Buchbesprechung: Kernenergie – Der Weg in die Zukunft

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Titel-Kernenergei.pngDr. rer. nat. Götz Ruprecht, Prof. Dr. Horst-Joachim Lüdecke: Kernenergie: Der Weg in die Zukunft. TvR Medienverlag, Jena 2018, ISBN 978-3-940431-65-3…

Dr. rer. nat. Götz Ruprecht, Prof. Dr. Horst-Joachim Lüdecke: Kernenergie: Der Weg in die Zukunft. TvR Medienverlag, Jena 2018, ISBN 978-3-940431-65-3

Den Autoren Götz Ruprecht und Horst-Joachim Lüdecke ist es mit dem vorliegenden Buch gelungen, ein mehrschichtig komplexes Thema so darzustellen, dass es sich leicht liest und zudem auch für Interessierte, welche mit der Materie nicht vertraut sind, sehr verständlich ist. Viele Fragen, welche in der Gesellschaft im Zusammenhang mit der Kernenergie einer rollenden, oft emotional geprägten Diskussion ausgesetzt sind, werden sachlich in richtigen und verständlichen Zusammenhängen dargelegt.

Sehr lobenswert auch, dass die Materie „Kernenergie“ nicht isoliert dargestellt wird, sondern in den Kontext mit alternativen Methoden der (Nutz-)Energie und Stromerzeugung gestellt wird. Auffallend an der laufenden Energiedebatte im deutschsprachigem Raum ist jedoch, dass – möglicherweise als dialektisches Instrument der (politischen) Debatte – die diversen Produktionsmethoden immer nur isoliert betrachtet werden, was m. E. mit dazu führt, dass die breite Bevölkerung die diversen Techniken nur noch als „nur gut“ oder „nur schlecht“ wahrnimmt. Die Autoren umgehen diese Falle mit der gewählten Einbettung der Kernenergie in den Gesamtkontext der Physik der Stromerzeugung. Besonders wird in diesen Vergleichen auf das Thema Energieeffizienz und letztlich Kosten für die Umwelt eingegangen.

Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang scheint mir die Besprechung der Frage der Risiken der radioaktiven Strahlung, besonders die Gegenüberstellung natürlicher Radioaktivität gegenüber anthropogener Radioaktivität (Kernkraft, Medizin, Forschung).

Ein weiteres Kapitel widmet sich dem Brennstoffzyklus bestehender Nuklearanlagen (Entsorgung), wie auch neuer Reaktortechnologien. Angegangen wird auch die Frage der Endlichkeit der nuklearen Brennstoffe.

Ein letzter und sehr ausführlicher Teil des Buches widmet sich dem aktuellen heutigen Stand der Nukleartechnologie, wie auch deren Zukunftspotential, besonders auch bezüglich inhärente Systemsicherheit. Dieses Kapitel ist nach den verschiedenen bezüglich Nukleartechnologie massgeblichen Ländern gegliedert.

Leider kommt meines Erachtens die Entwicklung in China zu kurz, der Nation, in welcher z. Z. im Monatsrhythmus ein neues Kernkraftwerk ans Netz geht. China hat fünf Jahre nach den Europäern den Bau von EPR-Anlagen aufgenommen und diese bereits in Betrieb gesetzt. Sie haben den Helium-gekühlten Hochtemperatur-Reaktor in modularisierter Form zur Serienreife gebracht und bereits in Betrieb genommen. Auch wird der wichtige Aspekt der System-Modularisierung und deren Auswirkungen auf die Qualitätssicherung und damit Systemsicherheit und besonders auch Gesamtkosten (Economy of Scale Effect) nicht ausführlich angesprochen. China macht es diesbezüglich vor, jedoch auch in den USA wird an derartigen Konzepten gearbeitet.

Wichtig für Westeuropäer ist es, zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass hierzulande der Anschluss verpasst wurde und deswegen (und gewollt) hiesige Politik immer wieder auf konkrete europäische Projektbeispiele verweist, welche als Resultat verlorener Ausführungspraxis entglitten sind.

Mein Urteil: Ein hervorragendes Buch, welches hoffentlich eine breite Leserschaft findet und, noch wichtiger, über die Leser auch eine Bewegung auslöst, welche ich mit „Rückbesinnung auf die Vernunft und die Versachlichung der Debatte“ umschreiben möchte.

Emanuel Höhener

Emanuel Höhener ist Maschinen-Ingenieur (Dipl. Masch. Ing. ETH) und Marine-Ingenieur (CEng CMarEng FIMarEST, Institute of Marine Engineers & Imperial College, London) und hat zudem eine MBA-Ausbildung (IMD). Vorgängig der Hochschulstudien hat er eine Berufslehre als Feinmechaniker abgeschlossen. Er ist heute als selbständiger Berater tätig. Seine berufliche Laufbahn reicht von F&E in thermischen Maschinen und Anlagen bis zu Führungsfunktionen als CEO in der Maschinen-Industrie und der Energiebranche. In Ausübung dieser Tätigkeiten war er immer global tätig und hatte auch längere Zeit Wohnsitz an verschiedenen Destinationen im Ausland. Zudem hatte er über viele Jahre Einsitz in verschiedenen Verwaltungsräten (21, davon 12 im Ausland), in vier Fällen als deren Präsident (zwei im Ausland) und in Vorständen von Verbänden auch im In- und Ausland (Europa, Asien, Amerika).
Seine letzte Tätigkeit im Angestelltenverhältnis war als CEO einer der führenden europäischen Energiehandelsfirmen-Gruppe, welche auch einen beträchtlichen Kraftwerkpark und Hochspannungsnetze im Portfolio hatte. Heute fokussiert sich seine Beratertätigkeit auf Energiefragen, primär im europäischen und ostasiatischen Raum. Im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit war Emanuel Höhener Autor von Fachbuchbeiträgen (u.a. zu Blockheizkraftwerken bereits anno 1979), wissenschaftlichen Arbeiten innerhalb der FVV (Forschungsvereinigung Verbrennungskraftmaschinen) und verschiedensten Artikeln zu fachspezifischen Fragen und zu Führungsthemen.
Emanuel Höhener

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