In welch verrückten Zeiten des Moralisierens und der Selbstüberschätzung leben wir doch

CO2 weg und alles wird gut. Einfacher geht’s nicht.
SeafloorCO2Injection
CO2-Injektionsplattform Sleipner Feld, offshore Norwegen
Markus Häring

CO2-Neutralität genügt nicht. „Wir müssen die historische Schuld an der Klimaerwärmung abbauen“. So lässt sich Nationalrat Bastien Girod der Grünen und Präsident der Umweltkommission verlauten. Um das zu erreichen, schlägt er unter anderem vor, CO2 bei Verbrennungsanlagen abzuscheiden und per Pipeline nach Norwegen zu verfrachten, wo es in den Meeresboden verpumpt werden soll. 

Es ist eine kaum noch bestrittene Sache, dass die Welt eher früher als später auf Energie aus fossilen Brennstoffen verzichten muss. Dank dieser Art der Energiegewinnung konnte sich die Weltbevölkerung zwar innerhalb zweier Jahrhunderte vervierfachen und ein Teil davon – nämlich die ganze industrialisierte Welt – konnte damit einen beispiellosen Wohlstand erreichen. Dass dieses unglaubliche Erfolgskonzept an Grenzen stösst, ist offensichtlich. In den siebziger Jahren glaubte der Club of Rome,  dass die Verfügbarkeit der fossilen Ressourcen die Grenzen setzt. Doch technologische Innovationen und Preissteigerungen haben diese immer weiter in die Zukunft verschoben. Die Grenze, die nun aber in den Fokus gerückt ist,  sind die Treibhausgase, insbesondere das Kohlendioxid.

Es ist auch völlig unbestritten, dass die Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas die CO2– Konzentration in der Atmosphäre erhöht hat und solange diese Stoffe verbrannt werden weiter erhöht. Es liegt in der Natur des Treibhausgaseffekts von CO2, dass dies das Klima erwärmt. Das ist unerwünscht. Doch hier ist die Einfachheit der Herleitung zu Ende. Dass CO2 den Planeten begrünt und weitere wesentliche natürliche Regelmechanismen noch gar nicht begriffen sind, tut hier nichts zur Sache.

Die Politik hat sich auf die CO2-Begrenzung eingeschworen. Um das Klima zu schützen. Wer etwas anderes zu denken wagt und auf allfällige Kollateralschäden hinweist, wird als Klimaleugner mundtot gemacht. Die Forderung Netto-Null-Emissionen ist verblüffend einfach, doch wird sie der Komplexität und der Ernsthaftigkeit der Sache nicht gerecht. 

CO2 weg und alles wird gut. Einfacher geht’s nicht. Diese «Losung» ist die Folge einer zunehmenden Ideologisierung eines brennenden Themas, vor welcher nicht einmal Wissenschaftler gefeit sind. Kaum ein Wissenschaftler im Solde der Hochschulen oder anderer Institutionen traut sich dieser eindimensionalen, ja einfältigen, Argumentation zu widersprechen.

Seit einigen Jahren wird neben  Umwelt- und Energiepolitik von Klimapolitik gesprochen. Ich halte diese semantische Trennung für fatal. Denn was im Namen des Klimas gefordert wird, widerspricht oft dem Umweltschutz und der schonenden Energiegewinnung.  

Sollten CO2-Pipelines Schule machen, würde ein weiteres Beispiel einer grünen Sünde geschaffen, wie wir sie schon zu Hauf kennen. Man erinnere sich nur vor einem Jahrzehnt an die Lobpreisung der Ölpalme als Treibstofflieferant. Heute ist sie in Südostasien der grösste Feind der Artenvielfalt. Windkraft kann an geeigneten Orten ihren Beitrag leisten, aber das legitimiert nicht zur Landschaftszerstörung. Elektromobilität trägt erst zur Umweltentlastung bei, wenn der dafür benötigte Strom nicht umweltbelastend produziert wird. Stromspeicherung in chemischen Batterien hat ihre Umweltverträglichkeit noch nicht bewiesen. Der Weg zur umweltschonenden Energieversorgung ist höchst anspruchsvoll, mit ideologischen Scheuklappen ist er nicht zu schaffen. Da muss auch das Tabu zur Kernenergie fallen. Doch für einen vermeintlichen Klimaschutz noch mehr Energie zu verbrauchen, statt weniger, das ist ein No-Go. 

Ich hatte mich schon vor Jahren im Auftrag des Bundesamtes für Energie mit der CO2-Abscheidung und -Sequestrierung auseinanderzusetzen. Technisch ist das durchaus machbar. Ich halte das Verpumpen von CO2 in permeable Formationen nicht einmal für besonders riskant. Aber die Wirkung, bezogen auf den damit verbundenen Aufwand ist äusserst gering. Erstens erfolgt die Bindung im Gestein in geologischer Langsamkeit. Der Volumenbedarf geologischer Reservoirs wird dadurch unrealistisch gross. Der Energie- und Materialaufwand zum Verpumpen ist unvernünftig hoch. Kleines Detail: CO2 ist unter Druck korrosiv. Die Bohrungen müssten mit Edelstahlrohren ausgebaut werden. Das ist alles machbar. Die Frage ist bloss, ob es Sinn macht. Im Vergleich dazu ist die natürliche CO2-Senke durch Phytoplankton in den Ozeanen gleich um mehrere Grössenordnungen effizienter. Phytoplankton bewirkt auf natürliche Weise eine völlig unterschätze Regulierung. Hybris pur.

Wer an eine positive Klimawirksamkeit abstruser Massnahmen wie den Transport von CO2 glaubt, überschätzt nicht nur masslos dessen Wirkung, sondern vor allem auch seine eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse. In Tat und Wahrheit hat er aber ganz einfach weder die Grössenordnungen begriffen, um die es hier geht, noch über die ökologischen Kollateralschäden nachgedacht. 

Die Problematik muss grundsätzlich anders angegangen werden: Wie kann man mit möglichst geringem Energieaufwand und möglichst kleiner Umweltbelastung – sprich: mit kleinerem Fussabdruck – mehr erreichen als bisher. Dazu muss auch, wie bereits erwähnt, die Denkblockade zur Kernenergie fallen.

Es ist erschreckend welche Bierideen – immer im Namen der Wissenschaft und der Moral – zunehmend die Politik beeinflussen. Noch bedenklicher ist es, wenn sich die Wissenschaft dazu missbrauchen lässt. Wissenschaft ist nicht in erster Linie der Moral, sondern der Wahrheit verpflichtet.

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9 Kommentare

  • Joseph M. Ochsner

    Mr. Härings Beitrag spricht aus meine Seele.
    Die internationale Gemeinschaft sollte sich zusammentun, um die Energiegewinnung aus den Transuranen mittels Schnellneutronenreaktoren voranzutreiben, das würde das Problem der Endlagerung significant entschärfen. Auch sehr langlebige Spaltprodukte können vermutlich in Zukunft in solche mit kürzerer Halbwertszeit umgewandelt werden.
    Auch ohne die Technologie für die Spaltung der Transurane ist die Nutzung der Kernenergie mit fortgeschrittenen Typen von Reaktoren wünschenswert. Dies aufgrund der hohen Dichte des Energieinhalts der Kernbrennstoffe.

  • Besser kann man es nicht schreiben. Endlich hat ein Wissenschafter den Mut, die Wahrheit zu sagen. Sachlich, verständlich, verantwortlich und konstruktiv. Die grüne ideologische Diktatur schadet der effizienten und machbaren Bekämpfung des Klimawandels. Ein aurichtiges Kompliment Herr Markus Häring!

  • Philippe Huber

    Bierideen begeistern immer wieder, weil sie die Komplexität der Fragestellungen trügerisch vereinfachen. Wissenschaftler sind heute stark spezialisiert und kaum neutral. Die Kernenergie hat das gleiche Problem wie die Geothermie. Sie hat das Potential die Energiehunger der Menschheit nachhaltig zu stillen, aber sie birgt Risiken, die unsere Wohlstandgesellschaft heute nicht bereit zu tragen ist. Die nächsten Generationen werden diese Technologien aus der Not früher oder später weiterentwickeln und zur Reife bringen müssen.

  • Guntram Rehsche

    Grüner Wasserstoff – hergestellt mit erneuerbarer Energie aus der Kraft der Sonne und des Windes – ist Lösung des Speicherproblems für die unregelmässig anfallenden Erneuerbaren. Dank deren immer günstigeren Kosten und Tech-Fortschritten sowie deren Skalierbarkeit wird grüner Wasserstoff im Laufe des Jahrzehnts konkurrenzfähig. Klar, es braucht Anschubfinanzierung – nur wer braucht die nicht (Atom!).

  • G. Rehsche: Volatil anfallender „überschüssiger“ Strom aus Wind und Solar kann kaum in industrieellem Massstab Wasserstoff produzieren. Solch anspruchsvolle Prozesstechnik benötigt 24/7 gleichmässige Stromversorgung (schon wegen dem Verschleiss, der durch andauernden An-und Abschalten der Anlagen entstehen würde) , was die NIE’s nicht leisten können. Verschiedene Verfahren zur „grünen“ Wasserstoffproduktion sind auf stabile Prozesstemperaturen von mehreren Hundert Grad angewiesen. Wie das mit Flatterstrom garantiert werden soll, erschliesst sich mit nicht. Und das Rezept „dann bezieht man zertifizierten Ökostrom aus dem Netz“ im Falle von Dunkelheit und/oder Flaute, heute schon eine Art Etikettenschwindel, funktioniert dann schon gar nicht mehr. Irgendwie erinnert mich das an Münchhausen, der sich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf zieht.

  • Guntram Rehsche

    Na, so münchhausenmässig scheint die Idee nicht zu sein, Wasserstoff aus den Erneuerbaren Energien zu produzieren. Erreichen uns doch Meldungen aus Australien wie diese: Australiens Regierung will den Kohlesektor weiter ausbauen. Australiens Unternehmer hingegen planen spektakuläre Projekte zur Produktion von Ökostrom und grünem Wasserstoff, denn das Land hat dafür ideale Voraussetzungen. Und seitens der Industrie tut sich auch in Europa schon Gewaltiges: Im deutschen Corona-Konjunkturpaket sind Milliarden für den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland vorgesehen. In Schleswig-Holstein wird bereits investiert. Mit anderen Worten: Leute, ihr seid einfach nicht auf der Höhe der Zeit!

    • Lieber Herr Rehsche, Ich weiss, dass wir nicht mehr mit der Zeit gehen. Früher hatten wir die Hauptsätze der Thermodynamik nicht nur lernen, sondern auch begreifen müssen.

  • Sogar in Deutschland regen sich Stimmen* gegen den Billionen teuren Realitätsverlust beim Energietraumwandel (und bald Strompreis Weltmeister, 50 % mehr als Hochpreisinsel Schweiz):

    „Mit Sonne und Wind hat man nicht gesicherte Energieleistungen ins Netz geholt. Während man mit der Kernenergie die gesicherte CO2-arme Leistung rausgeschmissen hat. Das war die Sternstunde unserer Braunkohle.“

    Und ohne KKW’s und Kohle und Speicher und Übertragung, weiss man nicht mehr weiter, flüchtet in neu-alte Fantasien wie Wasserstoff. Auch bezeichnenderweise Knallgas genannt …

    (*Anna Veronika Wendland, ua ex Anti-KKW Aktivistin, bei G. Steingart)

  • Kaum hat Deutschland die Wasserstoffwirtschaft durch den Wirtschaftsminister hochgejubelt zieht die Schweiz nach und äfft die Deutschen einmal mehr nach. Wollen wir beim Verkehr wirklich noch eine dritte Infrastruktur auf die Beine stellen ? Leute, werdet endlich einmal vernünftig !! Grüner Wasserstoff ist überhaupt KEINE Speicherlösung. Der Wasserstoff, produziert aus „überschüssigem“ Solarstrom (sofern es so etwas überhaupt gibt, angesichts der äusserst bescheidenen jährlichen Zuwachsraten, welche weit hinter den Plänen und Voraussagen des BFE hinterher hinken !) würde entweder verstromt oder dann an die H2-Tankstellen geliefert (sofern vorhanden) um dort für die Brennstoffzellen-Fahrzeuge verwendet zu werden. Man sollte sich daher auch einmal Gedanken darüber machen, welche Mengen an unter hohem Druck stehenden Wasserstoff auf unseren Strassen einmal herumgekarrt werden müssten. Langsam habe ich es wirklich satt, ständig neue Bierideen lesen zu müssen. Im übrigen: Mit Ausnahme der Bundesstaaten Süd-Australien und Tasmanien setzt Australien noch immer voll auf Kohle und Erdöl. Wie in aller Welt kann man Australien also als Vorbild bezeichnen ?? So was können nur Ignoranten schreiben. Süd-Australien ist mit den neuen erneuerbaren, in diesem Falle mit Wind, jetzt schon einige Male fürchterlich auf die Nase gefallen.

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