Reflexionen zum «Stadt und Land- Graben»

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Stadt-Land

Was früher der Rösti-Garben war, ist heute der nach Astimmungen immer deutlicher in Erscheinung tretende «Stadt-Land»- Graben. Damit gelangt auch die Institution des Ständemehrs ins Visier der Kritik. Man suggeriert, die Bevölkerung in Städten und Agglomerationen (heute eine Volksmehrheit) sei reflektierter, rationaler und insgesamt «fortschrittlicher», und sie werde durch eine «zurückgebliebene» Landbevölkerung zunehmend fremdbestimmt und «ausgebremst».

Dass die Bevölkerung in ländlichen Gebieten möglicherweise einfach «propagandaresistenter» ist als die angeblich aufgeklärteren «urbanen Schichten», ist weder in der Politologie noch in den Medien ein Thema. Dort bürgert sich jetzt eine neue, schrecklich und falsch vereinfachende Terminologie ein. Man verabschiedet sich – mit guten Gründen – vom gängigen «Links- rechts- Schema», das sich bei den mittelständischen staatsabhängigen und -eingriffsfreundlichen Etatisten ohnehin nicht mehr so gut «verkaufen» lässt. Viele sind in diesen Kreisen für «Mehr Staat» und «Mehr Umverteilung» und mehr Protektionismus und Interventionismus, aber sie wollen sich trotzdem nicht als «Sozialisten» im Sinne der ursprünglichen Arbeiterbewegung bezeichnen lassen. Man ist «ökologisch sensibel» und – alles in allem – «liberal» vor allem sozial- und kulturliberal. Man nennt den politischen Hauptgegensatz jetzt:  «Liberale gegen Konservative». Die in Amerika übliche Verwendung des Begriffs «liberal» für «etatistisch-sozialdemokratisch» ist offenbar auch hierzulande auf dem Vormarsch. Viele Sozialdemokraten gehen immer noch von der Fiktion aus, der «Neoliberalismus» habe weltweit (mit Ausnahmen) auf der ganzen Linie gesiegt und sei die «global vorherrschende ökonomische Lehre». Wie wenn wir jetzt in Europa und in den USA in freiheitlichen Verhältnissen leben würden, die à tout prix zu konservieren wären! Das Eintreten für mehr zwangsweise Umverteilung und für mehr Staat wird beharrlich als «Fortschritt» bezeichnet, und das Eintreten für mehr Freiheit und Selbstverantwortung als «konservativ». Was sich heute schrittweise – auch in der Schweiz – etabliert, ist ein immer staatsabhängiger werdender Kapitalismus mit stark korporatistischen Zügen. Wenn wir das konservieren, was wir jetzt praktizieren, gelangen wir aber – nicht nur finanziell – früher oder später in eine Sackgasse.

Wer heute für mehr Freiheit eintritt, muss radikale und fundamentale Änderungen befürworten, einen Ausstieg aus nicht nachhaltig praktizierbaren Fehlstrukturen. So schnell wie möglich, aber lieber schrittweise als unter dem Druck einer grossen Krise.

Nef Robert
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2 Kommentare

  • Hanspeter Vogel

    In meiner Jugendzeit sprach insbesondere Radio Moskau von progressiven Kräften und meinte damit all diejenigen, die:
    – den «ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat» bejubelten;
    – «Hoh Hoh Hoh Chi Min» und «Johnson assassin» grölten;
    – «Amis raus aus Vietnam!» auf Hausmauern schmierten;
    – Nyerere und Sekou Touré als die besten afrikanischen Staatschefs lobten,
    – die ungarische «Konterrevolution» von 1956 verteufelten;
    – mit roten Büchlein in der Hand nach China reisten
    und sich im Mai 68 und an den Zürcher Juni-Krawallen «kreativ» betätigten.
    Später fand man einige davon auf hohen Posten in der Bundesverwaltung und in Regiebetrieben des Bundes.
    Uebrigens schwärmen Moritz Leuenberger und Benedikt Weibel noch heute vom Mai 68 (zusammen mit dem Deutschschweizer Fernsehen)

  • Das in den Medien gerne verwendete Label «progressiv» für den sogenannten linksliberalen «urbanen» Mainstream lässt sich nur tautologisch definieren. Als «progressiv» gilt heute das, was die Leute, die sich selber als progressiv bezeichnen, als fortschrittlich definiert haben, so dass die Etikette zum Stereotyp geworden ist.

    Was ist denn daran progressiv, dass jemand für mehr Staat und weniger Markt eintritt? Weshalb soll das Einstehen für eine einfache Flat Tax weniger fortschrittlich sein als dasselbe für das reale Steuergestrüpp mit progressiven Einkommens- und Vermögenssteuern? Und was soll progressiv sein an der Verteidigung eines Rentensystems, das demografische Veränderungen ignoriert und die Rentner auf Kosten der Aktiven und der jungen Generationen finanziert? Und schliesslich: Was soll denn an der Konzernverantwortungsinitiative so fortschrittlich gewesen sein, ausser dass halt die schädliche Moralisierung der Politik missioniarisch von denen betrieben wird, die sich als «progressiv» sehen?

    Peter Sloterdijk, philosophischer Grossmeister im Gebrauch scheinbarer Paradoxien und Kritiker des allmächtigen Steuerstaats, sagte im «Mittagsgespräch» auf Radio SRF1 im April 2019: „Ich würde mir am liebsten eine Zukunft vorstellen, in der konservative Positionen mehr und mehr in ihrer progressiven Wirkung wahrgenommen werden.» Diese Wunschbotschaft ist in den meinungsbildenden Redaktionsstuben, generell bei unserer Intelligenzia, noch nicht angekommen.

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