Der Zahlenkrieg hat begonnen

Der Zahlenkrieg hat begonnen

Im Februar 2027 stimmt die Schweiz voraussichtlich wieder über die Kernenergie ab. Was für eine Debatte sollten wir führen?

In der Schweiz ist die Planung von neuen Kernkraftwerken verboten. Jene, die dieses Verbot abschaffen wollen, argumentieren häufig mit Technikoffenheit und gegen Technologieverbote. Die Gegenseite kämpft für das Verbot und streicht unter anderem die Risiken der Kerntechnologie hervor.

Häufig wird der Streit über die Kernkraft aber nicht derart grundsätzlich und abstarkt, sondern anhand von Zahlen geführt. Kürzlich schrieb die Neue Zürcher Zeitung über einen Expertenstreit zu den erwarteten Kosten für ein neues Kernkraftwerk. Im August legte die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz eine Kostenschätzung für ein neues Kernkraftwerk vor: bis zu 43 Mrd. CHF. Die Zahl schlug ein. Ende September hielt Georg Schwarz dagegen, bis 2021 stellvertretender Direktor des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats und dort zuständig für die Aufsicht über die Kernkraftwerke. Auf 22 Seiten rechnete er die Studie nach und kam auf 12 bis 19 Milliarden. Zuvor hatten bereits Forschende aus dem ETH-Bereich bemängelt, die Herleitung der 43 Milliarden sei nicht nachvollziehbar.

Zwischen den beiden Ergebnissen liegt der Faktor drei. Beide stammen von ausgewiesenen Fachleuten. Beide beziehen sich auf dasselbe Land, denselben Zeitraum, dieselbe Technologie.

Das ist der Zustand, in dem wir in den Abstimmungskampf gehen. Nun liesse sich sagen: Einer von beiden rechnet falsch, man müsste nur nachprüfen. So einfach ist es nicht. Wer den Streit liest, findet drei Quellen der Differenz, und nur die erste ist eine Rechenfrage.

  • Rechnung: Schwarz hält mehrere Kostenangaben der Studie für mathematisch fehlerhaft. Korrigiert man sie, sinkt das teuerste Szenario von 43 auf 41 Milliarden. Zwei Milliarden, die den Streit nicht entscheiden.
  • Datengrundlage: Weit stärker wirkt die Frage, was ein Projekt ursprünglich kosten sollte. Für den finnischen Reaktor Olkiluoto 3 setzt die Akademie 1500 CHF je Kilowatt an, Schwarz kommt auf 3400. Da aus dem Verhältnis von geplanten zu tatsächlichen Kosten der Überschreitungsfaktor abgeleitet wird, schlägt dieser Unterschied voll auf die Prognose durch. Wer das Ausgangsbudget tief ansetzt, erhält eine dramatische Überschreitung; wer es hoch ansetzt, eine moderate. Dieselben Endkosten, zwei Geschichten.
  • Auswahl: Die Akademie stützt sich auf Grossprojekte in Europa und Nordamerika – Olkiluoto, Flamanville, Vogtle – und begründet das mit vergleichbaren Rahmenbedingungen: Bauerfahrung, Lieferketten, politisches Umfeld. Schwarz hält dem entgegen, dass damit chinesische, südkoreanische und emiratische Projekte ausgeblendet würden, bei denen Lerneffekte und sinkende Kosten auftraten. Er spricht von einer Scheinkorrelation.

Diese dritte Differenz ist keine Rechenfrage mehr. Sie ist eine Setzung: Welche Erfahrung ist für die Schweiz massgeblich? Beide Antworten sind begründbar. Keine ist beweisbar.

Jetzt kommt die Stelle, die mich an dem ganzen Vorgang am meisten beschäftigt. Der Sprecher der Akademie hält auf Anfrage fest, es handle sich bei den ausgewiesenen Kosten nicht um Prognosen, sondern um Szenarien. Sie sollten zeigen, wie teuer ein Schweizer Kernkraftwerk werden könnte, je nachdem, welche Annahmen man trifft.

Das ist methodisch korrekt und klar gesagt. Nur steht in der öffentlichen Wahrnehmung seit August nicht «unter bestimmten Annahmen bis zu 43 Milliarden», sondern «43 Milliarden». Aus einer bedingten Aussage ist unterwegs eine unbedingte geworden, ohne dass jemand etwas Falsches behauptet hätte.

Und die Gegenrechnung? Die ist genauso bedingt. Schwarz unterstellt ausdrücklich, dass die Bewilligungsverfahren in der Schweiz gestrafft werden und während der Bauzeit nicht laufend neue technische Anforderungen dazukommen. Das ist keine technische Annahme, sondern eine politische Prognose über das schweizerische Verfahrensrecht und das Verhalten der Aufsichtsbehörde über fünfzehn Jahre hinweg. Trifft sie nicht zu, steigen seine 12 bis 19 Milliarden.

Zwei Zahlen, zwei saubere Herleitungen, zwei Sätze Annahmen – und in der Debatte werden die Zahlen zitiert und die Annahmen nicht. Das Muster wiederholt sich auf beiden Seiten des Grabens, unabhängig davon, wer recht hat.

Es gibt bei dieser Auseinandersetzung noch etwas Bemerkenswerteres als die Differenz selbst: was in keiner der beiden Rechnungen vorkommt. Beide Zahlen sind Investitionskosten. Was ein Kernkraftwerk den Stromkunden kostet, hängt aber mindestens ebenso stark davon ab, zu welchem Zinssatz es finanziert wird. Kernkraft besteht zu zwei Dritteln bis drei Vierteln aus Kapitalkosten. Über sechzig Jahre gerechnet sind die jährlichen Kapitalkosten bei acht Prozent fast dreimal so hoch wie bei zwei Prozent.

Daraus folgt etwas, das der ganzen Debatte den Boden entzieht: Ein Werk für 19 Milliarden, zu zwei Prozent finanziert, belastet den Strompreis weniger als eines für 12 Milliarden zu acht Prozent. Die teurere Anlage ist die günstigere – es kommt nur darauf an, wer das Risiko trägt.

Die Finanzierungsform ist damit ein stärkerer Hebel als die gesamte strittige Spanne zwischen Akademie und Schwarz. Sie ist eine institutionelle Entscheidung, und sie kommt im Zahlenkrieg nicht vor.

Ein zweites Beispiel

Ein aktuelles Problem zeigt, dass dies kein Problem einer einzelnen Technologie ist. Im März 2026 trafen Drohnen die Verflüssigungsanlagen in Ras Laffan. Katar stellte die Produktion ein, Iran sperrte die Strasse von Hormuz, und binnen Tagen fehlten Europa rund fünfzehn Prozent seiner LNG-Importe – bei Speicherständen um dreissig Prozent. Die Lieferausfälle dauern an.

Was dabei ausfiel, war nicht nur Gas. Es war eine Annahme. In nahezu jeder Modellrechnung zur schweizerischen Stromzukunft steht, meist ungeschrieben, der Satz: Im Notfall ist Gas beschaffbar. Er galt als so selbstverständlich, dass ihn niemand für erwähnenswert hielt. Er hat sich in einer Woche aufgelöst.

Zwei Fälle, zwei Arten von versteckter Annahme. Einmal geht es darum, was etwas kostet, einmal darum, ob es überhaupt verfügbar ist. In beiden Fällen entscheidet die Annahme das Ergebnis stärker als alles, worüber öffentlich gestritten wird.

Eine Zahl kann die Frage nicht beantworten

Die öffentliche Auseinandersetzung läuft über einzelne Grössen. Rappen pro Kilowattstunde. Terawattstunden pro Jahr. Gramm CO₂ pro Kilowattstunde. Milliarden pro Kraftwerk. Jede dieser Zahlen ist für sich genommen korrekt. Jede ist für die eigentliche Frage unzureichend. Warum?

Weil Strom nicht von einem Kraftwerk, sondern von einem System geliefert wird. Von Anlagen, die erzeugen, speichern, übertragen, verteilen, verbrauchen und ihren Verbrauch verschieben. Diese Anlagen haben eine gemeinsame Funktion. Sie ist nur gemeinsam erfüllbar, und sie ist nur gemeinsam beurteilbar.

Eine Photovoltaikanlage für sich betrachtet liefert günstigen Strom. Dieselbe Anlage im Systemzusammenhang betrachtet liefert günstigen Strom zu Zeiten, in denen er wenig wert ist, und keinen zu Zeiten, in denen er viel wert wäre. Beide Aussagen stimmen. Die zweite ist die relevante. Entsprechendes lässt sich über jede andere Technologie sagen, Kernkraft eingeschlossen.

Dieser Beitrag empfiehlt deshalb keine Technologie. Er beschreibt, wie man das System analysiert, und was dabei gefragt werden muss, bevor eine Empfehlung überhaupt sinnvoll ist.

Vier Ebenen, vier Einheiten

Ein Stromversorgungssystem muss auf vier Zeitskalen gleichzeitig funktionieren. Jede hat ihre eigene physikalische Grösse.

EbeneGrösseZeitskalaÖffentlich diskutiert?
JahresenergieTWh pro JahrJahrfast ausschliesslich
WinterenergieTWh November bis FebruarMonatezunehmend
Gesicherte LeistungGWStundenkaum
NetzstabilitätGW·sSekundenpraktisch nie

Die erste Ebene fragt, ob über das Jahr genug Energie zusammenkommt. Die zweite, ob sie auch dann da ist, wenn sie gebraucht wird – im Kernwinter, bei kurzen Tagen und hoher Last. Die dritte fragt nach der Leistung in der Spitzenstunde: nicht wie viel Energie insgesamt, sondern wie viele Gigawatt in genau diesem Moment. Und die vierte fragt, was in der Sekunde nach einer Störung geschieht, wenn eine grosse Erzeugungseinheit ausfällt und die Frequenz zu sinken beginnt. Diese letzte Ebene hat mit Versorgungssicherheit nichts zu tun. Sie entscheidet darüber, ob aus einem Zwischenfall ein Blackout wird.

Vier Ebenen, vier Einheiten, vier verschiedene Fragen. Keine Zahl beantwortet mehr als eine davon. Der Milliardenstreit vom Anfang spielt sich vollständig auf der ersten Ebene ab. Er sagt nichts darüber, was ein Kernkraftwerk zur Winterversorgung beiträgt, was es zur gesicherten Leistung beiträgt und was es zur Stabilität beiträgt. Das sind drei weitere Fragen, und sie wurden in diesem Streit gar nicht gestellt. Und hier liegt das Problem: Die öffentliche Debatte kennt im Wesentlichen die erste Zeile. Gelegentlich die zweite. Die dritte selten, die vierte so gut wie nie – obwohl ausgerechnet dort die neuen Verbraucher wirken, die wir gerade anschliessen. Schnellladestationen, Wärmepumpen und Rechenzentren hängen über Umrichter am Netz und tragen zur Trägheit nichts bei.

Wie man das System prüft

Daraus ergibt sich ein Vorgehen, und es ist weniger kompliziert, als es klingt.

Erstens abgrenzen. Systemgrenze Schweiz, aber offen: Wir sind synchron mit dem kontinentaleuropäischen Verbundnetz gekoppelt. Die Frage ist nicht Autarkie ja oder nein, sondern für welche Dauer und welchen Störungsfall das Ausland als Rückhalt eingeplant werden darf. Mein Vorschlag als Konstruktionsregel: für Sekunden bis Tage, nicht für Wochen bis Monate. Wer mit einem Winterimport von mehreren Terawattstunden als Planungsgrundlage rechnet, hat diese Grenze bereits überschritten, meist ohne es zu sagen.

Zeitlich gehören zwei Punkte ins Bild: der Zustand 2050 und der Weg dorthin. Die bestehenden Kernkraftwerke erreichen vor 2045 ihr Lebensende; neue wären nach geltendem Verfahrensrecht kaum vor 2040 verfügbar. Die Jahre dazwischen sind der eigentliche Engpass, und sie kommen in den Zieljahr-Rechnungen nicht vor.

Zweitens Ziele von Restriktionen trennen. Das klingt nach Methodenpedanterie und ist es nicht. Ein Ziel wird optimiert, eine Restriktion wird eingehalten. Solange das Klimaziel in der Zielfunktion steckt, lässt sich nie beziffern, was es kostet – es verschwindet in der Optimierung. Behandelt man es als Restriktion und variiert diese in Stufen, wird es messbar: Die Differenz der Systemkosten, geteilt durch die vermiedenen Tonnen, ergibt einen Preis je Tonne CO₂, vermieden im Schweizer Strombereich. Diese Zahl lässt sich mit Vermeidungskosten anderswo vergleichen. Ohne sie lässt sich über Effizienz der Klimapolitik nicht reden.

Dasselbe gilt für alle übrigen Vorgaben. Windausbau, zulässiger Winterimport, Kapitalkosten, Laufzeit der bestehenden Werke, steuerbare Last. Keine davon ist ein Ja oder Nein. Jede ist eine Stufenleiter.

Drittens die Prüfkaskade durchlaufen. Jedes denkbare Portfolio wird nacheinander gegen die vier Ebenen geprüft. Auf der ersten überleben sehr viele. Auf der zweiten scheidet ein erheblicher Teil aus. Auf der dritten weitere. Auf der vierten zeigt sich, was an zusätzlicher Technik beschafft werden müsste, damit das Netz noch stabil bleibt.

Dieses Ausscheiden ist das eigentliche Ergebnis. Nicht weil am Schluss ein Sieger stünde, sondern weil sichtbar wird, wie viele öffentlich vorgetragene Vorschläge nie über die erste Stufe hinaus geprüft wurden.

Viertens die Schwelle suchen. Wenn jede Restriktion abgestuft ist, liefert die Analyse keine Punktantwort, sondern eine Kurve. Interessant ist auf dieser Kurve der Punkt, an dem die Systemarchitektur kippt. Ab welchem Windausbau wird Gas entbehrlich? Ab welchem Kapitalkostensatz hört Kernkraft auf, konkurrenzfähig zu sein? Ab welcher CO₂-Grenze fällt die billigste Variante aus dem Rennen?

Das sind beantwortbare Fragen. Sie werden nur nicht gestellt. Ein Punkt, der die ganze Übung erst rechtfertigt: Geltendes Recht und bestehende Eigentumsverhältnisse sind in dieser Analyse keine Restriktionen. Recht kann geändert, Eigentum übertragen werden.

Das ist kein Vorwurf an die Institute, die anders rechnen. Ein Modell, das die geltende Gesetzeslage abbildet, arbeitet korrekt – es beantwortet die Frage, die ihm gestellt wurde. Der Fehler entsteht eine Stufe später, in der Kommunikation: Aus «kostenminimal unter der Bedingung X» wird auf dem Weg zur Schlagzeile «kostenminimal». Die Bedingung verschwindet, das Ergebnis bleibt, und niemand merkt, dass eine bedingte Aussage zu einer unbedingten geworden ist.

Dabei lohnt sich eine Unterscheidung, die vor dem bequemen Schluss «ist doch alles nur Politik» bewahrt. Nebenbedingungen gibt es in drei Sorten. Es gibt die institutionellen, die tatsächlich änderbar sind: Bewilligungsrecht, Finanzierungsform, Marktdesign. Es gibt die physischen und ökonomischen, die nur institutionell aussehen – europäisches Schiefergas etwa, wo Polen kein Verbot hatte und trotzdem an der Geologie scheiterte. Und es gibt die formal institutionellen, die faktisch kaum beweglich sind: Akzeptanz und Landnutzung. Ein Windrad ist bewilligungsfähig und wird trotzdem nicht gebaut. Wer über Nebenbedingungen diskutiert, sollte wissen, mit welcher Sorte er es zu tun hat.

Was Sie mitnehmen sollten

Die Abstimmungsdebatte wird in den nächsten Monaten viele widersprüchliche Zahlen liefern. Von beiden Seiten, reichlich, und die meisten davon werden stimmen. Vier Fragen helfen, sie einzuordnen.

  • Auf welche der vier Ebenen bezieht sich die Aussage? Jahresenergie, Winterenergie, gesicherte Leistung oder Stabilität. Eine Zahl, die nicht sagt, welche Ebene sie meint, beantwortet eine Frage, die niemand gestellt hat.
  • Welche Annahmen stehen dahinter, und wer hat sie gesetzt? Jede Winterlückenrechnung unterstellt einen Windausbau, einen Importzugang, einen Zinssatz. Die publizierten Werte für die schweizerische Winterlücke 2050 reichen von rund vier bis rund zwanzig Terawattstunden. Diese Spannweite entsteht nicht durch Rechenfehler.
  • Ist die genannte Grenze institutionell, physisch oder gesellschaftlich? Und damit: Wer könnte sie überhaupt verschieben – das Parlament, die Geologie oder die Gemeindeversammlung?
  • Welche Kosten kommen in der genannten Zahl nicht vor? Verteilnetzausbau, Stabilitätsleistungen, Reservekapazität für seltene Extremereignisse, Finanzierung. Nichts davon steht in den Gestehungskosten irgendeiner Technologie.

Wer diese vier Fragen stellt, wird feststellen, dass die Debatte über Kernkraft in Wahrheit eine Debatte über Annahmen ist. Welche davon wir für unverrückbar halten und welche nicht, entscheidet das Ergebnis stärker als jede Technologie.

Der Zahlenkrieg hat begonnen. Er wird nicht dadurch entschieden, wer die grössere Zahl hat, sondern dadurch, wer bereit ist, seine Annahmen offenzulegen. Dies führt zwar zu einer tatsächlich sehr anspruchsvollen Diskussion. Aber anders geht es nun mal nicht.

Vielen Dank für das Teilen und Verbreiten dieses Artikels!
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Dies ist ein Blog von Autoren, deren Meinungen nicht mit denen von CCN übereinstimmen müssen.

2 thoughts on “Der Zahlenkrieg hat begonnen”

  1. Wenn es um einen Krieg der Zahlen geht, dann braucht es nachvollziehbare Zahlen und Methoden.
    Zu diesem Zweck wurde der MR’s Energy-Rechner entwickelt, mit dem Szenarien sinnvoll verglichen und Sensitivitätsanalysen durchgeführt werden können. Er ist für jeden zugänglich, der es wirklich verstehen will.
    https://energy.mr-int.ch

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