Gib mir meine tägliche Klimakrise

Es gibt ausreichend andere Gründe sich von der Abhängigkeit fossiler Brennstoffe zu lösen. Den Klimaalarmismus braucht es dazu nicht, denn er insinuiert, dass wir mit einer sofortigen Verhaltensänderung den ungewünschten Wandel verhindern können.
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Wer kennt sie nicht die Belehrungen, dass Wetter und Klima zwei unterschiedliche Dinge sind? Wer sich das erlaubte, wurde als Klimaleugner kaltgestellt, oder im milderen Fall als Klimaskeptiker verurteilt. Das hat sich mit der ETH Studie vom Januar 2020 grundlegend geändert: Sie trägt den Titel: «Klimawandel jetzt an jedem einzelnen Tag des Wetters auf globaler Ebene nachweisbar.» 

Die Studie sagt, dass man in jedem Wetterverhalten einen Fingerabdruck des Klimawandels finden könne, und dass dafür der Mensch verantwortlich sei.  Das fusst auf der fast unglaublichen Anmassung zu wissen, wie sich das Klima ohne Menschen in den letzten hundert Jahren entwickelt hätte. Weil ja niemand eine menschenlose Parallelwelt kennt, lassen sich solche Behauptungen auch nur mittels Rechenmodellen aufstellen. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass diese Rechenmodelle nicht überprüfbar sind. Für eine wissenschaftlich saubere Herleitung ist das unhaltbar.

Doch die Studie öffnet Tür und Tor für jede Art von Horrormeldung, für welche immer der Mensch schuld sein soll. Die jüngsten Klimakapriolen natürlich auch. Vor zwei Jahren hiess es noch:  «Wir werden uns auf trockene Sommer und Dürren einstellen müssen.» Die Waldbrände in Australien wurden uns als Schreckensgespenst des zukünftigen Klimas aufgetischt. Vergangene Woche waren Extremtemperaturen in Kanada und jetzt der Regen ohne Ende bei uns die Sensation. Dass in Australien seither eher unterdurchschnittliche Temperaturen, ergiebige Regenfälle und eine rasche Erholung der Wälder registriert werden, interessiert nicht mehr.

Weil Nässe, Kälte und Dürren zwar alles nicht so ganz zusammenpasst, wird eine zunehmende Klimavariabilität und zunehmende Extremereignisse vorgeschoben. Das ist einfach, denn irgendwo auf der Welt gibt es immer ein Extremereignis. Eine Zunahme von Ausnahmesituationen statistisch zu beweisen oder auch zu widerlegen ist praktisch nicht möglich. Es ist an sich schon unwissenschaftlich Ereignisse an verschiedenen Ecken der Erde in einen Topf zu werfen. Eine gewisse Aussagekraft hat das nur, wenn man lange Zeitreihen an ein und demselben Ort untersucht. 

Seit Facebook, Twitter und Co den traditionellen Medien mit Sensationsmeldungen den Rang ablaufen, müssen Schlagzeilen immer dramatischer werden.

Das kann man mit unspektakulären Titeln wie: «Ein Mai wie in den 80er Jahren» natürlich nicht bieten. SRF Meteo hat das tatsächlich als Titel zum Monatsrückblick verwendet, was entsprechend auch kaum  beachtet wurde. Selbst Professor Knutti konnte das zu keinem Retweet bewegen, da dient die Tagi-Schlagzeile «Neue Unwetter bringen das Fass zum Überlaufen» der eigenen Sache wesentlich besser. Selbstverständlich alles im Namen der Wissenschaft. 

Solcher Aktivismus schadet der durchaus ernsten Sache der Dekarbonisierung mehr als es nützt. Es gibt ausreichend andere Gründe sich von der Abhängigkeit fossiler Brennstoffe zu lösen. Den Klimaalarmismus braucht es dazu nicht, denn er insinuiert, dass wir mit einer sofortigen Verhaltensänderung den ungewünschten Wandel verhindern können. Man kann es nicht genügend wiederholen. Im technischen Bericht des IPCC zur physikalischen Basis des Klimawandels, der eigentlichen Bibel der Klimabewegung,  stehen wissenschaftlich fundierte Aussagen. Dort steht zum Beispiel in der Einleitung (Seite 128 ff): «Selbst, wenn die anthropogenen Emissionen sofort aufhören würden, würde sich das Klima weiter ändern, bis es zu einem neuen Gleichgewicht kommt. Aufgrund der langsamen Reaktionszeit einiger Komponenten des Klimasystems werden die Gleichgewichtsbedingungen erst in vielen Jahrhunderten erreicht werden.» Leider auch keine erfreuliche Feststellung. Aber eine Feststellung, welche den politischen Forderungen nicht dient. Deshalb fehlt sie auch in der Zusammenfassung  für politische Entscheidungsträger. Die Politisierung in Zusammenfassungen schaden der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft enorm. Wenn etwas in der Krise steckt, dann ist es das unvoreingenommene Forschen.

Dieser Text wurde in leicht verkürzter Version zuerst publiziert in der Weltwoche vom 15. Juli 2021 unter dem Titel: «Ist das noch Wetter oder schon Klima?»

Häring Markus
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3 Kommentare

  • Philippe Huber

    mit nüchternen Fakten kann man die meisten Menschen nicht aufmerksam machen, es braucht Emotionen, das lernt jede Führungskraft.
    Viele CCN Mitglieder wollen aber die Fakten nicht wahrhaben, da sie unbequem sind
    Und wieso sollten Wissenschaftler sich auch nicht engagieren dürfen, wenn sie eine Überzeugung haben?

  • Franz-J. Schulte-Wermeling

    @ Ruhsert Kai: Damit ist bewiesen, dass sich der Klimawandel im letzten Jahrhundert dank der Industrialisierung nicht beschleunigt, sondern um 5 Jahr (=5%!!) verzögert hat. Der neue Bundeskanzler wird den Klimawandel sicher schaffen, er ist ja Rheinländer und Jurist und nicht Preussin und Naturwissenschafterin.

  • In der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit wurde das Hochwasser an der Ahr vom Zaudern der Regierenden ausgelöst. Das bedarf der Korrektur:
    * Das Hochwasser der Ahr am 21. Juli 1804 kostete 63 Menschen das Leben und richtete schwere Verwüstungen an. Viele Häuser wurden von der Flut mitgerissen: https://de.wikipedia.org/wiki/Hochwasser_der_Ahr_am_21._Juli_1804
    * Das Hochwasser an der Ahr vom 13. Juni 1910 war eines der größten historisch bezeugten Hochwasserkatastrophen im Ahrtal: https://de.wikipedia.org/wiki/Hochwasser_der_Ahr_am_13._Juni_1910

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