Net Zero Follies downunder 

Net Zero Follies downunder 

Wie eines der rohstoffreichsten Länder der Welt eine Dieselkrise zu Stande bringt.

Es gibt ein Bonmot, das besagt, dass du im Boden Australiens das ganz Periodensystem finden kannst. Bei einer Bevölkerung von 26 Mio auf die Fläche von rund 188 mal die Schweiz kann sich das Land theoretisch komplett autark versorgen. Das war vermutlich bei den ersten Siedlern Anfangs des 19ten Jahrhunderts der Fall. 

Zunächst das Positive: Die Nahrungsversorgung ist 100% inländisch. Die Landwirtschaft in allen Bereichen: Vieh, Getreide, Obst und Gemüse ist stark Export orientiert. Gemäss Chat GPT produziert das Land 3.3 mal mehr als der eigene Konsum. Mit anderen Worten rund 70% wird exportiert. 

Beim Gas etwa das selbe Bild: Drei Viertel wird exportiert. Ein Viertel wird für den eigenen Konsum, in erster Linie zur Stromproduktion, gebraucht.

Beim Öl ist es ein anderes Bild. Davon hat Australien nicht so viel. Nicht weil es nicht im Boden wäre. Sondern weil man nicht mehr danach sucht und man sich mit dem zufrieden gibt was bereits erschlossen ist. Als ehemaliger Erdölgeologe, der in den 80er Jahren hier selbst tätig war, ist das Land weiterhin “underexplored”. Die Produktion deckt etwa den eigenen Verbrauch. Aber von den acht existierenden Raffinerien hat man in den letzten zwanzig Jahren im Irrglauben ewigen Handelsfriedens sechs davon geschlossen und lässt das Öl nun in Singapur raffinieren. Diese Dummheit wurde unter beiden Regierungen Labour und den Liberals begangen.

Man hat auch die Empfehlung der IEA nicht befolgt einen neunzig Tage Vorrat für Brennstoffe zu halten. Mit der Schliessung des Strasse von Hormuz ging ein Schock durchs Land als man plötzlich feststellte, dass es nur für dreissig Tage Diesel hat. Die ganze Wirtschaft in Australien, Transport, Landwirtschaft, Mining und Industrie läuft mit Diesel. Aufgrund von Hamsterkäufen hat sich der Dieselpreis über Nacht von 1.79 $/l auf 3.50 $/l nahezu verdoppelt. Als Notmassnahme verzichtet die Regierung für 3 Monate auf 60.9 % des Steuerzuschlags. Das hat die Hamsterkäufe etwas unter Kontrolle gebracht.  Premierminister  Antony Albanese musste mit seinem halben Kabinett eine Blitzreise durch Südostasien antreten, zuerst natürlich nach Singapur, um sich alle Lieferanten zu sichern.  

Auf jeden Fall wird wieder diskutiert, ob man nicht doch wieder die eine oder andere Raffinerie bauen sollte. Auch eine Wiederbelebung der Exploration nach neuen Ölquellen ist nicht mehr tabu. Die Notlage hat sogar bewirkt, dass der Premierminister Südaustraliens, Peter Malinauskas, Labour, das Fracking Verbot streichen will. Sämtliches Erdas stammt aus konventionell erschlossenen Gasfeldern. Peter Malinauskas unterstützt übrigens auch den Bau von Kernkraftwerken. Ein möglicher Standort liegt 300 Kilometer nördlich von Adelaide.

Die Versorgungssicherheit mit Düngemitteln ist besonders bei den Farmern ein Thema. Da befindet sich allerdings in Westaustralien, direkt am Zapfhahn der grossen Gasfelder eine grosse Harnstofffabrik (Grundlage für Kunstdünger) im Aufbau. Das Projekt ist zu 100% privat finanziert und in Familienbesitz. 

Die Labour-Bundesregierung frönt natürlich auch dem Netto-Null Wahn, allerdings mit etwas leiseren Tönen als in Europa. Das geht auch nicht anders, denn alle fahren riesige Autos und legen riesige Distanzen zurück. Ohne Diesel steht Australien still. Das weiss auch eine linke Regierung. Wind- und Sonnenenergie tragen hier schon etwas zur Stromversorgung bei. Das Solarpanel auf dem eigenen Dach zum Betrieb der Klimaanlage oder der Warmwasser-Wärmepumpe macht hier mehr Sinn als in der Schweiz. Und einige Windfarmen ganz weit aussen im Outback schmerzen auch niemanden. Doch der Löwenanteil der Stromproduktion ist in den bevölkerungreichsten Bundesstaaten New South Wales, Queensland und Victoria nach wie vor Kohle, in West- und Südaustralien ist es Gas und in Tasmanien Wasserkraft. 

Die eigentliche cash-cow Australiens ist der Kohleexport nach China und ganz Südostasien. Bei den Erzen gibt es ein differenziertes Bild. Eisen, Kupfer, Gold, Zink, Uran werden praktisch zu 100% exportiert. Die verbliebene Eisenverhüttung serbelt. Seltene Erden werden nur zu einem unbedeutenden Teil in Australien selbst prozessiert, das meiste geht direkt nach China. Die Aufbereitung seltener Erden, die als Rohstoff eigentlich gar nicht so selten sind, ist eine „dreckige“ Sache. Dieser Schritt wird von China praktisch vollständig kontrolliert. Keine Umweltbehörde der Welt kümmert sich darum. 

Und zum Schluss, was ich schade finde und für das Land auch gefährlich halte, ist das Fehlen einer manufacturing industry. Wie gesagt gibt es praktisch alle Rohstoffe, aber es gibt kein nennenswertes verarbeitendes Gewerbe. Das Land stellt praktisch nichts Hochwertiges selbst her, keine Maschinen, keine Autos, keine Konsumgüter, keine Pharma. Alles wird importiert. Es sind nur der Primärsektor und der Servicesektor die laufen. Eine Sekundärindustrie gibt es kaum mehr. Früher wurden hier noch Autos gebaut und eben selbst Öl raffiniert. Ich bin kein Ökonom, aber ich halte diese Entwicklung für das bis anhin “lucky country” als gefährlich. 

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2 thoughts on “Net Zero Follies downunder ”

  1. Die Website https://atlas.hks.harvard.edu ist hervorragend, um Import- und Exportbeziehungen von einzelnen Ländern oder für bestimmte Güterkategorien dazustellen. Da sieht man beispielsweise, dass die australische Kohle nach Japan (14.3 Mrd. USD), nach Indien (11.1) und erst dann nach China (7.7) geht. Man sieht aber auch, dass die Darstellung von Markus Häring weitgehend stimmt. Australien ist, wie Kanada auch, ein grossen Land mit vergleichsweise kleiner Bevölkerung und riesigen Rohstoffschätzen. Das Land liegt recht nahe an ärmeren, bevölkerungsreichen Länder. Entsprechend gibt es eine Arbeitsteilung. Die ökonomischen Gesetze (absolute und komparative Vorteile) wirken daher nur in eine Richtung: Australien und Kanada sind Bergbau-Nationen, die den grössten Teil ihrer Rohstoffe unverarbeitet exportieren. Will man dies ändern, so braucht es sehr energische und teure politische Eingriffe. Anders ist den ökonomischen Gesetzen nicht beizukommen. Es ist fraglich in welchem Zeitraum dies überhaupt geschehen kann, weil politisch erwünschte Branchen nicht einfach aus dem Boden gestampft werden können. Es braucht immer auch Fachkräfte (Wissen). Australien weiss wie man Erdgas, Kohle, Eisen, Gold, Aluminium oder landwirtschaftliche Produkte herstellt. Aber wie ist es mit zum Beispiel Goldraffinerien? Das scheint offenbar nicht so einfach zu sein, sonst hätte man sich nicht im Tessin oder Jura darauf spezialisiert!

    1. Vielen Dank für die Präzisierung betreffend Kohle. Die erwähnte Website ist tatsächlich grossartig. Ich stimme deinen Bemerkungen betreffend komparative Vorteile natürlich zu. Nur funktioniert das alles grossartig solange Frieden herrscht. Handel ist ja in sich selbst ein Frieden sicherndes Element. Aber wie wir gerade erleben kann man auch Handelskriege führen. Während die USA sowohl militärisch wie wirtschaftlich ihre weltweite Vorherrschaft behaupten wollen, lässt sich das China nicht gefallen. China braucht nicht einmal militärisch stark sein, China baut seine Macht mit gezielter Marktdominanz auf. Nur als ein Beispiel mit der Beherrschung des Marktes seltener Erden. So können gefährliche Abhängigkeiten entstehen. Jedes Land sollte deswegen nicht nur in militärische Verteidigung investieren, sondern auch strategisch wichtige Ressourcen sichern und die Fähigkeit pflegen sich selbst versorgen zu können. Wie du richtig bemerkst bedarf das teurer politischer Eingriffe.

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