Neue Impulse zur Neidbekämpfung

Der Neid ist tatsächlich ein Laster, das sich für die Neider und für die Beneideten und für die ganze Gesellschaft letztlich destruktiv auswirkt, indem es zur staatlichen Gleichmacherei verleitet.
Ungleichheitsvirus Bild

Im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums veröffentlicht Oxfam den Bericht „Das Ungleichheitsvirus“. Der Bericht zeigt, wie die Corona-Pandemie soziale Ungleichheit verschärft und warum die Lösung in einem gerechten Wirtschaftssystem liegt. Was wird nun aus dieser Sicht als «gerecht» bezeichnet? In erster Linie Demokratisierung, sprich Politisierung der Wirtschaft und in zweiter Linie mehr staatlich erzwungene Umverteilung von reichen zu armen Individuen und Ländern. Das sind die seit je propagierten Instrumente, die auf den ersten Blick sympathisch erscheinen, aber weltweit wenig erfolgreiche Resultate aufweisen können. Die Entreicherung der Reichen befriedigt zwar den Neid, aber sie führt nicht zu jener Produktivitätssteigerfung, die auch das Los der Ärmeren nachhaltig verbessert, allerdings um den Preis, dass Ungleichheit weiterhin existiert.

Die Politik hat sich seit je als aktive Bekämpferin des Neides profiliert

Der Neid entsteht im Spannungsfeld zwischen dem, was die Menschen befriedigt, und dem, was sie unbefriedigt lässt. Dass diese Spannung Neid erzeugt, ist aber nicht zwingend. Das Unbefriedigtsein kann auch zum Ansporn werden, selbst produktiv und erfinderisch zu werden und so die eigene Lage durch Leisten, Lernen, Sparen und Tauschen befriedigender zu gestalten. Das weit verbreitete Gefühl, im Vergleich zu anderen schlechter gestellt zu sein und zu kurz zu kommen, trägt also nicht automatisch den Keim des destruktiven Neides in sich, sondern kann auch zum Ansporn für ökonomischen Fortschritt, für Wettbewerb und Wachstum werden. Alles, was im Vergleich von schlechter Gestellten mit besser Gestellten positive Impulse auslöst, wird in der Soziologie der Emotionen, beispielsweise vom bekannten Neidforscher Helmut Schoeck (1922 – 1993), als «helle, kreative Seite» des Neides bezeichnet, als Motor des Wetteiferns und als Ansporn zur Leistungssteigerung, die auf eine individuelle und kollektive Verbesserung der Lebensumstände abzielt.

Dieses Motiv würde man aber konsequenterweise besser mit dem Begriff „Rivalität“ bezeichnen, denn der Rivale bemüht sich darum, dass es ihm letztlich gleich gut oder besser geht als jenem, mit dem er sich vergleicht, während es dem Neider in der Regel primär darum geht, den Beneideten schlechter zu stellen. Die ethische und politische Auseinandersetzung mit dem Neid würde an Profil gewinnen, wenn man für die positive Seite des allgegenwärtigen Phänomens den Begriff „Neid“ durch den Begriff „Rivalität“ ersetzen würde und den Neid definitiv wegen seiner überwiegend destruktiven Folgen als Laster wahrnähme, wie dies in den meisten Religionen und Kulturen der Fall ist.

Der Neid ist tatsächlich ein Laster, das sich für die Neider und für die Beneideten und für die ganze Gesellschaft letztlich destruktiv auswirkt, indem es zur staatlichen Gleichmacherei verleitet. Nur wer Ungleichheiten und menschliche Vielfalt in ihrer schöpferischen Funktion wahrnimmt und nicht als Herausforderung zum kollektiv erzwungenen Ausgleich, ist auch in der Lage, den Neid in Schranken zu halten.

Immanuel Kant beschreibt den Neid als «den Hang, das Wohlergehen anderer mit Schmerz wahrzunehmen, obzwar dem eigenen dadurch kein Abbruch geschieht.» Der typische Neider konzentriert sich auf den Wunsch, dass es dem Beneideten schlechter gehe als bisher, und nimmt sogar in Kauf, dass dabei das eigene und das allgemeine Wohlstandsniveau sinken. «Mancher gäb’ ein Auge drum, dass der andere blind wäre», so ein entlarvendes Schweizer Sprichwort. Missgunst, Undank, Schadenfreude bilden,

so Kant, zusammen mit dem Neid «eine schreckliche Familie».

Die Politik, die sich ebenfalls mit menschlichen Emotionen befasst, hat den Stellenwert und die Sprengkraft des Neides schon sehr früh erkannt. Für den griechischen Philosophen Demokrit sind die politischen Parteien durch unterschiedliche Bewirtschaftungen des Neides entstanden, die einen wollen ihn anstacheln, die andern beschwichtigen. Dies verhindert, so Demokrit, die Eintracht, die zur Lösung der grossen politischen Probleme erforderlich wäre. Neid sät und erntet Zwietracht. Konstruktive Politik ist aus dieser Sicht eine Strategie der -gemeinsamen Neidüberwindung. Diesem Grundsatz werden sich auch heutige Politikverantwortliche aller Parteien nicht widersetzen. Die Lösungsansätze der Neidbekämpfung, der Neidprophylaxe und der allgemeinen Entneidung einer Gesellschaft klaffen aber weit auseinander. Wer etatistisches, egalitaristisches und sozialistisches Gedankengut vertritt, wird den Neid durch Umverteilung bekämpfen wollen, d. h., er wird denen, die als «Bevorzugte» beneidet werden, zwangsweise etwas wegnehmen oder vorenthalten, um es an diejenigen, die als «Benachteiligte» Neid empfinden, zu verteilen. Ob es dabei je gelingt, das Phänomen des Neides einzudämmen, ist angesichts bisheriger Erfahrungen höchst fragwürdig. Wahrscheinlich wird dadurch sogar mehr neuer Neid -geschaffen als alter Neid befriedigt.

Gekürzte und überarbeitete Fassung eines in „Finanz und Wirtschaft“ am 8. November 2013 erschienenen Artikels

Nef Robert
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5 Kommentare

  • Hanspeter Vogel

    Dem Artikel von Nef ist nichts beizufügen.

    Das Pamphlet von Oxfam ist demgegenüber für einen Oekonomen vollständig ungeniessbar. Es wird so ziemlich alles durcheinander gebracht, um am Schluss bei Rezepten aus der Mottenkiste der Dogmengeschichte und einem Spendenaufruf zu landen. En passant wird noch gleich der Neoliberalismus und damit die soziale Marktwirtschaft gemäss Freiburger Schule als Teufelswerk bezeichnet.
    Dabei wird laufend suggeriert, Wirtschaftsführer mit hohen Einkommen und und Aktionäre, die hohe Dividenden einstreichen, seien an der Armut der Hälfte der Weltbevölkerung schuld. Es wird gefordert, Grosskozerne grundsätzllich als Kriminelle zu betrachten, die ihre Unschuld zu beweisen hätten. KVI lässt grüssen!
    Kein Wort von sich selbst ins Amt geputscht habenden korrupten Regierungen, die nicht im Traum auf die Idee kämen, ihre Länder zu entwickeln oder möglicherweise andere Stämme als den eigenen zu unterstützen.
    Nach unserer Auffassung wäre es die Aufgabe jeder Staatsführung, für die Unabhängigkeit und Durchschlagskraft von Legislative, Exekutive und Judikative zu sorgen und die eigene Wirtschaft und Bevölkerung so vor Ausbeutung zu schützen. In einigen traditionellen afrikanischen Gesellschaften, wo schon die private Kapitalbildung im Hinblick auf eine Unternehmensgründung aus kulturellen Gründen kaum möglich ist, dürfte das allerdings noch zu keinem wirtschaftlichen Aufschwung führen. An kulturellen Gegebenheiten sind aber nicht die bösen weissen Reichen schuld.

    Man könnte sich allerdings die Frage stellen, ob der von jedem Fachwissen unbelastete Rundumschlag von Oxfam tatsächlich auf Neid beruht, oder ob die Bewirtschaftung von Neidgefühlen „bloss“ zum Geschäftsmodell gehört, um so mehr Spenden zu erbetteln. Wofür ist mir allerdings nicht ganz klar, dürfte doch die als Erfolg iher erwähnten Tätigkeiten dokumentierte Elektrifizierung eines abgelegenen Ziehbrunnens nicht ganz in die selbe Liga gehören wie die übrigen Ausführungen.

  • Franz-J. .Schulte-Wermeling

    Ich zitiere Sie:“ Dem Artikel von Nef ist nichts beizufügen“…Dann folgen ca. 20 Zeilen Allgemeinplätze. Deshalb meine Frage an Sie: Können Sie die Tinte nicht halten oder lesen Sie sich gern selber? Mir scheint, Sie sind ein Wiederholungstäter..

  • Schulte-Wermeling? Ach ja, der frühere Wiederholungstäter als unterhaltsamer Ämterschreck. Immer noch leicht reizbar. Dabei hat Herr Vogel ja recht!

  • Franz-Josef Schulte-Wermeling

    Wieso „früherer“ Wiederholungstäter?? Der „Hammer“ – so nennen mich meine Freunde- ist immer noch aktiv, nur wird darüber in den Medien wegen der wirtschaftlichen Interessen der Verlüger kaum noch berichtet. ==>“Leben heisst nicht Amboss sein, Leben ist ein „Hammer“<==: Indem Sie lapidar behaupten, Herr Vogel habe ja recht, verfallen Sie in die bei Naturwissenschaftlern verpönte Methode, nicht zur Sache, sondern zur Person zu argumentieren: Wer die Tinte nicht halten kann und dabei Publikationen AndersDENKENDER (nicht nur logisch, sondern auch analytisch) lediglich als aus der Mottenkiste der Dogmengeschichte geholte Pamphlete bezeichnet, gehört für mich zu jenem akademischen Proletariat, welches ihr Sachgebiet zwar beforscht, aber wegen mangelnder geistiger Reserven nicht zu erforschen vermag. Schon der alte Aristoteles soll ja gesagt haben: "Der Gebildete treibt die Genauigkeit nicht weiter, als es der Natur der Sache entspricht". Falls Sie meinen heutigen Beitrag lediglich ebenso unterhaltsam finden wie meinen damaligen Beitrag: "Tunen Sie Ihr Auto, Herr Höhener!", so möchte ich Sie darauf hinweisen, dass nur der damalige, nicht aber der heutige Beitrag ironisch gemeint war. Mein Friedensangebot lautet: KOMMEN WIR ZURÜCK ZUR SACHE!

  • Höhener Emanuel

    Herr Nef,

    Ihr Artikel erinnert mich an folgende Begebenheit resp. spätere eigene Erfahrung: Im 1984 wurde mir die Leitung der skandinavischen Tochtergesellschaften eines damals bedeutenden schweizerischen Industrie- Konzerns übertragen. Im Frühjahr dieses Jahres bereiste ich zur Einführung in meine neue Aufgabe zusammen mit meinem Vorgänger in diesem Amt Skandinavien. Nebst den eigentlichen geschäftlich- / beruflichen Themen, war natürlich sein Wissen um Länder und Leute auch ein wichtiger Input für mich. Eines brachte er mir mit Nachdruck bei: „Wenn ich der Meinung sein sollte, der Sozialismus skandinavischer Prägung beruhe auf dem Prinzip der Solidarität, so läge ich völlig falsch. Das Grundprinzip dieses Sozialismus ist Neid, purer Neid.

    Nach 8 Jahren Leben und geschäftlich aktiv sein in Skandinavien und seither nach wie vor in regem Kontakt mit guten lokalen Freunden in diesen Ländern kann ich nur bestätigen, wie recht mein Vorgänger hatte.

    Eine Folge davon ist, das diese Gesellschaften erstarren, da die Mehrzahl der Stimmberechtigten beim Staat angestellt sind, wollten die keine bis wenig Änderung. Besonders Schweden, aber auch Finnland, haben diesen Teufelskreis durch die Mitgliedschaft in der EU durchbrechen resp. aufweichen müssen (z. B. durch die Aufgabe der verschieden Marktmonopole wie für Alkohol (war bekannt), jedoch auch für Gemüse, Milchprodukte, Fleisch, usw).

    In Norwegen gibt es all das noch. Ein Rätsel ist nach wie vor, wie diese sozialistischen Gesellschaften es fertig brachten, bei uns als Vorbilder in jeglicher Beziehung dazustehen, obwohl in vielen sozialen Bereichen die lokalen Standards mehr schlecht als recht sind. Beispielweise Warteschlangen für notwendige kritische medizinische Eingriffe. Zudem, je älter man ist, desto weiter hinten wird man in der Warteschlange eingereiht (für Pensionäre lohnen sich viele Behandlungen nicht mehr, so der Denkansatz der staatlichen Behörde). Skandinavier, besonders Norweger, welche es sich leisten können, weichen zur medizinischen Behandlung ins Ausland aus. Besonders populär dabei sind die Krankenhäuser in Nordengland und Schottland, was dort immer wieder zu Unrast unter der Lokalbevölkerung führt.

    Meisterlich beispielsweise, wie Norwegen es fertig bringt, aus Sicht der Europäer (inkl. Schweizer) als Vorbild betreffend E-Mobilität und somit Zielrichtung „grüne Wirtschaft“ da zu stehen. Solches wird erreich durch massive Steuervorteile rundum (keine Steuern beim Neukauf, keine Verkehrsabgaben, keine Maut für die Fahrt in die Städte, benützen der Bus- und Taxi- Spuren, usw. Dass dies finanziert wird mit dem Verkauf von Öl und Gas an die Europäer, ist eine andere Geschichte und wird selbstverständlich nicht hervorgehoben.

    Es ist so, dass falls die Politik unpopuläre Massnahmen ergreifen muss, Kinder und die „Alten“ als erste leiden, beides Gesellschaftsgruppen, welche sich nicht wehren! Man mag den Kopf schütteln, wenn ich dies hier so aufführe, jedoch kann durch Beispiele jede einzelne meiner Aussagen belegt werden.
    Emanuel Höhener

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