Doppeldenk in der Energiepolitik

George Orwell schrieb in seinem Roman 1984: «Doppeldenk steht für die Fähigkeit, zwei einander widersprechende Überzeugungen in seinem Kopf zu versammeln und beide gelten zu lassen. Der Parteiintellektuelle weiss, in welche Richtung seine Erinnerungen geändert werden müssen; daher ist ihm klar, dass er der Wirklichkeit einen Streich spielt. Aber durch Anwendung von Doppeldenk vergewissert er sich, dass der Wirklichkeit kein Schaden zugefügt wird. Dieser Vorgang muss bewusst sein, da er sonst nicht präzise genug stattfände, aber er muss auch unbewusst sein, denn sonst ginge er mit einem Gefühl von Verlogenheit und damit von Schuld einher. […] Bewusst Lügen zu erzählen und zugleich selbst fest an sie zu glauben; alle Fakten zu vergessen, die einem lästig geworden sind, um sie dann, wenn man sie braucht, wieder aus der Versenkung zu holen, aber nur so lang wie eben notwendig; die Existenz objektiver Wirklichkeit zu leugnen und trotzdem der Wirklichkeit, die man leugnet, Rechnung zu tragen – all dies gehört unabdingbar dazu. Allein schon beim Gebrauch des Wortes Doppeldenk hat man Doppeldenk anzuwenden. Indem man nämlich das Wort gebraucht, gesteht man ein, dass man an der Wirklichkeit herumschraubt; mit der nächsten Anwendung Doppeldenk löscht man dieses Wissen aus, und so endlos weiter, wobei die Lüge der Wahrheit immer einen Schritt voraus ist.»1

Am 9. Juni 2024 stimmen wir in der Schweiz über das Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien ab (Stromgesetz, auch als «Mantelerlass» bezeichnet). Das neue Gesetz ist ein Produkt von Doppeldenk, es entzieht sich der klassischen Logik und schafft eine neue Logik – Doppeldenk eben. Der Titel sagt bereits alles: «eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien» ist Doppeldenk pur. Ozeanien aus dem Roman 1984 diente auch bei den Verbrauchszielen als Vorbild: «Der durchschnittliche Elektrizitätsverbrauch pro Person und Jahr ist gegenüber dem Stand im Jahr 2000 bis zum Jahr 2035 um 13 Prozent und bis zum Jahr 2050 um 5 Prozent zu senken».2 Der Satz könnte aus der DDR stammen, geschrieben in bester planwirtschaftlicher Manier. Er dürfte aus der Küche des Bundesamts für Energie stammen – jedenfalls ist er bereits in der Vorlage an das Parlament enthalten. Bundesamt für Energie ist reinster Neusprech, in Altsprech müsste es wohl Bundesamt gegen Energie heissen.

Tatsächlich wird das Gegenteil von den postulierten Verbrauchszielen eintreffen: Wir brauchen immer mehr Strom pro Person (und in der Summe noch viel mehr Strom mehr, weil wir auch immer mehr Personen sind). Technischer Fortschritt hilft uns häufig Strom zu sparen (z.B. LED-Lampen). Die grossen Erfindungen haben jedoch gerade das Gegenteil bewirkt: Sie funktionieren nur mit Strom, teils mit sehr viel Strom. Technologien, die den steigenden Stromkonsum verursachen, sind zum Beispiel PC, Smartphone, Elektroauto, Wärmepumpe, Cloud, Blockchaintechnologie, Kryptowährungen oder künstliche Intelligenz. Allein der Strombedarf für die Cloud, das Bitcoin-Mining und die künstliche Intelligenz ist immens.

Spannend dann die Nachricht, welche vor einigen Tagen zu lesen war: Amazon hat Anfangs März 2024 im Bundesstaat Pennsylvania (USA) ein Datenverarbeitungscenter gekauft, welches in unmittelbarer Nähe zum 2.5 GW Kernkraftwerk Susquhanna liegt. Amazon, eine 30 Jahre junge Firma mit 1.5 Mio. Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Netto-Null-Ziel bis 2040, wurde deshalb rasch so gross, weil sie dem langfristigen Denken verpflichtet ist sowie in der Vergangenheit unablässig und klug investiert hat. Diese kurze Nachricht ist deshalb hochinteressant und lässt drei Feststellungen zu: 1. Amazon benötigt mehr Rechenkapazität. 2. Datenverarbeitungscenter benötigen eine sichere, billige und saubere Stromversorgung, wie sie Kernkraftwerke offenbar bieten. 3. Grosse Stromverbraucher liegen optimalerweise in der Nähe von grossen Stromproduzenten.

Die kleine Nachricht hat das Potenzial, die Annahmen des Stromgesetzes beziehungsweise der Energiepolitik 2050 nach Strich und Faden zu falsifizieren. Das Stromgesetz beruht auf falschen Verbrauchsannahmen, es ignoriert eine wichtige Stromproduktionstechnologie (modernste Kernkraftwerke) und macht keinen Effort für den Zubau von Übertragungsleitungen. Das Stromgesetz strickt so einen Doppeldenk-Mantel um ein halbes Dutzend Halbwahrheiten und fauler Kompromisse.

  • Wind- und Sonnenenergie werden nie auch nur einen einzigen Menschen in der Schweiz sicher mit Strom versorgen können, weil sie durchschnittlich 16 Stunden am Tag keinen oder nur wenig Strom liefern3 und die vielen Unterbrüche sich in absehbarer Zeit weder mit Batterien noch mit Pumpspeicher überbrücken lassen.
  • Die fünfzehn im Stromgesetz namentlich erwähnten Speicherwasserkraftwerke tragen im Gegensatz zur Wind- und Sonnenenergie tatsächlich zur Versorgungssicherheit im Winterhalbjahr bei. Sie sind jedoch, wie hängige Einsprachen zeigen, noch auf keine Art und Weise öffentlich-rechtlich gesichert.
  • Die Schweiz ist im Winter zunehmend mit Strom unterversorgt und wird schon bald Gaskraftwerke zur Verbesserung der Versorgungssicherheit errichten müssen.
  • Wind- und Sonnenenergie haben bereits jetzt einen stark zunehmenden Natur- und Landschaftsbedarf. Skandalös ist, dass den zunehmenden Umweltschäden nur ein kleiner volkswirtschaftlicher Nutzen4 gegenübersteht.
  • Die erleichterten Anforderungen an Wind- und Sonnenenergieanlagen, welche fortan im Landwirtschaftsgebiet und im Wald gelten sollen, sind staatspolitisch bedenklich und widersprechen dem Gleichbehandlungsgebot (Rechtsgleichheit).
  • Wir verabschieden uns immer mehr von der perfekten Stromversorgung, wie wir sie lange hatten, und bewegen uns hin zu hohen Strompreisen, einer unzuverlässigen Stromversorgung und explodierenden CO2-Emissionen.5

Am 9. Juni 2024 geht es ums Prinzip. Die Schweiz braucht ein sicheres, preiswertes und sauberes Stromversorgungssystem und kein Doppeldenk-Gesetz, welches die Versorgungssicherheit verschlechtert, einen sehr grossen Raumbedarf zur Folge hat und noch mehr Umweltschäden verursacht. Die Schweizer Elektrizitätswirtschaft hat während Jahrzehnten eindrücklich gezeigt, wie ein solches System aussieht: Laufwasser- und Kernkraftwerke als «backbone», Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke für alle anderen Bedürfnisse. Sonnenenergie kann in einem solchen System eine gewisse Rolle spielen, sofern ausreichend rotierende Massen, Pumpspeicherwerke und Höchstspannungsleitungen zugebaut werden.


Endnoten

  1. Orwell G (1949/2021) 1984. München: Anaconda. 400 S. (Teil 2, Kapitel IX).
  2. Art. 3 Abs. 2 nEnG
  3. Den Vogel schiesst der Windpark Griespass ab (4 Windräder). Die Ausbeute liegt hier bei gerade mal 7% der installierten Leistung von 9.4 MW.
  4. Eindrücklich ist der geringe volkswirtschaftliche Nutzen der Sonnenenergie: Sie ist nämlich häufig wertlos, weil Photovoltaikanlagen alle um die gleiche Zeit Strom einspeisen, damit ein Überangebot schaffen und so einem Preiseinbruch herbeiführen.
  5. neue Gaskraftwerke, fossile Energie in Auto- und Hausbatterien, fossile Energie in Solarpanels
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17 thoughts on “Doppeldenk in der Energiepolitik”

  1. Glaube ist die Fähigkeit, mehrere sich gegenseitig ausschliessende Dinge zu glauben.

    Das Stromgesetz beruht auf Glauben.

    1. Sehr geehrte Frau Baccala (und andere interessierte Leserinnen und Leser)

      Rechts oben auf der Beitragsseite heisst es “abonnieren Sie diesen Blog”. Wenn Sie dort Ihren Namen und Ihre Mailadresse angeben, erhalten Sie künftig Mail-Alerts für alle neuen Beiträge.

      Wir freuen uns, Sie in den Kreis der Leserinnen und Leser aufnehmen zu dürfen!

  2. Vielen Dank, Tinu Hostettler, für diesen m.E. herausragenden Beitrag. Mein Nein ist schon lange beschlossene Sache. Und noch was: «Eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien» ist Doppeldenk pur” – genau. Modernerweise spricht man auch von Oxymoron.

    1. Na ja, eine sichere und günstige Stromversorgung bestehend nur aus KKW ist ebenfalls Doppeldenk! Zurück auf Feld 1 mit einer Ablehnung des Mantelerlasses löst keine Probleme, sondern verschärft sie nur. Solange Politik und Gesellschaft (oder umgekehrt) neue KKW nicht wollen, bzw. nicht bereit sind zu finanzieren und gegen Chaoten durchzusetzen (remember Kaiseraugst) haben wir kaum eine andere Wahl als das neue Gesetz durchzuwinken, trotz allen Mängeln, die sie effektiv aufweist.

      1. Ohne Kernkraftwerke werden wir niemals eine sichere, preisgünstige und saubere Stromversorgung haben – es sei denn wir setzen auf Gas. Warum Kernkraftwerke Doppeldenk sein sollen, verstehe ich nicht. Erstens funktionieren sie in der Schweiz seit mehr als 50 Jahren tadellos. Zweitens zeigt unser Nachbar im Westen, dass es geht. Der Mantelerlass trägt wenig zur Problemlösung bei, führt jedoch zu landschaftlichem Schaden. Warum eine schlechte Lösung wählen, wenn es eine gute Lösung gibt. Frankreich ist das Vorbild, nicht Deutschland.

  3. ‘… weil wir auch immer mehr Personen sind.’ Kein Doppeldenk, eher Nichtweiterdenken. Wenn die Schweiz sich nachhaltig geben würde, müsste sie die Immigration beschränken. Bisher hat aber weder ein Bundesamt noch ein Politiker auf die Proportionalität des Bedarfs zur Bevölkerungszahl hingewiesen oder sie einberechnet. Nur die BKW Energie AG hat sie explizit berücksichtigt. Die Schweiz könnte ca. 5 Millionen Personen billig und nachhaltig mit Strom aus Wasserkraft versorgen. Weitere ca. 2 Millionen aus Kernenergie. Der springende Punkt: je höher der Bedarf darüber hinaus, umso mehr muss investiert werden in teurere Energien und Übertragungskapazität. Somit wird der Preis überproportional steigen.

  4. Das EDA beziffert am 8.2.2023 den Schweizer Bruttoenergieverbrauch von Erdöl und Gas auf 49.1 % des gesamten Bruttoenergieverbrauchs, siehe Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten Energie / Fakten und Zahlen

    Öl und Gas sollen aber ersetzt werden.
    Gleichzeitig soll der Stromverbrauch extrem stark reduziert werden.
    Mir scheint, da wird die Realität mit einem Perpetuum mobile verwechselt ….

  5. Wenn es um Desinformation bzw. Neusprech oder Doppeldenk in sogenannt freiheitlichen Demokratien mit Massenmedien und allerhand Ablenkungen in der Massenkonsumgesellschaft geht, genügt der Bezug zu Orwell nicht. Dann braucht es noch einen Link zu Huxleys “Brave New World”. Das betrifft dann nicht die Manipulation durch die sendenden Eliten, sondern das, was auf der Empfängerseite in den Köpfen der Masse abläuft. Aus Wikipedia: “Im Gegensatz zu Orwells 1984 beruht die Herrschaft in der neuen Welt nicht auf Gewalt, sondern auf Bedürfnisbefriedigung und Zustimmung: Verführungen sind effektiver als Verhaftungen.”

  6. Ein toller Beitrag. Vielen Dank dafür.
    Doppeldenk und Doppelstandards halten in unsere Gesellschaften vermehrt Einzug.
    Und ja, es ist ein prinzipieller Entscheid für die Schweiz am 9. Juni: Mit der Umsetzung des “Mantelerlasses” werden Bürger-/Gemeindebeteiligung bei einem wichtigen politischen Prozess ausgeschaltet. Es werden Raumplanungsgesetz, Natur- und Landschaftsschutz sowie Umweltschutzgesetz (z.B. Art. 78 BV), die der Bürger einst in Kraft setzte nun “mir nichts – dir nichts” über den Haufen geworfen. Naturschutzgebiete können ohne Mitspracherecht und ohne Kompensationspflicht in flatterstrom-produzierende Industriegebiete umfunktioniert werden. Die Versorgungssicherheit wird damit keinesfalls gesichert. siehe das absolute Versagensbeispiel Deutschland, wo selbst bei höchster Solar- und Windkraft Verschandlung der Naturressourcen weiterhin die KohleKW benötigt werden, um den nötigen E-Deckungsgrad zu erreichen.
    Klares NEIN am 9. Juni

  7. Der sehr gute Artikel sollte in den wichtigsten Tageszeitungen erscheinen, damit in der Juni-Abstimmung ein Nein resultiert !

  8. Hervorragender Beitrag, Martin.
    Es ist tatsächlich so, dass der am 9. Juni zur Abstimmung anstehende Mantelerlass eine weitere, gefährliche energiepolitische Mogelpackung ist, wie Martin Hostettler dies treffend darlegt.
    Es sei daran erinnert, dass im Juni 2023 beide Parlamentskammern dem Mantelerlass bereits zugestimmt haben. Durch das erfolgreiche Referendum der “Fondation Franz Weber” kommt dieser nun zur Volksabstimmung vom 9. Juni 2024. Einmal mehr greift die Politik dabei zu Orwell’schen Tricks: “Newspeak” (Neusprech), man hat den Begriff “Mantelerlass” durch die harmlose und beschönigende Bezeichnung “Stromgesetz” ersetzt. Offensichtlich will man damit davon ablenken, dass es noch immer um das mögliche Aushebeln von Volksrechten geht.
    Dem Blogbeitrag anzufügen ist noch, dass die “Netto Null” Ziele, welche bis 2050 umzusetzen sind (wären), den netto Strombedarf um deutlich über Faktor 2 erhöhen würden, was mit Photovoltaik (power factor o.1 (!)) und / oder Wind (power factor 0.19) auf der Fläche der Schweiz nicht umsetzbar ist.
    Anzufügen zum Punkt 4 der Endnote im Artikel ist noch, dass diese Mittags- Solarenergiespitzen und der damit einhergehende Preiszerfall dazu geführt haben, dass die Wasserkraft aus Speicheranlagen, beonders der Pumpspeicher unrentabel wurde. Man hat quasi mit fragwürdiger,subventionierter, erneuerbarer Energie, die ökonomische Basis der einzig wertvollen erneuerbaren Energieform “Wasserkraft” erodiert. Solches war bereits vor der 2011 Energiewende abzusehen.

  9. Im Prinzip lässt sich der Widerspruch bezüglich Stromversorgung einfach auflösen: Indem man anerkennt, was die Bundtland-Kommission, die ehemalige UNO World Commission on Environment and Development WECD, im Jahr 1987 festgehalten hatte, nämlich dass Kernenergie im Hinblick auf die Brütertechnologie als erneuerbar und nachhaltig gilt. Etwas weniger einfach dürfte es allerdings sein, viele ahnungslose und ideologisch festgefahrene Politikerinnen, Politiker und Privatpersonen davon zu überzeugen.

  10. Mit Menschen, welche im Doppeldenk gefangen sind und dies nicht einmal erkennen können, bin ich manchmal nachsichtig. Es braucht die Fähigkeit zum ingenieurmässigen Denken, als Folge von Studium und Praxis oder natürlicher Begabung, und einen Grundstock an spezifischem Wissen, um auf fachlicher Ebene Sinn von Unsinn trennen zu können. Das ist nicht allen gegeben. Bei zweifelhaften Publikationen schaue ich mir immer den Werdegang der Autoren an. Meist ziemlich aufschlussreich. Leider scheinen Leute mit geeignetem Hintergrund in Politik und Medien untervertreten zu sein, was fatale Konsequenzen haben kann. Ich denke da zum Beispiel an einen Politologen, der sich als Energieexperte einer relevanten Partei inszeniert und damit grossen Einfluss auf die energiepolitische Haltung der Parteimitglieder hat (Sie wissen vermutlich, wen ich meine).

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