Alarmismus zum Schaden der Wissenschaft

Es gibt Fakten, die es nicht zu bestreiten gibt. Das muss ein seriöser Wissenschaftler von seinen Spekulationen klar trennen können. Politisierte Wissenschaft ist eine ungute Entwicklung und führt zum Schwund an Glaubwürdigkeit.
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Dieser Text wurde erstmals publiziert in leicht gekürzter Fassung in der Weltwoche vom 18.2.2021 unter dem Titel «Warum ist es in diesem Winter so kalt?» Bild: Oberflächentemperatur auf der nördlichen Halbkugel am 19.2.2021. Weite Teile Nordamerikas und Asiens mit Subzero-Temperaturen.

Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2006? Al Gore, Ex-Präsidentschaftskandidat, lanciert den Katastrophenfilm «An Inconvenient Truth». Vor grossem Publikum steigt er auf eine Leiter und zeigt hoch oben auf die sechs Meter Marke eines vertikalen Massstabs. So hoch werde der Meeresspiegel ansteigen prophezeit er mit donnernder Stimme, wenn wir nicht sofort aufhören Kohle, Öl und Gas zu verbrennen. Dafür erhält er 2007, zusammen mit dem Weltklimarat (IPCC) den Friedensnobelpreis. 

Zweite Szene, Januar 2021: Der natürliche Moränendamm der Laguna Palcacocha, ein Gletschersee in den peruanischen Hochanden, droht zu bersten und die darunterliegende Stadt Huaraz zu überfluten. Schuld daran ist die Gletscherschmelze, welche den See zunehmend auffüllt. Gemäss Nature Geoscience[1] ist der menschengemachte Klimawandel daran schuld, was auch Professor Reto Knutti ein Re-Tweet wert war.

Dritte Szene, Februar 2021: Professor Stefan Rahmstorf, Klimawissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erklärt die aktuelle Kältewelle als Folge des Klimawandels. Durch die polare Erwärmung sei nämlich der Polarwirbel instabil geworden und erlaube kalte Polarluft in unsere Breitengrade vorzudringen. Ein Phänomen, das durch den menschengemachten Klimawandel vermehrt auftreten dürfte. 

Vierte Szene: 2020 bis heute: COVID19 zwingt die Menschheit in eine wirtschaftliche Rezession. Der weltweite Energieverbrauch sinkt, die CO2-Emissionen gingen im letzten Jahr gegenüber 2019 um ganze 17% zurück.[2]  Und deshalb haben wir jetzt einen kalten Winter.

Was ist diesen vier Szenen gemeinsam? Alle vier sind Unsinn, im englischen treffender Bullshit genannt. Alfredo Brandolini, ein italienischer Informatiker hat dazu ein Gesetz formuliert, das nun seinen Namen trägt: «Das Widerlegen von Bullshit erfordert eine Zehnerpotenz mehr Energie als dessen Produktion». Ich werde trotzdem versuchen die obigen Szenen zu widerlegen. Unsinn entsteht, wenn ein wahrer Umstand richtig erkannt wird, daraus aber nicht belegbare Schlüsse gezogen werden. Ein wichtiges Element dabei ist, damit Angst zu erzeugen. Angst ist ein bewährtes politisches Instrument. 

Die Behauptung Al Gores ist am einfachsten zu entlarven. Er war so schlau nicht zu erwähnen, wann der Meeresspiegel auf diese Marke steigen soll. Nüchterne Wissenschaftler schätzten schon damals, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um dreissig Zentimeter steigen wird, wie bereits in den vorhergegangenen hundert Jahren. Dieser Trend hat sich nicht messbar verändert. In den vergangenen fünfzehn Jahren ist der Meeresspiegel wie erwartet um 4.5 Zentimeter angestiegen. So dürfte es wohl noch rund zweitausend Jahre dauern, bis die Prophezeiung wahr wird.

Berstende Bergseen, übrigens wie Bergstürze, sind klassische Naturereignisse, die es immer gegeben hat und immer wieder geben wird. Die freigesetzten Kräfte sind ein Phänomen der Schwerkraft. Auslöser sind Verwitterungsprozesse durch Wind und Wetter. Klimawandel, weder natürlicher noch menschengemachter kann Energie aus Schwerkraft verändern. Der Auslöser spielt dabei überhaupt keine Rolle. Es kann auch der Tritt einer Gämse sein, respektive eines Vikunjas in den Anden. Die Kräfte können nur einmal freigesetzt werden. Dann sind das Wasser oder die Steine unten. Das war auch der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard beim Piz Cengola nicht klar. 

Und dass wir jetzt einen solch kalten Winter haben, kann nicht einfach mit dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht werden. Ausbrüche des Polarwirbels im Winter hat es schon immer gegeben. Das versetzt nicht nur Europa, sondern ganz Nordamerika und Sibirien in eisige Kälte. Ob das mit einer wärmeren Arktis häufiger und stärker ausfallen wird als bisher, ist pure Spekulation, keine Wissenschaft. Australien erlebt übrigens auch gerade einen relativ kühlen Sommer. Dort ist «La Niña», dafür verantwortlich, eine sporadisch auftretende Kaltströmung im Pazifik.  

Es gibt Fakten, die es nicht zu bestreiten gibt. Das muss ein seriöser Wissenschaftler von seinen Spekulationen klar trennen können. So hat sich die mittlere Temperatur der Troposphäre seit 1979 (Beginn weltumspannender Temperaturmessungen mit Satelliten) pro Jahrzehnt durchschnittlich um 0.15 Grad erhöht, was eine Erwärmung um 1.5 Grad in hundert Jahren bedeutet. Dieser Trend hat bereits in vorindustrieller Zeit begonnen und setzt sich gemäss den Messungen innerhalb einer natürlichen Schwankungsbreite fort[3]. Die CO2-Emissionen aus menschlicher Aktivität steigen seit Beginn der Industrialisierung an und betragen heute 36.5 Milliarden Tonnen pro Jahr. Die Emissionen sind in den letzten dreissig Jahren immer schneller angestiegen, eine Trendumkehr zu einem langsameren Anstieg wird jetzt aber erkennbar. Die Klimaprognosen der Alarmisten beziehen sich immer auf das berüchtigte RCP8.5 Szenario des IPCC. Das ist das worst case Szenario, das von einer ungebremsten Beschleunigung von Treibhausgasemissionen ausgeht. Das war von Anfang an eine unwahrscheinliche Annahme, unterdessen ist sie durch Fakten widerlegt. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist seit 1979 von 336 ppm (0.0336%) auf 415 ppm (0.0415%) angestiegen. CO2 ist ein Treibhausgas, das einen Einfluss auf die Klimaerwärmung hat, nur ist keinesfalls gesichert, wie stark dieser Beitrag ist, obwohl immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Es ist durchaus relevant diesen Betrag genau zu ermitteln, denn er wird Auskunft geben wie stark sich eine CO2-Reduktion auf die Klimaentwicklung auswirken wird. Das können aber nur unvoreingenommene Forscher herausfinden. Wissenschaftler, die in der Erwärmung zum Vornherein nur Unheil und in der Energieversorgung mit fossilen Brennstoffen nur Schlechtes sehen, können das nicht. Politisierte Wissenschaft ist eine ungute Entwicklung, sie entspricht nicht dem Sinn der Aufklärung. Bedenklich ist, dass sie zu einem kaum reparierbaren Schwund an Glaubwürdigkeit der Wissenschaft führt.


[1]https://www.nature.com/articles/s41561-021-00686-4.epdf?sharing_token=dvnb89oERd0OajwLFZXscNRgN0jAjWel9jnR3ZoTv0NpVdznzVXpU0m-Rai-gGLEEEq67k5aPfFB5nX1DG8RWzIQ8JaW1ei3lTOobV6C9kc-cdxEn0U_fZkPVphxffsgbZHEr8tm8Fu_rFSvw3ED98_HmklXtjMtETMSzzRoYyM%3D

[2]https://www.nature.com/articles/s41558-020-0797-x?utm_medium=affiliate&utm_source=commission_junction&utm_campaign=3_nsn6445_deeplink_PID100052172&utm_content=deeplink

[3] http://www.drroyspencer.com/2021/02/uah-global-temperature-update-for-january-2021-0-12-deg-c-new-base-period/

Häring Markus
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3 Kommentare

  • Hanspeter Vogel

    Zum Permafrost findet man in der heute veröffentlichten Pressemeldung des Bafu zur Studie «Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweizer Gewässer» u.a. folgende Sätze:

    «Die Forschungsergebnisse von Hydro-CH2018 zeigen weiter, dass …. Rutschungen zunehmen. ….der Permafrost taut auf. Als Folge sind steile Gebirgsflanken weniger stabil.»
    «Mit Klimaschutzmassnahmen, wie sie etwa mit dem revidierten CO2-Gesetz vorgesehen sind, fallen die Veränderungen moderater aus.»

    Als naiver Leser lerne ich, dass ich bloss das CO2-Gesetz annehmen muss und alles wird wieder gut. Wenn ich den Text dann etwas genauer lese, merke ich, das das gar nicht so darin enthalten ist, sondern dass bloss dieser Eindruck erweckt wird. Wahrlich eine kommunikative Meisterleistung!

    Trotzdem die schüchterne Frage: ist es richtig, dass wir unsere Bundesbeamten für derartige Sprachübungen bezahlen?

  • CO2 = Klimaerwärmung? Vor 250 Millionen Jahren war in Sibirien ein sehr grosses Vulkangebiet. Der Rauch ergab kurz eine Abkühlung. Der CO2 Ausstoss war jedoch gewaltig. Die Erde erwärmte sich um 5 Grad. Das war die Grenze wo sich auch Methan löste und somit die Erde nochmals um 5 Grad wärmer wurde. Zeitspanne der Erwärmung etwa 20’000 Jahre. Was wir jetzt haben ist nichts anderes, nur geht es schneller. Dies und mehr zum Klima hier von mir zusammengefasst: https://wernibechtel.wordpress.com/2015/12/04/klimaerwaermung/

  • Wir leben halt in westlichen Gesellschaften nicht mehr in aufgeklärten Zeiten.Man denke nur an die Exzesse der «woke»-Welle, die aus den USA zu uns hinüber schwappt.

    Oder hier Ausschnitte aus dem letzten Migros-Infomail zur Regulierung von «genome editing»/CRISPR:

    «Noch bis zum 25. Februar läuft die Vernehmlassung zum Moratorium für das Inverkehrbringen von gentechnisch veränderten Organismen. In seinen Erläuterungen thematisiert der Bundesrat allerdings auch die neuen biomolekularen Methoden, die sich unter dem Begriff genome editing zusammenfassen lassen. Der Bundesrat will diese Methoden genau gleich behandeln wie die bisherige Gentechnik und entsprechend auch dem Gesetz unterstellen.

    2018 kündigte der Bundesrat an, das geltenden Recht risikobasiert den neuen Entwicklungen anpassen zu wollen. Er beabsichtigte damals, die rechtlichen Grundlagen durch unterschiedliche Anforderungskriterien für verschiedene Methoden aus dem Bereich genome editing zu erweitern… Die Migros bedauert sehr, dass der Bundesrat von seinem damaligen Plan abgerückt ist und ersucht ihn ausdrücklich, sich an seiner damaligen Absicht zu orientieren und die einzelnen Methoden einzelfallbasiert zu beurteilen.

    Der Bundesrat geht mit Verweis auf zwei ältere Umfragen davon aus, dass die Schweizer Bevölkerung der Gentechnik kritisch gegenübersteht.»

    Mit anderen Worten: Der Bundesrat hält es nicht für seine Pflicht, die Bevölkerung über die Fortschritte der grünen Gentechnik zu informieren, sondern beugt sich den Forderungen der fundamentalistischen Gegner der grünen Gentechnik wie Greenpeace. Dabei gibt es das 13 Millionen Franken teure NFP59 zur grünen Gentechnik, dessen Hauptaussage war: Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass gentechnisch veränderte Organismen (GVO) für Umwelt oder Gesundheit schädlich sind. «Genome editing» ist ein weiterer technologischer Sprung. Im Migros-Infomail steht dazu:

    «Mit den bekannten Analysemethoden ist es aktuell im Übrigen unmöglich, unbekannte Genome editing-Anwendungen zu tragbaren Kosten aufzudecken. Denn im Gegensatz zur bisherigen Gentechnik gelingt es mit gewissen Genome editing-Methoden, Pflanzen so zu verändern, wie dies auch auf natürlichem Weg geschehen könnte – also beispielsweise ohne Einschleusen artfremder Erbsubstanz. Die vom Bundesrat gewünschte Wahlfreiheit ist deshalb zum jetzigen Zeitpunkt nicht gewährleistet.»

    Die westlichen Demokratien fahren auch wissenschaftlich im Dekadenz-Modus. Die Aufklärung hat sich nach Osten verschoben. In 20 Jahren können wir dann die neuste Technik den Chinesen und Koreanern abkaufen, sofern die Mittel noch da sind.

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