Known Unknowns & Unknown Unknowns

Umgang mit Unsicherheit kann gelernt und geübt werden – Kaum ein Tag vergeht, an dem Covid-19 nicht zum Gesprächsthema wird oder die Tageszeitungen mit Covid-Statistiken aufwarten. Was im Zusammenhang mit Umwelt- und Klimapolitik Anlass zu einigen Beobachtungen zum aktuellen Umgang mit unsicherem Wissen gibt.
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Die letzten zwölf Monate waren zweifellos von Höhen und Tiefen geprägt. Die Entwicklung von zwei neuartigen mRNA-Impfstoffen oder die grosse Dankbarkeit, welche Villigers Schuldenbremse entgegengebracht wurde, halfen und helfen uns die gewaltigen Tiefen, in welchen wir immer noch wie gefangen sitzen, zu überwinden. Ganze Branchen wurden von den Bundes- und Regierungsräten ohne klare Beweise in den Ruin getrieben, Lebenswerke zerstört. Der Schweizer Zivilschutz hat totalversagt – so dass die Schweizer Armee gleich zwei Mal mobilisieren musste. Unglaublich auch die Hofberichterstattung von SRF. The Economist hat wohl nicht ganz zu Unrecht in der Ausgabe von letzter Woche die Schweiz in anderem Zusammenhang als Bananenrepublik bezeichnet.

Die tägliche Kakofonie

Spezielle Verdienste rund um die Kakofonie haben sicher einzelne Mitglieder der Swiss National Covid-19 Science Task Force. Vermutlich hat noch nie in der Geschichte der Schweizer Eidgenossenschaft eine Elite ihren gesellschaftlich erwarteten Beitrag derart krass missverstanden. Aber auch die Willkür der politischen Exekutiven in der Schweiz (und auf der ganzen Welt) ist fast unbegrenzt. Man denke da beispielsweise nur an die lebensfremde Fünf-Personen-Regel. Warum eigentlich nicht eine Ein-Personen-Regel? Oder noch besser: Eine Null-Personen-Regel! Nun, der politischen Willkür könnte allenfalls ein kleiner Hoffnungsschimmer abgerungen werden. Dies würde jedoch ein klügeres Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Politik erfordern als wir in letzter Zeit erleben. Zum Glück versteht der Bundesrat immer mehr, dass sich Wissenschafter nur eingeschränkt als politische Berater eignen.

Zwei Seiten des Übels

Auf der wissenschaftlichen Seite des Übels steht meines Erachtens eine krasse Selbstüberschätzung des eigenen Wissens. Die Selbstinszenierung gewisser Experten stellt die kleinen Known Knowns grosssartig in der Vordergrund und verliert kein Wort über die erdrückend vielen Unknowns. Doch Gewissheit ist eine Illusion! Hinzu kommen eine miserable Kupplung von Natur- und Sozialwissenschaften und eigeninteressierte mediale Verstärker. Ja liebe Covid-Expertinnen und Experten, ihr seid jetzt fester Bestandteil des Unterhaltungsbreis!

Auf der politischen Seite des Übels dann, getrieben durch die mediale Unterhaltungsindustrie, Exekutiven, welche mit den ihnen zugestellten Informationen das Beste für die Bewohner des Landes anstreben. Am Ende resultieren dennoch nur ständig neue Vorschriften, welche mit immer mehr Drohungen, Tricks und Unwahrheiten dem Volk schmackhaft gemacht werden. Persönlich hat mich der Bundesrat in den letzten Monaten auch immer mal wieder positiv überrascht. Trotzdem komme ich nicht vom Eindruck los, dass die Exekutivpolitiker und ihre Stäbe im ganzen Land ziemlich unerprobt im Umgang mit grosser Unsicherheit sind und deshalb ständig irgendwelche ad-hoc Entscheide treffen.

Was wollte uns Donald Rumsfeld sagen

Donald Rumsfeld, der frühere Kriegsminister der USA, machte im Februar 2002 Schlagzeilen, als er zur Frage von Massenvernichtungswaffen im Irak zur Antwort gab:

«Reports that say that something hasn’t happened are always interesting to me, because as we know, there are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns—the ones we don’t know we don’t know. And if one looks throughout the history of our country and other free countries, it is the latter category that tends to be the difficult ones».

Die Medien stellten Rumsfeld in der Folge als etwas wirr dar, alle machten sich lustig über ihn, sogar ein Dokumentarfilm wurde gedreht. Tatsächlich wies Rumsfeld auf die wichtige Unterscheidung zwischen Risiko («known unknowns») und Unsicherheit («unknown unknowns») hin, eine Unterscheidung welche auf Frank Knight (1921) zurückgeht. Knight zeigte nämlich, wie die Wirtschaft Unsicherheit mit Hilfe von Unternehmern und der Aussicht auf einen Unternehmensgewinn bewältigt.

Vermutlich gibt es in der langen Sicht Parallelen im Umgang mit Unsicherheit zwischen den politischen und wirtschaftlichen Sphären. Der politische Umgang mit Unsicherheit ist jedoch meines Erachtens komplexer, weil das politische Zielsystem heterogener als das wirtschaftliche Zielsystem ist. Ersteres hat mehrere politische Grundhaltungen gleichzeitig zu beachten (Liberale, Konservative, Soziale, …), letzteres ist – verkürzt dargestellt – dem langfristigen Unternehmensgewinn verpflichtet.

Mir stellt sich daher die Frage, wie beispielsweise derzeit der Entscheidprozess im Bundesrat funktioniert und wie dabei der Umgang mit Risiko und Unsicherheit ist. Leider ist dieser Entscheidprozess aus den öffentlich zugänglichen Dokumente nicht genau ersichtlich. Es gibt offenbar mehrere Steuerungsausschüsse und mehrere Task Forces. Unklar bleibt dabei, wie genau die vielen Informationen schliesslich für die Exekutive aufgearbeitet werden. Man muss vermuten, dass gerade die Informationen aus der Science Task Force ungefiltert in die Entscheidgremien und zur Bevölkerung fliessen und keine Spezialisten für Informationsaufarbeitung und Entscheidtheorie im Prozess eingebunden sind. Dies ist in mehrfacher Hinsicht reichlich naiv.

Transparente Entscheidregeln

Der ehemalige britische Nachrichtenoffizier David Omand (2020) zeigt in seinem kürzlich erschienen Werk «How Spies Think» mit welchen Methoden professionelle Nachrichtendienste Information beschaffen, prüfen, auswerten, interpretieren und anwenden. Omand stellt unter anderem das Testen von Hypothesen mittels der Bayes-Regel sowie das bayesianische Denken und Handeln ins Zentrum seiner Überlegungen. Doch Entscheidregeln gibt es viele, zum Beispiel den Erwartungsnutzen maximieren (Max U), die Verluste von Fehlentscheiden minimieren (Minimax-Regret), Versuch und Irrtum pflegen (Popper), auf die Beste aller Welten hoffen (Maximax) oder das Beste für die Schwachen erreichen (Maximin à la Rawls).

Im Zusammenhang mit Covid-19 sind kürzlich interessante entscheidtheoretische Beiträge von Berger et al (2021) oder von Manski (2020) geliefert worden. Gerade die Politik müsste eigentlich grosses Interesse an Entscheidtheorie haben, weil sich so bessere Beschlüsse treffen liessen. Beschlüsse, welche anschliessend auch einfacher zu erklären sind. Dies würde aber bedeuten, dass in Lagen mit grosser Unsicherheit dem Bundesrat ein Stab für Entscheidtheorie und Unsicherheit zur Seite gestellt wird. Dieser hätte die Aufgabe, einerseits alle Informationen, welche die Bedrohung beschreiben, mit nachrichtendienstlichen Methoden zu prüfen, auszuwerten und zu interpretieren sowie andererseits den Bundesrat bei der Auswahl und der Anwendung von Entscheidregeln zu unterstützen.

Lernen vom Waldsterben und der Pandemie

Manski (2020) plädiert für eine Trail-and-Error-Regel namens «Adaptive Policy Diversification», welche unserer Schweizer Erfahrung nahe kommt. Das viel beschworene Malaise unserer 26 Kantonsregierungen, welche alle ihren eigenen willkürlichen Weg suchen, ist vielleicht gar keines und wäre demnach gar nicht so tragisch. Dies würde jedoch bedingen, dass die «Systemkonkurrenz» wissenschaftlich eng begleitet würde. Nur so lässt sich nämlich lernen. Als einem der vor 35 Jahren vom wissenschaftlichen Fiasko des Waldsterbens stark geprägt wurde, bietet die Pandemie auch Gelegenheit zum klügeren Umgang mit Unsicherheit. Dies scheint mir nicht zuletzt für eine langfristig erfolgreiche Klimapolitik von Bedeutung.

Referenzen

Berger L, Berger N, Bosetti V, Gilboa I, Hansen LP et al (2021) Rational policymaking during a pandemic. PNAS 118 (e2012704118), 7 p.

Knight FH (1921) Risk, Uncertainty and Profit. Washington: BeardBooks. 381 p.

Manski CF (2020) Forming Covid-19 policy under uncertainty. J Benefit Cost Anal 11: 341–356.

Omand D (2020) How Spies Think: Ten Lessons in Intelligence. London: Penguin Random House. 344 p.

Hostettler Martin
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4 Kommentare

  • Ja, Hanspeter, du hast natürlich Recht. Wenn ich die BR-Liste anschaue, dann müssten es wohl Amherd oder Keller Sutter oder der Ersatz für Sommaruga schaffen. Amherd und Keller Sutter scheinen nicht unmöglich für eine Wende zur Vernunft. Mit einem Ersatz von Sommaruga aus der SP… oder gar aus grünen Kreisen wird’s schwieriger bis unmöglich. Der SVP wird wohl das UVEK nicht zugestanden.

  • Hanspeter Vogel

    Markus schreibt: «Mit entscheidtheoretisch gestützten Entscheidmethoden wäre es nie zu einer Zustimmung zur Energie“strategie“ 2050 gekommen» Das dürfte unbestritten sein. Im vorliegenden Fall hätten allerdings bereits gesunder Menschenverstand und ein durchschnittliches IQ-Niiveau ausgereicht.

    Das Auswechseln einer ganzen Seilschaft von Chefbeamten dürfte politisch innert nützlicher Frist kaum möglich sein. Sinnvoller erschiene mir, durch eine Rochade im Bundesrat für eine andere Departementsvorsteherin zu sorgen, die dann über einen klima- und energiepolitisch versierten persönllichen Mitarbeiter dafür sorgen müsste, dass Aufträge an Planungsbüros sauber und zielgerichtet formuliert werden und dass als Auftragnehmer nur renommierte und politisch unbelastete Firmen und Experten zum Zuge kommen.

    Da sich in der Bundesverwaltung je länger desto mehr die Seuche durchsetzt, alle irgendwie wichtigen Fragen durch externe Gutachter «lösen» zu lassen und deren Studien kaum zu begleiten, sondern telles quelles als Amtsmeinung zu publizieren, scheint mir dieser Weg erfolgversprechender.

  • Sehr schöner Beitrag, vielen Dank!

  • Vielen Dank, Tinu Hostettler, für diesen interessanten Beitrag.

    Mit entscheidtheoretisch gestützten Entscheidmethoden wäre es nie zu einer Zustimmung zur Energie»strategie» 2050 gekommen. Vielmehr wäre diese «Strategie», die bei genauer Betrachtung bestenfalls einer Vision oder – noch weniger – einer Wunschvorstellung entspricht, gar nie soweit gekommen, um auch nur dem Parlament vorgelegt zu werden, geschweige denn dem Volk.

    Noch fast schlimmer steht es um die Klima»strategie», die an sich schon mit ihrem angeblichen Zielgegenstand, einer Eindämmung der Erderwärmung, gar nichts zu tun haben kann. Statt ihre 2 Promille am weltweiten CO2 auf Null reduzieren zu wollen, was misslingen wird und vom Klima unbemerkt bleiben würde, müsste die Schweiz – wenn schon – ihre Zig Milliarden für global koordinierte Vorgehensweisen einsetzen.

    Wenn das Volk das CO2-Gesetz ablehnt, was dringend nötig ist, dann können wir mit der Ausarbeitung einer wirksamen Klima- und Energiepolitik noch einmal anfangen. Die bisherigen Entscheidvorbereiter im BFE und im BAFU müssen dabei bis auf Stufe Sektionschef durch neue Kräfte ersetzt werden.

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