Energiepolitik – immer noch absurde Wunschvorstellungen als Planungsgrundlagen

Eine Leserin hat mich auf einen Beitrag aufmerksam gemacht, den die beiden eminenten Physiker Jean-Pierre Blaser und Andreas Pritzker im September 2014 (!) zur damals geplanten Energie”strategie” 2050 auf der online-Plattform der Schweizerischen Physikalischen Gesellschaft veröffentlicht haben.

“Im Zusammenhang mit der sogenannten Energiewende häufen sich in Politik und Medien absurde Sprüche, und Wunschvorstellungen werden zu Planungsgrundlagen, wobei Manches an Irreführung grenzt, wie wir im folgenden zeigen werden. Zu leise ist die Stimme der Physiker und Ingenieure, die in der Lage wären, schon mit einer ‘Back-of-the-envelope’ Rechnung zu zeigen, wie unrealistisch oder gar falsch gewisse Vorschläge sind. Und die wichtigen Institutionen wie die ETHs, das PSI und eben auch die SPG wären eigentlich zu öffentlichen Klarstellungen verpflichtet.”

Jean-Pierre Blaser und Andreas Pritzker: “Energiepolitik, wo ist die Stimme der Physiker?”, Schweizerische Physikalische Gesellschaft (online Plattform/Blog)

Es lohnt sich, diesen Beitrag heute zu lesen oder noch einmal zu lesen. Dabei kann man sich leicht vorstellen, um wie viel die ganze Sache inzwischen mit den Anforderungen der Dekarbonisierung noch absurder geworden ist. Noch fast absurder ist aber heute, dass die ETHZ und die EPFL ihrer Verpflichtung zu öffentlichen Klarstellungen ganz und gar nicht nachkommen. Wie in diesem Blog schon öfters gezeigt, ist eher das Gegenteil der Fall. (Vgl. z.B. Was ist eigentlich mit der ETH los? sowie Was an der ETH los sein könnte.)

Energiepolitik, wo ist die Stimme der Physiker?


Hier noch ein Referat von Prof. Blaser vom 25. April 2012: Gedanken zu Klima und Energie – Wie ist es wirklich?

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16 thoughts on “Energiepolitik – immer noch absurde Wunschvorstellungen als Planungsgrundlagen”

  1. Es gibt sie noch, die kompetenten Wissenschaftler.

    EPFL/EMPA/Professor Andreas Züttel et al. haben erst kürzlich überzeugend publiziert, dass die geplante ‘erneuerbare’ Energiewende in der Schweiz eine Utopie ist und es ohne massive Importe – dann mal nicht mehr verfügbar – nicht geht. https://www.empa.ch/de/web/s604/lmer-co2-neutral-switzerland

    Leider müssen sich solide Wissenschaftler wie Züttel rechtfertigen vs. unsere Politikeliten und’Schnorris’ wie den GPL-Präsidenten Grossen, der durch Sottisen glänzt wie: “Wir haben schon länger nicht mehr genug Strom im Winter. Aber wir produzieren auch nicht genug Tomaten und Kartoffeln für den inländischen Verbrauch.” (Interview 30.6.22. –
    https://www.nebelspalter.ch/eth-professor-wehrt-sich-gegen-vorwuerfe-von-juerg-grossen)

  2. Das Resultat der Wunschvorstellungen und der mangelhaften Planvorgaben wird heute in der NZZ “Es kommen Lawinen an grünem Strom auf uns zu” des deutschen Ökonomieprofessors Manuel Frondel klar und deutlich dargelegt.

    1. Hier kann man den Irrsinn schön grafisch verfolgen: je “erneuerbarer”, desto wertloser der Strom bis ‘negativ’.
      https://www.agora-energiewende.de/service/agorameter/chart/power_price_emission/20.06.2023/21.07.2023/today/

      Das heisst der deutsche Konsument bezahlt doppelt für seinen Strom: zum Produzieren und dann Verscherbeln, zum Beispiel an schweizer Pumpspeicher, damit sie den Strom abnehmen. Dann noch Fragen, warum D den höchsten kWh Preis hat?

      Im Winter sieht dann die Sache ganz anders aus. Da sind wir dann am Betteln, bis 4 GW (2x Grande Dixence), nächtelang. Woher?

    2. Vor zehn und mehr Jahren behaupteten Energiewende-Skeptiker, Erneuerbare könnten niemals eine irgendwie bedeutende Menge an Strom erzeugen (etwa Economie-Präsident Heinz Karrer, der von erneuerbarem Stromanteil im niedrigen einstelligen Bereich faselte). Nun ist es plötzlich, zumindest zeitweise zu viel Strom…. Und ich behaupte mal, das ist die Grundlage für die grüne Wasserstoffwirtschaft. Und zur Erinnerung vonwegen hoher Effizienzverluste: Auch ein AKW erzeugt wesentlich mehr Energie, als genutzt werden kann!

      1. Ja, installieren wir weiter Flatterstrom wie wild, kann dadurch die Versorgungslage nicht verbessert werden – dies zeigt das deutsche Beispiel immer deutlicher. Ich bin gespannt auf Ihre Kommentierung der deutschen Import- und Exportbilanz auf, sagen wir, Ende Jahr. Wir könnten auch schon jetzt Bilanz ziehen von der Abschaltung der letzten AKW bis heute. Regelmässig exportieren die Deutschen Strom, wenn ihn keiner haben will, bekommen dafür in der Regel fast nichts und müssen immer häufiger und immer länger sogar zahlen. Ein negativer Preis signalisiert, dass es beim Produkt nicht um ein Gut, sondern um ein Bad handelt. Und ebenso regelmässig müssen die Deutschen Strom (aus franz. AKW) importieren, wenn diesen alle haben wollen – also zu exorbitanten Preisen. Immer mehr Importe zu hohen Preisen, immer mehr Exporte zu extrem niedrigen, oft sogar negativen Preisen… das wird eine schöne Bilanz geben.

        1. Fortsetzung:
          Gleichzeitig steigen, wie von den Ökonomen (z.B. H.-W. Sinn) richtig vorausgesagt, die Kosten der Deutschen für das Netzmanagement bzw. überhaupt für das Energiemanagement. Die fallenden NEE-Komponentenkosten werden dadurch überkompensiert. Und infolge zunehmender Rohstoffknappheit scheinen die NEE-Komponentenkosten jetzt wieder dauerhaft anzusteigen. Auch hier ist eine grausam schlechte Bilanz für Deutschland zu erwarten. Die Systemkosten explodieren, die Versorgungssicherheit implodiert.

          Die grüne Wasserstoffwirtschaft lässt auf sich warten. Sie könnte in Ländern mit hervorragenden Bedingung für NEE sowie – weit wichtiger – in Ländern mit viel AKW-Strom zum Laufen kommen. Da aber Wasserstoff im Umgang gefährlich und energieintensiv (im Verbrauch – also von niedrigen Wirkungsgraden in Bezug auf die Nutzenergie) ist, zudem fast alle Materialien zu verspröden vermag, wird das – wenn überhaupt – ebenfalls eine exorbitant teure Sache.

          Sie vergessen wieder einmal die E-Fuels – die echte Chance für den Schwerverkehr und die Fliegerei – sowie, wir werden es sehen, auch für die PKW. Aber auch die kann man ohne AKW in wirklich relevanten Mengen vergessen.

          Jedenfalls gilt: Ohne AKW wird es in Europa keine ausreichende Dekarbonisierung geben.

  3. Auf Physiker und Ingenieure hört die Politik schon lange nicht mehr, in den grossen Energieunternehmen haben sie auch kaum mehr was zu sagen. Betriebswirtschaftler, Ökonomen oder Juristen bestimmen heute die Strategie und wo investiert wird. Die Verantwortung für die Stromversorgung wurde Anfangs der 2000- Jahren in Europa dem Markt überlassen, in der Schweiz ca. 10 Jahre später. Erst, wenn es wirklich Mangelelangen oder grössere Stromblackouts geben wird, wird die Politik hastig reagieren. Mit Notgaskraftwerken, wie in Birr, da weder der Solarexpress noch der Windexpress eine sichere Stromversorgung im Winter gewährleisten werden. Arme Europa, arme Schweiz!!!

    1. Lieber Herr Huber, da sie ständig wiederholen, dass die Verantwortung für die Stromversorgung um 2000 dem Markt überlassen worden sei, und sie dabei immer wieder suggerieren, dass der Markt dabei versagt hätte, wäre es an der Zeit, diese Position endlich einmal zu substanziieren.

      Sie kennen ja meine Position: Vor 2002 hatten wir in der Stromversorgung alles andere als Markt. Am 22. September 2022 hat das Volk das Elektrizitätsmarktgesetz, das den Bereich liberalisieren wollte, abgelehnt. Als neue Lösung folgte 2007 das Stromversorgungsgesetz, das heute noch in Kraft ist und mit Markt fast nichts zu tun hat. Wenn es mit der Stromversorgung happert – und dass es dies tut, müssen wir ja hier nicht weiter ausführen -, dann hat das nur mit einem zu tun: MIT POLITIK also mit Staat und mit einem eklatanten Staatsversagen.

      Warum muss man das wissen? Weil ein Staatsversagen sicher nicht mit Markteingriffen, sondern mit Energiepolitikänderungen korrigiert werden muss. Wir wissen ja auch: Wir müssen den Irrweg Energiestrategie 2050 so rasch als möglich verlassen!

      1. Sehr geehrter Herr Saurer, es ist mir ein Anliegen, dass Sie verstehen worauf ich hinweisen möchte. Die Schweiz hat die europäische Strategie übernommen, weil sie kaum eine andere Wahl hatte. Weil sie im europäischen Strommarkt stark eingebunden ist und sogar mit den damaligen EGL und Atel Vorreiterin im internationalen Stromhandel war. Der heutige Strommarktdesign in Europa (und in der Schweiz) führt dazu, dass für Investitionen in Grosskraftwerken wie KKW sowohl die Akzeptanz wie auch die Risikobereitschaft fehlen. Wenn ich darauf hinweise, dass damit die Versorgungssicherheit früher oder später massiv gefährdet wird, antworten mir Juristen, dass die Verantwortung dafür nicht mehr bei den EVU liegt und Ökonomen, dass die finanziellen Risiken nicht tragbar sind. Was soll ich darauf antworten?

        1. Wir haben nicht die europäische Strategie, sondern die der Deutschen übernommen. Die Deutschen streiten sich ja auch mit den anderen EU-Mitgliedsländern – sie verurteilen letztere, dass sie AKB weiterbetreiben und sogar neue bauen wollen, aber sie wollen dann trotzdem deren Strom importieren. Wir betreiben unsere AKW wenigstens in einem leichten Anflug von Vernunft noch weiter (und wir werden auch wieder neue bauen, dessen bin ich mir sicher).
          Stromhandel ist sicher nicht die Ursache der aktuellen Versorgungsprobleme.
          Die EVU holen sich die idiotischen Subventionen für Wind- und Solarkraftwerke, dort wo sie zu holen sind. Das kann man ihnen nicht verübeln, das sie ja keine besonderen Versorgungsaufträge erfüllen müssen.
          Wenn ein Ökonom sagt, die finanziellen Risiken von Grosskraftwerke seien nicht tragbar, dann ist er nicht auf der Höhe seiner Ausbildung. Hier muss man unterscheiden in betriebliche Risiken der Betreiber – die sind aus politischen Gründen in der Tat zu hoch im Moment – oder volkswirtschaftliche Risiken – die sind negativ. Es ist m.E. ein Risiko, auf Grosskraftwerke und insbesondere auf Kernkraftwerke verzichten zu wollen.
          Alle plappern von dieser “dezentralen” Produktion – und alle vergessen, dass diese die Kosten für die Netze explodieren lassen wird. So weit wird es aber in der Schweiz nicht kommen. Sobald die Politik gewungen wird, ihrer Idiotie-Strategie ein Preisschild anzuhängen, wird der Stimmbürger die Reissleine ziehen.

          Aber was immer sie auch aufführen wollen…. sie werden sehen, dass Staat/Politik dahinterstehen.

          1. Das ist ja klar, Bundesrat, Ständerat und Nationalrat sind in der Verantwortung für das miserable StromVG. Und der Mantelerlass wird kaum etwas verbessern, weil eine vollständige Liberalisierung weiter aufgeschoben wird und die Erneuerbaren weiterhin priorisiert und subventioniert werden, wie in Europa! Damit wird Europa die höchsten Strompreise weltweit haben und dazu eine immer unsichere Stromversorgung … Deswegen habe ich geschrieben, arme Europa, arme Schweiz!

    1. nun ja, das ist die Agentur F Ü R Erneuerbare Energien…. eine NGO, eine Lobbyorganisation für Wind und Solar et al. Die werden kaum einen Bericht herausgeben, der einräumt, dass die Dekarbonisierung mit NEE zum Scheitern verurteilt ist.

      Lesen Sie besser die Posts des unabhängigen CCN. Wir sagen, wo’s lange gehen wird und sind in keine Energieform verliebt 😉 Wir schauen uns vielmehr einfach die Erntefaktoren an…. und die Regulierbarkeit… und die Planbarkeit… etc. Die Neuen Erneuerbaren sehen dabei leider eher alt aus – ja, sogar sehr alt.

      1. Wie stets beim C-C-Netzwerk kommt die Ideologie vor den Fakten, hier betreffs der Art und des Wesens von IRENA, Wikipedia hält dazu fest: «Die Internationale Organisation für erneuerbare Energien (englisch: International Renewable Energy Agency; Abkürzung: IRENA) mit Hauptsitz in Masdar City in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist eine internationale Regierungsorganisation mit dem Ziel der Förderung der umfassenden und nachhaltigen Nutzung erneuerbarer Energien in aller Welt. Sie vereinigt weltweit, staatliche, industrielle, zwischenstaatliche, nichtregierungs und wissenschaftliche Akteure unter einem Dach.» Zur Wiederholung, IRENA ist eine Regierungsorganisation und keine NGO!

  4. Fortsetzung:
    Gleichzeitig steigen, wie von den Ökonomen (z.B. H.-W. Sinn) richtig vorausgesagt, die Kosten der Deutschen für das Netzmanagement bzw. überhaupt für das Energiemanagement. Die fallenden NEE-Komponentenkosten werden dadurch überkompensiert. Und infolge zunehmender Rohstoffknappheit scheinen die NEE-Komponentenkosten jetzt wieder dauerhaft anzusteigen. Auch hier ist eine grausam schlechte Bilanz für Deutschland zu erwarten. Die Systemkosten explodieren, die Versorgungssicherheit implodiert.

    Die grüne Wasserstoffwirtschaft lässt auf sich warten. Sie könnte in Ländern mit hervorragenden Bedingung für NEE sowie – weit wichtiger – in Ländern mit viel AKW-Strom zum Laufen kommen. Da aber Wasserstoff im Umgang gefährlich und energieintensiv (im Verbrauch – also von niedrigen Wirkungsgraden in Bezug auf die Nutzenergie) ist, zudem fast alle Materialien zu verspröden vermag, wird das – wenn überhaupt – ebenfalls eine exorbitant teure Sache.

    Sie vergessen wieder einmal die E-Fuels – die echte Chance für den Schwerverkehr und die Fliegerei – sowie, wir werden es sehen, auch für die PKW. Aber auch die kann man ohne AKW in wirklich relevanten Mengen vergessen.

    Jedenfalls gilt: Ohne AKW wird es in Europa keine ausreichende Dekarbonisierung geben.

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