Totgesagte leben länger

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Crude_oil_price_70-16.pngDer Energiemarkt ist seit je her Zyklen von Überangebot und Mangel unterworfen. Innerhalb weniger Jahre kann sich der Ölpreis verdoppeln oder halbiere…

Der Energiemarkt ist seit je her Zyklen von Überangebot und Mangel unterworfen. Innerhalb weniger Jahre kann sich der Ölpreis verdoppeln oder halbieren. Das ist wiederholt passiert. ­Gleiches gilt für die seit über sechzig Jahren tot­gesagte oder, besser gesagt, totgewünschte Kohle. Momentan ist Steinkohle zu Schleuderpreisen auf dem Weltmarkt verfügbar und zur unverzicht­baren Stütze der deutschen Stromproduktion geworden. Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Strompreis auf dem europäischen Markt mehr als halbiert. Es sind nicht Subventionen, Wetter oder Nachfrageschwankungen, welche Berg-und-Talfahrten auslösen, es ist das Zusammenspiel all dieser und noch weiterer Faktoren. Nur eins ist allen Veränderungen gemeinsam: Sie waren alle unvorhersehbar und sie sind alle nicht planbar. 

Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, dass Wasser- und Kernkraftwerke ihre Kosten nicht mehr decken? Wer hätte gedacht, dass Deutschland trotz Milliarden an Subventionen in Erneuerbare heute mehr Kohle verbrennt als 2014? Wer hätte gedacht, dass China nach zehn Jahren massivstem Zuwachs an Kohleverbrauch innerhalb eines einzigen Jahres seine CO2-Emissionen um 77 Millionen Tonnen reduziert? Das ist mehr als die Schweiz in einem Jahr emittiert. Wenn wir die Schweiz vor einem Jahr abgeschafft hätten, wäre der Effekt geringer gewesen. Und wer hätte schliesslich gedacht, dass die USA immer noch die einzige Nation sind, die ihre Emissionen wie angekündigt sukzessive senkt? Und das jedes Jahr um einen Betrag, der ebenso die gesamten CO2-Emissionen unseres Landes übertrifft. 

Was lernen wir daraus? 

1. Zunächst sollten wir uns nicht so wichtig nehmen. Ausser wenn wir was beizutragen haben, das weltweite spürbare Wirkung hätte. 

2. Marktentwicklungen sind nicht planbar. Auch staatliche Regulierungen schaffen das nicht. 

3. Subventionen sind für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung fast immer schädlich. 

4. So volatil der Energiemarkt ist, Protagonisten wie Fossile und Kernenergie werden so schnell nicht abtreten und neue Akteure wie Wind und Sonne müssen ihre Rolle im Markt erst noch erkämpfen. Dazu sind Erfindergeist und Risiko­bereitschaft nötig, nicht Subventionen. 

5. Die Planung einer robusten Energiezukunft darf nicht Ideologen überlassen werden. Besonders wer eine Energieressource nur verteufelt und eine andere hochjubelt, um seinen eigenen Interessen zu dienen, hat in der Planung nichts verloren. 

6. Gegen die Unwägbarkeit zukünftiger Entwicklungen gilt es alle Optionen offenzuhalten. Technologieverbote in eine Verfassung zu schreiben, wäre von unglaublicher Kurzsichtigkeit. 

Es ist eine unzulässige Verkürzung, CO2-Emissionen als einzigen Grund der Klimaerwärmung darzustellen. Damit wird eine Steuerbarkeit des Klimas impliziert. Das ist grober Unfug. Die ­Klimadrohung schürt beim umweltbewussten aber technisch wenig versierten Bürger systematisch das schlechte Gewissen. 

Eine innovationsgetriebene Dekarbonisierung macht auch ohne Drohungen Sinn. Luftverschmutzung tötet auf der Welt jährlich ein Mehrfaches an Menschen als sämtliche klimabedingten Katastrophen zusammen. 

Der religiöse Eifer, alleine mit einer CO2-­Reduktion die Welt zu retten, treibt gefährliche Blüten. Dass damit einfach andere Ressourcen geplündert werden, scheint nicht zu kümmern. Oder ergeben Millionen Tonnen zukünftiger Batterien, welche nach 8000 Ladezyklen ersetzt werden müssen keine Umweltbelastung? Und wie kann ich Windräder gut finden, wenn ich damit ganze Landschaften zerstöre und zugleich den Gebrauch der totgesagten Kohle unerlässlich mache? 

Rette-die-Welt-Wunschdenken ohne ­Respektierung physikalischer und ökonomischer Gesetzmässigkeiten führt unweigerlich zu kontraproduktiven Ergebnissen. Zum Glück ist die Schweiz so klein, dass dies dem Klima, wie es auch herauskommt, keinen Schaden zufügt.

Häring Markus
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