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Klimapolitik auf Abwegen

Klimapolitik auf Abwegen

Das Wall Street Journal berichtete in seiner Ausgabe vom 14. Mai 2025, dass die globalen Konzerne Netflix und Meta im Zentrum eines Konflikts rund um den Verlust wertvoller CO₂-Kompensationszertifikate durch ein umstrittenes Klimaschutzprojekt in Nordkenia stehen. Dieses Projekt, bekannt als «Northern Kenya Rangelands Carbon Project», sollte auf einer Fläche von 4.7 Mio. Hektar, was mehr als der Fläche der Schweiz entspricht, gemeinschaftlich genutzten Weidelands Kohlenstoff im Boden binden und damit Emissionen kompensieren.

Netflix und Meta nutzten diese Zertifikate, um ihren «ökologischen Fussabdruck» zu reduzieren und ihre Umweltziele zu erreichen. Meta erreichte dadurch bereits 2020 Klimaneutralität, Netflix zwei Jahre später. Netflix hatte etwa 8.5% seiner Zertifikate 2021 aus diesem Projekt bezogen. Insgesamt wurden über sechs Millionen Zertifikate aus dem Projekt verkauft, deren Wert zwischen 42 und 90 Mio. USD liegt.

Der Konflikt entstand, als lokale Maasai-Hirten vor Gericht argumentierten, dass das Projekt ohne ihre Zustimmung umgesetzt wurde und traditionelle Weidesysteme beeinträchtigte. Die Hirten klagten, dass die durch das Projekt eingeführten Einschränkungen traditionelle Migrationsmuster störten, die über Jahrhunderte auf saisonaler Verfügbarkeit von Weideland basierten. Einige Hirten berichten, dass diese Restriktionen während einer Dürreperiode 2022 katastrophale Auswirkungen auf ihre Herden hatten, da ihnen der Zugang zu essenziellen Weideflächen verwehrt wurde. Hassan Bidhu, einer der Kläger, beschrieb, wie das Projekt traditionelle Systeme verdrängte und so zu existenziellen Bedrohungen führte.

Ein kenianisches Gericht entschied zugunsten der Hirten, was dazu führte, dass die internationale Non-Profit-Organisation Verra, welche die Zertifikate zertifiziert, die Genehmigung des Projekts aussetzte. Laut Aktivisten könnte das Gerichtsurteil etwa 20% der Zertifikate des gesamten Projekts ungültig machen, möglicherweise sogar bis zu 50%, wenn ähnliche Klagen in anderen Schutzgebieten folgen.

Befürworter des Projekts argumentieren hingegen, dass das Modell freiwillig und gemeinschaftlich verwaltet werde. Einnahmen aus dem Verkauf der Zertifikate hätten wichtige Investitionen ermöglicht, darunter Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen und Brunnen, und einige Hirten berichten von positiven Effekten durch bessere Weideflächen während der Regenzeit. Trotzdem kritisieren Gegner, dass lokale Eliten und ausländische Naturschutzorganisationen dominieren und gewöhnliche Hirten kaum Einfluss haben.

Der Streit wirft grundsätzliche Fragen über die Glaubwürdigkeit von Klimaschutzprojekten und deren tatsächlichen Nutzen für lokale Gemeinschaften auf. Die Eskalation in Nordkenia könnte exemplarisch für künftige Auseinander- setzungen sein, da der globale Markt für CO₂-Kompensationen bis 2030 auf bis zu 35 Milliarden Dollar anwachsen könnte. Bereits gab es ähnliche Konflikte und Proteste in anderen Regionen, etwa in Südküstenia, wo vergleichbare Projekte geplant sind.

Menschenrechtsorganisationen wie Survival International kritisieren insbesondere, dass solche Projekte oft ohne ausreichende Aufklärung und Zustimmung der betroffenen Gemeinschaften initiiert werden. Sie warnen davor, dass durch solche Initiativen traditionelle Lebensweisen, insbesondere von nomadischen Hirten wie den Maasai, bedroht sind.


«Netflix’s, Meta’s Carbon Credits Snared in Dispute With Maasai Herders» von Caroline Kimeu, WSJ 14. Mai 2025

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Dies ist ein Blog von Autoren, deren Meinungen nicht mit denen von CCN übereinstimmen müssen.

8 thoughts on “Klimapolitik auf Abwegen”

  1. Interessanter Beitrag.
    Ich wollte Maassai zu Massai korrigieren, fragte aber sicherheitshalber noch bei Copilot nach. Antwort: “Maasai” ist die korrekte Schreibweise und bedeutet „Menschen, die die Maa-Sprache sprechen“. “Massai” hingegen ist eine ältere, von britischen Siedlern verbreitete falsche Schreibweise.

  2. Sehr guter Beitrag. Es war klar, dass das Unwesen der ungebremsten Zertifikatsgeschäfte hemmungslos für die eigenen ESG-Zwecke grosser Firmen missbraucht wird. In Kooperation mit lokalen Profiteuren natürlich. Und schliesslich auf Kosten der Schwächsten in bestimmten Regionen – wo niemand so genau hinschaut. Auswüchse der Biden’schen “New Green Deal”- Klimapolitik zu NetZero2050.

  3. Jesus warf die Händler aus dem Tempel,
    Luther verbannte den Ablasshandel,
    Wer wirft die CO2-Ablasshändler aus diesem Tempel?

    1. Ich füge meiner Analogie noch bei:

      Klimaschutz darf keine Handelsware sein respektive zur Alibi-Handelsware pervertieren!

      1. Der Zusatz “Alibi” ist in dieser Analogie extrem wichtig. Denn das beste Rezept der Ökonomen für Klimaschutz – oder sagen wir neutraler: CO2-Reduktion – ist der Handel mit CO2 – aber eben nicht so, wie im Beitrag von Tinu Hostettler dargestellt.
        Oder “wäre”, müsste man sagen, denn etwas anderes als Alibi-Übungen und kriminelle Umverteilungen scheint es noch nicht zu geben. Doch haben die Ökonomen nie behauptet, ihre Rezepte seien auf einer globalen Basis leicht umzusetzen. Darum werden auch Clublösungen in Betracht gezogen, in denen die Kontrolle möglich sein sollte.

        1. Selbstverständlich ist vieles eine Alibiübung!!!
          Zitat: “Darum werden auch Clublösungen in Betracht gezogen, in denen die Kontrolle möglich sein sollte.”
          Die Frage stellt sich: Gibt es verlässliche Kontrollen “JA” oder “Nein” und nicht ob dies “…möglich sein sollte.”
          Übrigens, was Ökonomen gesagt haben ist Nebensache – im Kontext nämlich, dass ohne verlässliche Kontrollen und Überprüfungen jedes System pervertiert!

          Beispiel : FINMA – CS (game over)

          1. Was (gute) Ökonomen sagen, ist immer Hauptsache 😉
            Verlässliche Kontrollen und Überprüfungen gibt es an sich auf Dauer nur in kompetitiven Systemen. In administrierten Systemen kann man sich fast sicher sein, dass früher oder später die zu Kontrollierrenden oder zu Überprüfenden die Kontrolle über die Kontrollierer oder Überprüfer gewinnen (capture theory… natürlich von Ökonomen!).

  4. In diesem Zusammenhang hat Microsoft gerade eine Vereinbarung mit Exomad Green über die Beseitigung von 1,24 Megatonnen CO2 durch “Biochar ” bekannt gegeben:
    https://sustainabilitymag.com/articles/microsoft-exomad-green-the-worlds-largest-carbon-removal.
    Biochar (die gute alte Holzkohle unserer Vorfahren) wird durch die Pyrolyse von Biomasse bei 400-500 °C gewonnen, ein energieintensiver Process. Dann wird es in den Boden versenkt, was ein sehr tiefes, energieintensives Pflügen ist, das mit einer Zerstörung der Bodenstruktur begleitet wird. Es wird behauptet, dass dies die Bodeneigenschaften verbessert, was eine gewisse Bioaktivität voraussetzt, die mit CO2-Emissionen in Verbindung steht.
    Dies kann als “vorübergehende CO₂-Sequestrierung durch Verlangsamung der natürlichen Zersetzung von Biomasse” bezeichnet werden.
    Am besten ist es CO2-neutral nachdem viel Energie nutzlos verwendet wird.
    Die kenianische Savanne ist ein ähnlicher Fall von Nutzlosigkeit, der zudem noch mit einer unangemessenen Bevormundung der dort lebenden Bevölkerungsgruppen verbunden ist.
    Warum lassen sich Unternehmen der virtuellen digitalen Welt von solchen Fantasien leiten? Um sich als die Vorreiter in der Welt des Guten zu positionieren, indem sie sich das Unerschwingliche leisten? Zu reich werden macht dumm.

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