Die jüngste Volksabstimmung vom 14. Juni über die SVP-Volksinitiative ‹Keine 10 Millionen-Schweiz› hat es wieder gezeigt: Politische Journalisten lieben den Stadt-Land-Graben. Kaum waren die Resultate nach Gemeinden bekannt, überboten sich die Medien in tiefschürfenden Betrachtungen über diesen ominösen Graben. Entdeckt der Journalist einen Stadt-Land-Graben, sieht sein Hinweis darauf nach Analyse aus, ist aber bloss trivial. Sogar im Weltblatt NZZ stand Folgendes:
«Ein Blick auf die Gemeindekarte zeigt einen Stadt-Land-Graben: Ausgerechnet dort, wo der Dichtestress wahrscheinlich am grössten ist, stimmten die Menschen eher Nein.»
Das erste Problem mit diesem Satz liegt darin, dass es in dieser Abstimmung eigentlich gar nicht um das Schlagwort vom Dichtestress ging, sondern um das Thema Migration. Die Bevölkerung in der Schweiz wächst nur noch durch Zuwanderung. Nur mit dem Migrationsüberschuss kann in den nächsten Jahren die Zahl von 10 Millionen Einwohnern erreicht werden. Das zweite Problem betrifft die Trivialität der Beobachtung. Der Stadt-Land-Graben bildet ganz simpel in etwas überzeichnender Art die parteipolitischen Strukturen und Sympathien ab. Die rot-grün dominierten grossen Städte stimmten massiv gegen die Initiative. In der Beamten-Bundesstadt Bern, die im nationalen Ranking der links-grünen Sympathien unter den grossen Städten den Schweizerrekord hält, erzielte die SVP-Initiative gerade mal 16,4 Prozent Jastimmen.
Klimaaaktivist Knutti als PolitanalystDass es bei dieser Abstimmung wieder einen Stadt-Land-Graben geben würde, wusste man schon lange. Auch ETH-Klimaforscher Reto Knutti machte sich, indirekt bezugnehmend auf den Stadt-Land-Graben, politisch bemerkbar – wie schon mit den von ihm angestossenen professoralen regierungstreuen Petitionen zu Energie- und Klimaabstimmungen. Auf Facebook stiess ich auf seinen Kommentar zur jüngsten Abstimmung. Er fand heraus, dass das Muster der Abstimmungsergebnisse nach Gemeinden quasi umgekehrt mit dem Muster des Klimaschutz-Referendums vom Juni 2023 übereinstimmt. Was oben grün ist, sieht man hier in violett:
Wer sich auf dem Gebiet der modellierten Klimaforschung so profiliert hat wie Professor Knutti, dessen Intelligenz müsste ausreichen, um die Trivialität seiner Analyse schon zu erahnen, bevor er damit anfängt. Ideologisch aufgeladene Vorlagen wie bei Migration oder Energie- und Klimapolitik produzieren auf Gemeindeebene, wie weiter oben erwähnt,ein Abbild der ideologisch-parteipolitischen Sympathien und Mehrheiten. Wenn Abstimmungen dann auch noch nach der Formel ‹alle gegen die SVP› ablaufen, wie in diesen beiden Fällen, kriegt man genau eine solche Kongruenz.
Professor Knutti, dem auf der Linie der Leuthard-Energiewende engagierten Klimaforscher, geht es mit seinem Hinweis auf diese Kongruenz um mehr als um eine nüchterne Datenanalyse. Er will eine politisch wirksame Botschaft aussenden: «Schaut, schaut Leute! Dieselben, die ausländerfeindliche Volksinitiativen lancieren und die Schweiz abschotten wollen, sind auch die, welche den Klimaschutz und die Energiewende mit Atomausstieg ablehnen.» Das erinnert mich an ein persönliches Gespräch, in dem er mir sinngemäss sagte, mit meinen Argumenten bewege ich mich ja auf der Linie der SVP. Was kann ich dafür, wenn die SVP die einzige Partei ist, welche die überstürzte illusionäre Leuthard-Energiewende von Anfang an bekämpft hat? Allerdings manchmal auch mit untauglichen Argumenten wie denen, die ich in einem Blogbeitrag kritisiert habe.
Zu meinem früheren Blogartikel ‹Klimaaktivist Reto Knutti› gab es auf den Reblog auf der Carnot-Cournot-Webseite zahlreiche Kommentare. Zum Beispiel diesen von Martin Hostettler, in dem das politische Engagement von Reto Knutti angesprochen wird:
«Reto Knutti ist Klimaforscher und Wanderprediger zugleich. Weil dies jedoch nicht funktionieren kann, bewirkt Knutti einzig Kollateralschäden und leistet der Klimaforschung einen Bärendienst. Gleiches gilt für Stocker, Seneviratne and andere Schweizer Klimacracks. Eigentlich alles gute Klimaforscher, aber letztlich unglaubwürdig. Sie engagieren sich politisch auf eine Art und Weise, die sie wissenschaftlich unglaubwürdig macht. Erstens lassen sich gewisse gesellschaftliche Aufgaben und Rollen einfach nicht glaubwürdig kombinieren. Zweitens sprechen sie über die Dinge, die sie entweder nicht verstehen oder die niemand wissen kann. Wirtschaft und Zukunft sind zwei Beispiele. Und wenn sie sich drittens noch gegen die Kernenergie aussprechen, dann machen sie sich vollends unglaubwürdig.»
Unterschätztes symbolisches AbstimmenNicht zu vergessen ist auch dies: Das urbane Energiewende-Wählersegment mit akademischem Überhang, das Professor Knutti in Reinkultur repräsentiert, möchte den Bewohnern der ländlichen Gebiete die enormen Umweltlasten auferlegen, die Windräder und Solar-Grossanlagen im ländlichen Raum bei einem Atomausstieg zur Deckung der gewaltigen Winterstromlücke bringen würden. Deshalb ist zu erwarten, dass Bewohner ausserhalb der grösseren Städte auch symbolisch abstimmen, das heisst, stellvertretend für ein anderes heikles Thema. Im Hinterkopf richtet sich ihr Votum für die Volksinitiative ‹Keine 10 Millionen-Schweiz› auch ganz allgemein gegen eine Vereinnahmung durch urbane Eliten, die zu allem Überfluss in den meinungsmachenden Institutionen den Ton angeben.
Dieses symbolische Abstimmen wird in den üblichen VOX-Nachabstimmungsanalysen zu wenig erfasst. Mit solchem Abstimmungsverhalten, auch ‹expressive voting› genannt, liesse sich die Umkehrung des Satzes im NZZ-Kommentar weiter oben besser verstehen: «Ausgerechnet dort, wo der Dichtestress am geringsten ist, stimmten die Menschen eher Ja.» Ausgerechnet diese Beobachtung zeigt aber gerade, dass es den 90,54 Prozent Ja Stimmenden in Unteriberg SZ bestimmt nicht um Dichtestress ging.
Nachtrag aus aktuellem AnlassDie Grünen standen als treibende Kraft hinter der im Parlament knapp gescheiterten Forderung, der Bundesrat müsse vor der Aufhebung des AKW-Neubauverbots zuerst die Finanzierung neuer Anlagen klären. Wenn man bedenkt, wie viele weitere Verzögerungsmittel den rabiaten Kernenergie-Gegnern im schweizerischen Institutionengeflecht gegen den Bau neuer AKW noch zur Verfügung stehen – angeblich drei Volksabstimmungen inbegriffen – wundert man sich schon ein wenig über den frühen Eifer. Nicht umsonst stösst sich kaum jemand an der Selbstverständlichkeit, mit der verkündet wird, ein neues Kernkraftwerk gehe auch im besten Fall nicht vor 2050 ans Netz.
Angesichts dieser Vorgänge im Nationalrat fiel mir spontan ein teils satirisch formuliertes Buch des deutschen Physikers Hans Hofmann-Reinecke mit dem polemischen Titel ‹Grün und dumm› ein. Der Autor erklärt auf Amazon dazu: «Es ist ein Aufklärungsbuch zum Thema Global Warming. Ich möchte Sie in die Lage versetzen, durch logisches Verständnis den Sinn der Massnahmen zum Klimaschutz zu hinterfragen, sodass Ihre politische Haltung auf eigener intelligenter Erkenntnis beruht, und nicht auf der Zugehörigkeit zu einer weltanschaulichen Gruppe. Die Sorge ums Klima hat sich ja zur Staatsreligion entwickelt… Wenn Sie mit dem Buch fertig sind, dann werden Sie möglicherweise immer noch grün sein, aber sicherlich nicht mehr „grün und dumm“.»
P.S.Auch am Scheitern des Mercosur-Freihandelsabkommen haben die Grünen, im Verein mit der Agrar-Lobby, massgeblichen Anteil. Ihre Forderung, das Abkommen müsse mit Auflagen gegen die Abholzung des Regenwaldes und anderen grünen Steckenpferden im Verkehr mit Entwicklungs- und Schwellenländern verbunden werden, ist eine Anmassung sondergleichen. Die Mercosur-Länder könnten ja von der Schweiz im Gegenzug mal verlangen, ihre dank dem Agrarschutz viel zu hohen Nutztierbestände zu reduzieren und damit endlich den sehr hohen agrarischen CO2- bzw. Methan-Ausstoss zu reduzieren.
Lesen Sie den vollständigen Text auf dem Blog des Autors volldaneben.ch.
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