Über Energieexperten – oder – Schuster bleib bei deinen Leisten

Technisch und kommerzielle überzeugende Neuerungen bestehen auf dem Markt in der Regel von selbst. Es ist absurd zu meinen, die Weltenrettung sei erst mit staatlich dirigierter Innovation möglich.
Schuster

Es grassiert eine akute Seuche im Land. Im Fahrwasser des Fukushima Unfalls wurde eine Energiewende verkündet, unbedacht und ganz im Stil eines Hüftschusses. Sie war die Keimzelle für ein neuartiges Expertentum, das unsere Mainstream Medien beherrscht.

Vermutlich haben die Initiatoren dieser Wende bald erkannt, dass die Sachargumente zur Erklärung der neu angepriesenen Technologien nichts taugen, also muss dem Bürger mit anderen Mitteln die Wende schmackhaft gemacht werden. Mit grossem Aufwand wurde mit EnergieSchweiz eine aufwändige Werbe- und Promotionskampagne gestartet. Auch nach über neun Jahre der Verkündung der neuen Energiewelt, sehen sich die Promotoren noch veranlasst, die Bevölkerung weiterhin „weichzuklopfen“.  Die ursprünglich gestarteten Kampagnen laufen sogar mit verstärkter Intensität weiter. Der NFP 70 / 71 Zwischenbericht, welcher anfangs dieses Jahres veröffentlicht wurde, zeigt es deutlich: Der Grossteil der bearbeiteten Projekte dreht sich um die Frage, wie motiviert man die breite Bevölkerung! Jährlich flattern mehrere Ausgaben des Energiejournals von „energieschweiz.ch“ als Herausgeber ins Haus. Dahinter steckt das Bundesamt für Energie (BfE), letztlich eine rein politische Propagandaschrift, welche die Segnungen der neuen Energiewelt anpreist. Für einen 6-stelligen Betrag vom BfE  wurde sogar ein Globibuch[1] verfasst, um auch die Kinder für die Segnungen der neuen Energiewelt zu begeistern. Da vermutlich nicht ideologiekonform, wurden beim Lektorat sogar sachliche Einwände der physikalischen Fakultät der Uni Zürich geflissentlich übergangen. 

Technisch und kommerzielle überzeugende Neuerungen bestehen auf dem Markt in der Regel von selbst. Man stelle sich vor, die Edison’s, Ford’s oder auch Microsoft’s und Apple’s dieser Welt hätten über neun Jahre aufwenden müssen, um ihre Neuerungen den Märkten kundzutun und auch Response zu finden. Es ist absurd zu meinen eine Weltenrettung vor dem Unheil CO2 sei erst mit staatlich dirigierter Innovation möglich.

Im vergangenen Sommer legte SP-Nationalrat Roger Nordmann mit seinem Buch „Sonne für den Klimaschutz“ nach. Darin wird behauptet, dass bis 2050 die Schweiz vollständig dekarbonisiert werden kann, man muss dazu nur 50 GW an zusätzlicher Photovoltaik Leistung installieren (siehe auch CCN Blog „Fantasien vor Wissen). In der Folge gab es dazu in der Schweizer Presse zahlreiche Rezensionen, die meisten davon verfasst von den einschlägig bekannten „Energieexperten“. Selbstverständlich erfährt man aus diesen Kreisen, dass dieser Plan sehr einfach umsetzbar sei – man müsse nur wollen – über Sicherstellung der Versorgung mit Strom rund um die Uhr, zu jedem Bruchteil einer Sekunde, ohne Unterbruch über das ganze Jahr, erfährt der Leser nichts. Auch Kritiker unserer CCN Blogbeiträge umschiffen dieses Kernproblem konsequent.

Was kann und muss man diesen Kreisen vorwerfen? Sicherlich nicht, dass sie je mit der konkreten Einsatzplanung von Kraftwerkseinheiten und mit dem Dispatching von Leitungskapazitäten zu tun hatten.  Mit anderen Worten, sie verfügen bei solch fundamentalen Fragen nicht über die unerlässliche Wissens- und Erfahrungsbasis. Wohl sassen sie auch kaum je in Entscheidungsgremien von international tätigen, privatwirtschaftlich organisierten Stromgesellschaften.  Und wahrscheinlich mussten sie auch noch nie die Entwicklung, das Conracting und den Betrieb von grossen Solaranlagen im südlichen Europa, Zentralasien und auch Südamerika verantworten. Dann wüssten sie nämlich, dass das Geschäftsmodell solcher Gesellschaften in erster Linie auf der erfolgreichen Jagd nach Subventionen beruht. Ohne solche, läuft im PV Geschäft rein gar nichts!

Auch kann man diesen Kreisen nicht vorwerfen, dass sie nie in Kontakt waren mit relevanten Stellen der PV- F&E wie auch der PV Industrie. Diese befinden sich nämlich in China, u.a. an der Tsing Hua Universität in Beijing und in der chinesischen Provinz Sichuan, wo auch die grossen PV Produktionsstätten angesiedelt sind. Auch fehlen mit grosser Wahrscheinlichkeit Kontakte zum grössten Netzbetreiber der Welt – China Grid – wo man sich sehr intensiv mit der Frage auseinandersetzt, wieviel Flatterstrom- Einspeisung ein Netz erträgt, bevor es zusammenbricht. Und im Zusammenhang mit der CH Stromzukunft besonders wichtig, haben sich die Energiewende-Missionare nie um die aktuelle Entwicklung im Nuklearsektor bemüht. Auch da ist die Kompetenz in China zu finden.

Es ist üblich, das zu zitieren, was ins Schema passt. So hat kürzlich einer unserer regelmässigen Kritiker triumphierend mitgeteilt, dass die IEA die Solarenergie als „neuen Stromkönig“ bezeichnet (vgl. NZZ 13.1.20 «Die Emissionen sinken, aber aus dem falschen Grund“). Stromkönig allerdings nur solange es Subventionen gibt. Offensichtlich hat der Kritiker den besagten Artikel aber nicht zu Ende gelesen. Denn da wird der IEA Direktor zitiert, dass „Die Herausforderung so gross sei, dass man es sich nicht leisten könne, auf irgendeine emissionsarme Technologie zu verzichten“. Und ergänzte eine Woche später, dass die Dekarbonisierung ohne den massiven Einsatz von Kernkraft nicht zu stemmen sei!

Energie Schweiz verkündet seine Inkompetenz oft selbst. So geht man dort beim Thema Ökostrom weiterhin davon aus das Netz sei ein Stromsee[2], mindestens suggeriert man dies dem unbedarften Leser, der alle Fluktuationen absorbieren kann. Es braucht eben Fach- und Sachwissen zu solch anspruchsvollen Themen. Die Promotoren massen sich an, alles über Energiefragen zu wissen, beim tiefer schürfen stellt sich allerdings heraus, dass deren Wissensintensität gegen Null strebt. Schuster bleib bei Deinen Leisten – eben!


[1] Globi und die Energie (2016)

[2] https://www.energieschweiz.ch/page/de-ch/oekostrom

Emanuel Höhener
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4 Kommentare

  • Andreas Bernhard

    Sehr geehrter Herr Höhener, vielen Dank für ihren interessanten Beitrag zu der überstürzten Energiewende, die das Rehäuglein damals durchgedrückt hatte.
    Wir müssen uns zukünftig mit Strommangel und Blackouts befassen, eine beängstigende Zukunft! Herzliche Grüsse und bleiben sie standhaft und gesund!

  • Die Kernenergie hat im deutschsprachigen Raum effektiv einen schweren Stand. Dass wird voraussichtlich noch eine Weile so bleiben. Die Zunahme der nur bedingt voraussehbaren Stromproduktion aus Wind- und Sonnenenergie, welche den Bedarf nach Bandenergie auch teilweise überflüssig macht, erschwert eine Renaissance der Kernenergie noch zusätzlich. Ein Ersatz der KKW in der Schweiz durch neue Kernkraftwerke, wie es vor Fukushima geplant war, wird daher nur Zustimmung in der Politik und in der Bevölkerung wieder finden, wenn neue Reaktortypen nicht nur wirtschaftlich sondern auch sicherheitstechnisch mit anderen Erzeugungsformen mithalten können. Und das steht zurzeit wirklich in den Sternen. Traumen darf man aber immer!

  • Emanuel Höhener

    Sehr geehrter Herr Huber,
    Danke für Ihren Kommentar. Allerdings möchte ich anfügen, dass die Zukunft der Reaktortechnik, welche bezüglich Sicherheit gewaltige Fortschritte gemacht hat, nicht in den Sternen steht.
    Seit den 1990- er Jahren treibt das chinesische Nuklearforschungsinstitut die Entwicklung der Hochtemperatur- Reaktortechnik voran. Seit 2002 läuft in deren Forschungscampus „Changping“, nordwestlich von Beijing gelegen, ein Helium- gekühlter Hochtemperatur Forschungsreaktor Typ HTR10. Das Verfahren wurde inzwischen zur Serienreife entwickelt und die ersten Reaktoren (Kraftwerke) sind seit 2017 in Betrieb und am Netz – Typ HTR-PM (der erste Standort „Shidao Wang“ ganz am Ost- Ende der Shandong Halbinsel gelegen).
    Diese Reaktoren gelten als „inherently safe“, da sie physikalisch nicht „trippen“ können, d.h. Notkühlung braucht es nicht – sehen Sie dazu Bild 4 im Textbeitrag, welchen Sie in meinem Blog vom 22. September 2016 finden: „China entwickelt die Nukleartechnologie von morgen“. Zudem, bei diesem Hochtemperatur Reaktor findet der Wärmetausch Reaktor zu Dampf in einem separaten Verdampfer- Gehäuse statt. Überhitzter Dampf von rund 570 deg C (auch im superkritischen Zustand) kann so der Turbine zugeführt werden, was den thermischen Wirkungsgrad einer solchen Anlage von etwa 33% eines Sattdampf PWR Reaktors (wie heute alle in der CH) auf über 50% anhebt! Das ist Realität!
    Betrachtet man das Zeitfenster bis 2050, dann sind sicherlich auch bereits kommerziell verwendbare MSR Reaktorkonzepte (molten salt reactors) im Betrieb, ebenfalls ein „inherently safe“ Konzept, welches zudem die Eigenschaft haben wird, radioaktive Abfälle heutiger PWR Reaktoren als Brennstoff weiter zu verwenden.
    In den USA wie auch in China wird mit Hochdruck an der MSR Entwicklung gearbeitet, auch Länder wie Russland und Korea arbeiten mit Hochdruck an weiteren sicheren und effizienten Reaktoren (u.a. „schnelle Brüter“).

  • Sehr geehrter Herr Höhener
    Danke für diese Hinweise. Es ist effektiv spannend, was in Asien, in Russland und in Amerika bezüglich Weiterentwicklung der Kernenergietechnik abläuft.
    Ich bezweifle aber sehr, dass unsere Generation den Bau solcher Anlagen in der Schweiz wird erleben dürfen.

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