Das Motiv muss Respekt vor der Natur sein, nicht Angst

Wenn Emissionsreduktion zu erhöhter Umweltbelastung führt, läuft etwas falsch.
BG

Offener Brief an Bill Gates zu seinem Buch: «Wie wir die Klimakatastrophe verhindern»

Original letter in English

Sehr geehrter Herr Gates,

Ihr Buch ist eine eindrückliche Anleitung, um die Welt in eine wohlbehaltene und lebenswerte Zukunft zu führen. Ich danke Ihnen für diese Bemühung. 

Wir haben in der Tat ein Problem mit menschgemachten Emissionen. Emissionen verschiedenster Art, welche Böden, Wasser und Luft verschmutzen. Wenn wir die Umwelt schützen wollen und ein Leben mit zehn Milliarden Menschen in Frieden und Würde teilen wollen, dürfen wir nicht CO2 als den Hauptschuldigen sehen und all unsere Bemühungen darauf konzentrieren, nur diese, wahrscheinlich unschädlichste Emission menschlicher Aktivität zu reduzieren.

Als Geologe, der sein Berufsleben der Entwicklung nachhaltiger Energieressourcen mit möglichst geringer Umweltbelastung gewidmet hat, und als Geologe der die unbegreifliche Schönheit, Komplexität und Widerstandsfähigkeit unseres Planeten mit Demut bewundert, kann ich Ihre Ansicht eines apokalyptischen Klimawandels nicht teilen.

Der Titel Ihres Buches ist wie der Aufschrei Greta Thunbergs: «Ich will, dass ihr in Panik geratet». Angst ist ein altbewährtes politisches Mittel. Aber Panik, Angst und Terror sind schlechte Ratgeber. 

Im letzten Jahrhundert hat sich die Weltbevölkerung dank reichlich verfügbarer und erschwinglicher Energie in einer noch nie dagewesenen Weise vermehrt und entwickelt. Energie, die jedoch weder nachhaltig noch sauber ist. Meine ganze berufliche Laufbahn befasste sich mit dem Trilemma ausreichender, erschwinglicher und nachhaltiger Energie. Es ist selbstverständlich, dass die Umweltbelastung beim Gebrauch von Energie minimiert werden muss.

Die derzeitigen Bemühungen konzentrieren sich auf Nachhaltigkeit, vernachlässigen aber die Bezahlbarkeit, die Versorgungssicherheit und – paradoxerweise – sogar Umweltbelastungen.  Der Fokus auf «51 to zero»[1] ist nicht nur zu simpel, sondern auch falsch. Die einzige Folge von zu viel CO2 ist eine zusätzliche Erwärmung zu einem bereits bestehenden natürlichen Erwärmungstrend. Aber Kohlendioxid (CO2) ist kein Schadstoff. Es ist Pflanzennahrung und unter diesem Gesichtspunkt das am wenigsten schädliche Abfallprodukt menschlicher Aktivität. 

Geologen lernen, die Geschichte der Erde aus der Untersuchung der Gesteine und der Beobachtung natürlicher Prozesse zu lesen. So lernte ich die Widerstandsfähigkeit der Natur zu verstehen. Das Leben auf der Erde gedieh bei CO2-Konzentrationen, die um Größenordnungen höher waren als heute. Die Erde hat in ihrer Milliarden Jahre alten Geschichte unzählige Katastrophen überstanden. Ein Beispiel: Vor etwa elftausend Jahren schmolz der skandinavisch-sibirische Eisschild und ließ den Meeresspiegel schneller ansteigen als heute. Auch das explosionsartige Wachstum des Homo sapiens wird die Natur überleben. Wie die Bevölkerungsexplosion wird auch die „Klimakatastrophe“ nicht in der apokalyptischen Art und Weise ablaufen, wie sie angedroht wird. Die Natur ist weitaus widerstandsfähiger als die menschliche Gesellschaft. Sogar Wälder, die sich physisch nicht bewegen können, werden den Klimawandel meistern. In Europa machen Buchen den Eichen Platz. Kiefern beginnen in höheren Lagen zu wachsen. Unser Planet erfährt in der Tat eine rasche Begrünung der Landmassen. 

Die biologische Vielfalt leidet weit mehr durch Landwirtschaft, Wasser- und Luftverschmutzung, als durch Klimawandel. Wenn sich Wälder anpassen können, können das Tiere erst recht. Sie migrieren. Das Hindernis für Tiere zu migrieren und sich anzupassen sind menschliche Ansprüche an die Natur, nicht das Klima.

Das Problem ist die Anpassungsfähigkeit der Menschen. Völkerwanderungen wurden bisher immer durch Überbevölkerung, Kriege und Korruption verursacht.  Und wenn jemals das Klima der Grund war, dann war es die Kälte, nicht die Hitze. Wohlhabende Gesellschaften können sich leichter anpassen, arme Gesellschaften werden eher leiden. Die Niederländer bringen es fertig, unter dem Meeresspiegel zu wohnen. Bangladesch kann das nicht kopieren, es sei denn, es gelingt das Land so  wohlhabend zu machen wie Holland. 

Der Ersatz fossiler Brennstoffe ist die Herausforderung, nicht die CO2-Reduktion

Nach diesen Ausführungen teile ich die Dringlichkeit, einen Ausweg aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu finden. CO2-Reduktion ist nur ein Teil der Lösung. Der Einfluss auf die Umwelt muss abnehmen. Wenn Emissionsreduktion zu erhöhter Umweltbelastung führt, läuft etwas falsch. Erneuerbare Energien wie Windkraft beanspruchen unverantwortlich große Flächen an Land und auf See. Solarmodule passen durchaus auf Dächer, die Umweltbelastung ergibt sich erst bei zusätzlichem Landbedarf, der Notwendigkeit saisonaler und kurzfristiger Lagerung, der Verwendung von seltenen Erden und der für das Recycling benötigten Energie. Der Energiegewinn einer Technologie im Verhältnis zur aufgewendeten Energie von der Quelle bis zur Senke (EROI[2]) muss so hoch wie möglich sein. Der EROI ist ein indirektes Maß für die Umweltbelastung. Deshalb wird Kernkraft definitiv eine wichtige Rolle spielen. Tatsächlich ist die Kernspaltung die effizienteste Energiequelle pro Masseneinheit. Es ist eine Energiequelle, die von keinem biologischen Prozess genutzt wird; daher nimmt man der Natur auch nichts weg. Der Ersatz von  fossilen Brennstoffen muss letztlich billiger werden als Kohle. Radioaktiver Abfall muss als Brennstoff von morgen behandelt werden. Wir müssen lernen, mit weniger natürlichen Ressourcen auszukommen.

Vor einigen Jahren wurde ich vom Bundesamt für Energie mit einer Machbarkeitsstudie für CCS[3]-Forschung in der Schweiz beauftragt. In dieser Studie kam ich zu dem Schluss, dass CCS technisch zwar machbar ist, allerdings nur mit einem inakzeptabel hohen Energieaufwand. Daher bin ich auch kein Freund von DAC[4]. Die Abscheidung eines Gases an der Stelle der größten Verdünnung macht einfach keinen Sinn. Es erfordert zu viel Energie. Energie, die besser in einem produktiven Prozess genutzt wird. Und ohne eine anschließende Sequestrierung[5] – eine zusätzliche Energiesenke – wird gar nichts erreicht. CO2 im Untergrund ist nur eine weitere Umweltbelastung.

Das größte reale Experiment von Geo-Engineering sind die Emissionen anthropogener Treibhausgase. Geo-Engineering mit Geo-Engineering entgegenzuwirken, kann nicht die Antwort sein. Es erfordert zusätzliche Ressourcen, anstatt solche zu reduzieren. An dessen Stelle plädiere ich für Recycling, wenn damit Umweltbelastungen und Verwendung von Primärressourcen reduziert werden.

Es gibt kein Patentrezept zur Lösung der Klima- und Energieproblematik. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass menschlicher Erfindungsgeist, der am besten in freien Gesellschaften gedeiht, diese Herausforderungen meistern wird. Aber Angst zu schüren ist nicht der richtige Anreiz und auf lange Sicht kontraproduktiv.

Niemand hat das besser gesagt als Abraham Lincoln: „Man kann ein Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen, und das ganze Volk für eine gewisse Zeit täuschen, aber man kann nicht das gesamte Volk die ganze Zeit täuschen.“ Ich glaube nicht, dass Sie jemanden täuschen wollen, aber der Titel Ihres Buches könnte dies implizieren.

Mit freundlichen Grüßen,

Markus O. Häring, Vize-Präsident des Carnot-Cournot-Netzwerks


[1] Bill Gates nimmt mit der Zahl 51 Bezug auf sämtliche anthropogenen Treibhausgase, umgerechnet in Milliarden Tonnen CO2-Äequivalente pro Jahr. Von «51 zu 0» geht also noch wesentlich weiter als die Forderung «Netto-Null CO2-Emissionen»

[2] EROI: Energy returned on energy invested

[3] CCS: Carbon capture and sequestration = Abscheidung und Entsorgung von CO2

[4] DAC: Direct air capture = Abscheidung von CO2 aus der Luft

[5] Verpressen von CO2 im Untergrund

Häring Markus
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16 Kommentare

  • Wirklich lesenswerter, fundierter Beitrag mit einem gesamtheitlichen Ansatz. Doch politisch lassen sich leider einfachste „Weisheiten“ besser verkaufen, als komplexe Zusammenhänge. Deshalb vielleicht der Fokus alleine auf CO2. Dabei wird der EROI unbewusst oder auch bewusst als Entscheidungsgrundlage vernachlässigt, was durch das Pariser Abkommen noch begünstigt,wird. Denn die Länder haben sich nur zur Reduktion von CO2 innerhalb ihrer Grenzen verpflichtet und alles was ins Ausland verlagert werden kann, hilft dabei. Profitieren tut beispielsweise die Solarenergie. Die Paneele haben möglicherweise nur einen knapp positiven oder sogar negativen EROI. Aber da der Großteil der Emissionen nicht bei uns in Europa, sondern bei den Rohstoffproduzenten in Afrika und den Herstellern in Asien anfällt, meinen wir etwas Gutes fürs Klima getan zu haben. .

  • Guntram Rehsche

    Für einmal gebe ich Markus Häring recht, wenn er darauf besteht, CO2-Emissionen nicht zur alleinigen Richtschnur unseres umweltpolitischen Handelns zu machen. Das Argument entpuppt sich allerdings als Rohrkrepierer, weil dies auch für die Atomenergie gilt. Denn trotz deren vergleichsweise günstigen CO2-Bilanz (CO2-frei ist sie bekanntlich ja auch nicht) bringt sie eben allzu viele immer noch ungelöste Probleme mit sich (Uranabbau und -verknappung, Kosten, unausgereifte Technologie, Sicherheit und Abfallbeseitigung etc.). Deshalb verbietet sich auch, Kernenergie quasi als Königsweg im Kampf gegen die Erderwärmung zu propagieren. Bei ihrer heutigen Bedeutung (nur 10% des weltweiten Stromaufkommens mit geringem Steigerungspotential, nur 2-3% der weltweiten Primärenergieproduktion) wird dieses Bemühen immer mehr zur Lachnummer.

  • Ich hoffe, Bill Gates liest und beantwortet Deinen Brief, Markus. Wäre gespannt auf seine Reaktion auf diese entwaffnend offene Stellungnahme, die nicht irgendwelche Zahlen vorschiebt sondern an die Vernunft appelliert. Ich sehe darin auch weniger Werbung für Atomkraft als Denkanstoss andere begehbare Wege zu finden. Ich teile auch die Meinung, dass Homo sapiens nicht an zu viel CO2 und lebensfreundlicherem Klima untergehen wird, sondern vielmehr an der selbstverursachten Zerstörung seines Habitats durch Raubbau. Allerdings kann förderndes Klima aber auch eben diesen boom & bust Prozess beschleunigen. Ich habe irgendwo mal aufgeschnappt, dass die Gates Stiftung auch die Erforschung sicherer Kernenergie unterstützt. Ist das richtig?

  • Philippe Huber

    Man sagt oft, dass man die Probleme an der Quelle lösen soll. Solange im CCN negiert wird, dass CO2 zur Klimaerwärmung wesentlich beiträgt und diese Klimaerwärmung für einen Teil der Weltbevölkerung dramatische Auswirkungen haben wird, sind ihre Vorschläge leider Makulatur. Klar gibt es auch andere Probleme als die CO2 Emissionen, aber die Argumentation vom CCN wurde viel mehr Beachtung bekommen, wenn das CCN nicht immer wieder populistische Argumente und partikulare Interessen unterstützen würde. Damit gerät es immer mehr im Abseits und wird kaum noch als lösungsorientierter thing tank wahrgenommen.

  • Herr Huber, welche CCN-Argumente sind denn Ihrer Meinung nach populistisch? Und welche Sonderinteressen unterstützt unser Netzwerk? Soweit ich sehe, sind wir völlig unabhängig von Sonderinteressen. Das ist ja gerade der Grund, das wir höchst bescheiden finanziert sind. Die Arbeit im CCN wird zu über 90% gratis geleistet.

  • @Philippe Huber Sie haben völlig recht, dass man Probleme an der Quelle lösen soll. Was wäre denn Ihr Vorschlag als mit dem Ersatz fossiler Brennstoffe zu beginnen?

  • Philippe Huber

    Der Ersatz der fossilen Brennstoffe durch neue Energiequellen ist eine Herkulesaufgabe und ein Generationsprojekt, oder sogar mehr. Das gelingt nur, wenn alle Kräfte gebündelt werden und das erklärt Bill Gates eindrücklich. Wenn die Befürworter der Kernenergie mit den Befürwortern der Photovoltaik oder der Windkraftwerke nur streiten, kommen wir nicht ans Ziel. Diese Streitigkeiten sind unnötig und kontraproduktiv. Das Referendum gegen das neue CO2 Gesetz genau gleich. Beim CCN scheint man leider das nicht einsehen zu wollen.

  • Herr Huber, mit dem CO2-Gesetz werden die Kräfte eben gerade nicht gebündelt. Mit diesem helvetisch-masochistischen Alleingang werden viele Ressourcen dort eingesetzt, wo sie zur CO2-Reduktion kaum etwas beitragen. Anders formuliert: Die Schweiz spielt nicht nur für die weltweiten CO2-Emissionen keine Rolle, sie weist auch noch weltweit die höchsten CO2-Reduktionsgrenzkosten auf.

    Die Schweiz muss eben gerade darauf drängen und ernsthaft darauf hinwirken, dass die CO2-Reduktion weltweit harmonisiert und gebündelt erfolgt (die Mittel konzentrieren, wo sie die höchsten Reduktionspotenziale erfassen…)

  • Franz-J. Schulte-Wermeling

    Lieber Herr Huber, Wenn Sie schreiben. „Der Ersatz der fossilen Brennstoffe durch neue Energiequellen ist eine Herkulesaufgabe und ein Generationsprojekt, oder sogar mehr. Das gelingt nur, wenn alle Kräfte gebündelt werden“, so ist das in mehrfacher Hinsicht grundfalsch und reines Wunschdenken: Erstens verwechseln Sie den (erfolgreichen) Herkules mit dem armen Sisyphus, welcher gemäss den Sagen des klassischen Altertums Unmögliches erfolglos zu erreichen suchte, und zweitens gelingt der Ersatz fossiler Brennstoffe (Sie meinen wohl fossile Energieträger, nicht nur fossile Brennstoffe) auch nicht, wenn „alle Kräfte gebündelt werden“: Auch wenn man alle Kräfte bündelt, kann man beim heutigen und dem zukünftig absehbaren Stand der Technik die von Ihnen genannten alternaiven Energiearten nur virtuell speichern, indem man die Erzeugung von Fossilstrom vorübergehend zurückfährt, sobald die Winde wehen oder die Sonne scheint. Das ist hierzulande aber nur sinnvoll, wenn der Erntefaktor der alternaiven Energieerzeugung genügend gross ist und der Strommix noch genügend Fossilstrom enthält.
    Wenn Sie und andere Träumer Ihre Kräfte bündeln, kommt der nächste Blackout bestimmt.

  • Philippe Huber

    Die Schweiz verursacht leider weltweit einen der höchsten CO2 Ausstoss pro Kopf. Der Grund ist, dass ein grosser Teil der Bevölkerung (und insbesondere beim CCN) wohlhabend ist und sich viel leisten kann. Wenn man beim CCN trotzdem der Überzeugung ist, dass zuerst die Chinesen und Amerikaner etwas tun sollen, ist es einerseits höchst unsolidarisch und andererseits eben populistisch. Nach dem Motto, zuerst die anderen, unser Einfluss ist doch vernachlässigbar. Hat das CCN wirklich nichts besseres vorzuschlagen?

  • Christophe de Reyff

    @ Philipp Huber (Hallo !)
    Einige jüngsten EU-Zahlen aus dem Bericht : „Fossil CO2 emissions of all world countries — 2020 Report“
    ( https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/71b9adf3-f3dc-11ea-991b-01aa75ed71a1 )

    Tonnen CO2 pro Person und Jahr (2019)

    Luxemburg : 16,315
    USA : 15,519
    Belgien : 9,030
    Deutschland : 8,523
    Niederland : 9,129
    Norwegen : 8,886
    Österreich : 8,255
    Finnland : 7,806
    Italien : 5,599
    GB : 5,450
    Dänemark : 5,388
    Frankreich : 4,807
    Schweiz : 4,574
    Schweden : 4,451

  • Philippe Huber

    Lesen Sie bitte genau, ich habe „verursacht“ geschrieben, d.h. nicht nur die inländischen CO2 Emissionen, sondern auch die von den Schweizern insbesondere durch Konsum und Importe verursachten CO2 Emissionen. Dann sieht die Liste eben anders aus, und pro Kopf emittiert ein Schweizer stolze 14 Tonnen CO2 pro Jahr und nicht nur 4.3 Tonnen.

  • Franz-J. Schulte-Wermeling

    Lieber Herr Huber, wenn Sie den anderen Ländern die von diesen durch Konsum und Importe verursachten CO2-Emissionen ebenfalls anrechnen, sieht die Rangliste wieder so aus, wie sie Herr de Reyff unter Quellenangabe aufstellt. Ihre Behauptungen sind leicht zu widerlegen und leider nie faktenbasiert.

  • Philippe Huber

    Eben nicht! Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_CO2-Emission_pro_Kopf
    Schauen Sie bitte die Tabelle Verzerrung durch Exporte und Importe an. Und wo steht die Schweiz in der Rangliste, ziemlich weit oben, oder?

  • Franz-J. Schulte-Wermeling

    Danke für Ihren Hinweis. In der von Ihnen zitierten Rangliste steht die Schweiz auf Rang 13, die Liste stammt aus dem Jahr 2011. Es wird im Kommentar zu dieser Liste ausdrücklich erwähnt, dass die Umwälzungen durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2007 in diese Erhebungen nicht vollständig eingeflossen sind.
    Sie haben immer noch nicht gemerkt, dass man nur denjenigen Statistiken vertrauen sollte, welche man selbst gefälscht hat. Insbesondere sind irreführende Doppelzählungen und falsche Zuordnungen in derartigen Listen unvermeidbar und für den Leser nicht erkennbar.

  • CHRISTOPH BANGERTER

    Besten Dank für diesen spannenden Beitrag von Herrn Häring. Er weist präzise auf wichtige offene Fragen hin. Ich habe das Buch von Bill Gates ebenfalls gelesen und finde auch unbefriedigend, dass die gängigen Klimamodelle und insbesondere die quantitative Rolle des CO2 darin gewissermassen axiomatisch übernommen und nicht hinterfragt werden. Trotzdem bietet das Buch meines Erachtens eine ganze Reihe von interessanten Diskussionspunkten.

    Grundsätzlich weist Bill Gates auf den engen Bezug zwischen der Verfügbarkeit von angemessenen Energiequellen und der Entwicklung des Wohlstandes – namentlich in den Entwicklungsländern mit ihrem Nachholbedarf – hin. Dabei nimmt er explizit Bezug auf Hans Rosling und sein Buch «Factfulness», dessen breite Kenntnisname zu einiger Versachlichung der Diskussion nicht nur der «Entwicklungshilfe» führen könnte. Hier gibt es meines Erachtens keine grosse Differenz zwischen Bill Gates und den Positionen von Herrn Häring.

    Er macht eine Reihe von Aussagen, die im Widerspruch mit den schweizerischen Energiepolitik stehen. Er vertritt die Auffassung, dass mit den heutigen technologischen Möglichkeiten (beispielsweise der Solar- und Wind Energie) die Energiewende nicht zu erreichen sei und dass eine nachhaltige Energiepolitik technologieneutral sein müsse. Er weist auf die Gefahr hin, die von vorschnellen, kurzfristig motivierten (Fehl-) Investitionen für das Fernziel der Substitution fossiler Brennstoffe ausgehen. Das sind Elemente, die die aktuelle Energiestrategie der Schweiz nicht erfüllt.
    Darüber hinaus vertritt er den Standpunkt, dass der Verzicht auf fossile Brennstoffe zur Energiegewinnung ohne Berücksichtigung der Nukleartechnologie kaum möglich sein werde, wobei er hier nicht die Nukleartechnologie des letzten Jahrhunderts meint, eine Erkenntnis, die in der aktuellen Energiestrategie der Schweiz explizit negiert wird.
    Die Methodik, in der er die Frage des weltweiten Energieverbrauchs, bzw. der Substitution fossiler Brennstoffe darstellt, scheint mir nachvollziehbar, auch wenn die Zielgrösse der anzustrebenden CO2 Reduktion im Sinne der Diskussion in einzelnen Punkten offenbleibt, ob die angenommenen Werte quantitativ stimmen.

    Neben vielen grundsätzlich diskussionswürdigen praktischen und technischen Vorschlägen gibt es für mich einige weitere unbefriedigende Aspekte im Buch.
    Ich war erstaunt über die geringe Rolle, die Holz als Energielieferant und Baumaterial zukommt. Mit der heutigen Holzbautechnologie können Gebäude bis zu sechs Stockwerken gebaut werden, was meines Erachtens ein erhebliches Substitutionspotenzial für den energieintensiven Stahlbetonbau beinhaltet – nebst der langfristigen Sequestration von CO2.
    Auch der Vorschlag, wie – so man denn möchte – mit «Trittbrettfahrern der Substitution fossiler Brennstoffe » umzugehen sei (beispielsweise durch die Benachteiligung in den wirtschaftlichen Beziehungen) kann nicht wirklich überzeugen. Die «Erfolge» von Wirtschaftssanktionen der EU gegenüber Russland oder der USA gegenüber China und Iran – zugegebenermassen in anderem politischen Kontext – sprechen eine deutliche Sprache. Vergleiche hierzu auch den Leitartikel aus dem «Economist» von letzter Woche. https://www.economist.com/leaders/2021/03/20/how-to-deal-with-china

    Obwohl Bill Gates wiederholt darauf hinweist, dass nicht nur die Reduktion des CO2 Ausstosses zur Verhinderung der weiteren Klimaerwärmung, sondern auch die Adaptation an die so oder so stattfindende Klimaerwärmung wichtig sei, fehlt eine kritische Opportunitätskosten-Überlegung zwischen Ressourceneinsatz für den Ersatz fossiler Brennstoffe – bzw. die CO2 Reduktion – und Ressourceneinsatz zur Adaptation an die Klimaerwärmung weitgehend. Dies erstaunt mich, als er in technischer Hinsicht solche Arbitrage-Überlegungen sehr systematisch und konsequent vornimmt. Es erstaunt auch, dass er nicht explizit auf kritische Überlegungen eingeht, die in andere Richtungen gehen, obwohl er diese Überlegungen offensichtlich kennt. Ich denke hier z.B. an Bjorn Lomborg mit seinem kürzlich erschienenen Buch «False Alarm», der viele seiner Berechnungen auf der Basis der Klimamodelle des IPCC einerseits und des Nobelpreisträgers William Nordhaus – für seine Forschung in Klimaökonomik – andererseits anstellt.
    Etwas salopp ausgedrückt: Bill Gates setzt auf «zero carbon or bust», ohne systematische Überprüfung «where the biggest bang for the buck is». Selbst Bill Gates kann seine Milliarden nur einmal ausgeben.

    Auch wenn man in verschiedenen Aspekten die Sache anders sieht als Bill Gates, sollte man ihm auf jeden Fall zugute halten, dass er nicht nur zum Thema redet, sondern seine reichlich vorhandenen eigenen Mittel investiert, um seinen Worten Taten folgen zu lassen – auf die Gefahr von Fehlinvestitionen hin. Das unterscheidet ihn von jenen, die darüber reden, wofür man das Geld anderer Leute einsetzen sollte.

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