Wenn das Modell die Antwort schon kennt

Wenn das Modell die Antwort schon kennt

Wie die ETH/PSI-Studie Kernkraft teuer und Erneuerbare billig rechnet

Bis zu 43 Milliarden für einen KKW-Neubau! Ein geheuchelter Schrei des Entsetzens geisterte im August durch die Schweiz: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade …“. Parteipräsidenten hackten die Schlagzeile eiligst in die Sozialen Medien. Selbst seriöse Printmedien (wie die «NZZ» am 21. August 2026) konnten einer „schnellen Nummer“ nicht widerstehen.

Ach, und dann war es leider schon wieder vorbei mit der Glaubwürdigkeit der Studie aus dem Haus der Akademien der Wissenschaften Schweiz: „Irreführend“ sollen die Autoren gearbeitet haben – so zitierte die «NZZ am Sonntag» vom 5. September 2026 sieben Forscher der ETH Zürich, der EPFL und des Paul Scherrer Instituts (PSI). Moniert wurden auch „fehlende Transparenz“, „erhebliche methodische Schwächen“ und „nicht nachvollziehbare Annahmen“. Aber die als Pseudo-Wissenschaftler gerügten Autoren und ihre Helferlein bei den Medien rieben sich trotzdem die Hände – wieder ein gelungenes Propaganda-Manöver gegen die Kernkraft.

Solche „wissenschaftlichen“ Studien mit einer mehr oder weniger verdeckten Diskreditierung von KKW-Neubauten kommen nun fast schon im Akkord heraus, wie etwa die ETH/PSI-Studie vom Juni 2026:

«Kernkraft und das zukünftige Schweizer Energiesystem:
Eine technisch-ökonomische Analyse basierend auf Modellresultaten»
https://doi.org/https://doi.org/10.3929/ethz-c-000801811

Dort wird mit anspruchsvollen „dynamischen Modellen“ gearbeitet: dem «Swiss TIMES Energy Systems Model» (STEM) und «Nexus-e» – auf Deutsch wörtlich etwa „Verknüpfung Energie“ –, die angeblich viel besser sind als die alten statischen Modelle. Bei diesen waren zuvor die Levelized Cost of Electricity (LCOE) sehr beliebt, vor allem um unschlagbar günstige 40 Franken pro Megawattstunde (MWh) Stromgestehungskosten der Photovoltaik (PV) gegenüber teuren 100 CHF/MWh aus Kernkraftwerken (KKW) zu errechnen. Letztere liefern allerdings nicht nur Strom, sondern auch Frequenzhaltung durch rotierende Trägheit und Blindleistung.

Dumm nur: Es gibt diese günstige MWh PV-Strom zu 40 Franken ausschliesslich bei viel Sonnenschein an einem Sommertag und auch nur direkt neben einer PV-Anlage. Mit Speicher, Übertragungsleitungen usw. werden aus den 40 Franken ganz schnell sehr viel mehr. Daher wurden alternative Kostenmodelle erarbeitet, wie die System-LCOE, die Levelized Cost of Load Coverage (LCOLC) und andere – mit schockierend hohen Kosten zwischen 200 und 300 USD/MWh für die erneuerbaren Energien (EE). Die Kosten von Wasser- und Kernkraft blieben unverändert bei 80 bis 110 USD/MWh.

PV und Wind können bei begrenzten Anteilen sinnvoll und kostengünstig sein. Mit steigenden Anteilen von EE ergeben sich durch Faktoren wie Speicher, Reserveleistung, Regelenergie oder Übertragungs- und Verteilnetze dagegen immer höhere Systemkosten. Vorbild Deutschland?

In den dynamischen Modellen erscheinen Stromsysteme selbst mit sehr hohen Anteilen von PV aber wieder utopisch perfekt. Haben die unzähligen Stellschrauben der dynamischen Modelle zur politisch motivierten Ergebnismanipulation eingeladen? Man weiss es schlicht nicht. Die Auswahl der Vorgaben und Randbedingungen ist nicht transparent, die Systemkosten wurden marginalisiert, die Kosten der EE schöngerechnet. System-LCOE wurden nicht zur Plausibilitätsprüfung benutzt.

Mit dem Disclaimer auf Seite 2, dass auch die Versorgungssicherheit nicht geprüft wurde, können sich die Autoren, befreit von der lästigen Realität, natürlich jedes noch so absurde Szenario schönrechnen.

Schöne neue Modellwelt eben. Es gibt in der Studie aber noch viele andere Verzerrungen:

  • Asymmetrisch verzerrte Lebensdauer- und Ersatzannahmen: Kernkraftwerke leben in der Studie nur 60 statt 80 Jahre, Erneuerbare aber überdauern scheinbar sogar die Ewigkeit.
  • Kernkomponenten der PV- und Windkraftanlagen degradieren in ihrer Leistung sehr schnell, und nach 20 Jahren kommt oft vor dem technischen Ende das ökonomische Aus. Sobald die Einspeisevergütung ausläuft, lohnt sich der Weiterbetrieb der EE nicht mehr. Anstehende Reparaturen gefährden die unsicheren Erlöse, verschärft durch Mittags-Negativpreise. Die Folge ist der vorzeitige Abriss, euphemistisch „Repowering“ genannt
  • Bei den Battery Energy Storage Systems (BESS) für EE haben sich zwar Verbesserungen ergeben, aber sie sind immer noch kurzlebig: Ältere Nickel-Mangan-Kobalt-Batteriezellen halten maximal 15 Jahre, neue Lithium-Eisen-Phosphat-Zellen 15–20 Jahre. Die Leistungselektronik der BESS übersteht nur 10–15 Jahre, die zugehörigen Thermomanagementsysteme (HVAC) 7–12 Jahre und die Energiemanagementsysteme (EMS) sogar nur 5–7 Jahre.
  • Die Studie arbeitet mit der unzulässigen Annahme einer ununterbrochenen Leistungsfähigkeit der Erneuerbaren auf dem Niveau ihrer Anfangskapazität – und zwar ad infinitum. Ohne die Berücksichtigung der Ersatzinvestitionen wird die Öffentlichkeit schlichtweg getäuscht.
  • Ungleiche Behandlung von Folgekosten: Bei der Kernkraft sind die Stilllegungs- und Entsorgungskosten in den Betriebskosten bereits miteinberechnet, bei den Erneuerbaren hingegen nicht. Für Letztere fehlen bis heute marktreife Recyclingprozesse. Das Verbrennen von kohlenstofffaserverstärkten Windradflügeln in Zementwerken beispielsweise stört die elektrostatische Staubabscheidung. Auch der giftige Schrott aus PV-Modulen fällt der Umwelt zur Last, ohne dass dafür negative Externalitäten berechnet werden.
  • Rhetorische Tricksereien: Das bewusste Platzieren von unliebsamen Optionen in ein hinteres „Alibi-Szenario“ ist ein klassischer Trick, um die Wahrnehmung des Lesers zu steuern. Weiterhin scheinen potenzielle Missverständnisse regelrecht konstruiert worden zu sein, als ob Kernkraft nur durch eine exorbitante Unterstützung in Form von Subventionen UND zweiseitigen Differenzverträgen (Two-Way-CfD) UND staatlichen Kreditgarantien möglich wäre. Diese „Missverständnisse“ wurden von den Medien bereits dankbar aufgegriffen und in reisserische Schlagzeilen umgesetzt.
  • Fehlende Risikobewertung bei Importen: Besonders kritisch ist zu werten, dass umfangreiche Stromimporte als langfristig verfügbar und bezahlbar vorausgesetzt werden. Es drohen hohe Winterimporte in jahrzehntelanger strategischer Abhängigkeit ohne adäquate Risikobewertung. Dadurch wird in den dynamischen Modellen der Bedarf an gesicherter heimischer Erzeugung in unzulässiger Weise künstlich verringert.
  • Missbräuchlich überbetonte hohe Zinskosten (8 % WACC): Als ob Regierungen ihren Volkswirtschaften und Bürgern absichtlich höhere Zinskosten einer autarken Energieversorgung aufbürden würden! Schweden, Grossbritannien, die USA oder Finnland verfolgen unterschiedliche Modelle, um die Finanzierungskosten zu senken. Im Juni 2025 hob die Weltbank in einer historischen Kehrtwende ihr jahrzehntelanges Finanzierungsverbot für Kernkraftwerke auf. Schwellenländer haben nun Zugang zu günstigen Krediten für den Bau von KKW. Weltweit befinden sich derzeit in 15 Ländern insgesamt rund 80 Reaktorblöcke im Bau, während über 120 weitere Projekte fest geplant und über 300 im Status „proposed“ gelistet sind. Keines dieser Projekte wird mit einem WACC von 8 % kalkuliert bzw. gebaut werden.
  • Benchmark-Verzerrung: Worst-Case statt Best-Practice. Negativbeispiele überteuerter Projekte werden zum Standard erhoben, während Berichte über erfolgreiche und kosteneffiziente KKW-Neubauten weitgehend ignoriert werden. Zudem zeigt das Modell von «BAK Economics» im Auftrag von «economiesuisse», dass rund 51 % der inländischen Wertschöpfung während der Bauphase in der Schweiz verbleiben könnten. Wieder einmal geht es einem Teil der „Forschung“ offenbar nur darum, die Schweizer Politik und Bevölkerung mittels gezielter Negativszenarien vom Neubau von KKW abzuschrecken.
  • Einseitige Skaleneffekte: Positive Skaleneffekte bei der Serienfertigung von KKW (auch SMR) werden übergangen, für EE hingegen suggeriert. Dies erweist sich jedoch zunehmend als Schönfärberei: Bei der PV hat sich die Dynamik der Kostensenkungen grundlegend verändert. Auch bei der Windkraft ist nach der existenziellen Krise von Vestas, Siemens Gamesa und GE Vernova nicht mit weiter fallenden Preisen zu rechnen

Fazit:

Nach fast drei Jahrzehnten energiepolitischer Kontinuität unter SP und Mitte hat sich in Fachämtern, Universitäten und Instituten eine ausgeprägte methodische Pfadabhängigkeit verfestigt. Die verwendeten Modelle und Studien bewegen sich formal innerhalb der politischen Vorgaben, beruhen jedoch vielfach auf Annahmen und Bewertungsmassstäben, die aus der früheren Energiepolitik hervorgegangen sind. Die veränderte politische Zielsetzung der jetzigen Exekutive wird damit nicht offen infrage gestellt, wird aber durch die fortbestehenden Modellannahmen faktisch erheblich erschwert. Vordergründig wissenschaftlich getarnte Studien bieten den Medien Schlagzeilen an, die massiv und unzulässig in die Meinungsbildung eingreifen.

Die Studie liefert keinen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, sondern verpackt gewisse methodisch unzulässige Annahmen und Vereinfachungen in ein pseudowissenschaftliches Gewand. Es ergibt sich zwangsläufig ein plakativ-triviales, tautologisches Ergebnis: Erneuerbare seien mit Subventionen wettbewerbsfähig, Kernkraft ohne (anfängliche) Subventionen hingegen nicht.

Volkswirtschaftlich – über die Barwerte von Kosten und Erträgen geschätzt – dürfte ein 1,6 GW-KKW der Generation III+ mehr als 50 Mrd. Franken an Gewinn abwerfen, massiv zum finanziellen Wohlstand beitragen und Industrie wie Haushalten dauerhaft und krisenfest günstige Energie garantieren.


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1 thought on “Wenn das Modell die Antwort schon kennt”

  1. Der CKW-Chef Martin Schwab Heute in der NZZ:

    «Ich warne aber vor einer Importstrategie, bei der man auf den Import von zehn bis zwanzig Terawattstunden setzt.

    Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass wir jede beliebige Menge Strom immer importieren können.»

    Und genau auf diese nicht machbare Grössenordnung verlassen sich die Studien.

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