Die populärste Sparidee

Die populärste Sparidee

Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig.
Kurt Tucholsky (1890-1935)

Das Schweizer Volk spürt in der Entwicklungshilfe
das Mikro-Makro-Paradox

Ausschnitt aus einem Bild auf der Webseite von HELVETAS

Auch wenn ich dieses Tucholsky-Bonmot an den Anfang gestellt habe, bin ich nicht der Meinung, dass das Bauchgefühl des Volkes nüchternen Sachargumenten überlegen ist. Aber gegen schlechte Politik fühlen die Leute oft richtig. Viele Menschen durchschauen zum Beispiel die komplizierte Mechanik der Entwicklungszusammenarbeit mit all ihren Akteuren mit unterschiedlichen Interessen nicht. Aber sie fühlen, dass diese in der Dritten Welt – Verzeihung, ich meine natürlich im Globalen Süden – bei weitem nicht das an Entwicklung liefert, was von Politik, Experten und Interessengruppen seit Jahrzehnten versprochen wird.

Die Bevölkerung urteilt bei der Entwicklungszusammenarbeit offensichtlich ganz anders als die Entwicklungshilfe-Lobby mit all ihren zugewandten NGO. Was die mündige Bevölkerung zu Einsparungen im Bundeshalt meint, ist im November 2024 in einer Umfrage von Sotomo erhoben worden. Dies sind die vier bevorzugten Sparbereiche:

Hinweis: Beliebige Anzahl Nennungen möglich
(Quelle: Watson/Sotomo ‚Barometer Finanzpolitik‘)

Dass die Entwicklungshilfe zuoberst steht, gefällt den Entwicklungs-NGO natürlich gar nicht. Schliesslich sind sie zur Aufrechterhaltung ihrer Aktivitäten und ihres politischen Einflusses auf das staatliche Geld angewiesen. Zudem wirkt bei Budgetierungsprozessen ein ungeschriebenes Gesetz. Empfänger leiten aus dem aktuellen Haushalt eine Art Gewohnheitsrecht auf mindestens dieselbe Summe für das kommende Budgetjahr ab.

Entwicklungshilfe ohne Wachstum
Die Leute spüren das ‚Mikro-Makro-Paradox‘ intuitiv, auch wenn sie noch nie davon gehört haben. Dieses Phänomen ist gerade und vor allem aus der Entwicklungshilfe bekannt und ist auch Gegenstand der Forschung. Was ist damit gemeint? Seit Jahrzehnten laufen in Entwicklungsländern unzählige gut gemeinte lokale Hilfsprojekte auf der Mikroebene, scheinen aber auf der Makroebene ohne sichtbare Wirkung auf Wachstum und Wohlstand zu sein.1 Dies trifft auch dann zu, wenn eine gewisse Zahl von Einzelprojekten in Evaluationen positiv abschneidet.

Doch sind Projektevaluationen in der Tendenz durch eine kaum korrigierbare Färbung verzerrt, denn viele Evaluatoren stehen ihrer persönlichen Neigung nach den Zielen und Projekten der Entwicklungshilfe nahe. Der langjährige Greenpeace-Chef und Foodwatch-Gründer Thilo Bode sagte dazu in einem Interview mit der NZZ vom 11.Februar 2026 in Bezug auf deutsche Verhältnisse: „Eine winzige Anzahl der Projekte wird zwar evaluiert und ist öffentlich, die Evaluierungen basieren aber auf den Informationen der zuständigen Projektmitarbeiter. Es gibt keine unabhängige externe Kontrolle.“ Ob das in der Schweiz ganz anders läuft, wage ich angesichts der festgefügten Interessenstrukturen im Geschäftsfeld ‚Entwicklungshilfe‘ zu bezeifeln.

Martin Paldams Nullkorrelation
Diese Problematik von Projektevaluationen ist auch eines der Ergebnisse, das der bekannte dänische Ökonom Martin Paldam in seinem wissenschaftlichen Aufsatz ‚Three sets of evidence about aid effectiveness. The micro-macro paradox of aid revisited‘ präsentiert.2 Es lohnt sich, einige von Paldams Erkenntnissen genauer anzuschauen, beginnend mit diesem Satz im Jargon des Ökonomen (mit Google als Übersetzungshilfe):

„Da Entwicklungshilfe und Wachstum in einer einfachen univariaten Beziehung eine Nullkorrelation aufweisen, müssen andere Ziele gefunden werden, wenn Entwicklungshilfe weitergeführt werden soll. Folglich wurden Entwicklungshilfeleistungen mit vielen anderen Zielen verknüpft, von denen die meisten recht hochgesteckt und schwierig zu handhaben sind.“

Eine ‚einfache univariate Analyse‘ untersucht nur die Abhängigkeit eines Ausdrucks von einer einzigen Variablen, im vorliegenden Fall die Beziehung zwischen einem bestimmten Mass für Entwicklungshilfe als Input und dem Wirtschaftswachstum als Output. Es handelt sich um eine vereinfachte Analyse, bei der keine weiteren Faktoren wie politische Stabilität, Korruption, Bildung oder Infrastruktur berücksichtigt werden. Mit dem Begriff ‚Nullkorrelation‘ drückt Paldam aus, dass in dieser einfachen Betrachtung Entwicklungshilfe statistisch gesehen keinen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum hat. Deshalb müsse die Entwicklungszusammenarbeit mit anderen Argumenten legitimiert werden.

Das Fehlen ‚guter Politik‘
Ansatzpunkte liefern in der politischen Praxis die eben erwähnten Faktoren auf einer unteren Zielebene: Es gibt Projekte für mehr politische Stabilität, gegen Korruption, für mehr und bessere Bildung oder für den Ausbau der Infrastruktur. Anzufügen wären auch Anliegen wie Familienplanung oder Schuldenerlasse. Allen ist gemeinsam, dass sie zum Oberziel ‚mehr Wachstum und Wohlstand‘ beitragen sollen. Paldam meint, die meisten dieser Ziele seien hochgesteckt und schwierig zu handhaben. Schwierig zu handhaben sind sie auch in Bezug auf eine möglichst objektive Evaluation. Denn dann handelt es sich um die Berechnung einer irgendwie definierten sozialen Rendite aus einer Kosten-Nutzen-Betrachtung auf der unteren Ziel- oder Projektebene.

Überspitzt formuliert, erscheint die Entwicklungszusammenarbeit als eine höhere Form des Mutter-Teresa-Ansatzes. Man kämpft mit lokalen Projekten gegen die Armut zugunsten einer ausgesuchten Minderheit, aber auf Landesebene ändert dies nichts, weil die erhofften positiven Wirkungen in dysfunktionalen Institutionen verpuffen. Diese ungünstigen Bedingungen behindern oft auch die Skalierbarkeit von Musterprojekten auf die regionale oder nationale Ebene. Ökonom Paldam folgert, dass positive, breit sichtbare Effekte von Entwicklungszusammenarbeit nur bei Vorliegen guter Politik zu erwarten sind. Die Ironie dieser Einsicht kennen wir aus Ländervergleichen. Entwicklungsländer mit guter Politik schaffen den Aufstieg aus der Armut in der Regel selbst.

Dennoch scheint man diesen verbreiteten Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit nicht aufgeben zu können, obwohl eine grundlegende Revision angesichts der bescheidenen Resultate angezeigt wäre. Im Kontrast zur Sotomo-Umfrage fühlen sich viele Menschen in den Geberländern moralisch verpflichtet, selbst Aktivitäten weiterzuführen, deren Wirksamkeit entweder nicht messbar oder durch die praktische Erfahrung längst widerlegt ist. Zudem gibt es in den Geberländern die bereits erwähnten gefestigten Interessenstrukturen mit der entwicklungspolitischen Bürokratie, den zahlreichen Entwicklungs-NGO3 sowie Auftragnehmern aller Art.

Nicht nur in der Entwicklungszusammenarbeit
Das Mikro-Makro-Paradox lässt sich auch in anderen wichtigen Bereichen beobachten, wo politischer Aktivismus herrscht, ohne dass im Gesamtbild eine Wirkung sichtbar würde. Ich nenne nur zwei Beispiele:

Gesundheitspolitik – Seit der Einführung der obligatorischen Krankenversicherung Mitte der 1990er-Jahre – grossartig als kostendämpfende Wende durch mehr Markt angekündigt – vermochten all die punktuellen Massnahmen gegen steigende Gesundheitskosten (Druck auf Medikamentenpreise, Fallpauschalen, einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Spitalleistungen EFAS, Prävention) den übermässigen Kostenanstieg nicht zu bremsen. Für die Anbieter gibt es Ausweichmöglichkeiten, um Einkommensverluste zu kompensieren. Doch wichtiger ist dies: An den strukturellen Grundproblemen wie den Fehlanreizen bei Anbietern und Patienten, dem regulatorisch behinderten Wettbewerb unter den Krankenkassen (Stichwort Vertragszwang), der verlustreichen föderalistischen Spitallandschaft sowie dem Rückstand bei der Digitalisierung hat sich nichts geändert.

Nach Untersuchungen des IWF leiden viele Länder im Gesundheitswesen unter Effizienzlücken. Für die Industrieländer (in der Abbildung unten dunkelblau) hat der IWF geschätzt, dass diese in der Periode von 1980 bis 2023 zwischen 20 und 30 Prozent betrugen, definiert als Differenz zwischen dem Durchschnitt und einem ‚best practice‘-Benchmark.

Die Grafik zeigt Effizienzlücken, also Abweichungen von der Ausgabeneffizienzgrenze. Die Effizienzlücken reichen von 0 (vollständig effizient) bis 100 (vollständig ineffizient). Die Abbildung zeigt Durchschnittswerte von 1980 bis 2023. Die Kästchen geben Median und Interquartilsabstand (25. bis 75. Perzentil) an. (Quelle: IMF)

Klimapolitik – Das hehre UNO-Ziel der Pariser Klimakonferenz von 2015, die Erderwärmung auf 1,5 Grad seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu begrenzen, hat einen edlen Wettlauf der „netto null“-Ankündigungen von Ländern, aber auch von Firmen ausgelöst.

Viele Regierungen haben sich ambitionierte CO2-Reduktionsziele vorgegeben und dann versucht, mit einer Vielzahl von Einzelmassnahmen diesen Zielen näher zu kommen. Zahlreiche Unternehmen taten dasselbe. All diese Einzelmassnahmen bilden die Mikroperspektive. Aus Makrosicht, also im weltweit ansteigenden Trend des CO2-Gehalts in der Atmosphäre, ist noch kaum etwas sichtbar. Die plausibelste Erklärung dafür ist einfach: Verlagerung der Emissionen. Es sind fast ausschiesslich die reichen westlichen Industriestaaten, die ihre CO2-Emissionen gesenkt haben. Ein beträchtlicher Teil dieser Reduktion wurde durch die Verlagerung von CO2-reichen Produktionen in Schwellenländer erreicht – oft nicht einmal ein Nullsummen-, sondern ein Negativsummenspiel. Denn die Produktionsweisen in Schwellenländern wie China beruhen noch schwergewichtig auf fossiler Energie.

Im Ergebnis wuchs in den westlichen Industriestaaten die Kluft zwischen dem sinkenden produktionsbasierten (inländischen) Pro-Kopf-Ausstoss von CO2 und dem steigenden, auf dem Konsum grenzüberschreitend berechneten Pro-Kopf-Ausstoss. Das geläufige Stichwort dazu lautet ‚Carbon Leakage‘. Gemäss Google Gemini ist die Schweiz eines der Länder mit der grössten Diskrepanz weltweit: „Um das Jahr 2000 herum lag der Anteil der im Ausland anfallenden Emissionen bei etwa 55 %. Bis heute ist dieser Anteil auf etwa 65 % bis 70 % gestiegen.“ In absoluten Zahlen sieht es allerdings besser aus, denn auch der importierte CO2-Ausstoss ist gesunken:

Schweizerischer CO2-Ausstoss pro Kopf
(Quelle: Google Gemini, basierend auf Rohdaten aus verschiedenen Quellen)

Welches Fazit?
Natürlich könnte man bei allen drei Politikbereichen – Entwicklungspolitik, Gesundheitspolitik, Klimapolitik – entgegenhalten, die verschiedenen Projekte, Programme und Massnahmen hätten immerhin eine schlimmere Entwicklung verhindert. Zu beweisen ist das allerdings nicht, schon gar nicht von mir. Deshalb zitiere ich hier bloss ein paar prominente Stimmen.

Klimapolitik – Der bekannte deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn hat in seinem Buch ‚Das grüne Paradoxon‘ die These von einer kontraproduktiven Wirkung westlicher bzw. vor allem deutscher Klimapolitik vertreten. Wenn ein Land wie Deutschland im Alleingang fossile Energie einspare, würden die frei werdenden Mengen über Preisanpassungen in anderen Ländern nachgefragt. Sinn verwies auch immer wieder auf die Tatsache, dass unter dem CO2-Emissionshandelssystem der EU Massnahmen eines einzelnen Landes, zusätzlich zu den zugeteilten Emissionsrechten CO2 einzusparen, sinnlos seien. Die frei werdenden Rechte würden über das Handelssystem zur Nutzung in anderen Ländern angeboten.

Gesundheitspolitik – Warum all die punktuellen Versuche, das Kostenwachstum im Gesundheitswesen zu bremsen, nichts Sichtbares bewirken, ist ein Thema, zu dem sich unter anderen der Gesundheitsökonom Stefan Felder (Universität Basel) in jüngerer Zeit immer wieder geäussert hat. Woran das schweizerische Gesundheitswesen krankt und wie eine wirksame Reform des schweizerischen Gesundheitswesens aussehen könnte, haben Bernd Schips, der ehemalige Direktor des KOF-Instituts an der ETH, und der verstorbene Basler Ökonom Silvio Borner in ihrer Studie ‚Genesung durch Wettbewerb‚ aufgezeigt.

Entwicklungspolitik – Bei der Entwicklungshilfe sind die prominenten Stimmen zur Erklärung des Mikro-Makro-Paradoxes am deutlichsten. Thilo Bode sagt im NZZ-Interview, Armut sei „kein Schicksal, sondern Folge falscher Politik derer, die in den Empfängerländern an der Macht sind.“ Ganz ähnlich klang der britisch-amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Angus Deaton in einem früheren NZZ-Interview: „Länder entwickeln sich von innen. Dazu braucht es eine Regierung und eine Bevölkerung, die gemeinsam auf Entwicklungsziele hinarbeiten.“ Entwicklungshilfe könne die notwendigen wachstumsfördernden Institutionen zerstören, statt sie aufzubauen. Die Entwicklungshilfe habe Afrika nicht reicher, sondern ärmer gemacht.

  1. In einem früheren Beitrag hatte ich auf das Buch ‚The Elusive Quest For Growth: Economists‘ Adventures and Misadventures in the Tropics‘ des US-amerikanischen Ökonomen William Easterly hingewiesen. Gemäss Easterly lässt sich in keinem der bisher versuchten Ansätze der Entwicklungspolitik eine überzeugende positive Wirkung nachweisen. ↩︎
  2. Ich hatte in einem früheren Beitrag bereits auf Paldams Paper hingewiesen. ↩︎
  3. Dazu Thilo Bode im NZZ-Interview: „Viele NGOs, besonders in Brüssel, sind kompromittiert, weil sie von staatlichen Stellen Geld annehmen… So etwas verwandelt eine NGO zu einer Regierungsorganisation.“ 

Dieser Beitrag findet sich auch auf dem Blog des Autors volldaneben.ch.

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1 thought on “Die populärste Sparidee”

  1. Seit dem WW2 werden jährlich Milliarden an Entwicklungshilfe nach Afrika gespendet, ohne dass der Kontinent davon profitiert, dessen Einwohner leben meistens immer noch in primitiver Armut. Diese Spenden verschwinden bei den NGOs, Chinesen, Waffenhändler, Despoten, Söldner oder auf Schweizerbanken.
    Die Lösung wäre einfach, vor allem für Westafrika. Sie sollen einfach eine Rechnung an Donald Trump senden für die Leistung einer etwa 200 jährigen Aufbau- und Entwicklungsarbeiten in den USA.

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