Bereit für die Energiewende?

Prof. Hannes Weigt: «Bevor bei uns die Lichter ausgehen, sind sie in Europa schon lange aus. Doch das wird nicht geschehen.»
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Replik auf das Interview mit Hannes Weigt in „energie&wasser “  Nr. 1/20

Im Magazin „energie & wasser“ Nr 1/20, herausgegeben durch die Industriellen Werke Basel (IWB), wurde unter dem Titel „Bereit für die Energiewende“ ein Interview mit dem Ökonomieprofessor Dr. Hannes Weigt, Leiter  der Forschungsstelle für Nachhaltige Energie- und Wasserversorgung der Universität Basel, publiziert. Darin werden Thesen vertreten, welche realitätsfern sind und von mangelndem Sachverstand betreffend Stromversorgung zeugen.  

Offensichtlich ist Herr Weigt bezüglich Energiewende ähnlich modelliergläubig, wie man dies auch vom Institut für Umweltwissenschaften der ETH-Z kennt. Jedenfalls erinnert das Interview inhaltlich stark an die Vorträge zu diesem Thema, welche anlässlich des ETH Energy Day im Dezember 2019 präsentiert wurden: Modelliert, fern der realen Energie-Welt.

Bereits die langatmige Erklärung zur Frage „wie definieren Sie Versorgungssicherheit“ lässt aufhorchen, gibt es dazu doch eine einfache, sehr kurze Antwort, die etwa so lautet: Strom 24 – 7, das Jahr rund, jeden Bruchteil der Sekunde!

So wie Herr Weigt sich bei dieser Frage windet, kann man daraus interpretieren, dass nach seiner Ansicht planwirtschaftliche Massnamen oder Eingriffe (wie beispielsweise gezielte Abschaltungen) durchaus legitim wären, um die Versorgung andernorts, obrigkeitlichen Prioritäten gehorchend, zu gewährleisten. 

Im weiteren Verlauf des Interviews werden die Weigt’schen Erklärungen gefährlich falsch und gehen völlig an der Realität vorbei:

  1. Es ist richtig, West- Europa hat ein grosses Verbundnetz (UCTE-Netz). Dessen Betrieb unterliegt jedoch einem technischen (physikalischen) wie auch juristischen Regelwerk. Es ist keinesfalls so, wie Herr Weigt’s Antwort den Eindruck gibt, dass dieses Netz einer frei zugänglichen „Kupferplatte“ gleichkommt, die Europa überspannt. Vielmehr weist es statische, dynamische und juristische „Engpässe“ auf, wobei besonders letztere für die Schweiz von Bedeutung werden könnten. Dazu braucht man nicht einmal die aktuellen Beispiele der Behinderung von Lieferungen bei Engpässen aufzuführen.
  2. Offenbar hat Herr Weigt noch nie die CH-Energiestatistiken studiert, sonst hätte er nämlich feststellen müssen, dass die Schweiz bereits vor dem Abstellen von Mühleberg im Winterhalbjahr auf Stromimporte angewiesen war und jetzt erst recht ist. In den „dunklen Winterstunden“ fehlt uns der Strom – und zwar die Grundlast. Auch hier zielt seine Argumentation krass an der Realität vorbei! 
    Der Professor müsste schon näher erklären, wie die Schweiz im Winterhalbjahr „glücklicherweise mehr Strom produziert als wir verbrauchen“ und er daraus ableitet: „können wir exportieren“. Ein Mirakel, das sein Geheimnis bleiben wird?
  3. Die Flexibilität der Speicherwerke zu missbrauchen, die fehlende Wintergrundlast zu ersetzen, wäre ökonomischer Unsinn und würde energetisch auch nicht ausreichen (so wäre etwa selbst das Grand Dixance System bei voller Leistung nach ca. 2’000 Stunden leer). Hier müssten eben durch Sommer- PV Leistung gespeiste saisonale Pumpspeicher einspringen – welche es nicht gibt und auch nicht geplant sind -, oder man ist auf Importe angewiesen (aus thermischen Kapazitäten, da Windleistung auch nur stochastisch anfällt). Oder man schafft thermische Kapazitäten in der Schweiz.

Quintessenz: Viel sachlicher Unsinn, der hier dem Leser serviert wird. Man sorgt sich über die Qualität der Forschung und Lehre an unseren Hochschulen – zuviel ungeprüfte Theorie von Schreibtischtätern mit fehlendem Realitätsbezug.


Dazu erreichte uns folgender Kommentar von Werner Plüss, den wir zur Präsentation der darin enthaltenen Grafiken (screenshots von der swissgrid-Seite: https://www.swissgrid.ch/de/home/operation/grid-data/current-data.html#import-export) gleich hier einfügen:

Unglaublich, die Unwahrheiten, die der Professor Hannes Weigt verbreitet. Dass er die Fakten nicht kennt, kann ich mir nicht vorstellen. Also absichtlich Humbug, erwiesen falsche Modelle verbreiten? Das Mindeste wäre eine Richtigstellung im IWB Magazin…

Originaltext Professor Weigt

„…Die dunkle Winterstunde – ohne Sonne und Wind – ist die goldene Stunde der Wasserkraft. Da wir dann glücklicherweise mehr Strom produzieren, als wir verbrauchen, können wir exportieren…“

Realität

Schweiz Nettoimport (s. folgende screenshots):

8.   Dezember 2019 um 05.31  2055 MW

29. Dezember 2019 um 04.45  2966 MW

31. Dezember 2019 um 04.42  3089 MW

Zum Vergleich: 2000 MW = eine Grande Dixence oder vier KKW Mühleberg, die am Netz sein müssten, um nur schon den Import während den ‚goldenen Stunden‘ (sic!) zu kompensieren, geschweige zu exportieren.

Es macht schon zornig, was ein Steuerzahler besoldeter Professor ungestraft fabulieren darf.

5 Kommentare

  • Der an unseren staatlichen Hochschulen grassierende Opportunismus kennt kaum noch Grenzen. Es ist ja auch bezeichnend, dass die Kritik an diesen professoralen Tatsachenverdrehungen nicht aus dem System der Hochschulen selbst kommt, sondern von aussen. Herr Professor Weigt muss keine Angst haben, das Schweigen der Kollegenschaft ist ihm sicher.

  • Philippe Huber

    Dieser Professor ist leider kein Einzelfall. Aber die Krönung ist, dass es im iwb Magazin erscheinen darf. Nun, man muss nur die Zusammensetzung des Verwaltungsrates anschauen und man hat dann gleich verstanden, dass jegliche Fachkompetenz auch dort fehlt. An der ETH Zürich unterrichten ebenfalls Professoren, die dank ihren theoretischen Modellen an eine sichere Stromversorgung mit Windrädern und PV-Anlagen fest glauben. Theoretisch ist effektiv alles möglich, man muss nur die Parameter so anpasssen, dass es konvergiert ….

  • Louis Odermatt

    Aha, schon wieder ein deutscher Professor, diesmal mit Rossschwanz, der auf „sustainable“ macht und uns doofen Schweizern unsere Elektrizitätssituation erklärt, und die Energiewende nahebringen möchte. In St. Gallen gibt es auch solche Exemplare. Die deutsche Energiewende ist das allerletzte Beispiel, das sich die Schweiz als Vorbild nehmen sollte. Deshalb sind aus meiner Sicht solche von Norden angestellte Prseudogelehrte für uns kontraproduktiv.

  • Emanuel Höhener

    Berichtigung:

    Ich wurde durch einen Leser, welcher mit der Materie auch vertraut ist darauf aufmerksam gemacht, dass mit meiner Aussage betreffend der Zeitperiode, bis Grande Dixance geleert ist, etwas nicht stimmen kann.
    Ich bin der Sache noch einmal auf den Grund gegangen und habe nachgerechnet. Es ist tatsächlich so, dass die massgebenden Staubecken des Anlagekomplexes Grande Dixance bei voller Leistung der vier angeschlossenen Kraftwerke nach spätestens 42 Tagen leer sind, d.h. nach rund 1’008 Stunden (!) und nicht wie von mir im obigen Text fälschlicherweise angegebenen 2’000 Stunden. Einmal mehr die Lehre daraus, man soll immer wieder zu den Grundlagen zurückgehen, bevor man etwas niederschreibt, gilt eben auch in eigener Sache!
    Wichtig jedoch, bei Grande Dixance handelt es sich um die grösste hydraulische Stauanlage der Schweiz, dieser verschärfte Sachverhalt macht die Aussage des Herrn Weigt nochmals um eine Grössenordnung absurder!

    Emanuel Höhener

  • Andreas Lachenmeier, Heerbrugg

    Wie werden sich die einzelnen Länder in einer akuten Mangelsituation verhalten?
    Stichworte: Coranakrise, Mundschutz, Grenzschliessung, Phasenschieber…..

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