Stirbt die schweizerische Energiepolitik (so es eine solche geben sollte) an der Grimsel?

Bern fordert die Erdverlegung der Grimsel-Hochspannungsleitung, um so zu einem Tunnel für eine Grimselbahn zu kommen, schafft damit aber ein Präjudiz für alle künftigen Übertragungsleitungen.
Grimsel

Gastbeitrag von Hanspeter Vogel

Die Berner wollen eine Grimselbahn, und zwar subito: im nächsten Jahrzehnt soll sie fahren. Hierfür wurde vor gut drei Jahren ein Unterstützungskomitee gegründet, dessen Mitgliederliste sich liest wie ein Who’s who der Berner und Walliser Wirtschaft und Politik.

Die Idee einer Grimselbahn ist in den letzten 150 Jahren immer wieder aufgetaucht, zuerst als Alternative zur Gotthardbahn und später insbesondere im Rahmen der Vorlage von Bundesrat Bonvin zum Furkabasistunnel. Spätestens damals stellte sich unwiderlegbar heraus, dass ein Grimseltunnel weder den unmittelbar angrenzenden Regionen noch der Schweiz als Ganzem einen messbaren Nutzen bringen könnte.

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In unserem Papier treten wir näher auf diese Frage ein und widerlegen mühelos die diesbezüglichen „Argumente“ des Grimselkomitees.

Die nutzlos verlochte halbe Milliarde, die der 22 km lange Grimseltunnel zwischen Innertkirchen und Oberwald kosten würde, wäre aber nur ein kleiner Teil des Schadens, den die Berner an der Grimsel anzurichten gedenken. Sie fordern nämlich nicht nur den Bau der Grimselbahn, sondern zusätzlich die Verlegung der Hochspannungsleitung über die Grimsel in den Boden. Ihre Rechnung ist verblüffend einfach (Zahlen von Grimselbahn AG):

  • ein Kabelstollen Innertkichen – Ulrichen mit verlegter Höchstspannungsleitung würde 490 Mio Franken kosten;
  • ein betriebsbereiter Bahntunnel würde 430 Mio Franken kosten;
  • ein gemeinsamer Tunnel für Kabel und Bahn würde 580 Mio Franken kosten;

Ergo könnten durch den gemeinsamen Tunnel 340 Mio Franken eingespart werden: eine dreifache Win-Win-Situation für die Bahn, für Swissgrid und für die Umwelt, die von einer „hässlichen“ Hochspannungsleitung befreit würde. Dem stünde allerdings eine Lose-Lose Situation für Steuerzahler und Energiekonsumenten gegenüber, die die Zeche über Steuergelder für Bau und Betrieb der Bahn und über höhere Strompreise zu bezahlen hätten.

Wir können die obigen Kostenangaben des Grimselkomitees nicht überprüfen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der 3 km kürzere Vereinatunnel vor gut 20 Jahren ohne wesentliche geologische oder bautechnische Schwierigkeiten für etwas mehr als 800 Millionen Franken fertiggestellt wurde.

Auslöser der ganzen Uebung sind die Ausbaupläne von Swissgrid. Um den künftigen Bedürfnissen gerecht zu werden, muss diese ihr Hochspannungsnetz ausbauen, unter anderem auch die Leitung über die Grimsel. Hierfür wurden neben konventionellen Lösungen auch partielle Verlegungen in grossenteils bestehende Stollen der Kraftwerke Oberhasli untersucht. Nicht zuletzt unter dem Druck von Naturschutzkreisen, denen die Leitungsmasten im hochalpinen Gebiet ein Dorn im Auge sind. Den Unterlagen von Swissgrid können wir entnehmen, dass Freileitungen wie etwa Airolo – Lavorgo oder Chamoson – Chippis – Mörel – Ulrichen rund 3 Mio Franken pro km kosten. Umgerechnet auf die 27 km zwischen Innertkirchen und Ulrichen ergäbe das für eine neue Grimsel-Freileitung 80-90 Mio Franken.

Die Erdverlegung der Grimselleitung dürfte es also schwer haben, aber ohne diese sind alle Grimselbahnträume ausgeträumt. So weit so gut, könnte man denken. Nur: was wären die Folgen, wenn die Erdverlegung doch Realität würde?

In erster Linie würde dadurch ein folgenschweres Präjudiz geschaffen. Wird eine Freileitung nämlich in einer höchstens von Gemsen und Murmeltieren bewohnten Berglandschaft als untragbar erachtet, wird man später in besiedelten Gebieten kaum mehr eine solche bauen können.

Swissgrid muss in den kommenden Jahren rund 400 km Hoch- und Höchstspannungsleitungen ausbauen oder neu bauen. Zusätzlich werden aus heutiger Sicht mit grösster Wahrscheinlichkeit jede Menge Netzausbauten getätigt werden müssen, um die Energiestrategie des Bundes vollziehen zu können.

Diese basiert auf dem Ausstieg sowohl aus fossiler als auch aus nuklearer Energie und auf der Deckung des gesamten Energiebedarfs durch erneuerbare Energien. Dabei stösst sie bekanntlich auf  die insbesondere grüne Fundamentalopposition gegen jegliche intelligente Massnahme zur Substitution von fossiler und nuklearer Energie, wie  etwa dem massiven Ausbau der Wasserkraft oder dem Bau von grossen Wind- und Photovoltaikanlagen an geeigneten Standorten. Deshalb scheint der Bund vermehrt auf dispers über das (im Winter unter einer kompakten Nebeldecke liegende) Mittelland verteilte Mini-Solaranlagen zu setzen.

Ob diese Rechnung aus naturwissenschaftlicher Sicht aufgehen kann, können wir nicht beurteilen. Es muss aber angenommen werden, dass die dezentrale Stromproduktion im Ausmass der durch die Energiestrategie des Bundes gemachten Vorgaben (33,6 Mio TWh) wesentliche Ausbauten sowohl der nationalen als auch der regionalen und lokalen Netze nach sich ziehen dürfte. Die dadurch entstehenden Kosten werden schon bei Freileitungen bedeutend und bei Erdkabeln für unsere Wirtschaft möglicherweise kaum mehr tragbar sein.

Ein Erfolg der Umweltschützer an der Grimsel könnte deshalb das Scheitern des Ausstiegs der Schweiz aus fossiler und nuklearer Energie zur Folge haben.


Dr. oec. HSG Hanspeter Vogel

Hanspeter Vogel schrieb an der HSG eine (sehr kritische) Diss. über die schweizerische Verkehrspolitik, befasste sich als Hauptassistent am dortigen Institut für Fremdenverkehr und Verkehrswirtschaft u.a. mit den Wettbewerbsbedingungen im Verkehr und wechselte dann ins BAV, wo er als Chef der Sektion Planung die ganze NEAT-Geschichte von Anbeginn bis zur Redaktion der Botschaft des Bundesrates und zum Abstimmungskampf von 1992 miterlebte und mitprägte. Dann widmete er sich der Rettung des komplett aus dem Ruder gelaufenen Projektes Bahn 2000 und wechselte darauf zu den SBB, wo er den Turnaround Wagenladungsverkehr leitete (jährliche Ergebnisverbesserung 120 Mio Fr.) und ein neues Fahrplan- und Traktionskonzept für den Transitgüterverkehr erarbeiten liess (jährliches Optimierungspotential 100 Mio Fr.).

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2 Kommentare

  • Die Fantasien von swissgrid, den Naturschutzorganisationen, der öffentlichen Hand, dem Tourismus und weiteren Profiteuren kennen keine Grenzen. Mit dem Geld von Steuerzahlern und Stromnetznutzern lässt sich für staatsnahe Organisationen offensichtlich alles finanzieren. Die fast parallel verlaufende Leitung über den Gemmipass ist wohl das nächste Vorhaben. Wann merkt die Schweiz endlich, dass sie sich solche nice-to-have-Projekte nicht leisten kann. Die Strom-Versorgungssicherheit der Schweiz ist bedenklich am sinken. Die Energiestrategie 2050 ist gescheitert. Das Geld wird für eine nachhaltige Energiestrategie aus Wasser und neuer Kernenergie gebraucht.

  • Kaspar P. Woker

    Guten Tag
    Danke Herr Vogel für diesen Artikel. Endlich jemand der Klartext spricht zu diesem verlockenden aber überflüssigen Bahnprojekt. Schon die im Artikel erwähnte Nutzenrechnung von Christian Lässer ist für mich von unbändigem Optimiismus getragen. Ursprünglich sollte die Goldenpass-Linie Luzern – Interlaken – Montreux durchgehend befahrbar werden. Mist – die Asiaten wollen ja alle in Interlaken Station machen – also keine Marktchancen, deshalb heute zweigeteilt. Der Glacier-Express kämpft mit Auslastungsproblemen, da St.-Moritz – Zermatt für heutige Schnelltouristen zu lange ist. Dito gilt dies für St.-Moritz – Grimsel – Interlaken. Dazu kommt die technische Inkompatibilität der Zahnstangen zwischen Zentralbahn und Matterhorn-Gotthardbahn. Das würde bei den anvisierten Direktzügen der Grimselbahn ein Umsteigen bedeuten. Oberwald oder Meiringen sind nicht die attraktivsten Ziele für einen Zwischenstopp beim Umsteigen. Das Meterspurkreuz in den Alpen nach Ing. Coudray entspräche einer gewissen Logik, speziell für touristische Verbindungen, doch das ist Geschichte und das Bedrettofenster wird heute anders genutzt. Nicht zuletzt: Die Grimselkraftwerke haben soeben ihre Eisenbahn, die MIB, abgestossen und an die Zentralbahn übergeben, also weg von artfremden Geschäften.
    Die 300 bis 400 Mio. für den Grimseltunnel wären viel nutzbringender investiert in einen neuen Juradurchstich, um die Verbindung Basel – Mittelland effizienter und redundanter zu machen. Dort ist das Potential an Reisenden x-fach grösser als Goms – Haslital. Als langjähriger Touristiker, öV-Manager und Kundenvertreter kann ich nur den Abbruch der Übung an der Grimsel fordern und plädiere für eine reine Erd- oder Freileitung, was immer energiemässig effizienter, umweltmässig besser ist. Die Kosten tragen die Stromkonsumenten so oder so.

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