Unbezahlbarer Preis

Die Pariser Klimaziele wären nur unter horrenden Kosten zu erreichen. Dennoch hält die Politik daran fest. Die Leute merken allmählich, dass das nicht geht.
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Dieser Beitrag wurde publiziert in der Weltwoche vom 28. Oktober 2021

Jetzt beginnt in Glasgow die 26. Uno-Klimakonferenz (COP 26), und just vor einer Woche las man die Meldung, Frankreich verteile aus Angst vor neuen Gelbwestenprotesten eine «Inflationsentschädigung». Etwa 38 Millionen Franzosen mit einem Nettogehalt unter 2000 Euro pro Monat sollen 100 Euro erhalten. Man erinnert sich: Im November 2018 hatten in Frankreich Demonstrationen einer spontanen Bürgerbewegung begonnen. Protestiert wurde gegen eine von Präsident Emmanuel Macron zur Durchsetzung der Energiewende geplante höhere Besteuerung von Diesel und Benzin. Die Protestierenden trugen als Erkennungszeichen die gelben Warnwesten, die im Auto mitzuführen sind. Die Inflationsentschädigung ist eine Reaktion auf gestiegene Öl- und Gaspreise, die auf die Diesel- und Benzinpreise und die allgemeine Teuerungsrate durchschlagen.

Nach den jüngsten Preisschüben für fossile Energie baten einige westliche Regierungen die wichtigsten Ölproduzenten (Opec-Staaten und Russland), die Förderung zu erhöhen. Das Motiv war dasselbe wie bei der französischen Inflationsentschädigung: Angst vor dem Zorn des Volkes über eine steigende Teuerung. In der Schweiz scheiterte im Referendum vom 13. Juni das revidierte CO2-Gesetz. Die Hauptmotive der Referendumssieger erinnern stark an die französischen Gelbwesten: Kostensteigerungen, besonders für Autofahren und Reisen generell. Auch die Verteuerung fossiler Energie zulasten unterer Einkommensschichten war im Argumentarium wichtig.

Sprung zurück

Wie sind die Gemeinsamkeiten dieser Vorkommnisse im Hinblick auf das bevorstehende klimapolitische Grossereignis Glasgow zu deuten? Machen wir einen Sprung zurück in das Jahr 2006, als der Stern-Report («Stern Review on the Economics of Climate Change») erschien. Dieser Bericht von Sir Nicholas Stern, dem ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, wurde im Auftrag der britischen Regierung erstellt. Er untersuchte erstmals umfassend die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung. Die Schlussfolgerung lautete: Es ist dringend und lohnt sich, sofort drastische Massnahmen gegen die Klimaerwärmung zu ergreifen, weil die Kosten raschen Handelns geringer sind als die Klimaschäden in der Zukunft. Eifrige Verkünder dieser Sichtweise sind bei uns der Klimaphysiker Reto Knutti oder Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Der Klimaökonom und spätere Nobelpreisträger William Nordhaus äusserte zum Stern-Report kritisch, die radikale Revision der vorgeschlagenen Ökonomie des Klimawandels ergebe sich nicht aus einer neuen Wissenschaft oder Modellierung. Sie hänge vielmehr entscheidend ab von der Annahme eines sozialen Diskontsatzes nahe null. Die Schlussfolgerungen zur Notwendigkeit extremer Sofortmassnahmen würden hinfällig mit Diskontierungsannahmen, die mit dem Marktgeschehen konsistent sind. So blieben, so Nordhaus, die zentralen Fragen zur Politik gegen die globale Erwärmung – wie viel, wie schnell und wie teuer – offen.

Eine Diskontsatz nahe null heisst: Stern gewichtete Zustände, die weit in der Zukunft liegen, viel höher, als es üblich ist, wenn die Menschen in der Politik Entscheide treffen. Wenn nämlich zur Abzinsung von künftigen Kosten eine Rate nahe null verwendet wird, erhalten Kosten in ferner Zukunft fast das gleiche Gewicht wie heutige Kosten. Dasselbe gilt für den Nutzen. Dies entspricht überhaupt nicht der beobachteten Realität. Menschen bewerten tausend Franken heute höher als in zwanzig oder fünfzig Jahren. Und sie handeln auch so. Die eingangs erwähnten Proteste zeigen, dass die Kritik von Nordhaus stichhaltig ist.

Weltrettung in ferner Zeit

Nordhaus hält eine Politik, die das 1,5-Grad-Erwärmungsziel des Pariser Klima-Abkommens anstrebt, für unbezahlbar, wenn man eine markt- und verhaltensgerechte Diskontrate anwendet. Selbst wenn eine globale CO2-Steuer eingerichtet würde, müsste sie so hoch sein, dass keine Regierung auf der Welt diese durchsetzen könnte. Nach den Modellsimulationen von Nordhaus hätte eine Politik, die sich an einer 3,5-Grad-Erwärmung orientiert, das günstigste Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Dessen ungeachtet wird das 1,5-Grad-Ziel in Glasgow weiterhin inbrünstig beschworen werden. Der Pariser Prozess hängt dem illusionären Bild eines Übermenschen an, der seine heutigen Bedürfnisse zugunsten einer Weltrettung in ferner Zeit hintanstellt. Solange die Politik die Tatsache verdrängt, dass den Menschen die Gegenwart und nähere Zeit wichtiger sind als die ferne Zukunft, so lange werden hochtrabende CO2-Reduktionsziele verfehlt.

Eine vernünftige Klimapolitik sollte statt auf CO2-Vermeidung viel stärker auf Anpassung setzen. Die Geschichte zeigt, dass menschliche Gesellschaften anpassungsfähig sind. Das hätte den grossen Vorteil, dass man zeitlich und räumlich situativ auf die tatsächlichen Entwicklungen reagieren könnte, statt sich auf wacklige Modellprognosen zu verlassen zu müssen, denen bisher nicht einmal die korrekte Nachbildung vergangener Klimatrends gelungen ist.

Rentsch Hans
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11 Kommentare

  • Besten Dank für die rasche Antwort.
    Es liegt mir fern, Leute zu kritisieren, die viel Zeit und Intelligenz in Modelle investiert haben, die in der Tat heute noch nicht bekannte, aber möglicherweise eintreten könnende Folgen des climate change antizipieren und evaluieren müssen.
    Nichtsdestoweniger bin ich der Auffassung, dass unser Wissen über mögliche direkte und indirekte Folgen von weltweiten Klimaänderungen zu klein ist, um mit den zur Zeit bekannten Methoden auch nur halbwewgs verlässliche Modelle zu bauen.
    Direkte Auswirkungen des Temperaturanstiegs auf Flora, Fauna und Meeresspiegel sowie die daraus unmittelbar hervorgehenden wirtschaftlichen Schäden sind verhältnismässig einfach zu ermitteln. Schon etwas schwieriger wird es, wenn die Erwärmung nicht wie angenommen statt findet, wegen Aenderungen von Winden, Meeresströmungen (z.B. Golfstrom), etc, wenn Unmengen von Gasen, unbekannten Viren, Bakterien, etc. freigesetzt werden, wenn ganze Oekosysteme umkippen und wenn der homo sapiens – wie gewohnt – irrational darauf reagiert. So lange wir nicht wissen, ob, wann und wie sich ein neuer Gleichgewichtszustand einpendelt, können wir beim besten Willen keine vernünftigen Annahmen treffen. Und da auch die besten Modelle bloss mit dem Futter arbeiten können, das wir ihnen füttern, werden sie uns auch nicht gross weiter helfen können.

  • Ja Herr Vogel, betreffend Diskontsatz haben Sie recht. Sie bringen die Kritik von Taleb Nassim und Martin Weitzman an der Risikobewertung von Nordhaus auf. Diese Kritik ist teilweise auf einem statistisch-abstrakten Niveau für einen Halbgebildeten, wie ich einer bin, nicht immer nachvollziehbar. Meine Interpretation hat mit dem Fat Tail Risk zu tun. Wenn Klimaschäden auch bei marginalster Eintretenswahrscheinlichkeit für die Menschheit existenziell sein könnten, ergibt sich aus der Multiplikation von kleinster Wahrscheinlichkeit mit grösstmöglichem Schaden ein Fat Tail Risk und Grund zu politischer Vorsorge. Es gibt zwischen Nordhaus und Weitzman eine im Internet verfügbare Kontroverse, wo Nordhaus an einer Stelle eine Analogie macht: Er sagt, ein menschliches Leben sei als Grundlage für eine rationale Politik auch nicht fast unendlich viel wert, und das gleiche könne man auch für eine Politik folgern, die die ganze Menschheit betrifft. Es gibt irgendwo eine Grenze für den Mitteleinsatz. Höchster Mitteleinsatz kann selbst existenzgefährdend sein. So jedenfalls habe ich das verstanden.

  • Lieber Herr Rentsch
    Merci für Ihre Antwort. Ich muss passen. Wenn Nordhaus alle erwähnten möglichen Auswirkungen und deren Folgewirkungen modelliert hat, hätte ich Jahre, um die Modelle verstehen zu können. Bei den schlimmsten Szenarien dürfte dann alllerdings der Diskontsatz kaum mehr eine Rolle spielen.

  • Herr Scholz ist natürlich schlauer als ich, aber er investiert seine Schlauheit erfolgreich in die politische Karriere. Das erfordert heutzutage eine beträchtliche Menge an populistischem Opportunismus. Da passt die Club-Idee von Nordhaus gut hinein. Die EU will ja so einen CO2-Importzoll einführen. Wie das praktisch gehen soll, darauf bin ich sehr gespannt.
    Wie dem auch sei, in meinem Blogtext und im Kommentar unten ist vom Klima-Club überhaupt keine Rede. Es geht einzig und allein um die hohe Gegenwartspräferenz der Leute und deren unterschiedliche «Behandlung» in der Debatte um die Diskontrate sowie um deren Bedeutung für die Klimapolitik.

  • Guntram Rehsche

    Von wegen verdrängt (nur der schlaue Rentsch hat es natürlich kapiert): Der designierte deutsche Bundeskanzler und bisherige Finanzminister Olaf Scholz hat in den internationalen Gesprächen wiederholt zur Bildung solcher Klimaclubs aufgerufen – wobei er sich explizit auf Nordhaus bezieht! Siehe u.a. hier: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/initiative-von-scholz-bundesregierung-will-internationalen-klimaclub-gruenden-17495290.html

  • Herr Vogel, genau über das, was Sie schildern, hat sich wohl kaum jemand so viele Gedanken gemacht, wie der «Modellbauer» William Nordhaus. In seine Modelle fliessen all die möglichen Schadensfolgen ein, die Sie erwähnen. Natürlich kann man auch diese Modellsimulationen in Frage stellen, sollte dies aber so fundiert tun, wie beispielsweise der Ökonom Martin Weitzman, der das Thema der Abdiskontierung und Nordhaus› Kritik an Stern auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau diskutiert.
    Abgesehen davon finde ich es einfach interessant, dass die Erkenntnisse von Nordhaus, trotz Nobelpreis, in der aktuellen Klimapolitik praktisch verdrängt werden. Ich bin fast sicher, dass die tatsächliche Entwicklung mit verfehlten Klimazielen Nordhaus recht geben wird: Der Gegenwartspräferenz der Menschen entspricht eine deutlich positive Diskontrate. Die Suppe wird nie so heiss gegessen werden, wie sie in Glasgow und in unseren UVEK-Amtsstuben gekocht wird.

  • Hanspeter Vogel

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass Simonetta Sommaruga den Stern-Report verstanden hat.Und selbst wenn sie es hätte, müsste sie einen für die Schweiz gangbaren Weg aufzeigen, der nicht in die totale Energiekrise führt. So etwas liegt ihr aber ofenbar fern.
    Aber seien wir ehrlich: niemand kennt die Kosten einer starken Temperaturzunahme.
    Was kostet das Auftauen der Permafrostböden: versinken Nordsibirien und Alaska im Morast oder wird das Land kultivierbar? werden seit Jahrtausenden eingefrorene lebensbedrohende Viren freigesetzt?
    Sind zusätzlich zur Erhöhung des Meeresspiegels Aenderungen von Wind- und Meeresströmungen zu erwarten, die zu weit über die für eine lineare Temperaturerhöhung berechneten Werte hinaus gehenden Klimakapriolen führen könnten?
    Und vor allem: wie verhalten sich Menschen, die ihrer Existenzgrundlage beraubt werden? Es ist kaum anzunehmen, dass das Gesamtwohl der Erdbevölkerung und die Einhaltung der Menschenrechtskonvention ihre ersten Prioritäten sein werden.
    Wenn man das alles nicht genau programmieren kann, ist es wahrscheinlich nur beschränkt möglich, Aussagen über das langfristig kostengünstigste Szenario zu machen (ungeachtet der Höhe des Diskontsatzes).

  • Da können die Ökonomen gerne weiter darüber streiten, welcher die richtige Diskontrate ist. Die Anpassungskosten und vor allem die Folgekosten der Klimaerwärmung kann sowieso niemanden seriös bestimmen. Und die Politiker auf der ganzen Welt werden die Pariserziele auch nie durchsetzen können, da populistische Parteien aufgrund der enormen Investitionen und Kostenfolgen sie leicht bekämpfen werden können. Für die künftigen Generationen können wir effektiv nur hoffen, dass die Modelle der Klimatologen fehlerhaft sind und die Folgen der Klimaerwärmung für die Menschheit nicht gravierend sein werden.

  • In meinem Beitrag geht es um die Diskontrate und deren unterschiedliche Höhe bei Stern und Nordhaus – mit entsprechend massiv unterschiedlichen Folgerungen für die Politik. Eine Abdiskontierung künftiger Kosten (Nutzen) mit einem Diskontsatz von irgendwo zwischen 3 und 4 Prozent entspricht dem beobachteten Verhalten auf Märkten oder in Abstimmungen.

  • Ich staune nur, wie H. Rentsch dem Modell eines einzelnen Ökonom glaubt und sich hier ganz unkritisch verhält. Die Frage ist doch, wer die Kosten der Anpassung zahlen soll und wie diese von Nordhaus ermittelt wurden. Können wir ausschliessen, dass Nordhaus sich bei den Anpassungskosten nicht völlig verrechnet hat?

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