Wie lässt sich erklären, warum sich eine Vetokratie in Szenario 2 stärker etablieren würde als in Szenario 3? Was sind die Hauptursachen für die Tendenz zur Vetokratie, die sich derzeit in fast allen wohlhabenden Ländern abzeichnet? Reply
Ich würde meinen es kommt auf die Wachstumsrate an. Die Abbildung zeigt, dass Kalifornien lange stark wuchs. Greater Toronto Area (GTA) ist auch so ein Fall, wo das rasche Wachstum alle überfordert und es immer mehr zu Infrastrukturproblemen kommt. Viele europäische Länder werden in den nächsten Jahrzehnten einen Bevölkerungsrückgang erleben. Für die verbleibende Bevölkerung ergeben sich daraus zunächst nicht nur Nachteile wie ungedeckte Sozialversprechen, sondern auch Vorteile. Sie brauchen weniger Infrastrukturen, weil sie Infastruktur auf Vorrat besitzen. Anders die Schweiz: Sie ist in verschiedener Hinsicht attraktiv und wird ziemlich sicher ohne Beschränkungen noch lange weiter wachsen. Je mehr Menschen in der Schweiz leben, desto eher werden sich nun die Probleme rund um die Vetokratie manifestieren. Die Schweiz muss ja nicht nur den Status quo erhalten, sondern ständig bei allen Infrastrukturen zulegen. Teils ergeben sich dadurch Grössenvorteile (z.B. KVA), häufig jedoch überwiegen die Nachteile die Vorteile. Negativ ins Gewicht fallen nicht zuletzt verschiedene «grüne» Initiativen, die letztlich nicht zu weniger, sondern zu mehr Energie- und Ressourcenverzehr führen (z.B. Kreislaufwirtschaft, erneuerbare Flatterenergien) und einen malthusianischen Kollaps herbeiführen könnten. Reply
Es erklärt nicht, weshalb es in Szenario 3 nicht geschehen würde. Oder ist somit Degrowth als Folge einer Annahme der Initiative gemeint, mit der Reduzierung der Vetokratie? Reply
Also zweiter Versuch: ob man ins zweite oder dritte Szenario abgleitet ist m.E. eine Funktion der rechtlichen und demokratischen Boykottmöglichkeiten, des Bevölkerungswachstums und der Bevölkerungsdichte. Kalifornien lebt direkte Demokratie, kennt unzählige Rechtsmittel gegen Bauvorhaben, hat in den grossen Agglomeration eine ziemlich hohe Bevölkerungsdichte und hatte enorme Wachstumsraten. Ähnlich die Schweiz, welche zwar ein geringeres Wachstum aufwies, jedoch ziemlich genau die gleiche Bevölkerungsdichte im Mittelland wie Greater Los Angelers hat (200 E/km2) und direkte Demokratie lebt (letzteres allerdings etwas klüger). Die Einsprache- und Beschwerdemöglichkeiten sind hierzulande kleiner als in Kalifornien. Vermutlich stehen wird heute ziemlich genau zwischen den beiden Szenarien 2 und 3. Wenn jedoch das Bevölkerungswachstum so weitergeht, dass sind unsere Institutionen schlicht überfordert. Sie kommen nicht mehr mit und die Infrastrukturen werden in Rückstand geraten. Was dann passiert, können wir bei der Deutschen Bahn beobachten. Aufholen ist fast nicht mehr möglich. Reply
Die Bevölkerung lebt immer länger und das Verhältnis zwischen der Zeit, während der gearbeitet und in die Altersvorsorge einbezahlt wird und derjenigen, während der Renten bezogen werden, verschlechtert sich ständig. Durch die 65 Jahr-Altersguillotine geraten Sozialwerke und Arbeitsmarkt in Schieflage. Viele möchten mit 65 Jahren weiter arbeiten statt ihr Wissen in Blogs, die niemand liest (wie etwa Journal 21) weiter zu geben, während ihr ehemaliger Arbeitgeber händeringend um einen gleichwertigen Ersatz sucht und am Schluss einen Ausländer anstellt. Insbesondere linke Parlamentarier entdecken ständig mehr Aufgaben, wo der Bund auch noch tätig sein könnte, von Wanderwegen bis zu im Ausland verkehrenden Nachtschnellzügen. Das führt zum Aufbau neuer Stellen für unnütze Dinge, oft bei Bund UND Kantonen, da viel von dem, was Bundesparlamentarier fordern, eigentlich – wenn überhaupt – Aufgabe der Kantone wäre. Jedes Bundesgesetz, in dem steht “der Bund kann Beiträge gewähren an…” führt zum Ausbau der Bürokratie bei Bund, Kantonen und oft bei Gemeinden. Würde man die Verwaltungen und staatsnahen Betriebe von Aufgaben befreien, die entweder unnütz sind (gilt für viele Statistiken, Endlos-Planungen und Berichte, oft für teures Geld von externen Büros erstellt), könnte man dort ein beträchtliches Arbeitskräfte-Reservoir frei setzen. Daraus ergibt sich ein viertes Szenario: die Schweizer arbeiten länger, bleiben dadurch auch länger rüstig statt pflegebedürftig, fahren nicht ständig aus Langeweile zum Cappucino nach Domo und zum Boccalino nach Locarno und verstopfen so die Züge weniger, entlasten AHV, Pensionskassen und den Arbeitsmarkt. Die überflüssigen Beamten werden von Bürokratie um der Bürokratie willen befreit und können sich in der Privatwirtschaft entfalten. Dieses Szenario wäre kein Selbstläufer: es bräuchte staatliche Massnahmen, zB Kündigungsschutz für Arbeitnehmer ab Alter 55 und -vor allem – Beschneidung der Obstruktionsmöglichkeiten linker Politiker Reply
Eindrückliche Analyse von Albert O. Hirschmann, sie überzeugt (auch) mich. Die 10 Mio Initiative überzeugt mich aber nicht als Therapie. Die Zahl von 10 Mio ist willkürlich, wer was machen muss/darf ist unklar (absichtlich, damit am Schluss nichts anderes übrig bleibt als die bei der Initantin unbeliebte Personenfreizügigkeit zu künden?) und die Absenderin unredlich weil sie, die Partei vorgibt, diese Initiative hauptsächlich durch die Aufnahme von weniger Asylsuchenden umsetzen zu können, wo doch Asylrecht und dessen Umsetzung ein komplexes Thema für sich ist. Wie wärs mit einer Art Kurtaxe und/oder einmaliger Aufnahmegebühr bzw -steuer? Ich rede nicht von ein paar 100 Franken, sondern von deutlich mehr. Also eine wirksame Lenkungsabgabe. Gesuchte Arbeitskräfte würden diese Gebühr vom Arbeitgeber bezahlen lassen können – weniger gesuchte würden im Idealfall von der Umsiedlung abgehalten. Reply
Mir scheint, der 10 Mio-Deckel sei nicht als Therapie, sondern als Ziel zu verstehen. Wird die Initiative angenommen, sind Methoden zur möglichst sanften Zielerreichung zu entwickeln. Die übrigens auch von Prof. Eichenberger vertretene Kurtaxe ist eine davon. Das enthebt uns aber nicht der Notwendigkeit, unsere eigenen Hausaufgaben zu machen. Es braucht keine besondern arithmetischen Kenntnisse, um zu sehen, dass wir bei zunehmender Lebensdauer nicht jedes Jahr einen kleinern Teil unseres Lebens arbeiten und zum Ausgleich zunehmend mehr Ausländer importieren können. Aehnliches gilt für das üperproportionale Wachstum der Beamten und der zum Teil durch sie entwickelten Regulierungen, die wiederum die Wirtschaft behindern. Es gilt zu verhindern, dass in diesem Land jede Institution (privat oder staatlich) so viel Zeit aufwenden muss, um zu rechtfertigen, was sie tut, dass ihr keine Zeit mehr bleibt, um das zu tun, das sie rechtfertigt. Natürlich kann man das Problem nicht allein auf der asylpolitischen Schiene lösen (wobei allerdings oft vergessen geht, dass die Betreuung der Scheinasylanten viele Schweizer Arbeitskräfte bindet, die dann möglicherweise durch Ausländer ersetzt werden “müssen”). Trotzdem muss hier etwas getan werden, weil die Bevölkerung den milliardenteuren Unfug, der letzlich der indireketen Subventionierung irgendwelcher transmediterranen Schlepper-Mafias gleichkommt, ganz einfach nicht mehr versteht. Ich auch nicht! Reply
Eine sehr gute Darstellung der Problematik und einzelner Ansätze von Martin Hostettler. Wichtig ist auch für mich, die 10 Mio nicht als starren Deckel zu verstehen, aber als klare Markierung, vor der Massnahmen zur Regulierung zu treffen sind. Wir sind heute bei ca. 9,1 Mio. Bei einer Zuwanderung von 50-70’000/a ist es aus meiner Sicht vernünftig, allmählich Begrenzungen vorzusehen. Ich sehe nicht, wie man das anders, also nicht-quantitativ regeln könnte. Es ist gut, dass dies auch die Freizügigkeitsregelung mit der EU betrifft. Klartext. Reply