Moment einmal…. lohnt es sich, Veganer zu werden?

Eine fleisch- und milchlose Ernährung soll angeblich helfen, um die Erderwärmung in den Griff zu bekommen. Ich habe da allerdings meine Zweifel.
Kalb_ormalingen

Dieser Beitrag wurde am 26. Oktober 2021 im Nebelspalter publiziert

Mit der Feststellung von Klimawissenschaftlern, dass rund 18% der anthropogenen Treibhausgase (Abbildung 1), aus der Landwirtschaft stammen, kennen einige Engagierte kaum mehr ein Halten den Verzicht auf Fleischkonsum zu predigen. Dem wäre ja nichts entgegenzuhalten, falls sich dadurch die Welt tatsächlich retten liesse, oder zumindest ein bisschen. 

Abbildung 1. Quelle our World in Data

Seit es in der Schweiz Tibits gibt, kann sogar ich mich als Vegetarier vorstellen. Ich liebe die leckeren und abwechslungsreichen Buffets dieser ansprechenden Restaurants-Kette. Da ich allerdings auch Milch- und Käseliebhaber bin und mir nicht vorstellen kann auf Raclette, Fondue und Crêpes zu verzichten, werde ich es nie zum Veganer schaffen. Dieser Beitrag handelt jedoch nicht von meinen kulinarischen Präferenzen, sondern von der Rettung der Welt.

Und da bleiben ein paar Fragen zur Wirkung der geforderten Verhaltensänderungen. Fragen die ich nicht in der Lage bin, selbst zu beantworten. Dazu lasse ich mich gerne von Fachkundigen beraten und lade sie ein mir sachliche Argumente zu liefern[1].

Der natürliche Kohlenstoffkreislauf durchläuft sämtliche Sphären des Systems Erde: Die Atmosphäre, die Geosphäre, die Hydrosphäre und die Biosphäre. Der Austausch von Kohlenstoff, sei es in der Form organischer Verbindungen, sei es als Methan oder Kohlendioxid, erfolgt in einem hochkomplexen System mit unterschiedlichen Speichern, Flüssen unterschiedlicher Geschwindigkeit, Intensität und Konzentration. In der Summe bleibt die Menge an Kohlenstoff konstant. Die Erdgeschichte zeigt, dass dieses dynamische System sich ziemlich erfolgreich selbst reguliert, sonst hätten in der viereinhalb Milliarden langen Geschichte grössere und heftigere Klimaumschwünge in wesentlich grösserer Frequenz stattfinden müssen. Das Klima wäre wiederholt aus dem Ruder gelaufen. 

Im jüngsten, im industriellen Zeitalter – ein Klacks in der Erdgeschichte – wurde in der Atmosphäre eine menschgemachte Veränderung geschaffen. Die Zunahme der CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 0.028% auf 0.041% innerhalb weniger Jahrzehnte ist beispiellos. Das lässt sich mit dem Einfluss aus einer externen Quelle, respektive aus einer anderen Zeit erklären. Es ist Kohlenstoff der vor Millionen von Jahren in Kohle, Erdöl oder Erdgas gebunden wurde und nun in einem Bruchteil der Zeit durch Verbrennung freigesetzt wird. Das ist für mich als Geologe nachvollziehbar. Solche signifikanten Veränderungen einer Gaskonzentration gleichen sich zwar wieder natürlich aus, nur sind das sehr langsame Prozesse, die sich über Jahrhunderte erstrecken, wie auch das IPCC festhält. 

Kühe fressen keine Kohle, Erdöl oder Erdgas

Für mich nicht nachvollziehbar ist hingegen, dass Tierhaltung, zu einer klimarelevanten Veränderung der Atmosphäre beitragen soll. Kühe fressen doch keine Kohle, Erdöl oder Erdgas. Es sind Veganer, die ausschliesslich Pflanzen fressen, die sich direkt aus atmosphärischem CO2 aufbauen.

Die Emissionen von Wiederkäuern (Abbildung 2) sind in der Tat nicht nur CO2, sondern auch Methan (CH4). Die Tiere erzeugen das nicht selbst, das tun Bakterien, Protozoen und Hefen in ihren Mägen. Ähnliche Prozesse finden auch in Reisfeldern statt. Auch diese gelten als Quellen von klimaschädlichem Methan und werden in der Klimabilanz als «anthropogene Treibhausgase» verbucht. 

Abbildung 2: Wiederkäuer, Darstellung aus der «Allgemeinen Naturgeschichte VII, Zoologie» (1833)

Die Kohlenstoffbilanz verändert sich durch diese Kreisläufe allerdings nicht. Eine Kuh kann nicht mehr Kohlenstoff abgeben als sie aufnimmt, sei das in Form von Fleisch, Milch, Dung, CO2 oder Methan. Methan ist in der Tat ein signifikant stärker wirkendes Treibhausgas als CO2, allerdings auch ein instabileres mit einer gleichsam signifikant kürzeren Verweildauer in der Atmosphäre. Ergibt das nicht nahezu ein Nullsummenspiel? 

Es stellt sich auch die Frage, wie sähe der Kohlenstoffkreislauf ohne Landwirtschaft aus: Produzierten die Bisonherden der amerikanischen Steppen vor deren Beinahe-Ausrottung kein Methan? Oder die Auerochsen, Rentiere, Steinböcke, Giraffen, Dromedare vor der Landnahme durch den Menschen? Welche Gase produzierten unkultivierte Reissorten und nicht trockengelegte Torfmoore in prä-landwirtschaftlicher Zeit? Bekanntlich produzieren auch naturbelassene Biotope Methan. War die natürliche Biosphäre früher klimafreundlicher? Oder einfach anders? 

Und was bedeutet schliesslich die Umstellung auf eine ausschliesslich pflanzliche Ernährung der Menschheit, zum Beispiel ein erhöhter Konsum von Bohnen, Zwiebeln und Kohl? Oder will der Homo sapiens den Landbedarf der – zugegeben domestizierten – Tiere in Beschlag nehmen? Welche Konsequenzen hat das auf die natürlichen Kreisläufe? Fragen über Fragen, für welche ich Antworten brauche. Antworten, um den Nutzen und die Wirkung solcher Massnahmen abschätzen zu können. Von kompetenten Wissenschaftlern erwarte ich dazu stichhaltige Argumente und nicht Forderungen zu Verhaltensänderungen.


[1] Literaturhinweise und Links dazu sind natürlich willkommen, aber ich würde es schätzen zu jeder Referenz die Quintessenz der Publikation mitgeliefert zu bekommen.

Häring Markus
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1 Kommentar

  • Hanspeter Vogel

    «Kühe fressen keine Kohle, Erdöl oder Erdgas». Einprägsame (und nicht widerlegbare) Formulierung, die mir echt gefällt!
    Vegis aller Art (ich bin keiner von dieser Kaste und habe auch nicht im Sinn, es je zu werden) würden aber möglicherweise etwas anders argumentieren. Die Schweiz importiert jede Menge Tierfutter und Fleisch (vorwiegend aus Uebersee) und exportiert Käse und ähnliches in die Gegenrichtung. Kohle/Erdöl/Erdgas werden nicht von den Tieren gefressen, sondern von den Transportsystemen (z.B. mit Schweröl betriebenen Containerschiffen und anderen Transportmitteln) sowie durch Lagerhaltung, Verarbeitung, etc.
    Gerechterweise müsste dann zwar auch gesagt werden, dass sich dieselbe Problematik beim Düngerimport für den Gemüse- und Getreideanbau sowie bei Produktion und Transport vieler Vegi-Produkte stellt.
    Selbstverständlich plädiere ich weder für eine Aufhebung des Welthandes noch für nicht gesundheitspolitische (Boden- bzw. Wasserverseuchng, etc.) staatliche Eingriffe.
    Wenn wir die Sache zu Ende denken landen wir aber immer wieder beim selben Thema: Energiepolitik.

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