Eine echte Reform der AHV

Le cours de la vie de l'Homme ou l'Homme dans ses différents âges

Seit Jahren sind die Sorgen um die AHV ein Gesprächsthema (AHV = Alters- und Hinterlassenenversicherung). Die AHV funktioniert nach dem Umlageprinzip. Das heisst, dass die erwerbstätige Bevölkerung mit einem Lohnanteil die Renten der gleichzeitig lebenden Rentner finanziert. Die Höhe der zukünftigen Renten der Erwerbstätigen hängt vom Ausmass der einbezahlten Beiträge ab.

Ein solches System ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Einerseits läuft es aus dem Ruder, wenn immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen. Andererseits ist es à priori ungerecht, denn wer Kinder, die zukünftigen Beitragszahler aufzieht, investiert viel Zeit und Geld, kann aber in dieser Zeit weniger arbeiten, was die zukünftige Rentenbezugsberechtigung senkt. Die Politik hat zwar versucht, mit verschiedenen Pseudopflästerchen das Problem wegzumogeln und vor sich herzuschieben, aber gelöst hat sie es nach wie vor nicht.

Ein Verfahrensingenieur geht bei der Gestaltung eines industriellen Produktionsprozesses nach einer bestimmten Methode vor. Er zergliedert ihn in einzelne Teilschritte und ergänzt ihn so lange, bis alle notwendigen Umwandlungsschritte – von den gegebenen Eingangsströmen bis zum gewünschten Endprodukt – innerhalb des Bilanzgebietes liegen. In einem solchen Verfahren werden Materie- und Energieströme mehrfach umgewandelt. Danach wird der Prozess so geregelt, dass er stabil und in der gewünschten Geschwindigkeit abläuft. Schliesslich erfolgt die Dimensionierung der einzelnen Teilschritte.

Als Mitglied dieser Berufsgruppe vermutete ich, dass es eine echte Lösung für das AHV-Problem geben muss, und stellte mir folgende Frage: Kann man ein Altersversorgungsystem nach dem Umlagefahren so modifizieren, dass es unabhängig von demografischen Veränderungen stabil läuft und à priori gerecht ist? Die Antwort lautet aus meiner Sicht: Ja.

Zeichnet man die Sache in einer Grafik auf – die Generationen auf der Ordinate, die Zeitachse auf der Abszisse – und fügt die Geldströme hinzu, so erkennt man die relevanten Wertflüsse und kann die Bilanzgrenze einzeichnen. Werte können momentan in Form von Geld oder, über die Zeit gespeichert, in Form von Geldanlagen fliessen, wobei auch Kinder als Wertspeicher dienen können.

Fig.1: Heutiges AHV-System: nur die Hälfte der notwendigen Wertflüsse wird berücksichtigt.

Sofort wird der Konstruktionsfehler der AHV sichtbar. Die AHV berücksichtigt nur einen Versorgungszyklus, während das System zwei aufeinander abgestimmte Versorgungszyklen benötigt, um ordnungsgemäss, störungsfrei und stabil laufen zu können, nämlich je einen für die beiden finanziell unproduktiven Lebensphasen, die Kindheit/Jugend und die Rentnerzeit. Im Falle der AHV kommt uns begünstigend entgegen, dass der Betrag, der im Rentenalter ausbezahlt wird, ungefähr demjenigen entspricht, der zur Aufzucht des Kindes bis zur Erwerbstätigkeit notwendig ist.

Die Lösung besteht also darin, dass man die Bilanzgrenze prozessgerecht legt, was bedeutet, dass man die AHV in ein System zur Finanzierung der beiden finanziell unproduktiven Lebensphasen umbauen muss.

Fig. 2: Modifiziertes AHV-System, Beispiel mit 1 Kind pro Elternteil

Bei Erwerbstätigkeit sind daher doppelt so hohe Beiträge zu leisten, wobei die erste Hälfte als AHV-Rente gegenwartswirksam direkt zur Elterngeneration weitergereicht wird. Diese Hälfte kann nicht zur Begründung zukünftiger Rentenbezugsberechtigung herhalten, da sie bloss die Eltern für ihren Aufwand bei der Aufzucht der betreffenden Beitragszahler entschädigt. Die andere Hälfte wird zukunftswirksam entweder den Beitragszahlern zurückgegeben, welche sie in die Aufzucht von Kindern als Wertspeicher investieren oder/und (je nach Anzahl Kinder) sie wird von der AHV am Kapitalmarkt angelegt.

Fig. 3: Modifiziertes AHV-System, Beispiel keine Nachkommen

Die Aufteilung ergibt sich automatisch anhand der Anzahl Nachkommen. Bei fallender Geburtenrate entsteht so von selbst ein finanzielles Polster, mit welchem die zukünftige AHV-Rente der Kinderlosen bezahlt werden kann. Das Ausmass der Rentenbezugsberechtigung bemisst sich ausschliesslich an der Leistung der zukunftswirksamen Beiträge. Damit bekommt das Umlagerungsverfahren der AHV das Verhalten eines Kapitaldeckungsverfahrens.

Ein weiterer Vorteil des Systems besteht darin, dass die vielen symbolischen, aber administrativ aufwändigen Unterstützungsmassnahmen für Familien mit Kindern wegfallen können. Kinder haben also aus diesem Blickwinkel nichts mit Gefühlsduselei oder privatem Hobby zu tun, sondern sind nicht mehr, nicht weniger als eine Anlagemöglichkeit neben Kapitalmärkten, um Wert in die Zukunft zu tragen. Diese Funktion haben sie übrigens seit der Steinzeit.

Soweit zum Grundprinzip. Natürlich müsste ein solches System verfeinert werden, damit kein Missbrauch betrieben werden kann und alles gerecht abläuft.

Mir ist klar, dass eine solch radikale Reform politisch nicht einfach umsetzbar wäre. Einerseits profitieren beim heutigen System viele Leute ungerechtfertigterweise auf Kosten anderer. Andererseits würden die Leute die höheren Abgaben direkt auf dem Lohnzettel sehen, den direkten Nutzen aber nur während der Kinderaufzucht und indirekt in der Gewissheit einer stabilen AHV und potentiell tieferer Steuern haben. Zudem haben komplexe, alte und weit mit der Gesellschaft verzahnte Systeme ein enormes Beharrungsvermögen, selbst wenn sie schlecht sind. Hier wollte ich nur aufzeigen, dass das Grundproblem der Umlagerungsverfahren grundsätzlich lösbar ist, ohne das Umlagerungsprinzip verlassen zu müssen. Vielleicht hilft der Ansatz, das Bewusstsein zu schärfen und die politische Diskussion in eine sinnvollere Richtung zu lenken.

Nachtrag

Ergänzung auf die Frage, wie die Situation für Alleinerziehende oder Arbeitslose aussehen würde:

Arbeitslose müssen auch heute AVH-Beiträge zahlen, sofern sie später keine Versorgungslücken wollen. Sie erhalten Entschädigungen von der ALV, dem Staat oder werden von der Partnerperson unterstützt, mit welchen sie die Beiträge leisten können. Alleinerziehende fahren mit einem solchen System viel besser als heute, denn sie erhalten von der AHV konzentriert über den Zeitraum der Kinderaufzucht pro Kind die Hälfte des Betrages zurück, der den Kosten eines Kindes entspricht, müssen aber diesen in Form von zukunftswirksamen Prämien nur übers Erwerbsalter verteilt zahlen (interne Umverteilung über die Zeit). Dasselbe gilt für den nichterziehenden Elternteil, welcher die andere Hälfte der Kinderkosten via Alimente an die alleinerziehende Seite zahlt und dafür ebenfalls von der AHV die entsprechende Rückerstattung erhält. Geht es um mehr als ein Kind pro Elternteil, dann kommt das Geld über die AHV von den zukunftswirksamen Beiträgen der Personen mit weniger als einem Kind pro Elternteil. Kinder lohnen sich so, selbst für Alleinerziehende und ihre Alimente zahlenden Partner.

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3 thoughts on “Eine echte Reform der AHV”

  1. Interessanter Vorschlag.

    Wir müssen uns allerdings vergegenwärtigen, dass eine voll autonome AHV im Sinne der oben gemachten Vorschläge zu mehr als “bloss” einer Verdoppelung der Lohnprozente führen würde. Heute betragen die Beiträge (Arbeitgeber und Arbeitnehmer) rund 40 Mrd Franken und diejenigen des Bundes (Bundeskasse und MWSt) rund 15 Mrd Franken. Trotzdem ist nicht auszuschliessen, dass die Defizite bis in einigen Jahren auf gegen 5 Mrd. Franken anwachsen.

    Das bedeutet, dass die Beiträge in Lohnprozenten gegenüber heute nicht verdoppelt, sondern verdreifacht werden müssten, auf je 13 Prozent für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Diese Kostenerhöhung könnten viele KMUs nur schwer verkraften, wenn überhaupt!

    Interessant wäre die Definition der Begriffe Kindesalter, Erwerbsalter und Rentenalter. Auf jeden Fall wäre es sinnvoll, die Altersguillotine von 65 fallen zu lassen und die Leute so lange arbeiten zu lassen, wie sie wollen und können. Möglicherweise könnte man das Pensionierungsalter durch eine Lebensarbeitszeit ersetzen.

    1. Die Kosten der erwerbslosen Lebensabschnitte fallen ohnehin an. Die Frage ist bloss, wie und von wem sie getragen werden. Dabei scheint mir eine verursachergerechte Überwälzung am sinnvollsten zu sein und am ehesten zu einem stabilen System zu führen. Daher der Bezug auf die Wertflüsse.
      Das heutige System ist eine historisch gewachsene Mischung von Lohnprozenten und Steuern, welche nicht verursachergerecht verteilt werden. Auch die Bundeskasse basiert auf Steuern, und wenn die Ausschüttungen der Nationalbank für die AHV verwendet werden, dann fehlt dieses Geld anderswo, was wiederum die Steuern hochtreibt.
      Für Firmen sind nicht nur Personalkosten wichtig, sondern auch Steuern. Was nicht über Lohnprozente kommt, muss über Steuern eingetrieben werden. Das belastet Unternehmen ebenfalls. Die Löhne werden durch den freien Arbeitsmarkt in Schach gehalten – mit Ausnahme der obersten Führungsebene – weshalb bei höheren AHV-Beiträgen tendenziell lediglich der Betrag sinkt, der auf den Konti der Arbeitsnehmer erscheint. Wie sich die Situation für Unternehmen unter dem Strich auswirkt, kann nur nach vertiefter Untersuchung beurteilt werden.
      Die angegebenen Lebensabschnitte orientieren sich lediglich nach der Erwerbstätigkeit. Dabei fällt auf, dass die Zeit des Erwerbsalters etwa gleich lang ist wie die beiden erwerbslosen Lebensabschnitte zusammen, und die beiden erwerbslosen Abschnitte unter sich ebenfalls ungefähr gleich lang sind. Das erleichtert eine grobe Abschätzung

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