ETH Energy Day 2019: Der neue Glaube heisst „Modelling“ – Wissenschaft ade!

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Inzwischen glauben nur noch unverbesserliche Ideologen und Träumer an die Umsetzbarkeit der Energiestrategie 2050 im vorgegebenen Rahmen (Energiegeset…

Lesen Sie durch Klick auf das Bild, was Hans Rentsch in seinem Blog zum Energy Day der ETH festgehalten hat.

Inzwischen glauben nur noch unverbesserliche Ideologen und Träumer an die Umsetzbarkeit der Energiestrategie 2050 im vorgegebenen Rahmen (Energiegesetz), einer Strategie, deren wesentliches Element der Ersatz der Nuklearkapazitäten durch Stromerzeugung über Sonne und Wind ist, »Neu-Erneuerbare« (NEE) die dazu kreierte Terminologie.

In verschiedenen Arbeiten1 haben wir im CCN dargelegt, dass diese Strategie innerhalb der vorgegebenen Randbedingungen nicht umsetzbar ist; sei dies innerhalb des durch die Politik versprochenen Kostenrahmens, sei es bezüglich Flächen- und Raumbedarf für die notwendigen Systeme wie Windfarmen oder besonders auch saisonale Speicherkapazitäten. Auf Grund dieser Analysen, bei welchen bezüglich Berechnungsgrundlagen wo immer möglich und verfügbar reale Messwerte und Statistiken beigezogen wurden, sind wir zur Überzeugung gelangt, dass sich die Energiestrategie im vorgesehenen Rahmen nicht umsetzen lässt. Wir stellen inzwischen fest, dass diese Überzeugung immer weitere Kreise erfasst.

In einer heutigen Beurteilung des Energiehaushalts der Zukunft spielt in erster Linie eine Grössenordnungsbetrachtung eine Rolle. Der Stromkonsum macht etwa 25% des schweizerischen Gesamtenergiekonsums aus – vom Strom wurden bis Ende 2019 rund 40% durch die Kernkraftwerke erzeugt (rund 10% des Gesamtenergiekonsums). Rund 65% des Gesamtenergiekonsums basieren auf Erdöl und Erdgas, vom Rest (rund10%) dürfte ein Teil noch auf Kohle entfallen.

Am Tagungsvortrag „Klimaneutrale Stromversorgung“ am ETH Energy Day 2019 2 wurden der Zuhörerschaft Resultate aus Modellsimulationen über eine 100% dekarbonisierte Schweiz im Zeitraum 2030 bis 2050 vorgestellt. Dabei wurden folgende Annahmen getroffen:

  • 100% Ersatz von fossil basierter Energie durch Strom,
  • die Umstellung soll erschwinglich (?) und
  • gesellschaftlich akzeptabel sein,
  • und die substituierte Energie müsse in grosser Menge zur Verfügung stehen.

Als eine erste Konklusion wurde vorgestellt, dass einzig der Ersatz von Fossil durch NEE in Betracht gezogen werden könne. Auf dieser Basis wurden die Modellierungen gemacht, und verschiedene Variationen sollen gezeigt haben, dass es ein Leichtes wäre, die Schweiz mit mehr als genügend NEE zu obigen Bedingungen zu versorgen. Besonders betont wurde, dass die Kosten tief und damit die Energiepreise sehr gering bleiben würden.Bemerkenswerterweise wurde nur im Konjunktiv-Modus vorgetragen.

Der Leser mag sich wundern und auch merken: 10% der fossilen Energie mit NEE zu substituieren, erweist sich in der realen Welt bereits als hochproblematisch – 65% + 10% der fossilen Energie zu substituieren, ist dagegen in der Modellierwelt «easy going». Und weil dies die ETH sagt, so übernehmen es wohl auch die Politik und die Medien «1 zu 1».

In eine Diskussion verstrickt, hört man vom Autor noch Erstaunlicheres.

Darauf angesprochen, dass es für die Schweiz das «gute» Beispiel Deutschland gebe, welches zeitlich vorausgeht und zeigt, dass je höher der Anteil NEE im Netz ist, desto höher die Endkundenpreise und desto tiefer der Kostendeckungsgrad der NEE-Anlagen sind, gibt er folgende Antwort: «Das kommt daher, weil Deutschland die thermische Kapazität falsch aus dem Netz genommen hat». (???)

Oder darauf angesprochen, dass Windenergie auch flächendeckend über ganz Europa betrachtet monatlich regelmässig Lücken aufweist: «Man hat falsch optimiert, Modellierungen zeigen, dass wenn man das richtig macht, immer Strom generiert würde».

«Auch der zukünftige (gewaltige) Ausbau der europäischen Netze wäre kein Problem».
Dies die Antwort auf eine entsprechend konkrete Frage meines Kollegen Häring.

Die Liste liesse sich fortsetzen. Man staunt! Ich habe den Autor darauf hingewiesen, dass die Anmerkungen von meinem Kollegen und mir nicht auf Modellierungen beruhen, sondern die real gemessene Welt darstellen – gemäss dem wissenschaftlichen Verständnis ist dies doch der ultimative Massstab.

Interessant sind auch die Reaktionen der Zuhörer und ihre Fragestellungen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, an der Predigt einer Sekte teilzunehmen, deren Mitglieder an den direkten Gedankenaustausch des Sektengurus mit den Engeln glauben. Dabei gibt es «Glaubensbrüder», die so fest daran glauben, dass sie praktisch direkt Fragen zu diesem Austausch stellen. Der neue Glaube heisst wohl «Modelling».

Daneben hat es wenige «Ketzer» im Saal, die das Ganze als Unfug aufdecken wollen. 

Etwa so verlief die Diskussion im Anschluss an den Vortrag. Interessant war auch eine Diskussion, in welche ich nach Abschluss der Veranstaltung mit zwei Assistenten des Lehrstuhls verwickelt wurde. In ziemlich aggressivem Ton kamen sie auf mich zu mit der Frage: «Sagen Sie uns, was glauben sie, wie ist der Benzinpreis und der Gaspreis in 50 Jahren?» Meine Antwort: Meine Herren, wir sind hier an der ETH und da ist man von etwas überzeugt, glauben gehört in die Kirche. Um auf Ihre Frage zu antworten: «In 50 Jahren ist es mit den Preisen so wie heute, eine Frage von Angebot und Nachfrage, es sei denn, man führt Planwirtschaft ein.» Sie gaben sich mit dieser Antwort nicht zufrieden – passt irgendwie nicht ins Schema Umweltwissenschaften –, wollten nicht lockerlassen. Ich musste diesen Herren klarmachen, dass die reale Welt so funktioniere und dies die einzig korrekte Antwort auf ihre Frage sei.

Fazit: Ich frage mich, wie junge Menschen ausgebildet werden. Sie kommen scheinbar aus einem goldenen Käfig namens ETH und meinen tatsächlich, modellieren sei die wahre Welt. Am Ende suchte ich noch das Gespräch mit dem Referenten unter vier Augen und gab ihm zu verstehen, dass das soeben Gebotene – pardon, mit Verlaub! – sachlich der ultimativ grösste Quatsch ist, den ich in den letzten Jahren zu hören bekam.

Nach dem Anhören von eineinhalb Vorträgen und dem Beisein an rund einer Stunde Diskussion zum Thema „Klimaneutrale Stromversorgung“ verlasse ich die Veranstaltung zusammen mit meinem CCN-Kollegen Markus Häring in der Überzeugung, dass diese nicht mehr länger zumutbar ist. Und Markus teilt diese Meinung: Geschwafel auf bodenlos tiefem Niveau“.

Da gibt es die nette Geschichte der Nonne, welche mit dem Auto über Land fährt und unterwegs im Nirgendwo geht ihr das Benzin aus. In der Ferne sieht sie einen Bauernhof, sie geht dorthin, der Bauer hilft ihr gerne, hat jedoch nur einen alten Nachttopf, in welchen er ihr Benzin mitgeben kann. Wieder zurück bei ihrem Auto, beim Einfüllen, kommt ein Autofahrer daher, bleibt erstaunt stehen und kommentiert: „Ihr Gottvertrauen möchte ich haben, gute Schwester.“

  1. „Versorgunssicherheit – vom politischen Kurzschluss zum Blackout, CCN Verlag 2018, ISBN 978-3-033-06869-8

    Blogbeitrag unter Autoren „CCN“ vom 17. Januar 2019: Kernkraft gegen Sonne: Artikel aus der Weltwoche vom 17. Januar 2019; Autoren: S. Borner & E. Höhener.

    Blogbeitrag: Dichtung und Wahrheit der Energiewende, 12. April 2019

  2. Klimaneutrale Stromversorgung: ETH Energy Day 2019, Institut für Umweltentscheidungen, Climate Policy Group

Emanuel Höhener

Emanuel Höhener ist Maschinen-Ingenieur (Dipl. Masch. Ing. ETH) und Marine-Ingenieur (CEng CMarEng FIMarEST, Institute of Marine Engineers & Imperial College, London) und hat zudem eine MBA-Ausbildung (IMD). Vorgängig der Hochschulstudien hat er eine Berufslehre als Feinmechaniker abgeschlossen. Er ist heute als selbständiger Berater tätig. Seine berufliche Laufbahn reicht von F&E in thermischen Maschinen und Anlagen bis zu Führungsfunktionen als CEO in der Maschinen-Industrie und der Energiebranche. In Ausübung dieser Tätigkeiten war er immer global tätig und hatte auch längere Zeit Wohnsitz an verschiedenen Destinationen im Ausland. Zudem hatte er über viele Jahre Einsitz in verschiedenen Verwaltungsräten (21, davon 12 im Ausland), in vier Fällen als deren Präsident (zwei im Ausland) und in Vorständen von Verbänden auch im In- und Ausland (Europa, Asien, Amerika).
Seine letzte Tätigkeit im Angestelltenverhältnis war als CEO einer der führenden europäischen Energiehandelsfirmen-Gruppe, welche auch einen beträchtlichen Kraftwerkpark und Hochspannungsnetze im Portfolio hatte. Heute fokussiert sich seine Beratertätigkeit auf Energiefragen, primär im europäischen und ostasiatischen Raum. Im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit war Emanuel Höhener Autor von Fachbuchbeiträgen (u.a. zu Blockheizkraftwerken bereits anno 1979), wissenschaftlichen Arbeiten innerhalb der FVV (Forschungsvereinigung Verbrennungskraftmaschinen) und verschiedensten Artikeln zu fachspezifischen Fragen und zu Führungsthemen.
Emanuel Höhener

5 Kommentare

  • Der kritisierte Autor wird ja der bekannte Toni sein. Was die ETH betrifft: Umweltwissenschaften wurden als Nachdiplomstudium eingeführt, mit dem Selbstverständnis, dass die Leute vorher etwas Solides studiert haben. Die Abteilung ist aber zu einem esoterischen Verein verkommen, der unbrauchbare Absolventen produziert. Eine Peinlichkeit, dass diese Abteilung an der ETH angesiedelt ist. Es gibt allerdings unterdessen mehrere Stellen an der ETH, die aus politischen Gründen dort sind: Bern will gewünschte Aussagen mit dem Label ETH versehen können. Das Label wird damit beschädigt.

  • Laurenz Hüsler: Vielen Dank für deinen Hinweis auf einen Schreibfehler – wir haben diesen inzwischen korrigiert.:)

  • Der Gesamtenergiemix der Schweiz enthält 65% fossile Energie. Darin ist Kohle (0.5% des Totals) eingeschlossen. Die Rechnung „65% + 10% fossile Energie zu substituieren“ ist also falsch.

  • Emanuel Höhener

    Martin,
    als Ingenieur ist man um korrekte Denkansätze bemüht und nicht um Disharmonien in die Welt zu setzen. Es sind 10% für Kernenergie und 65% für fossile Energie welche die Sonnen- und Windanbeter substituieren würden. Man muss den Text nur genau lesen.

  • Lieber Emanual, wunderbar, dann sind wir uns sachlich einig: Zu ersetzen sind neben der fossilen Energie noch 10% für Kernenergie und nicht wie im Artikel geschrieben „65% + 10% der fossilen Energie zu substituieren“.

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