Worst Case Science

Es ist fragwürdig, wenn Wissenschaftler ausschliesslich die Folgen eines Szenarios ausarbeiten, das mit grosser Wahrscheinlichkeit nie eintreffen wird.
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Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweizer Gewässer publiziert vom BAFU 2021 

Kürzlich hat das Bundesamt für Umwelt (BAFU) einen ansprechenden und umfangreichen Bericht zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweizer Gewässer publiziert.

Auf über hundert Seiten werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Kryosphäre, also die beschneiten Gebiete, die Gletscher und den Permafrost, auf die Gewässer (Fliessgewässer, Seen und Grundwasser) und auf die Wasserwirtschaft (Trinkwasser, Bewässerung, Wasserkraft, Hochwasserschutz etc.) aufgezeigt. 

Mehr als hundert Autoren aus Verwaltung und Hochschulen haben sorgfältig untersucht wie eine Klimaerwärmung jeden dieser Teilaspekte beeinflusst und welche Folgen daraus abgeleitet werden können.  Der Bericht, der nur in digitaler Form vorliegt, ist das Produkt solider wissenschaftlicher Arbeiten. Und es ist den Redaktoren gelungen, die Resultate in einer ansprechenden Art und Weise zu präsentieren – geschrieben in verständlichen Texten und illustriert mit überzeugenden Graphiken –, so dass auch der Laie sie nachvollziehen und verstehen kann. 

Alles in allem eine grossartige Sache, wenn da nicht von fragwürdigen Voraussetzungen ausgegangen würde. Die Untersuchungen beziehen sich nämlich ausschliesslich auf das berüchtigte Worst Case Szenario RCP 8.5 (Representative Concentration Path 8.5).* In diesem Szenario wird davon ausgegangen, dass die anthropogenen Treibhausgas-Emissionen bis ans Ende des Jahrhunderts praktisch ungebremst zunehmen. Das ist eine Extrapolation aus dem effektiven Trend der vergangenen siebzig Jahre. Doch die Fortsetzung einer Wachstumskurve in die Zukunft ist immer problematisch und entspricht nicht wissenschaftlicher Erfahrung. Für ein worst case Szenario sind solche Annahmen zulässig. Doch worst case heisst immer noch: Der Eintretensfall ist zwar nicht mit Sicherheit auszuschliessen, erscheint aber unwahrscheinlich. Oder statistisch gesprochen: ein solches Szenario liegt ausserhalb des Erwartungsbereichs, wie z.B. ausserhalb des häufig gewählten 95% Konfidenzintervalls. Zukunftsszenarien sollte man sowieso nicht statistisch herleiten. Sie sollten auf plausiblen Grundlagen aufbauen und sowieso immer wieder überprüft werden, ob diese noch stimmen. Das trifft beim RCP 8.5 Szenario nicht zu. So wurde zum Beispiel noch gar nicht untersucht, ob die Förderung von soviel fossilem Brennstoff überhaupt möglich wäre, wie in diesem Szenario verbrennt werden müsste. Zudem wird davon ausgegangen, dass es in Zukunft keine technologische Entwicklung gibt. Das ist also eine Sicht, wie wenn jemand im Jahre 1880 davon ausgegangen wäre, dass fortan sämtlicher Verkehr mit Dampfmaschinen stattfinden würde. Oder wie vor der Erfindung des E-Mails angenommen worden wäre, dass der Briefverkehr quasi ständig exponentiell zunehmen wird. 

Der langen Rede kurzer Sinn: Es ist schade, dass all die involvierten Naturwissenschaftler nur die Folgen eines Szenarios ausarbeiten, das mit grosser Wahrscheinlichkeit nie eintreffen wird. Wäre es nicht wesentlich sinnvoller, ständig nach dem wahrscheinlichsten Fall der Klimaentwicklung zu fragen und dann dessen potenzielle Folgen zu überprüfen? Modelle dazu gibt es zuhauf. Für Umwelt, Gesellschaft wie Wirtschaft wäre das klar von grösserem Nutzen.

* Das RCP 8.5 Szenario wurde vor zehn Jahren von Riahi et al. (2011) erarbeitet. Es basiert unter anderem auf einer Verzehnfachung des Kohleverbrauchs bis Ende des Jahrhunderts. Eine aus der Luft gegriffene Annahme, die schon heute von der Realität abweicht. Das RCP 8.5 Szenario gilt auch unter prominentesten Klimawissenschaftlern wie z.B. Zeke Hausfather nicht mehr als tauglich. 

In der Klimapolitik wird RCP 8.5 aber leider – wieso eigentlich? –  immer noch als Referenzszenario verwendet. 

Häring Markus
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11 Kommentare

  • Hanspeter Vogel

    Danke, Herr Häring. Dank Ihrem Beitrag weiss ich nun, dass RCP 8.5 nicht die wahrscheinlichste Entwicklung ohne weitere Klimaschutz-Massnahmen ist, obwohl ich als unbefangerner Leser des BAFU-Berichtes davon ausging. Ich habe in meiner beruflichen Tätigkeit viele Prognosen ausgewertet und in amtlichen Dokumenten des Bundes dargestellt. Niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, nur den worst case wiederzugeben und nicht auf die Bandbreite der Eintretenswahrscheinlichkeit hinzuweisen.
    Korrekt wäre es gewesen, best case und worst case der Prognose ohne weitere Kllimaschutzmassnahmen den best and worst cases der Prognose mit Klimaschutzmassnahmen gegenüber zu stellen. Zur Vereinfachung hätte man auch die MIttelwerte der beiden Prognosen nehmen können, aber mit Angabe des Schwnkungsbereichs..

  • Wenn nur Wissenschaftler mit Extremszenarien arbeiten würden, wäre es in Ordnung.
    Es dient aber als „business as usual“ für alle Wirtschafts-, Finanz- und Politikgremien, die ein Katastrophenszenario brauchen, um Dringlichkeit zu suggerieren und die enormen Ausgaben im Zusammenhang mit der Dekarbonisierung der Welt zu rechtfertigen.
    Somit sehen Minderungsmassnahmen auch wie Heldentaten aus.
    Würden die üblichen Anpassungsmassnahmen und Entwicklungen (Wissenschaft, Technik, Methoden) ausreichen, um mit den Folgen des Klimawandels gut leben zu können, hätten diese Organismen viel weniger Existenzberechtigung.
    Es ist daher unwahrscheinlich, dass sich die Klimapolitik bald ändern wird, um bescheidener und weniger hysterisch zu werden.

  • Ich habe schon mehrfach auf Nassim Taleb verwiesen, den Verkünder der Fat-Tail-Statistikverteilung (schwarzer Schwan). Er meint, wenn eine unsichere Entwicklung auf eine potenziell existenzielle Bedrohung hin verlaufe, deren wahrscheinliches Eintreten nicht prognostizierbar sei, dann sei die Politik gehalten, sich vorausschauend auf einen „worst case“ einzustellen. Unsicherheit sei eben gerade kein Grund, nicht zu handeln, im Gegenteil. Bisher hat sich dazu niemand geäussert, weder zustimmend, noch kritisch. Es geht mir nur darum, dass man sich im CNN auch mit fundierten Meinungen auseinandersetzt, selbst wenn diese mit den eigenen Ansichten vielleicht nicht kompatibel sind.

  • Franz-J. Schulte-Wermeling

    Sehr geehrte Herren Häring, Vogel, Michel, Rentsch:
    Als langjähriger Blogger im CNN habe ich hier noch nie soviel kontraproduktiven ignoranten NONSENSE gelesen wie heute:
    Das Szenario „Klimaerwärmung“ ist keineswegs unwahrscheinlich, sondern wird mit grosser Sicherheit in noch grösserem Ausmass als prognostiziert eintreten:
    Aus Gletscherkernbohrungen wissen wir zuverlässig (!!), dass die Schweizer Gletscher in der Vergangenheit infolge Klimaerwärmung zeitweise nahezu eisfrei waren, und dass diese Gletscher zeitweise auch infolge Klimaabkühlung bis nach Zürich reichten. Als ETH Student habe ich in den Thermodynamik-Vorlesungen bei Prof. Berchtold und Prof. Scherrer bereits vor mehr als 60 Jahren gelernt, dass unsere Erdoberfläche infolge des Wärmeausgleichs zwischen der heissen Sonne und dem ebenfalls erheblich wärmeren Erdinnern zu einem nicht absehbaren zukünftigen Zeitpunkt unbewohnbar sein wird. Wer unter dem Begriff „Enthropietod“ in alten Lexika sucht, findet dort eine Bestätigung dieses Sachverhalts.
    Wenn Herr Vogel sich damit brüstet, in seiner beruflichen Tätigkeit viele Prognosen ausgewertet und in amtlichen Dokumenten dargestellt zu haben, so beweist das einmal mehr, dass der Bund offenkundig überwiegend unqualifizierte Ignoranten beruft.
    Wer den Klimawandel bagatellisiert, verleitet die Bevölkerung zum ungebremsten Konsum fossiler Energie. Es wäre Aufgabe des CNN, die Politik daran zu hindern, neue Energiegewinnungstechnologien zu fördern, deren Erntefaktor unzureichend ist.

  • Der Meeresspiegel könnte, wie auch schon im Pleistozän, um mehrere Meter über den heutigen Pegel steigen. Die Folgen unabsehbar. Es könnte aber auch ganz anders kommen. Worst case Scenarios allein, ohne Vergleich mit best case und ganz anderen scenarien, aufzuzeigen ist nicht zielführend, ausser es geht darum Angst zu schüren, um vielleicht eine politische Agenda durchzuboxen. Das kostet Vertrauen. Allerdings wird generell zu wenig darauf hingewiesen, dass das Hauptproblem Verschwendung ist, sei es von Kohlewasserstoffen oder von Rohstoffen die benötigt werden, um «Erntemaschinen» für erneuerbare Energien und Ektromobile herzustellen. Eigentlich nur eine Verlagerung, nicht aber eine nachhaltige Lösung. Da kommt Kernenergie der Sache schon näher.

  • Hanspeter Vogel

    Kommen wir zurück zur Sache und schauen uns das Pressecommuniqué des Departements Sommaruga an:

    „Ohne Klimaschutzmassnahmen wird gegen Ende des Jahrhunderts im Winter im Schnitt 30 Prozent mehr Wasser in den Flüssen sein, im Sommer aber 40 Prozent weniger als bisher. Die Temperatur in Flüssen und Bächen steigt im Sommer um rund 5.5 Grad Celsius. Mit Klimaschutzmassnahmen, wie sie etwa mit dem revidierten CO2-Gesetz vorgesehen sind, fallen die Veränderungen moderater aus.“
    „Je naturnäher ein Gewässer ist, desto besser kann es auf die Klimaerwärmung reagieren und als Lebensraum dienen. Es ist deshalb wichtig, die Gewässer vor übermässiger Nutzung zu schützen und sie naturnah zu gestalten.“.
    „Mehr Wasser im Winter erlaubt eine höhere Stromproduktion. Im Sommer hingegen erzeugen Kraftwerke mit weniger Wasser weniger Strom. Eine Alternative ist Strom aus der Sonnenenergie“.
    „Es bleibt zentral, dass die Schweiz heute weitere Massnahmen ergreift, um den Treibhausgasausstoss zu vermindern und damit die Klimaerwärmung zu bremsen.“

    Man kann dieses Communiqué hundertmal lesen und kommt immer zum selben Resultat:
    Der Bundesrat ist der Meinung, ohne Annahme des Co2-Gesetzes durch das Schweizervolk würde kein Land der Welt den Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen nachkommen und es würde dann automatisch das worst case Szenario eintreten, während bei Annahme des Co2-Gesetzes die ganze Welt ihren Verpflichtungen nachkommen würde. Nur wenn dem so wäre, könnte die kleine Schweiz am 13. Juni die grosse Welt retten. Wenn nicht, so hätte die Annahme des CO2-Gesetzes auch keinen Einfluss auf die Entwicklung in der Schweiz.

    Wenn es hierfür noch eines Beweises bedürfte, könnte man sich den neuesten Beitrag von Herrn Häring anhören.

    Das soll nicht heissen, dass die Schweiz ihren Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen nicht nachkommen soll. Aus Solidarität mit der Völkergemeinschaft. Nur sollte man das ehrlich so kommunizieren.

    Zu Herrn Schulte-Wermeling: niemand hat etwas gegen die Publikation des worst case Szenarios, solange man es als soches zu erkennen gibt und mit einem best case Szenario und einer Eintretenswahrscheinlichkeit versieht, so wie das seit Jahrzehnten üblich ist. Die eingangs zitierten Sätze aus dem PC des BAFU zeigen aber, das das nicht gemacht worden ist. Das ist unzulässig. Genauso wie es unzulässig ist, aus der Studie Abstimmungsempfehlungen abzuleiten.

  • Franz-J. Schulte-Wermeling

    Lieber Herr Vogel,, ich habe geschrieben: „Das Szenario „Klimaerwärmung“ ist keineswegs unwahrscheinlich, sondern wird mit grosser Sicherheit in noch grösserem Ausmass als prognostiziert eintreten:“ Von „worst case Szenarios“ war bei mir nicht die Rede, ich habe aber zusätzlich behauptet, dass es noch schlimmer kommt. Bei mir war vom Klimawandel, nicht nur von dessen mutmasslich anthropogenen Anteil die Rede. Mir gehen Leute, welche nicht differenziert denken und von Wahrscheinlichkeitsrechnung keine Ahnung haben, aber mit Fachausdrücken undiszipliniert um sich werfen, auf den Wecker.

  • Hanspeter Vogel

    Möglicherweise gibt es auch unter den Kommentaren worst cases. Das ist halt bei diesem Blog so Sitte: chacun à son goût.
    Das stört mich aber nicht. Hauptsache ist die Diskussion, mit oder ohne Kritik (letztere am besten bezüglich der aufgeworfenen Fragen statt der Kommentatoren)

  • Franz-J. Schulte-Wermeling

    Lieber Herr Vogel, Am 19.4.21 schrieben Sie: „Kommen wir zurück zur Sache und schauen uns das Pressecommuniqué des Departements Sommaruga an:“ Ihr neuer Kommentar v. 22.4. als Replik auf meinen Kommentar v. 19.4. hat mit der Sache aber gar nichts zu tun, Sie ärgern sich offenbar über meinen Kommentar und lügen (!!!) ganz offensichtlich, wenn Sie schreiben, es störe Sie nicht. Wenn Sie schreiben: „Hauptsache ist die Diskussion, mit oder ohne Kritik (letztere am besten bezüglich der aufgeworfenen Fragen statt der Kommentatoren)“, so kann ich dem nur teilweise zustimmen: Kritik bezüglich der Qualifikation der Kommentatoren ist ebenso wichtig wie die Kritik an den aufgeworfenen Fragen, weil sich nur so die Relevanz und die Glaubwürdigkeit der Kommentare beurteilen lässt. Dass Sie ein Lügner sind, haben Sie nun abermals bewiesen.
    Ich kann nicht leugnen, dass es mir Spass macht, „Fachleute“ wie Sie vorzuführen.

  • Franz-J. Schulte-Wermeling

    Im ETH-Zukunftsblog v.22.4.21 warb Professor Knutti in einem Beitrag für das neue CO2-Gesetz und schrieb:
    Der Klimawandel ist real, unser Handeln ist die dominante Ursache für die Erwärmung. Das vom Parlament beschlossene Gesetz wird noch nicht ausreichen, aber es ist ein breit abgestützter Konsens und ein wichtiger Schritt in Richtung global Netto Null Treibhausgase – das Ziel zu dem sich die Schweiz mit der Ratifizierung von Paris verpflichtet hat.
    Ich kommentierte diesen Beitrag am 23.04.21 wie folgt:
    Herr Professor Knutti, wenn Sie schreiben. „Der Klimawandel ist real, unser Handeln ist die dominante Ursache für die Erwärmung.“ so müssten Sie den natürlichen Anteil des Klimawandels wenigstens quantifizieren Können. Schon ihre Quantifizierung des anthropogenen Klimawandels ist für viele seriöse Wissenschaftler wenig überzeugend, solange Sie den natürlichen Klimawandel nicht quantifizieren können, ist Ihre Behauptung, der anthropogene Klimawandel sei „dominant“, einfach unseriös. Unseriös ist auch das Foto der winterlich beheizten Stadt Zürich, durch welches suggeriert wird, der sichtbare Wasserdampf der Rauchgase beschleunige den Klimawandel.
    Mein Kommentar wurde nicht veröffentlicht Das ist so Sitte im ETH-Zukunftsblog.

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