Die verborgene Fragilität unseres Stromnetzes

Die verborgene Fragilität unseres Stromnetzes
Max Fischer (s. unten)

Für die Stromkonsumenten und das Gemeinwohl in der Schweiz scheint mir im Zusammenhang mit der Einbindung in den europäischen Strommarkt etwas vordringlich zu sein: Eine zuverlässige Stromversorgung zu tiefen Preisen. Die Schweiz hatte lange Zeit eine solche, basierend auf Wasserkraft und Kernenergie, in einem vertikal integrierten System. Das heisst, es gab regionale Monopole unter gemeinsamer Führung von Produktion, Netz und Handel, wobei die Führung die Verantwortung für die Versorgungssicherheit trug und auch in der Lage war, diese Verantwortung tatsächlich wahrzunehmen. Angesichts der Erfolge bei der Deregulierung der Telekommunikation und Zivilluftfahrt kam jedoch um die Jahrtausendwende die Idee auf, dasselbe mit der Stromversorgung zu versuchen. Also wurden Produktion und Verteilnetz strikte getrennt und dazwischen eine Ebene des Stromhandels eingeschoben («unbundling»). Leider wurden dabei einige Besonderheiten einer Stromversorgung übersehen. Nicht alles eignet sich gleichermassen für eine Marktöffnung. Niemand stört sich daran, dass z.B. Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung, Polizei, Währung und Landesverteidigung Monopole sind. Mit dem «Unbundling» wurde es grundsätzlich unmöglich, irgendeine beteiligte Partei in die Lage zu versetzen, die Verantwortung für die Versorgungssicherheit wahrzunehmen. Nur noch der Bund kann mit superteuren Notmassnahmen eingreifen. Ein fataler Fehler angesichts dessen, dass die Stromversorgung allen übrigen Systemen unseres Lebens übergeordnet ist und ein andauernder Blackout vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) als das grösste Risiko für die Schweiz betrachtet wird.

Wer einen Vergleich zwischen beiden Systemen sucht, wird auf der anderen Seite des Atlantiks fündig. In den USA haben die Bundesstaaten je eigene Stromversorgungssysteme, etwa ein Drittel konventionelle, vertikal integrierte Systeme, während die übrigen eigene oder mit anderen Bundesstaaten zusammengeschlossene RTOs mit getrennter Produktion, Verteilung und dazwischengeschobenem Grosshandel aufweisen (RTO = Regional Transmission Organization). Das Buch «Shorting the Grid – The Hidden Fragility of Our Electric Grid» von Meredith Angwin beschreibt die verschiedenen Systeme, die Handelsmechanismen und ihre Folgen für Strompreise, Versorgungssicherheit und die Entwicklung des Strommixes. Fazit: Vertikal integrierte Systeme mit ihrer klaren Zuordnung der Verantwortung und Preiskontrolle durch die PUC (= Public Utility Commission) bieten durchwegs die tiefsten Strompreise und die höchste Versorgungssicherheit. Sie können am besten die negativen Einflüsse der hochsubventionierten variablen Erneuerbaren Energien (vEE) in Schach halten. Vertikal getrennte Systeme hingegen können sich nicht gegen hochsubventionierte vEE wehren, grundlastfähige Kraftwerke (Kernenergie, Kohlekraftwerke, …) werden unrentabel und tendenziell durch Gaskraftwerke ersetzt, der Handel versucht mit steigender Regulierung vergeblich, dem Zerfall der Versorgungssicherheit und dem schlechten Einfluss der vEEs entgegenzuwirken, die Reserven im Gesamtsystem sinken, während der Stromhandel mit Spekulation auch dann noch viel Geld herausziehen kann, wenn das System dem Kollaps nahe ist. Wenn es schiefläuft, muss der Staat einspringen.

Wollen wir das wirklich? Die EU will uns in ein solches System hineinziehen, wobei uns unsere seit 2001 verfehlte Energiepolitik geschwächt und in dieselbe Richtung gelenkt hat. Noch ist es nicht zu spät zum Handeln. Aber Bern muss endlich erwachen.

(Anmerkung: Es geht hier aus Systemperspektive nicht um öffentlich oder privat, sondern um vertikal integriert oder vertikal getrennt.)

Literatur

Angwin Meredith, Shorting the Grid: The Hidden Fragility of Our Electric Grid, Carnot Communications 2020, https://www.amazon.de/Shorting-Grid-Hidden-Fragility-Electric/dp/1735358002/


Max Fischer
Geb. 15. Februar 1954
Dipl. Natw. ETH (Abt. X Bd: Biochemie und Mikrobiologie)
Dipl. Masching. ETH (Abt. IIIA/C: Verfahrenstechnik)

Berufsleben im Wesentlichen in verschiedenen Funktionen der Planung und Realisierung von Produktionsanlagen für die Pharmaindustrie mit Schwerpunkt Biotechnologie und steriler pharmazeutischer Endfertigung. Zuerst im Anstellungsverhältnis bei einem Komponentenhersteller, dann der Pharmaindustrie und schliesslich bei Anlagenplanern. Ab 2005 mit eigener Consultingfirma Fischer Process GmbH bis zur Pensionierung.

Spezielles Interesse an komplexen Systemen in Natur und Technik.

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2 thoughts on “Die verborgene Fragilität unseres Stromnetzes”

  1. Sehr interessanter Beitrag – vielen Dank Max Fischer.
    Der Beitrag passt, weil sich das CCN künftig noch etwas mehr um institutionelle Fragen des System- oder Marktdesigns kümmern will.
    Inhaltlich möchte ich Folgendes bemerken:
    Betreffend Liberalisierungen sollte unterschieden werden in deren Bestandteile (1) Marktöffnung und (2) Entstaatlichung. In der Regel funktionieren teilliberalisierte Märkte nicht richtig. Krass ineffizient und darum falsch ist eine Entstaatlichung ohne Marktöffnung, wie in den 1980-er Jahren in GB im Gas- und später im Eisenbahnsektor gelernt werden konnte. Auch falsch ist Marktöffnung ohne Entstaatlichung. Die Liberalisierung der Strommärkte kann aus technisch-ökonomischen Gründen – wir werden darauf zurückkommen – nur mit vertikaler Separation klappen. Doch benötigt diese hoch-komplexe Regulierungen. Dazu wird ständig mit angeblich überwiegenden öffentlichen Interessen interveniert und subventioniert (Dekarbonisierung). Die Sache wird dann dermassen verzerrt und komplex, dass eine integrierte staatliche Lösung einfacher wäre und als besser erscheint. Das vermeintliche Marktversagen ist allerdings effektiv ein Staats- und Regulierungsversagen.

  2. Mir gefällt dieser Beitrag sehr gut, weil er konventionelle Pfade verlässt. Persönlich bin ich sehr skeptisch, ob die konventionelle Energiepolitik ökonomisch fundiert ist. Ich beginne bei Coase (1960), welcher uns auffordert, die beste institutionelle ganz ideologiefrei Lösung zu wählen. Mein zweites Prinzip lautet Kiss: Keep it simple, stupid. Die dritte Feststellung: In unserer modernen Welt geht es zuerst immer nur um Versorgungssicherheit, dann um Versorgungssicherheit und dann vielleicht auch um Preise für Leistung und für Energie. Fazit: Die zuverlässigen alten vertikal integrierten Systeme machen so viel mehr Sinn als der ganze deregulierte und reregulierte Schmarren.

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