerschöpfung› und ‹Klimakrise›. Auf FernUni.ch liest man über Brosch: «Er arbeitet aktiv mit politischen Entscheidungsträgern zusammen, um Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften in die Nachhaltigkeitspolitik zu integrieren, und schlägt damit eine Brücke zwischen Wissenschaft und Politik. Eine komplexe und mühsame, aber angesichts der Klimakrise notwendige Aufgabe.»

Nachhaltigkeitspsychologen wie Professor Brosch wollen mit einer Art von ‹Nudging› individuelles Verhalten gegen die materiellen Interessen der Leute verändern. Das funktioniert höchstens in Einzelfällen. Denn ‹Nudging› kann eine wirksame technologieneutrale Klima- und Energiepolitik – das heisst über Preisanreize statt über ein Gestrüpp von Detailregulierungen und Subventionen – nicht ersetzen. Der US-amerikanische Umweltwissenschafter Roger Pielke jr. hat diese Erfahrung in das ‹Eiserne Gesetz der Klimapolitik› (iron law of climate policy) gegossen: «Wenn Massnahmen, die auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet sind, mit Massnahmen zur Verringerung von CO2-Emissionen in Konflikt geraten, setzt sich Mal für Mal das Wirtschaftswachstum durch.»

Outputblinde Nachhaltigkeitspsychologie
Diese Forschung beruht auf der Vorstellung, dass zum vorneherein klar ist, welche Gestaltung von Klimapolitik die massgebenden Ziele am besten erreicht. Die zwingend zu stellenden Fragen lauten: «Ist es in Bezug auf die Auswirkungen auch das richtige Handeln, zu dem die Leute bewegt werden sollen? Oder werden nur symbolische Handlungen für das gute Gewissen gefördert? Oder anders: Ist Suffizienz wirklich die Lösung?

Googles KI hat mir angeboten, auf der Grundlage der Genfer Studie eine Art Leitfaden zur Erhöhung der Akzeptanz klimapolitischer Massnahmen zu formulieren. Die als Muster gelieferten emotionalen Botschaften sind in bester Übereinstimmung mit grünem Klimaaktivismus, beruhend auf unhaltbaren Zusammenhängen, gesteuertem Konsum und Verzicht:

Erhalten wir das Summen unserer Bienen und die kühlen Wälder vor unserer Haustür für unsere Kinder. Sanieren wir jetzt. Autofreie Quartiere bedeuten weniger Lärm, saubere Luft für unsere Lungen und sichere Spielplätze direkt vor der Haustür. Jede Fahrt mit der Bahn ist ein aktiver Beitrag für unsere Schweizer Alpen. Seien Sie Teil der Bewegung. Bei Kantinenessen ist das vegetarische Menü standardmässig gesetzt; Fleisch muss aktiv bestellt werden. Bei Stromverträgen ist der Ökostrom-Tarif vorausgewählt. Botschaften wie ‹Bereits 70 % Ihrer Nachbarn nutzen Solarstrom› aktivieren den Mitmacheffekt.

Die öffentliche Wahrnehmung einer nach Kosten-Nutzen-Betrachtungen effizienten Klima- und Energiepolitik ist durch die ideologische Schlagseite der Hochschulforschung und der meisten Medien verzerrt. Es dominiert das links-grüne Rezeptbuch. Deshalb gibt es auch keine staatlich alimentierten Nachhaltigkeitspsychologen, denen die Steigerung der Akzeptanz der Kernenergie am Herzen liegt.

Kernenergie populärer als Gross-Solaranlagen
Die Schweizer Stimmberechtigten haben der Energiewende mehrheitlich zugestimmt und sich dazu stimulieren lassen, ein ‹Netto null 2050›-Ziel ins Gesetz zu schreiben – selbstredend ohne Kostenangaben. Da der Ausbau der Erneuerbaren zur Deckung der Winterstromlücke erwartungsgemäss wegen multiplen Widerständen nicht vorwärts geht, erhalten die Leute jetzt ausgerechnet das, was sie gemäss Umfragen am wenigsten wollen: Energieimporte und Gaskraftwerke. Die Abbildung unten stammt aus einem Referat der Berner Politologin Isabelle Stadelmann-Steffen an einer Energie-Tagung von ‹energy.com›. Da Stadelmann die Akzeptanz von grossen Freiflächen-Solaranlagen untersucht hatte, ist ‹Open-space PV› rot umrahmt.

(Zum Vergrössern Grafik anklicken)

Die Akzeptanz grosser Solaranlagen auf Freiflächen (vor allem hochalpine Anlagen) ist zwischen 2022 und 2025 markant gesunken. Das Verhältnis von Akzeptanz zu Ablehnung veränderte sich von 56% / 25% zu 39% / 43%. Da bleibt Professor Brosch und seinen nachhaltigkeitspsychologischen Mitkämpfern noch viel Arbeit.

Unsere staatlichen Hochschulen könnten ihre Akzeptanzforschung auch einmal auf die Kernenergie verlagern. Das Thema wird ja wieder aktuell. Kein Wunder, wenn man all die Hindernisse in Rechnung stellt, die dem Ausbau der sogenannt Erneuerbaren entgegenstehen. Und die Menschen merken das natürlich. Deshalb geht es bei der Akzeptanz der Kernenergie in die positive Richtung, von 45% / 37% im Jahr 2022 zu 50% / 36% drei Jahre später. ‹Nuklear› hat ‹Freiflächen-Solaranlagen› zwischen 2022 und 2025 im Akzeptanz-Ranking überholt.

Das ist umso erstaunlicher, als aus höchsten Forschungskreisen mit phantastischen Kostenwarnungen gegen neue Kernkraftwerke agitiert wird. Je nach Reaktortyp, Grösse und Entwicklung der Baukosten schätzt ein neuer Bericht der Akademien der Wissenschaften Schweiz die Gesamtkosten für ein neues Kernkraftwerk auf 14 bis 43 Milliarden Franken. Die Phantasiezahl von 43 Mrd. Franken erschien dann prompt zuvorderst in allen Medien. Es ist höchste Zeit, dass die Asymmetrie in der Forschung und Unterstützung von Energieträgern an unseren staatlichen Forschungsinstitutionen überwunden wird.

  1. Es handelt sich um eine Metastudie. Dazu auf swissinfo.ch: Ein Forschungsteam der Universität Genf analysierte für die Untersuchung 71 Studien mit Daten von insgesamt 216’000 Teilnehmenden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verglichen die Wirkung von fünfzehn verschiedenen Kommunikationsstrategien zum Klimawandel. ↩︎
  2. Greenpeace agitiert seit Jahren nach dem Motto ‹Emotionen schlagen Fakten› weltweit nach den Brosch-Methoden. Besonders militant, manchmal auch gewalttätig, geht es gegen die grüne Gentechnologie, gegen die Kernenergie und gegen Ölkonzerne (Beispiele: Zerstörung von Weizen-Versuchsfeldern der ETH, Verhinderung des Anbaus von ‹golden rice› des ETH-Forschers Ingo Potrykus auf den Philippinen, Brent Spar-Skandal um eine Offshore-Ölplattform von Shell). ↩︎

Originalbeitrag im Blog des Autors:
https://www.volldaneben.ch/fiktion-schlaegt-fakten/#59cfd72d-fc93-4af1-a644-0639668e1495-link

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