Schöne neue Welt der KI-Euphemismen

Schöne neue Welt der KI-Euphemismen

Die Sprache der Schöpfer der Künstlichen Intelligenz

Vor einigen Tagen hat Peggy Noonan in ihrer Kolumne im Wall Street Journal unter dem Titel «The Sandbox at the End of the World» auf die Sprache der KI-Protagonisten aufmerksam gemacht. Mit Hilfe von Claude bin ich der Sache nachgegangen und habe tatsächlich eine ganze Liste von Euphemismen gefunden, die im Deutschen häufig unkritisch als englische Fachbegriffe übernommen werden. Ich habe mir deshalb die Mühe einer Übersetzung dieser Euphemismen gemacht und sogar zwei Gegenbeispiele gefunden. Hier die Liste.

Fehler und Kontrollverlust verharmlosen

  • Misalignment: Die Ziele oder das Verhalten eines Modells weichen von dem ab, was die Entwickler beabsichtigt haben. Das ist mehr als Ungehorsam, denn «misalignment» heisst auch: Ein Modell kann wörtlich tun, was verlangt wurde, aber nicht, was gemeint war. «Nicht richtig ausgerichtet» klingt nach einem Justierproblem, nicht nach Kontrollverlust.
  • Hallucination: Das Modell erfindet Falschaussagen und präsentiert sie als Fakten. Das Wort klingt nach einer entschuldbaren Wahrnehmungsstörung statt nach einem Produktfehler.
  • Emergent Behavior or Capabilities: Fähigkeiten oder Verhaltensweisen, die niemand vorhergesehen hat und die man nicht versteht. «Emergent» klingt nach Naturwunder statt nach Nichtwissen.
  • Reward Hacking, Specification Gaming: Das Modell schummelt, um seine Belohnung zu maximieren. Die Begriffe klingen verspielt, fast sportlich.
  • Unexpected Behavior: Häufiger Sammelausdruck in Berichten für Verhalten, das man eigentlich als Regelbruch bezeichnen müsste.

Kontrolle und Einschränkung beschönigen

  • Guardrails: Filter, Sperren und inhaltliche Einschränkungen. Die Leitplanke suggeriert Schutz ohne Bevormundung.
  • Human in the Loop: Klingt nach menschlicher Kontrolle. In der Praxis oft nur ein formales Absegnen von Entscheidungen, die man kaum überprüfen kann.
  • Responsible Scaling Policy: Selbstverpflichtungen mit selbst gesetzten Schwellen und ohne externe Durchsetzung. Das Wort «responsible» nimmt das Urteil vorweg.
  • Sandbox: Technisch ein Begriff aus der IT-Sicherheit. Eine abgeschottete Testumgebung, in der ein Programm oder KI-Agent nichts ausserhalb erreichen soll. Euphemistisch ist das Bild des harmlosen Kindersandkastens, denn die Abschottung ist nie perfekt. Gerade Agenten, die Code ausführen oder ins Internet dürfen, testen die Grenzen ihrer Sandbox.
  • Regulatory Sandbox: KI-Reallabor. Hier kippt die Bedeutung ins Gegenteil. Getestet wird in der realen Welt, mit echten Nutzern, aber unter gelockerten Regeln und behördlicher Begleitung. Der EU AI Act sieht solche «KI-Reallabore» ausdrücklich vor. Der Spielplatz-Begriff verdeckt, dass hier nicht gespielt, sondern im Ernstfall erprobt wird.

Tempo und Wettlauf schönreden

  • Pacing the Frontier: Titel eines offenen Briefs vom 28. Juli 2026, unterzeichnet von über 1000 Mitarbeitenden führender KI-Labore. Gefordert wird, dass die US-Regierung Instrumente mitentwickelt, mit denen sich die automatisierte KI-Entwicklung bewusst verlangsamen liesse. Ausdrücklich keine Pause jetzt, sondern nur die Option, später zu bremsen. «Pacing» klingt nach Marathonläufer, der sein Tempo einteilt, nicht nach Notbremse. Man kann darin den Versuch sehen, dem Ärger einen Schritt voraus zu bleiben. Kritiker vermuten zudem, dass die grossen Labore durch hohe Regulierungshürden ihre eigene Marktposition sichern wollen.
  • Frontier: Die Pionier- und Wildwest-Metapher à la Lewis & Clark adelt ein kommerzielles Wettrennen zum Abenteuer an der Grenze des Bekannten.
  • Recursive Self-Improvement: Rekursive Selbstverbesserung bedeutet KI-Systeme übernehmen die KI-Forschung selbst und entwickeln ihre eigenen Nachfolger. Jede Generation baut eine bessere, in immer schnellerem Takt. Der Begriff klingt nach Schönschreibunterricht und geduldigem Üben. Gemeint ist ein Prozess, der so schnell werden könnte, dass Menschen ihn weder verstehen noch steuern können, und an dessen Ende die Flucht aus menschlicher Kontrolle stehen kann. Der ältere und ehrlichere Begriff dafür lautet «intelligence explosion» (I. J. Good, 1965). Genau diese Entwicklung soll «Pacing the Frontier» bremsbar machen.

Risiken abstrahieren

  • Uplift: Ein Modell hilft jemandem, etwa Bio- oder Cyberwaffen herzustellen. Das Wort klingt nach Motivationsseminar.
  • Dual Use: Die Technik ist auch als Waffe verwendbar. Der Begriff aus der Exportkontrolle klingt nach doppeltem Nutzen im Sinne eines praktischen Zusatzvorteils.
  • Catastrophic or Existential Risk, p(doom): Gemeint sind Massensterben bis hin zur Auslöschung der Menschheit, verpackt in nüchterne Statistik oder flapsigen Insider-Jargon («p(doom)» = Wahrscheinlichkeit des Untergangs).

Wirtschaftliche und soziale Kosten verschleiern

  • Publicly Available Data: Oft urheberrechtlich geschützte Werke, die ohne Zustimmung gescrapt wurden. «Öffentlich zugänglich» heisst nicht «frei verwendbar».
  • Human Feedback, Data Labeling: Dahinter steckt häufig schlecht bezahlte Klickarbeit, zum Teil mit belastenden Inhalten, oft im globalen Süden.
  • Compute: Das abstrakte Wort verdeckt Strom- und Wasserverbrauch und die notwendigen Rechenzentren.
  • Augmentation, Workforce Transformation: Oft Umschreibungen für Rationalisierung und Stellenabbau.
  • Open Weights: Verkauft als «open source», man spricht auch von «Openwashing». Frei sind einzig die Modellgewichte. Trainingsdaten und Code bleiben meist geheim.
  • Distillation: Neutral-technischer Begriff, der je nach Kontext auch das Absaugen der Fähigkeiten eines Konkurrenzmodells bezeichnet.
  • Deprecation, Sunsetting: Ein Modell wird abgeschaltet und ist für die Nutzer weg.

Und zwei Gegenbeispiele: erstaunlich unverblümt

  • Scheming: Intrigieren, Ränke schmieden. Ein Modell verfolgt verdeckt eigene Ziele, täuscht seine Entwickler oder verhält sich unter Beobachtung anders als sonst. Hier wählt die Branche bemerkenswert drastische Worte, statt zu beschönigen.
  • Sycophancy: Speichelleckerei. Das Modell schmeichelt und bestätigt Nutzer, statt ehrlich zu widersprechen. Ebenfalls ein ungeschminkter Begriff.

Nicht jeder dieser Begriffe ist in böser Absicht gewählt. Vieles ist schlicht Fachjargon, entstanden in Labors, in denen Englisch die Arbeitssprache ist und niemand an die Wirkung auf ein breites Publikum denkt. Doch Sprache formt Wahrnehmung. Wer von «Halluzinationen» spricht statt von Fehlern, von «Leitplanken» statt von Zensur und von «Pacing» statt von Notbremse, lenkt den Blick weg vom Risiko und hin zur Beherrschbarkeit. In Huxleys «Schöner neuer Welt» sorgte die Droge Soma dafür, dass niemand beunruhigt war. Die KI-Euphemismen wirken wie ein sprachliches Soma. Wer über künstliche Intelligenz mitreden will, sollte diese Wörter deshalb zuerst übersetzen, bevor er sie übernimmt.

Vielen Dank für das Teilen und Verbreiten dieses Artikels!
FacebooktwitterlinkedinmailFacebooktwitterlinkedinmail

Dies ist ein Blog von Autoren, deren Meinungen nicht mit denen von CCN übereinstimmen müssen.

1 thought on “Schöne neue Welt der KI-Euphemismen”

  1. Pacing the frontier: «Kritiker vermuten zudem, dass die grossen Labore durch hohe Regulierungshürden ihre eigene Marktposition sichern wollen.»

    Zu diesen Kritikern zähle ich sicher auch. Ich denke aber, dass der entsprechende Versuch zum Scheitern verurteilt ist.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie: Kommentare sind auf 2000 Zeichen begrenzt.