Fantasien vor Wissen

Es erstaunt immer wieder, wie Politiker es fertig bringen, sich über einige unverrückbare physikalische und ökonomische Grundsätze hinwegzusetzen.
Sonnenfinsternis

Wie Ideologie und politische Wünsche an physikalischen und ökonomischen Grundsätzen scheitern werden.

Eine Kritik zu Roger Nordmanns Buch  «Sonne für den Klimaschutz»[1]

Es erstaunt immer wieder, wie Politiker es fertig bringen, sich über einige unverrückbare physikalische und ökonomische Grundsätze hinwegzusetzen. Es mag hoffentlich nur an fehlendem Wissen liegen und nicht wider besseres Wissen geschehen. So entsprechen die Thesen Herrn Nordmanns in seinem Buch „Sonne für den Klimaschutz – ein Solarplan für die Schweiz“ weitgehend ideologischem Wunschdenken und haben mit der Sicherstellung der Stromversorgung und realistischen Zeitvorstellungen nur bedingt zu tun. Es geht im Folgenden darum aufzuzeigen, dass Nordmann sich bezüglich notwendiger Kapazitäten, Zeitabläufen und in der Folge auch Systemkosten um Grössenordnungen irrt.

Bei Sachthemen wie der Stromversorgung – das zentrale Thema einer CO2-freien Schweiz – muss man von einem Verfasser ein gewisses Mass an Sachverstand fordern. Sachverstand und Wissen setzt sich meiner Meinung nach zusammen aus themenspezifischer Ausbildung und Erfahrung. Erfahrung erworben durch das Lernen der grundlegenden Zusammenhänge – man lernt nie aus – idealerweise auch durch F&E Erfahrung mit Labor- und Feldversuchen, durch Erfahrung und Verantwortung mit dem Bau von komplexen Anlagen und dazu Erfahrung mit deren Betrieb und Unterhalt. Wenn einem diese Grundlagen fehlen und man in der Materie nicht sattelfest ist, wäre es angebracht, in seiner Meinung  etwas Zurückhaltung zu zeigen.

Bücher wie dasjenige von Nordmann sind leider keine Einzelfälle, Dass zum Beispiel offshore Windenergie das neue Rückgrat der Stromdrehscheibe Schweiz sein soll, mussten wir uns 2012 bereits aus dem gleichen politischen Spektrum belehren lassen[2] Die aktuelle Realität widerlegt diese Träume gründlich. 

Doch nun zum eigentlichen Thema: Im Buch „Sonne für den Klimaschutz – ein Solarplan für die Schweiz“ geht es um die Dekarbonisierung der Schweiz. Damit sind die Bereiche Landverkehr und Gebäudepark gemeint, bei gleichzeitiger Abschaltung der Kernkraftwerke. Der Autor meint dazu, es genüge zusätzliche 45 TWh Strom pro Jahr mit Photovoltaik (PV) bereitzustellen. Gemeint ist vermutlich zusätzlich zu den bereits festgelegten 11.4 TWh PV gemäss laufender Energiestrategie. Dazu soll die Installation von zusätzlich 50 GW photovoltaischer Leistung genügen, gerechnet mit 900 Volllaststunden resp. einem „Power Faktor“ von 0.1. „Da dies viel sei, auch in Bezug auf Kosten, sei dieser Zubau ab 2020 auf 30 Jahre bis 2050 zu etappieren“, so der Autor.

Die Erfahrung zeigt, dass ohne Fördermechanismen auch in Zukunft keine PV- und Windanlagen gebaut werden. Hier gibt das Beispiel Deutschland Anschauungsunterricht: Als die Fördergelder für Windanlagen drastisch reduziert wurden, fiel der Zubau 2019 auf den Wert des Jahres 2000 zurück. Auch beim BfE hat man dies erkannt und schreibt in die anstehende Revision zum EnG (von 2017) die Fortschreibung der Förderungen, obwohl dem Stimmbürger etwas anderes versprochen wurde. Nordmann behauptet auch, Nuklearanlagen würden nur noch in Diktaturen gebaut. Ergo sind Länder wie Frankreich, UK, Finnland, Slowakei, Polen (Anlagen in Planung), Ukraine, Japan, Süd-Korea, Indonesien (Anlagen in Planung), Indien, USA, auch „Nuklear- Diktaturen“? Schweden denkt nicht daran seine Kernkraftwerke stillzulegen und selbst die windverwöhnten Niederländer denken laut über neue Kernkraftwerke nach.

Herr Paul W. Gilgen, Naturwissenschaftler aus Herisau und langjähriger Mitarbeiter bei der EMPA, hat Nordmanns Aussagen akribisch überprüft und analysiert. Nach Gilgens Einschätzung wird Photovoltaik zwar eine wichtige Rolle spielen, aber er weist klar auf die Fehleinschätzungen und  Rechenfehler Nordmanns hin und kommt zum Schluss, dass Nordmanns «Solarplan» misslingen muss. Das gut dokumentierte Werk von 72 Seiten kann hier eingesehen werden:

Paul W. Gilgen: «Zu Roger Nordmanns Vorschlägen, die Energie- und Klimaprobleme der Schweiz allein mit Sonnenenergie lösen zu können. Ein Kommentar.»

Ich habe zu einigen der in der Gilgen Replik aufgeführten Aussagen zusätzliche Nachrechnungen gemacht, welche, wie bereits erwähnt, aufzeigen, um welche Grössenordnungen Herr Nordmann falsch liegt.

Meine Nachrechnungen sind hier nachzulesen.

Wie üblich bei den Promotoren der neuen und so ausserordentlich sauberen Energiewelt – / Strategie, werden systemtechnisch absolut notwendige zusätzliche Anlagekomponenten sublimiert, deren inhärenten Energieverluste nicht eingerechnet und erst recht nicht deren Zusatzkosten. Ohne diese Systemkomponenten wäre die Versorgungssicherheit nicht gewährleistet! 

Deutschland macht es vor: trotz gewaltigem Ausbau der PV- und Windkapazitäten (NEE) gibt es dort jeden Monat im Jahr während rund einem Drittel der Zeit keine NEE Leistung im Netz. Die Entwicklung zeigt -der Mehrausbau über die Jahre hat die Leistungsamplituden erhöht, aber die Lücken bleiben. Das bedeutet, dass die Versorgung mit anderen Strom- Generierungsmethoden gesichert werden muss. Es braucht Systemleistung mit der vollen Kapazität des totalen Leistungsbedarfs, welche dauernd „stand by“ bereitstehen muss. Die anfallenden Systemkosten trägt der Endabnehmer und nicht der PV-Produzent!

Rudolf Rechsteiner, alt-Nationalrat, KKW Gegner, Missionar für neue Erneuerbare Energien und ideologischer Mentor von Roger Nordmann, behauptet, dass bis 2021 in Europa mehr Kapazität neuer Erneuerbarer installiert sein wird als Leistung von Nuklearanlagen. Das mag sogar zutreffen, stellt allerdings einen völlig unsinnigen und irreführenden Vergleich dar. Man kann installierte Leistung einer stochastisch anfallenden Energie nicht mit einer ständig verfügbaren Leistung vergleichen. Um mit PV vergleichbar zuverlässig Energie wie aus thermischen Kraftwerken zu erzeugen, müsste man in Mitteleuropa in rund die 11- bis 12-fache Solarleistung investieren. Die „Energiewende“ wie vorgesehen, wird sehr teuer zu stehen kommen und gefährdet hochgradig die Versorgungssicherheit. Ein Umdenken und eine Besinnung, wie eine zukunftsfähige und robuste Energieversorgung aussehen muss, ist dringend notwendig. 

Kurz, Nordmann hat als Interessenvertreter der Photovoltaik ein Buch geschrieben, dessen Inhalt – schön englisch ausgedrückt – der Kategorie „hollow, empty, meaningless talking“ zuzuordnen ist. Störend und ärgerlich ist eigentlich nur, dass Nordmann dafür von einem Nobelpreisträger und Frau BR Sommaruga den Ritterschlag erhielt.


[1] Roger Nordmann: Sonne für den Klimaschutz.- 2019, Zytglogge Verlag AG, Basel; ISBN 978-3-7296-5028-2

[2] Rudolf Rechsteiner: 100% Erneuerbar- 2012, Orell Füssli Verlag AG, Zürich

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4 Kommentare

  • Guntram Rehsche

    Schön blöd, das mit dem Nobelpreisträger! Vielleicht wollen Sie und Ihresgleichen doch noch irgendwannmal zur Kenntnis nehmen, dass die Erneuerbaren Energien eben doch nicht reiner Hokuspokus sind. M.a.W. Sie manöverieren sich mit Ihren Argumenten total ins Abseits, denn kaum mehr jemand nimmt davon Kenntnis – eben weil die Mehrheit der wirklichen Experten längst deren Bedeutung erkannt hat.

  • Herr Rehsche bringt es fast auf den Punkt: Ja, die Erneuerbaren Energien sind nicht reiner Hokuspokus. Wären sie es, so könnten sie ihre technischen und ökonomischen Fesseln sprengen. Dann liessen sich Planungen à la Energie“strategie“ 2050 oder Utopien à la Nordmann vielleicht sogar umsetzen. Dass das CCN oder Emanuel Höhener mit Argumenten (ja, wir haben in der Tat welche – die richtigen, faktenbasierten) im Abseits stehen könnte, scheint mir ein Fall von krasser kognitiver Dissonanz von Herrn Rehsche und Seinesgleichen.

    Es ist aber schön, und das meine ich (auch) ernst, dass Herr Rehsche stets zur Belebung unseres Blogs beiträgt und mit seinen Beiträgen dessen Unterhaltungswert fördert. Ohne jegliche Subvention.

  • Herr Rehsche,

    Anstatt trolligen Humbug schreiben, erklären sie doch kurz, wo bis 60 GW sofort abrufbarer Strom herkommen soll – in Deutschland, in windstillen Nächten (bekanntlich auch kein Sonnenschein) – wenn nicht von Nuklear, Kohle und Gas, elegant umschrieben als ‚aus konv.‘ Kraftwerken?

    Vielleicht durch massiven Zubau von ihren sonnigen und windigen ‚Erneuerbaren‘, um noch mehr massives Nichts zu produzieren?

    Nota bene: Es ist ihnen sicher bekannt, dass die Schweiz in Winternächten bis zu 4 GW (8 KKW Mühleberg equivalent) importieren muss, und zwar subito, à la minute produziert, sonst bricht das Netz zusammen. Woher soll der kommen und was für Strom soll das sein? Die gute EMPA (ETH) wäre wohl auch froh für nützliche Hinweise – siehe ‚Der Schweiz geht der Strom aus‘

    https://tinyurl.com/yxup2cv4

    Grafik: Agorameter https://tinyurl.com/yyvqnrza

    Grafik: Agorameter https://tinyurl.com/yyvqnrza

  • Wenn man die Lastkurven genauer anschaut, muss man doch feststellen, dass die PV-Produktion ziemlich synchron mit den Lastspitzen verläuft! Das Problem sind wohl die Produktionslücken, wenn die Sonne bedeckt ist oder nicht scheint. Dafür sind KKW leider schlecht geeignet. Speicherkraftwerke eignen sich dafür ideal, Voraussetzung ist aber, wie E. Höhener es schon vermerkt hat, viel mehr Pumpleistung als heute. Zusammen mit lokalen Batterien, WKK-Anlagen und vor allem eine kluge Laststeuerung verbleiben dann nur noch wenige Stunden in einem Wintertag, wo Gaskraftwerke einspringen müssen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Kein Marktteilnehmer wird diese Investition selber tätigen, ausser der Bund oder Swissgrid Ausschreibungen dafür organisiert. Aber das ist wirklich Zukunftsmusik, die heutigen KKW werden noch lange sicher und günstig Strom erzeugen …

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