Wo ist der Ersatz für Fessenheim?

CCN-Gastautor Andreas Aste (Physiker) vs. BaZ-Gastautor Lukas Engelberger (Regierungsrat).
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Regierungsrat Engelberger
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Physiker Aste
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Hier die ungekürzte Replik von Andreas Aste

Regierungsrat Lukas Engelberger zeigt sich in seinem Gastbeitrag in der Basler Zeitung vom 19. Februar 2020 erfreut über die baldige Abschaltung des Kernkraftwerks Fessenheim. In Anbetracht der in der Vergangenheit wiederholt aufgetretenen Unregelmässigkeiten im Werk mag man diesen Schritt begrüssen; für Kernkraftgegner aus ideologischen Gründen ist dies sowieso der Fall. Mit der Abschaltung der beiden Druckwasserreaktoren wird allerdings eine Energiequelle vom Netz entfernt, welche den mittleren Strombedarf von 2 Millionen Menschen mit schweizerischem Lebensstandard kontinuierlich zu decken vermag. Mit Fug und Recht mag man sich fragen: Wo ist der Ersatz für Fessenheim? Und weshalb erscheinen immer mehr Studien, in welchen europäische Länder nachweisen, dass sie ihren künftigen Strombedarf notfalls durch Importe decken können?

Würde der Windkraftausbau in Deutschland nicht stagnieren und wären in der Schweiz und anderswo die neuen Windräder in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen, so könnte man sich tatsächlich fragen, ob der Verlust der 1840MW elektrischer Leistung aus Fessenheim nicht ein Grund zum Feiern wäre. Diesen Grund haben wir aber nicht, denn selbst wenn Fessenheim durch 2000 riesige moderne Windräder ersetzt worden wäre, so wären diese von der Wetterlage abhängigen Windräder nicht in der Lage, den fehlenden Strom dann zu produzieren, wenn er jeweils gebraucht wird. Zur Speicherung von Wind- und Sonnenenergie sind also früher oder später effiziente Technologien notwendig. Diese existieren aber vorläufig nur auf dem Papier oder als nicht-kommerzielle Versuchsanlagen und stellen sich bei genauerem Hinsehen für praktische Anwendungen als ausserordentlich teuer heraus.

Zudem verlangt die Politik die Förderung der E-Mobilität, was den Strombedarf weiter massiv in die Höhe treiben wird. Tesla strebt für die Zukunft bereits Schnellladeleistungen von einem Megawatt für E-Autos an. Das bedeutet, dass lediglich 1000 gleichzeitig ladende Teslamobile künftig eine Leistung von einem Gigawatt aus dem Netz ziehen werden, also die Gesamtleistung eines Grosskraftwerks wie Gösgen oder den Strombedarf von über einer Million Menschen. Sind also einst Millionen E-Mobile auf den europäischen Strassen unterwegs, so werden immense zeitlich variierende Energiemengen durch unser Netz transportiert werden müssen, eine ungelöste Problematik, die in politischen Diskussionen geflissentlich ignoriert wird.

Mit etwas Theatralik weist Engelberger weiter darauf hin, dass die Brennelemente im stillgelegten KKW Fessenheim weiterhin Radioaktivität freisetzen könnten. Wer sich eingehend mit den Folgen der Radioaktivität beschäftigt hat und weiss, dass durch jahrzehntelange mediale Übertreibungen die in der Bevölkerung geschürte Radiophobie die tatsächlichen Gefahren der Strahlung um einen Faktor der Grössenordnung 100 überschätzt, kann solchen Aussagen nicht viel abgewinnen. In vielen bewohnten Orten auf unserer Erde ist die natürliche Strahlenbelastung höher als in den meisten Bereichen der Sperrzone von Fukushima, ohne gesundheitliche Folgen für die ansässige Bevölkerung. Zudem sind die bisher weltweit angehäuften hochradioaktiven Abfälle ein wertvolles Gut, könnte man doch aus ihnen mit geeigneter Technologie den gesamten Strombedarf der Menschheit bei heutigem Verbrauch für die nächsten 70 Jahre decken.

Nun gegen das KKW Beznau zu schiessen ist wenig zielführend. Denn tatsächlich stellt Beznau trotz fünf Jahrzehnten Betriebszeit dank zahlreicher technischer Aufrüstungen und der besseren Beherrschbarkeit kleiner Reaktorkerne eine der modernsten und sichersten Anlagen der Welt dar. Ebenso wichtig wie der technische Zustand einer nuklearen Anlage ist aus sicherheitstechnischer Sicht aber auch der Ausbildungsgrad und die Motivation der Kraftwerksarbeiter vor Ort; und auch in dieser Hinsicht ist Beznau trotz permanenter medialer und öffentlicher Angriffe und Ungerechtigkeiten gut aufgestellt.

Und so sollte man sich im Hinblick auf den Klimawandel wirklich die Frage stellen, ob mit der Abschaltung der beiden Beznauer Reaktoren, welche täglich den Ausstoss von etwa 15’000 Tonnen CO2 durch ein Kohlekraftwerk kompensieren, der Menschheit ein Dienst erwiesen wird.

Denn die Folgen des Klimawandels sind global, und es ist in Anbetracht der aktuellen Lage unseres Planeten und im Blick auf künftige Generationen unverantwortlich, dem Erreichen des klimatischen Point of no Return durch Verhinderung der Kernenergie Vorschub zu leisten. Die Beeinträchtigungen der Fukushima-Sperrzone, die in ihrer Ausdehnung auf einem Lehrerzimmerglobus von Auge kaum zu erkennen ist und längst wieder besiedelt werden könnte, stehen in keinem Vergleich zu den globalen Gefahren des Klimawandels wie Landverlust, Massenmigration, Ressourcenknappheit, Hunger und letztlich Krieg.

Durch den Klimawandel ist die verfassungsmässige Bekämpfung der Nukleartechnik obsolet und gefährlich geworden. Eine faktenbasierte und faire Diskussion ist aber in einem politischen Umfeld, welches sich anmasst über den Naturgesetzen zu stehen, nicht mehr möglich. Es ist an der Zeit, dass verschiedene Ansichten zur Nukleartechnik vorbehaltlos und vorurteilsfrei diskutiert werden können. Denn eine Gesellschaft, die jedes Risiko vermeidet und die Zeichen der Zeit nicht erkennt, ist früher oder später dem Untergang geweiht. Ein Sterbenskranker unterzieht sich, sofern er denn leben will, jeder noch so schmerzhaften medizinischen Behandlung. Man muss die Kernenergie nicht lieben, doch die Erde hat lebensbedrohlich hohes Fieber, und die erneuerbaren Energien allein werden dieses Fieber nicht rechtzeitig senken können.

1 Kommentar

  • Es ist schon erschreckend, dass gebildete Leute wie Dr. Engelberger, nicht über ihren lokalpolitischen Tellerrand hinaussehen wollen. Das er es nicht weiss, kann ich mir nicht vorstellen: Ohne Fessenheim ist er bei den vorherrschenden Winden immer noch genauso ‚gefährdet‘ denn etwa 30 französische Reaktoren sind westlich von Basel (auch von D, B, L).

    Der gegenwärtige und zukünftige Bedarf an Strom überfordert anscheinend die Vorstellungskraft auch von eminenten Persönlichkeiten mit Regierungsverantwortung: E-Autos, E-Wärmepumpen aber nirgends die erforderliche, immer sofort abrufbare Stromproduktion.

    Wer jetzt Sonne und Wind erwähnt, soll sich hier informieren https://www.agora-energiewende.de/service/agorameter/chart/power_generation/16.03.2020/23.03.2020/ Nur schon am 17. und 19. März hat die ganze gewaltige Deutsche Offshore Windproduktion nicht einmal ein GW beigetragen von 50 erforderlichen. Onshore war es nicht viel besser und nach Sonnenuntergang war sowieso Schluss mit den Paneelen.

    Und dann will die Schweiz in Zukunft noch mehr importieren? Viel Glück, wenn’s überall fehlt. Vielleicht lernen wir es im Moment ‚the hard way‘, angefangen mit Gesichtsmasken blockieren – im Transit, wohlgemerkt. Und in Frankreich wird darüber nachgedacht Pflegefachleute im Ausland zum Nationalen Dienst einzuberufen. Nichts mehr Spitäler in Basel. Dass die uns ihren nuklearen ‚Pfuus‘ abriegeln, wenn sie auch zu wenig haben, versteht sich von selbst.

    Ob Dr. Engelberger dann zufrieden sein wird?

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