Krone der Schöpfung

Wissenschaftlern, welche nur ihr Fachgebiet als massgebend erachten, sollte man mit Vorsicht begegnen.
Viren

Die Krone der Schöpfung leidet gegenwärtig unter dem letzten natürlichen Feind, der ihr noch geblieben ist, einem Virus. Dabei sind Viren doch so winzig, dass man sie selbst unter einem Mikroskop nicht sehen kann. Gemäss den Virologen sind es nicht einmal Lebewesen. Sie haben aber die Evolution seit Anbeginn des Lebens massgeblich beeinflusst. Immerhin sind Viren organische Strukturen und Teil der Biomasse. Vermehren können sie sich nur mit einem Wirt. Jede Lebensform kann ihr Wirt sein – Pflanzen, Tiere, aber auch einfachere Organismen. 

Wie gross das Tummelfeld für Viren ist, verdeutlicht eine Publikation von Yinon M. Bar-On et al. vom Weizmann Institute of Science in Israel: The Biomass Distribution on Earth.[1] In dieser Studie geht es überhaupt nicht um Viren, sondern um eine Bestandsaufnahme zur Biomasse der Erde. 

Biomasse_inkl_Viren-1

Als erstes sticht da ins Auge, dass die acht Milliarden Menschen auf der Erde nur ein Zehntausendstel der gesamten Biomasse darstellen. Das sagt natürlich überhaupt nichts über ihren Einfluss auf den Rest der lebendigen Materie aus, aber ein erster Dämpfer zum Hoheitsanspruch über die Erde ist da bereits gesetzt. Doch dazu später.

Vier Fünftel (83%) der Biomasse sind Pflanzen. Pflanzen sind jene Lebewesen, die sich nicht fortbewegen können und Photosynthese betreiben, respektive auf CO2 angewiesen sind. Dann folgen die Bakterien mit dreizehn und Pilze mit zwölf Prozent. Tiere – das sind die Lebewesen, die auf die Körpersubstanz und Produkte anderer Organismen angewiesen sind – machen bloss zwei Prozent der Biomasse aus. Drei Prozent des Tierreichs sind Homo sapiens. Das ist das bereits erwähnte Zehntausendstel der Biomasse.  Nur als Hinweis an die Veganer: Aus Sicht einer Pflanze sind Tiere und Menschen Parasiten. 

Bar-on ermittelt die Masse der Organismen mit unterschiedlichen Methoden. Der Unsicherheitsfaktor ist besonders gross bei den kleinsten Organismen wie Bakterien, Archäen und Viren. Bei den Viren gleich um einen Faktor zwanzig. Im Klartext heisst das, dass die Masse der Viren wahrscheinlich drei Mal grösser ist als die gesamte Menschheit, aber auch bis zu sechzig Mal grösser oder sechs Mal kleiner sein könnte. Wie dem auch sei, gibt es auf jeden Fall eine ungeheure Masse und eine noch ungeheurere Zahl von Viren. Aber es lehrt uns, wie erstaunlich wenig wir über die Welt dieser sehr einflussreichen Organismen wissen.

Solche Grössenverhältnisse lehren Demut über unsere eigene Wichtigkeit. Sie verlangen tieferes Nachdenken darüber, wie wir meinen, den Planeten steuern zu müssen oder überhaupt steuern zu können. Und zwar nicht nur in Bezug auf die Biosphäre und Ressourcen, sondern auch in Bezug auf das Klima. Zur Erinnerung: Vor fünfzig Millionen Jahren, einer Zeit als es in der Antarktis kein Eis, sondern Urwälder gab, und die globalen Temperaturen jenseits der heute prognostizierten Kippunkte lagen, war die globale Biomasse grösser als heute. 

«Hört auf die Wissenschaft», wird allerorts gefordert. Das mag seine Richtigkeit haben. Aber Wissenschaftlern, welche nur ihr Fachgebiet als massgebend erachten und den Blick fürs Grosse und Ganze verlieren, sollte man mit Vorsicht begegnen. Wissenschaftler, die realisieren wieviel sie noch nicht wissen, stellen der Politik keine grossen Forderungen allein auf sie zu hören. Denn sie erkennen, dass nicht einmal sie die Krone der Schöpfung sind


[1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29784790/

Häring Markus
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3 Kommentare

  • …. und dann kommt jemand daher und pocht aufs «Antropozän»

  • Markus Häring

    «Der Mensch erscheint im Holozän» (Max Frisch). Das ist eine Kaltzeit. Vermutlich sollten wir uns an ein durchschnittliches Erdklima anpassen.

  • «Vor fünfzig Millionen Jahren, einer Zeit als es in der Antarktis kein Eis, sondern Urwälder gab, und die globalen Temperaturen jenseits der heute prognostizierten Kippunkte lagen, war die globale Biomasse grösser als heute.»

    Gut, aber damals gab es auch keine hypersensiblen Menschen und Gesellschaften, die von den hohen Temperaturen hätten betroffen sein können.

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