Mit Kernenergie leben

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Gastkommentar in Finanz und Wirtschaft vom 14. Dezember 2019

Am 20. Dezember wird das Kernkraftwerk Mühleberg nach siebenundvierzig Betriebsjahren vom Netz genommen. Bereits seit November wird die Leistung langsam runtergefahren. Am 20. Dezember werden dann im Reaktor Steuerstäbe zwischen die Brennelemente eingefahren, die den Kernspaltungsprozess endgültig unterbinden. Innerhalb von sieben Stunden wird die Temperatur des Wassers im Siedereaktor von 280 auf unter 110 Grad abklingen. An diesem Tag fällt eine Produktionsanlage weg, die Jahr für Jahr rund 3’000 Gigawattstunden Strom produzierte, mehr als die Produktion aller Biomasse-, Solar- und Windanlagen der Schweiz zusammen. Diese produzierten letztes Jahr 2708 Gigawattstunden. Mühleberg hat in den letzten Jahren rund 5 Prozent des schweizerischen Strombedarfs geliefert. Das waren 25 Prozent der BKW Produktion. Die verlorene Produktion kann vorläufig mit ausländischem Strom gedeckt werden. Ab 2020 werden bei der BKW noch 20 Prozent der Produktion aus dem Kanton Bern stammen, 28 Prozent aus der restlichen Schweiz, die andere Hälfte wird importiert. Entsprechend verschlechtert sich die CO2-Bilanz des BKW Stroms. Eine Entwicklung, die der Klimapolitik diametral zuwiderläuft.

Teure Nachrüstung

Nach einem unspektakulären und skandalfreien Arbeitsleben geht das Kraftwerk vom Netz, weil die geforderte Nachrüstung mit einer von der Aare unabhängigen Notkühlung betriebswirtschaftlich nicht mehr zu rechtfertigen ist. Die zusätzliche Notkühlung wurde gefordert, um gegen ein 10’000 Jahre Hochwasser der Aare gewappnet zu sein. Ein Realersatz von Mühleberg erscheint kurzfristig nicht notwendig, obwohl der Stromverbrauch mit der erwarteten E-Mobilität zunehmen wird. In diesem Spannungsfeld von Widersprüchen sind zur ersten Ausserbetriebnahme eines Kernkraftwerks in der Schweiz ein paar Gedanken über Gefahren und Grössenordnungen angebracht.

Kernkraftwerke, eigentliche Arbeitspferde für zuverlässige Bandenergie, konnten bis heute nur einen beschränkten Goodwill der Konsumenten gewinnen. Die Distanz zu Atomanlagen ist in der Bevölkerung verankert. Freunde der Kernenergie sind eine Minderheit, dafür eine sehr überzeugte.Sie sehen darin schlicht die einzige Technologie mit ausreichendem Potential, um von der Abhängigkeit und Dominanz der Fossilen loszukommen. Damit verfolgen sie eigentlich die gleichen Ziele wie ihre grössten Gegner, die Grünen. Sie bloss als «Atomlobby» abzutun, wäre zu kurz gegriffen.

Energie ist das Blut einer industrialisierten Gesellschaft und unserer Zivilisation. Die Menschheitsgeschichte zeichnet sich durch den Gebrauch von Feuer, einer gefährlichen Form von Energie, aus. Als Urmenschen ihre Furcht überwanden und nach einem brennenden Ast griffen veränderte sich deren Leben für alle Zeiten. Feuer in nutzbare mechanische Energie umzuwandeln gelang allerdings erst am Ende des vorletzten Jahrhunderts. Die Verbrennung als Grundlage aller mechanischen Kraftanwendungen und weiterer industrieller Prozesse ermöglichte ein beispielloses Bevölkerungs- und Wohlstandswachstum. Innerhalb von zwei Jahrhunderten wuchs die Weltbevölkerung von einer Milliarde auf sieben Milliarden, wobei die jüngsten fünf Milliarden erst in den letzten hundert Jahren dazu kamen. Als Rohstoff dienen Kohle, Erdöl und Erdgas. Dass die Weltgemeinschaft in heutiger Grösse und relativem Wohlstand zu 85 Prozent auf der Verbrennung dieser Ressourcen aufbaut, ist nicht nachhaltig. Zudem hat Feuer, auch in der mechanischen Verwendung, seine Gefährlichkeit nie eingebüsst. Weltweit fallen jährlich mindestens 150’000 Personen alleine Bränden zum Opfer[1].

Die Energiedichte in Uran oder Thorium ist um Grössenordnungen höher als in fossilen Brennstoffen. Aber man kennt auch die Gefahr, die von radioaktiven Brennstoffen ausgeht. Die Furcht ist berechtigt. Radioaktivität ist ein Phänomen, für welches wir keine Sinnesorgane haben. Man kann sie weder hören noch fühlen noch riechen. Doch sie kann tödlichen Schaden anrichten. Radioaktive Strahlung wird ihre Gefährlichkeit für alle Zeiten behalten. Genauso wie das Feuer, das seit Urzeiten gefährlich ist und bleibt, wie die Zahlen jährlicher Brandopfer, Natur- und Sachschäden bestätigen. Die Furcht vor der Kernenergie gründet auf der zerstörenden Erstanwendung in Hiroshima und Nagasaki, der menschheitsbedrohenden Aufrüstung mit Atomwaffen und schliesslich auf den technischen Desastern in den Kernkraftwerken Three Miles Island und Tschernobyl. Ein weiterer Rückschlag bedeutete Fukushima, obwohl es dort eines extremen Erdbebens der Magnitude 9.1 mit einem zerstörerischen Tsunami bedurfte, um den Unfall auszulösen. Bemerkenswert bei all diesen Unfällen ist, dass die Anzahl der Todesfälle um Grössenordnungen kleiner waren, als bei allen anderen Energieträgern. In Japan starben in Folge des Tsunamis über 20’000 Menschen, in Folge des Reaktorunfalls kein einziger Mensch.

Die Schwelle, ob wir den Nutzen der Kernenergie höher einordnen als deren Gefahren, hat die Gesellschaft noch nicht überschritten. Dieser Prozess wird Zeit benötigen, beschleunigt wird er höchstens durch die Einsicht, dass unser Wohlstand, auf den niemand verzichten will, mit Erneuerbaren Energieträgern alleine nie erbracht werden kann. Besonders mit dem Wissen, dass das Gros der Weltbevölkerung einen ähnlichen Lebensstandard wie den unseren anstrebt und dass bis Ende des Jahrhunderts noch weitere drei Milliarden Menschen dazu kommen. Eine Zunahme des Energiebedarfs ist vorgegeben.

Umwelt entlasten

Jugendbewegungen wie Friday for Future oder Extinction Rebellion, welche die Wohlstands­gesellschaft nur als schuldigen Sünder und Verursacher einer Apokalypse sehen, sind mit ihren Forderungen auf Systemänderung und Verzicht wirtschaftsfeindlich, sogar menschenverachtend, auf jeden Fall sind sie nicht lösungsorientiert. Zustimmen kann man nur der Forderung, dass die Umwelt entlastet werden muss, was allerdings wesentlich mehr bedeutet als nur eine Reduktion von Treibhausgas-Emissionen. Mit den heute favorisierten Ansätzen wie Wind- und Solarenergie besteht die reale Gefahr eine Reduktion von CO2 mit wenig effizienten Methoden, irreparablen Schäden an Landschaft und Verbrauch seltener Rohstoffe für chemische Speicher zu erkaufen, ohne das Ziel zu erreichen.

Kernenergie bedient sich Ressourcen, die nicht bereits von der Natur beansprucht werden. Ohne noch weiter in die Zukunft zu schauen, werden wir es lernen müssen mit der immanenten Gefahr der Kernenergie umzugehen, so wie wir seit Menschengedenken gelernt haben mit der immanenten Gefahr des Feuers umzugehen. Dazu gilt es Ängste zu überwinden, wie der Urmensch seine Furcht vor dem Griff zum brennenden Ast überwinden musste.

[1] World Fire Statistics 2018, Int. Assoc. Of Fire and Rescue Services.

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