AVES Zug lehnt Stromabkommen ab

AVES Zug lehnt Stromabkommen ab
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von Konrad Studerus

Der folgende Text entspricht mit leichten redaktionellen Kürzungen/Anpassungen der Stellungnahme der Aktion für vernünftige Energiepolitik Zug (AVES Zug) zum Stromabkommen:

Ziel des Stromabkommens
Beim Stromabkommen EU – Schweiz sollte die beiderseitige, gleichberechtigte und unbehinderte Strom-Import- und -Exportfähigkeit als Ziel zentral im Vordergrund stehen. Zusammengefasst sieht die AVES Zug im Stromabkommen den begrüssenswerten Versuch, bestehende Probleme und Friktionen im europäisch-schweizerischen Stromaustausch zu lösen. Dies betrifft vor allem die ungeplanten grenzüberschreitenden Stromflüsse, den diskriminierenden Ausschluss der schweizerischen Strombranche vom notwendigen Informationszugang und dem day-ahead-Stromhandel in der EU. Ebenso wichtig ist die vertiefte Integration in die europäischen Mechanismen zur Netzstabilisierung. Mit der starken Zunahme und den sich laufend erhöhenden Ausschlägen des „Flatterstrom“-Anfalles ist ein stabiler Betrieb der Übertragungsnetze immer schwieriger sicherzustellen. Deshalb sollte dieses Problem im Interesse beider Seiten baldmöglichst vor allem auf technischer Ebene gelöst werden.

Das Stromabkommen erfüllt die Zielsetzung nicht und muss abgelehnt werden
Das vorliegende Stromabkommen zeigt leider, dass das obgenannte Ziel aus Schweizer Sicht mit überbordenden Zugeständnissen und überflüssigen Regelungen erkauft wird, die nicht akzeptiert werden können. Was nun auf dem Tisch liegt, ist ein fertig ausgehandeltes Stromabkommen, zu dem man nur ja oder nein sagen kann, Abänderungen und Anpassungen sind nicht mehr möglich. Es schiesst aus unserer Sicht unnötigerweise weit über das eigentliche Ziel hinaus (Integration der Stromnetze und des Stromhandels!).

Direkte negative Auswirkungen für unser Land hat der Wegfall der bisher vertraglich geregelten, privilegierten Belieferung der Schweiz aus französischen Kernkraftwerken. Dasselbe gilt für die vorrangige Belieferung aus den Grenz-Wasserkraftwerken. Eventuell droht auch der Verlust der Kontrolle über unsere Wasserkraftreserven. Aus demokratischer Sicht als negativ erscheint uns, dass die EU ihre Strom-Regelungen einseitig und ohne Mitbestimmung unsererseits abändern kann. Bei Streitigkeiten wendet das gemischte Schiedsgericht EU-Recht gemäss Auslegung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) an. Neben der offensichtlichen und lähmenden Überregulierung drohen uns so eventuell auch EU-Sanktionen im Strombereich.

Inländisches Recht wird zwischenstaatliches oder supranationales Recht
Negativ fällt uns weiter auf, dass innerschweizerische Rechtsvorschriften und -ziele, die jederzeit abänderbar sind, auf die Stufe eines Vertrages Schweiz-EU gehoben werden und damit praktisch nicht mehr abänderbar werden. Als Beispiel kann Artikel 1 „Ziel“ Buchstabe (f) des Abkommens erwähnt werden: … (f) „den Anteil von Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu erhöhen und zu fördern und ein hohes Umweltschutzniveau im Strombereich zu gewährleisten, um den Übergang zu einem Energiesystem mit Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis 2050 in Europa zu erleichtern.“ Wir wissen doch alle, dass Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis 2050 politisches Wunschdenken sind, das in einem wichtigen Abkommen zwischen der EU und der Schweiz nicht am Platz ist. Aber da es nun in diesem Abkommen steht, hat es für uns gegenüber der EU verpflichtenden Charakter.

Stillschweigen zur Heimfall-Problematik der Wasserkraftwerke
Überdies wird die ganze „Heimfall“-Problematik, die in den kommenden Jahren für die schweizerische Stromwirtschaft und insbesondere die Gebirgskantone von zentraler Bedeutung sein wird, völlig ausgeklammert. Die „Heimfall“-Fragen sind schon im heimischen Kontext schwierig zu lösen. Mit dem EU-Stromabkommen kommen aber weitere „Stakeholders“ hinzu, die Lösungen massiv erschweren oder vollends verunmöglichen könnten.

Vollständig liberalisierte Inländische Strom-Grundversorgung?
Die AVES Zug ist grundsätzlich für einen vollständig liberalisierten Strommarkt, da dieser gesamtwirtschaftliche Vorteile bringen sollte. Es ist allerdings daran zu erinnern, dass diese Liberalisierung vom Volk vor längerer Zeit klar abgelehnt wurde. Volksentscheide, also Entscheide des Souveräns, sind bindend, auch wenn sie ökonomisch betrachtet „falsch“ sind. Über das Stromabkommen soll also etwas eingeführt werden, das der Souverän (offenbar) gar nicht will. Überdies muss wohl befürchtet werden, dass auf politischen Druck hin der erhoffte Vorteil der Liberalisierung wegen der inländischen bürokratischen Regulierung gleich wieder dahinfällt. Die Marktliberalisierung könnte die Schweiz jederzeit selbst einführen; hierzu braucht es kein Stromabkommen.

Das Versagen unserer Strompolitik kann nicht durch das Stromabkommen repariert werden
Mit der Annahme der Energiestrategie 2050 hat sich die schweizerische Strompolitik auf eine kritische Bahn begeben. Wir produzieren bereits heute zu viel Flatterstrom zur Unzeit (vor allem solar) – trotzdem geht der subventionsgetriebene, ungezügelte und massive Ausbau weiter. Obwohl die AVES Zug grundsätzlich nicht gegen Solar- oder Windstrom ist, halten wir doch fest, dass diese Produktionsart unsere Strombranche vor immer grössere und kostspielige Probleme im Bereich der Netze und Speicherung stellt.

Diese politische Fehlentwicklung war nur möglich, weil insbesondere die grossen, staatlichen Player im Strombereich (Axpo, Alpiq, EWZ, BKW etc.) und ihre öffentlichen Eigentümer sowie der Branchenverband VSE ihre Verantwortung nicht wahrgenommen haben und die erwähnte Fehlentwicklung bis heute noch anheizen. Die sträfliche Vernachlässigung der Bereitstellung genügender und sicherer Ressourcen für eine sichere Winterstromversorgung hat unser Land in die gefährliche Winter-Importabhängigkeit gebracht, die von der EU nun diskriminierend  ausgenützt wird. Es geht deshalb nicht an, dass diese Kreise sich mit dem überladenen, bürokratischen Stromabkommen aus der Verantwortung ziehen.

Was passiert, wenn die Bevölkerung das Stromabkommen ablehnt?
Die Schweiz muss bei Ablehnung des Stromabkommens weiterhin mit allen Mitteln versuchen, mit der EU auf technischer Ebene vernünftige Lösungen für das Problem der ungeplanten Stromflüsse und des fehlenden Informationszuganges zu finden. Dies liegt im beiderseitigen Interesse.

Leider ist es trotzdem möglich, dass der Druck der EU nach einer Ablehnung des Stromabkommens auf unser Land erhöht wird. Durch kluge Planung und Reserven-Einsatz können wir diesem Druck begrenzt widerstehen. Es ist aber unerlässlich, dass sich die Strombranche und die Politik sehr schnell um die Errichtung neuer Kraftwerkskapazitäten im Inland bemühen; hierbei denken wir vor allem an klimafreundliche Kernkraftwerke und – kurzfristig und der Not gehorchend – auch an Gaskraftwerke (GuD).

Um überbordende ungeplante Stromflüsse vor allem aus erneuerbarer europäischer Stromproduktion zu beherrschen, muss als ultimo ratio die Errichtung von Phasenschiebern an den Grenzkuppelstellen in Betracht gezogen werden. Dies ist zwar teuer, aber als Selbstschutzmassnahme für Krisenzeiten eventuell notwendig. Der Einsatz von Phasenschiebern erfordert eine strom-technische Autarkie.

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Dies ist ein Blog von Autoren, deren Meinungen nicht mit denen von CCN übereinstimmen müssen.

9 thoughts on “AVES Zug lehnt Stromabkommen ab”

    1. Und wenn man fundamental dafür ist, übersieht man beim Stromabkommen gerne die Haare in der Suppe. Aber wenn wir die Ironie mal kurz zur Seite lassen, müssen wir uns schon fragen, weshalb wir uns für eine technisch-ökonomische Integration in den EU-Strommarkt auch noch gleich generell energiepolitisch und dekarbonisierungspolitisch zementieren lassen wollen oder sollen.

      Ich tippe darauf, dass unsere Unterhändler dies in der Tat wollten in der Meinung, damit die irreführende Energiestrategie 2050 noch etwas supranational absichern zu können. Das werde ich demnächst auch publik behaupten…

  1. Natürlich bringt das Stromabkommen auch Nachteile mit sich. Der VSE und die Überlandwerke, wie sie früher genannt wurden, unterstützen es aber, weil es unter dem Strich mehr Vorteile als Nachteile für eine sichere Stromversorgung hat. Das bedeutet nicht, dass damit alle Probleme gelöst werden, die sich die Schweiz mit dem neuen Stromgesetz aufgebürdet hat. Insbesondere die Produktionsziele für Windkraftanlagen, die völlig unrealistisch sind, und für PV, die im Sommer vor allem Probleme verursachen werden und in den Monaten November bis März kaum relevant sind. Die Diskussion über die Blackout Initiative wird hoffentlich aufzeigen, dass diese Ziele falsch oder unrealistisch sind und dazu führen werden, dass der Bau von grossen Gaskraftwerken (und nicht nur von Reservekraftwerken) zwingend notwendig sein wird, wenn die Schweiz nicht von massiven Importen aus der EU im Winter abhängig sein will.

    1. Der VSE und die grossen staatlichen Stromproduzenten unterstützen das Stromabkommen tatsächlich, aber nur wenn es nach ihrer Vorstellung umgesetzt wird. Dies wird aber kaum der Fall sein, weil andere inländische Player (z.B. Gewerkschaften) und indirekt auch die EU mitreden werden. Die im Entwurf vorliegende inländische Umsetzungsregulierung wird von diesen Stromproduzenten und vom VSE heute schon vehement bekämpft. Ihre Exponenten lassen verlauten, dass sie gegen das Stromabkommen sind, wenn es so umgesetzt wird, wie es vom Bundesamt für Energie/UVEK geplant ist. Na, also.

  2. Der AVES Zug kann man gratulieren für ihre hervorragende Analyse des Stromabkommens und damit zu ihrer ablehnenden Haltung desselben.
    Das Stromabkommen beinhaltet insbesondere das Mitmachen der Schweiz beim Green Deal, was uns noch tiefer in den Energiewende-Schlamassel hinein zieht.
    Deutschland hat seine KKW abgestellt und muss jetzt die EU fragen, ob sie Gaskraftwerke bauen darf. Deren Strompreis steigt weiter. Die Deindustrialisierung nimmt zu. Der Stellenabbau beschleunigt sich. Die Verfügbarkeit von wetterunabhängigen Exporten der EU-Länder zur Schweiz sinkt: Schlecht und teuer für die Winter-Versorgungssicherheit.
    Soll sich die Schweiz wirklich einer derart volkswirtschaftlich maroden EU teilweise und in dieser Form anschliessen? Nein.
    Nein zum Stromabkommen und Nein zur Stabilisierung und Weiterentwicklung solcher Beziehungen mit der EU.

    1. Völlig richtig. Die Schweiz ist für die sichere Stromversorgung von Norditalien und zunehmend auch von Süddeutschland physisch unverzichtbar. Umgekehrt sollte / kann man sich nicht darauf verlassen, egal was allenfalls in einem Vertrag steht. Die Schweiz muss ihre Stärke in der Stromversorgung behalten und entsprechend für ausreichende neue, steuerbare, inländische Kraftwerkskapazitäten sorgen, schon im eigenen Interesse und auch zur Stärkung unserer Stellung in der europäischen Nachbarschaft.

  3. Der Artikel zeigt auf, dass sich die Schweiz nicht politisch erpressen lassen darf, das Strommabkommen mit der EU garantiert keine Sicherheit und ist somit nur Makulatur. Die einzige Sicherheit bietet der Bau neuer AKWs. Wenn wir jetzt anfangen, können solche in 6 Jahren mittels modernster und sicherster Technologie ans Netz gehen. Wir müssen nur von Finnland die Pläne und das Know-How dafür tel Quelle übernehmen. Dann ist alles bestens durchdacht und wissenschaftlich abgesichert, auf Swissness sollten wir allerdings verzichten.

  4. Ich habe mir ebenfalls das Stromabkommen zu Gemüt geführt. Mein Eindruck deckt sich praktisch 1:1 mit dieser von Konrad Studerus. Die Integration der Schweiz in den Europäischen Strommarkt wäre äusserst wichtig für die Stabilität unseres Stromnetzes und unsere Wirtschaft. Dies wäre auch im Interesser der EU. Doch man verknüpft die Integration in den Strommarkt mit allerhand von bürokratischen Vorschriften, bis ins letzte Detail, dass wir im Bereich Stromwirtschaft nicht mehr selber entscheiden können: Vorgaben zum Ausbau von Wind- und Solarkraftwerken, usw.

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