Ein Rechner für die Stromversorgungskosten der Schweiz

Ein Rechner für die Stromversorgungskosten der Schweiz

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Behauptungen über Stromproduktionskosten und benötigte Investitionen kursieren. Wer eine Zahl nachprüfen oder ein eigenes Szenario durchrechnen möchte, steht dabei oft mit leeren Händen da.

Ein aktueller Bericht einer Gruppe von Expertinnen und Experten der ETH Zürich und des PSI[1] hat mich veranlasst, einen interaktiven Rechner zu entwickeln und online zu stellen, damit jedermann konkret testen kann, welche Kosten und Investitionen mit verschiedenen Annahmen zum Schweizer Strommix verbunden sind.

Ausgangslage

Die Energiestrategie hat unter anderem das Ziel, den Verkehr, die Heizung und die Industrie zu elektrifizieren. Die heutige Stromnachfrage von 58–62 TWh pro Jahr dürfte in einer oder zwei Generationen auf 85–95 TWh ansteigen – ein Zuwachs von 50 bis 60 %. Derzeit werden 22 TWh/a durch Kernkraft produziert. Mittelfristig müssen die bestehenden Reaktoren ersetzt werden.

 Als Basis dient die Wasserkraft (rund 38 TWh/a), deren Potenzial weitgehend ausgeschöpft ist, da sich der Regen nicht bestellen lässt. Die entscheidende Frage lautet: Wie soll der Strommix aussehen, der die zusätzlichen 45–55 TWh/a rund um die Uhr – 8 760 Stunden pro Jahr – liefert?

Zusätzlich zur bestehenden Wasserkraft wird den Einsatz von drei Technologien berechnet: Gas, Kernkraft, sowie die intermittierenden Energiequellen Solar- und Windenergie. Gas steht stellvertretend für eine benötigte steuerbare Kapazität. Ob in Zukunft dekarbonisierte Alternativen zur Verfügung stehen werden, sei es im Inland oder durch Importe, ist eine entscheidende politische Frage.Vor allem aber muss jede Lösung, wie auch immer sie aussehen mag, physisch umsetzbar sein und darf das Land nicht in den Ruin treiben

Vier Szenarien

1. Basis: Wasser + Gas

2. Fortsetzung: Wasser + Kernenergie

3. Intermittierend: Wasser + PV/Wind + Gas
Ein reines Erneuerbarenszenario ist physikalisch nicht machbar, wie eine Studie von 2022 belegt.

4. Mix: Wasser + Kernenergie + PV/Wind + Gas

Biogas, Geothermie und Abfallenergie sind mengenmässig gering und werden hier nicht berücksichtigt.

Was der Rechner zeigt

Der Rechner macht Kosten, Investitionen und Dimensionen sichtbar – in nominalen Werten und als Barwert über 60 Jahre. Konkrete Grössenvergleiche helfen beim Einordnen: etwa die Anzahl Windturbinen und ihr Flächenbedarf, oder wie viele Einheiten eines Kernkraftwerks wie Leibstadt benötigt würden, um Importe sicherzustellen. Neunzehn Parameter sind frei einstellbar, um die Sensitivität der Ergebnisse zu prüfen.

Beispiel: Ein höherer Kapazitätsfaktor für Photovoltaik (mehr alpine Standorte: 13 % statt 11 %) geht mit höheren Investitionskosten einher (1 500 statt 1 100 CHF/kW). Im Mix-Szenario ändert sich kaum der Strompreis kaum und bleibt bei rund 54 CHF/MWh. Das ist ein Hinweis auf die Robustheit ausgeglichener Szenarien.

Wichtiger Hinweis: Der Rechner zeigt eine Lücke auf, die im ETHZ/PSI-Bericht fehlt. Im Winterhalbjahr müsste die Schweiz rund 25 % ihres Verbrauchs importieren – eine Spitzenleistung, die dem Output von neun Kernkraftwerken wie Leibstadt entspricht. Das ist kein Randproblem, sondern eine strukturelle Herausforderung jeder Versorgungsstrategie. Diese Experten aus renommierten Instituten hätten dies niemals verschweigen dürfen.

Der Rechner ist online.
Testen Sie Ihre eigenen Annahmen:

energy.mr-int.ch

[1] https://doi.org/10.3929/ethz-c-000801811

Vielen Dank für das Teilen und Verbreiten dieses Artikels!
FacebooktwitterlinkedinmailFacebooktwitterlinkedinmail

Dies ist ein Blog von Autoren, deren Meinungen nicht mit denen von CCN übereinstimmen müssen.

3 thoughts on “Ein Rechner für die Stromversorgungskosten der Schweiz”

  1. Bravo an MR für diesen einfachen Rechner! Es braucht effektiv keine wissenschaftliche Studien, um zu beweisen, dass es auch ohne KKW gehen könnte.
    Es ging auch ohne PV und ohne Windkraftwerke … Der Rechner erlaubt es mit einfachen Mitteln die notwendigen Investitionen und die Anzahl Kraftwerke zu schätzen, viel mehr braucht es nicht. Es beweist, dass die Schweiz den teuersten Weg eingeschlagen hat, wenn sie ihre Stromversorgung im Winter mit eigenen Kraftwerken sicherstellen will. Zum Glück ist sie stark im europäischen Verbundnetz eingebunden. Axpo und co werden auch lieber im benachbarten Ausland investieren, wie bisher auch in KKW und Windkraftwerken, die hier zulande unerwünscht sind …

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie: Kommentare sind auf 2000 Zeichen begrenzt.