Stromknappheit: Was nun?

von Lukas Weber, El.-Ing. ETH

Lukas Weber ist freier Publizist und Inhaber der Beratungsfirma Agentur E GmbH. Er hat 2016 mit Wirtschaftsverbänden, den Jungfreisinnigen und weiteren Organisationen das Referendum gegen das revidierte Energiegesetz (Energiestrategie 2050) ergriffen.

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Unser Land steuert auf eine Stromlücke zu – mit Nutzungsverboten für einzelne Stromanwendungen, grossflächigen Stromausfällen und Strommangel während Tagen oder gar Wochen.

Die Erkenntnis kommt allerdings nicht überraschend. Der Atomausstieg, den der Bundesrat am 25. Mai 2011 mit einer Mehrheit aus SP (Calmy-Rey, Sommaruga), BDP (Widmer-Schlumpf) und CVP (Leuthard) beschlossen hat, kann nicht funktionieren. Verständige und mutige Bürgerinnen und Bürger haben dies schon damals erkannt und öffentlich gesagt. Der Plan des Bundes, 40 Prozent der Stromproduktion aus Schweizer Kernkraftwerken im Wesentlichen durch Sonne-, Wind- und Erdwärmeanlagen zu ersetzen, konnte nicht aufgehen. So einfach die zugrundeliegende Rechnung war, so hartnäckig erzählten Politiker und Behörden, grüne Lobbyisten und die meisten Medien die Geschichte einer schönen neuen Stromversorgung, die gelingen würde, wenn nur genügend Leute daran glauben würden. Das Volk vertraute ihnen und gab am 21. Mai 2017 der vom Bund verabschiedeten Energiestrategie 2050 seinen Segen.

Recht haben genügt nicht

Es nützt heute wenig, wenn diejenigen, die damals widersprochen haben – einige FDP-Politiker, die SVP, die Verbände der Pharma- und Maschinenindustrie und verschiedene Komitees – sich damit begnügen, es «schon immer gesagt» zu haben. Die sich jetzt durchsetzende Einsicht, dass die vom Bund lancierte «Energiewende» nicht funktionieren wird, eröffnet Möglichkeiten für neue Erkenntnisse, neue Handlungsoptionen und neue Pläne. Wir brauchen sie.

Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ein Politikwechsel den gewünschten Erfolg bringt, d.h. damit unser Land wieder eine Stromversorgung hat, die eine Stromlücke verhindert und das Ziel verfolgt, das Gemeinwohl langfristig zu fördern?

Erstens: Es muss genügend Kraftwerke in der Schweiz geben (auf Stromimporte ist kein Verlass). Die Energiestrategie 2050 versprach, dass nach dem Atomausstieg nicht mehr Strom importiert werden müsse als davor. Schon damals widersprach dieses Versprechen dem Trend, dass die Schweiz im Winter zunehmend Strom importierte, ganz zu schweigen vom Mehrverbrauch durch zusätzliche Stromanwendungen wie zum Beispiel Elektrofahrzeuge oder Wärmepumpen. Der grösste Irrtum war jedoch, dass die Kernenergie durch nicht steuerbare und starken natürlichen Schwankungen unterworfene Sonnen- und Windenergie ersetzt werden könne. Der gross angelegte Ausbau dieser Energien ist leider nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Die Stromnetze haben heute zunehmend Schwierigkeiten, dann Strom zu liefern, wenn die Konsumenten ihn brauchen, und Strom «loszuwerden», wenn er wegen der Tageszeit und dem Wetter gerade im Überfluss produziert wird. Dies hat das Risiko von Stromausfällen rapide ansteigen lassen. Für den Energieausgleich, der im kleinen Rahmen etwa mit Akkus bewerkstelligt werden kann, gibt es für unser Land keine wirksame Lösung, einfach, weil die zeitlich zu verschiebenden Energiemengen viel zu gross sind (laut dem Forschungszentrum PSI bräuchte die Schweiz für eine Stromversorgung mit einem hohen Anteil an Sonnen- und Windenergie ungefähr das Fünfzigfache ihrer heutigen Speicherseen).

Günstige Energie ist ein Segen für alle

Zweitens: Die Energieversorgung muss günstig bleiben. Ein Blick auf die Lebensverhältnisse vor gerade einmal hundert Jahren zeigt, was für ein Segen günstige Energie für die Menschheit ist. Steigen die Strompreise so stark an wie im Energiewende-Vorzeigeland Deutschland, nämlich um 50 Prozent (von rund 20 auf rund 30 Cent pro Kilowattstunde und neuerdings auch mit allgemeinen Steuermitteln subventioniert), dann geht es schnell ans Eingemachte – zunächst für Geringverdiener, dann für alle übrigen. Eine besonders aggressive Variante der Strompreiserhöhung wäre der Übergang von konstanten zu zeitabhängigen Strompreisen, denn das würde bedeuten, dass wir unser Leben an die tageszeit- und wetterabhängige Stromproduktion anpassen müssten, wie es die Menschen vor der Industrialisierung tun mussten. Man sollte sich das nicht romantisch vorstellen.

Drittens muss die Stromversorgung effizient erbracht werden, denn nur dank hoher Effizienz ist eine Versorgung in der Grössenordnung von heute zu vernünftigen Preisen überhaupt möglich. Das bedeutet eine Versorgung mit vergleichsweise wenigen Grosskraftwerken, die das Stromnetz stabil halten, und ein fächerförmiges Stromnetz zur kostengünstige Feinverteilung. Eine dezentrale Stromversorgung mit vielen schwachen Stromerzeugern würde zwangsläufig mehr Geld, aber auch mehr Material und Landschaft verbrauchen. Die kürzlich ins Spiel gebrachte Idee, 2000 Gaskraftwerke zu bauen, die bei Strommangel einspringen sollten, ist Augenwischerei von Leuten, die nur schwer zugeben können, dass eine dezentrale Stromversorgung der Schweiz eine Utopie ist, es sei denn, wir wären bereit, immer wieder auf Strom zu verzichten.

Viertens: Die Hauptverantwortung für die Stromversorgung soll bei betriebswirtschaftlich rechnenden Unternehmen bleiben, denn sie sind der natürliche Garant für kostengünstige und kundenfreundliche Lösungen. Gleichzeitig muss der aktuelle rechtliche Rahmen von Investitionserleichterungen und -erschwernissen für die Stromversorgung (Ge- und Verbote, energiebezogene Steuern, Abgaben und Subventionen) neu eingestellt werden. Die aktuelle Gesetzgebung ist ein gewachsener Flickenteppich aus alten Rechten und jüngeren Partikularinteressen, der das einst zugrundeliegende Ziel einer sicheren und kostengünstigen Stromversorgung überdeckt und teilweise ins Gegenteil verkehrt hat.

Zurück in die Zukunft!

Diese vier Bedingungen sind die tragenden Säulen einer Stromversorgung, die die Schweiz bis zum Beginn einer «Energiewende» Ende der 1980er Jahre getragen haben. Sie bedeuten nicht, dass Veränderungen aufgrund des technischen Fortschritts, neuer Nutzanwendungen oder veränderter menschlicher Bedürfnisse keinen Platz haben. Sie sollen helfen, das Grundlegende vom Aufgepfropften zu unterscheiden und legitime Ziele im Sinne der Förderung der allgemeinen Wohlfahrt von Partikularinteressen, sei es der Atomwirtschaft oder der grünen Industrie, zu trennen, damit die nächsten Schritte der Schweizer Energiepolitik in die richtige Richtung gehen und alle Kräfte, die das wollen, ihren Beitrag leisten können.

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7 thoughts on “Stromknappheit: Was nun?”

  1. Auszug aus dem PSI Bericht: “Für den Fall, dass die Schweiz grössere Stromimporte im Winter vermeiden möchte, ist eine Speicherung von Strom zwischen den Jahreszeiten in Höhe von zwei bis drei Terawattstunden nötig, also circa das 40- bis 60-Fache der derzeitig in der Schweiz verfügbaren Kapazität der Pumpspeicherkraftwerke”. Gemäss BFE Statistik beträgt der Energievorrat in den Schweizer Stauseen jeweils Ende Oktober ca. 8 TWh, Ende März aber nur noch 1 TWh, wer schreibt also Unfug ???
    Nein, man muss richtig lesen und interpretieren, was Lukas Weber anscheinend nicht kann …

    1. Herr Lukas Weber hat einen sehr guten, sachlichen und verantwortlichen Artikel geschrieben. Er sagt nicht nein zur Fotovoltaik. Doch er sagt mit Recht und mit Kompetenz, dass es für eine zuverlässige Energieversorgung viel mehr braucht. Unsere künftige Elektrizitäts-Versorgung braucht Wasserkraft, moderne und sichere Kernenergie (IV Generation), Fotovoltaik, Windenergie, Geothermie, usw. Die sichere Entsorgung der nuklearen Abfälle ist wissenschaftlich, technisch, finanziell und ethisch längstens gelöst. Leider ist die Politik diesbezüglich bis heute passiv geblieben. Mit der fragwürdigen Energiestrategie 2050 wurde die Kernenergie absichtlich und gezielt verteufelt. Dabei hat man der Bevölkerung nie offen kommuniziert, dass die Reaktor-Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima die Folgen leicht vermeidbarer, aber sehr schwerer und bewusster menschlicher Fehler und Spekulationen waren. Ein Strom-Blackout kann uns Milliarden von Franken kosten. Wir müssen möglichst rasch informieren, entscheiden und handeln.

    2. Was bislang jeweils Hunderte von Milliarden gekostet hat, sind Atomunfälle wie die in Tschernobyl und Fukushima. «Dass diese Reaktor-Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima die Folgen leicht vermeidbarer, aber sehr schwerer und bewusster menschlicher Fehler und Spekulationen waren», wie Arthur Romer schreibt, ist ja nur um so schlimmer. Denn solche menschliche Fehler passieren immer wieder – auch mit der ausgesuchtesten neuen (Atom-) Technologie. Diese bleibt damit eine Technologie des letzten Jahrhunderts, von der wir uns schnellstens befreien sollten! Die Alternative in Form von Wind- und Solarenergien stehen bereit. Das hat man unterdessen weltweit geschnallt – denn allen Beschwörungen der Nuklearenergie zum Trotz wachsen ja vor allem die Erneuerbaren. Nur in der Schweiz noch nicht. Dabei hätte sie für eine breite Anwendung beste Voraussetzungen dank des Back-up’s mit der Wasserkraft.

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