Energieproduktion und Umwelt – einseitige Wahrnehmung

Der öffentlichen Meinung sind die negativen Auswirkungen der Energieproduktion wenig bewusst. Allgemein wahrgenommen wird vor allem, dass die heutige Energieproduktion mit dem Ausstoss von CO2 verbunden ist, woraus sich der viel kritisierte Treibhauseffekt ergibt.

In Wirklichkeit ist jegliche Energieproduktion untrennbar mit einer Vielfalt von Umweltbelastungen und Schäden verbunden.

Einsicht in ausgeblendete oder übersehenen Zusammenhänge beleuchtet Walter Rüegg in der NZZ vom 31. Januar (der Zugriff auf die NZZ-Website setzt voraus, dass man sich (kostenlos) registriert):

Die toxische Seite der Solarpanels Sonnenenergie soll die Welt retten, doch sie verursacht gigantische neue Probleme

Hier einige Kostproben seiner Überlegungen, Erläuterungen und Argumente:

  • Trotz riesiger Subventionen geringer Beitrag: In den letzten zwanzig Jahren wurde der Bau von Wind- und Solaranlagen mit Subventionen von über tausend Milliarden Dollar gefördert. Trotzdem ist deren Beitrag am gesamten primären Weltenergieverbrauch immer noch vernachlässigbar klein, er liegt bei etwa 2 Prozent
  • Kleine Energiedichte: Um gleich viel Strom zu erzeugen wie ein Kernkraftwerk, müssen wir die Sonnenenergie auf einer Fläche von 50 bis 100 Millionen Quadratmetern einfangen
  • Flatterstrom: Ohne ein Ausgleichssystem – ein Netz oder eine grosse Batterie – ist ein sinnvoller Betrieb nicht möglich. Denn das PV-Modul produziert entweder zu viel, zu wenig oder gar keinen Strom.
  • Rohstoffverbrauch führt zu toxischem Bergbauschlamm: Ein kritisches Element ist Kupfer. Der Kupferbergbau erzeugt die grössten Mengen toxischer Abfälle auf diesem Planeten. Auf ein einzelnes Solarmodul entfallen etwa 200 Kilogramm Bergbauschlämme. Sie bestehen aus fein vermahlenem Erz, aufgelöst in starken Säuren, Basen oder anderen Lösungsmitteln. Diese Brühe enthält viel Arsen, Cadmium, Quecksilber, Blei und andere Schwermetalle.
  • Toxischer Bergbauschlamm bleibt toxisch: Weltweit verursacht die Photovoltaik rund 100 Millionen Tonnen Kupfer-Tailings – pro Jahr. Die bleiben bis ans Ende der Zeiten unverändert toxisch.
  • Riesige toxische Staubecken: Bergbauschlämme werden selbst in Industrieländern meist in riesigen offenen Staubecken gelagert, teilweise auch direkt in Flüsse «entsorgt» – mehrheitlich in fernen Ländern. Kaum zu glauben: Etwa 1 Million Quadratkilometer wird heute von den Bergbauabfällen belegt, eine Fläche, die 24-mal so gross ist wie die Schweiz.
  • Belastung durch das Verbrennen fossiler Stoffe: 80 Prozent des Weltenergieverbrauchs beruht heute auf fossilen Rohstoffen (Kohle, Gas und Öl). Die Verbrennung von über 15 Milliarden Tonnen fossiler Stoffe pro Jahr stellt eine schlimme und andauernde Belastung dar. In den nächsten Jahrzehnten müssen wir uns davon trennen. Eine Herkulesaufgabe.
  • Illusorische Zielsetzung: Wollen wir die heutige, auf den fossilen Rohstoffen beruhende Energieversorgung durch Strom aus PV und Windkraft ersetzen, müssen wir deren Beitrag am Weltenergieverbrauch dramatisch erhöhen, von heute 2 auf über 60 Prozent. Dies ist in den nächsten zwanzig bis dreissig Jahren völlig illusorisch. Kosten und Rohmaterialbedarf (Kupfer, Aluminium, Stahl, Nickel, Lithium und andere Stoffe) wären enorm. Zusätzlich muss man auch alle fossilen Maschinen und Anlagen durch elektrische ersetzen. Vor allem aber benötigt man eine Unmenge Ersatzsysteme (steuerbare Kraftwerke und/oder Speicher), um die vielen Produktionslücken und Winterlöcher zu stopfen.
  • Fossile Brenn- und Treibstoffe werden weiter dominieren: Wir müssen uns damit abfinden, dass in den nächsten zwanzig bis dreissig Jahren die fossilen Brenn- und Treibstoffe dominieren werden. 476 Gigawatt Kohlekraftwerke und 859 Gigawatt Gaskraftwerke sind im Bau oder in Planung die meisten in Asien und Afrika. Dieser Zuwachs entspricht fast der Hälfte des heutigen weltweiten Strombedarfs. Es bedeutet mehrere Milliarden Tonnen zusätzliche CO2-Emissionen pro Jahr – und viel Feinstaub. Trotzdem ist dieser Ausbau dringend notwendig, es gilt ein bis zwei Milliarden Menschen aus der Armut zu erlösen.

Fazit: Mit vorwiegend Sonnen- und Windkraft lässt sich ein Stromnetz nicht zuverlässig und wirtschaftlich betreiben. Schon gar nicht in unserem sonnen- und windarmen Land mit einem grossen Winterloch. Die Welt wird nicht um einen grösseren Ausbau der Kernkraft herumkommen.

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9 thoughts on “Energieproduktion und Umwelt – einseitige Wahrnehmung”

  1. Ich stimme dem letzten Satz unter Fazit grundsätzlich. Die Frage ist aber, ob KKW in der Nähe von Städten und Wohngebieten gebaut werden sollen, da sie ein grosses Restrisiko für diese Regionen darstellen. Der Krieg in der Ukraine und der Unfall von Fukushima beweisen es leider. Die Risiken sind real und können nicht einfach ausgeblendet werden. Die Gesellschaft muss dann frei entscheiden können, ob sie diese Risiken bereit zu tragen ist, oder andere Formen der Energieerzeugung, mit ihren Nachteilen, bevorzugt.
    Dem ersten Satz hingegen nicht. Technisch ist es möglich. das wird teuer und komplex, aber es ist machbar, sogar vermutlich günstiger als viele heute denken, da die Speichertechnologien und die IT rasante Fortschritte machen.

    1. Die Risiken der Kernenergie können relativ einfach drastisch reduziert werden: Indem man die unsinnig tiefen gesetzlichen Strahlengrenzwerte auf ein Niveau anhebt, welches mit dem heutigen Stand des Wissens in Biologie und Medizin vereinbar ist. Konkretes Beispiel: Die Limite für chronische Strahlung müsste von heute 1 mSv/a auf mindestens 100 mSv/a angehoben werden. Vgl. Petition der Strahlenmedizinerin Prof. Dr. Carol S. Marcus an die U.S. Nuclear Regulatory Commission vom 9.2.2015 (NRC-2015-0057). Die Antwort der NRC vom 11.8.2021 war so, wie man es von auf Einfluss bedachten Behörden erwartet: Die Petition wurde abgelehnt, ohne auf die Argumente einzugehen. Die heutigen Limiten sind ein Hohn, vor allem, wenn man ihre Entstehungsgeschichte in den 1950er Jahren kennt.

    2. Speicher sind grünes Wunschdenken, da fehlen Grössenordnungen, und IT hat nur wenig mit Stromerzeugung zu tun, sondern braucht im Gegenteil viel Strom. Fossile Brennstoffe sind in diesem Jahrhundert unersetzbar. Mit den Auswirkungen werden wir leben müssen und können, auf jeden Fall wäre die Nichtverwendung der fossilen Brennstoffe das schlimmste Szenario.

  2. ja, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Sobald in der Schweiz das ganze Jahr die Mitternachtssonne scheint und die Solarpanel ohne die Verwendung toxischer Rohstoffe produziert werden, ohne den enormen Flächenbedarf auskommen und mit einer vergleichbar hohen Leistungsdichte wie KKW aufwarten können und zudem Batterien entwickelt wurden, die analog dieselben Bedingungen erfüllen, sollten wir die Energiestrategie 2050 wieder hervorholen. 😉

  3. Lieber Philippe Huber,
    Man sollte endlich aufhören mit der Angstmache, dass KKW nicht in Stadtnähe und in Wohngebieten gebaut werden sollten. Wer noch nicht gemerkt hat, dass die Schweiz klein ist und dass die bestehenden Schweizer KKW aus dem letzten Jahrhundert nur noch laufen dürfen, weil sie sicher sind, der setze ruhig auf die französischen KKW: z.B. Bugey steht nur in der Nähe der Kleinstadt Lyon. Sollte dort etwas passieren, dann halten die radioaktiven Wolken exakt an der Schweizer Grenze bei Genf, was nach dir scheinbar, der “Krieg in der Ukraine und der Unfall von Fukushima beweisen”. Jeder technische und sonstige Prozess hat reale “Risiken” die “nicht einfach ausgeblendet werden”. Ein KKW Risiko und seine Folgen sind vernachlässigbar klein, sogar keiner als eine Strommangellage. Leider kann im Moment die Gesellschaft nicht frei entscheiden. Erst wenn die Initiative “Jederzeit Strom für alle BLACKOUT STOPPEN” (www.blackout-stoppen.ch) mit genügend Unterschriften eingereicht ist, wird die Schweizer Gesellschaft wieder “frei entscheiden können”.
    Darum rufe ich dich auf, bei deinen Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz, bei deinen Verwandten und Bekannten Unterschriften für die Initiative zu sammeln!
    Die Initiative fordert die Regelung von Verantwortlichkeiten und die Technologieoffenheit, welche die zukünftige Generation, so sie dann nachhaltig handeln will statt den links-grünen und Mitte Utopien zu folgen, dringend brauchen wird.

    1. Lieber Hans,
      Es hat mit Angstmacherei nicht zu tun, und wenn die KKW-Befürworter nur so argumentieren, wie du es tust, werden sie leider scheitern. Es genügt nicht zu behaupten, dass die Risiken sehr gering sind, wenn das Schadenpotential sehr gross sein kann. Wieso trauen sich sonst kaum liberale und Mitte Politiker für neue KKW gerade zu stehen. Und nur links-grün verantwortlich für die aktuelle Situation zu machen greift auch zu kurz. Sowohl im Ständerat wie im Nationalrat sind sie in der Minderheit!

      1. Wenn das Schadenspotenzial sehr gross sein kann, muss schlicht gefragt werden, wie gering oder marginal das Risiko eines GAU-Schadens ist. Wenn dieses Risiko marginal ist, ergibt die Multiplikation Potenzial mal Risiko einen sehr kleinen Wert. Dieses Abwägungsproblem hat die Menschheit auf einigen Gebieten und verzweifelt trotzdem nicht, zum Beispiel auch in Bezug auf eine unkontrollierbaren Amoklauf künstlicher Intelligenz oder einen Asteroideneinschlag – einem Risiko, das man inzwischen beeinflussen kann. Aber wir geben gemäss Schätzungen von Roger Pielke Jr. 100 mal mehr Geld aus für den “Kampf gegen den Klimawandel”.

  4. Die von Rüegg vorgelegten Elemente sind korrekt und gültig. Es ist nicht meine Absicht, sie in Frage zu stellen.
    Störend ist, dass ein wesentlicher Mangel (im Titel: “die toxische Seite…”) einer wachsenden Industrie darin gesehen wird, dass sie Rohstoffe abbauen muss. Sollten diese Technologien sich nur von sauberer Luft und frischem Wasser ernähren?
    Wenn die intermittierenden “erneuerbaren Energien” eine vernichtende Kritik verdienen, dann weil sie keine Lösung bieten und zusätzliche Störungen in der Stromversorgung des Landes und des Kontinents verursachen. Dies ist der entscheidende Mangel dieser Technologien.
    Ihre eigenen Versorgungsketten sind nicht schlechter oder besser als andere und sollten deshalb nicht stärker verurteilt werden als andere.
    Zu anderen Zeiten hätte man die Chancen begrüsst, die sich daraus für die Entwicklung von Ländern wie Bolivien oder dem Kongo ergeben können.
    Heute wird daraus mit einer gewissen moralisierenden Arroganz ein Problem gemacht.
    Offensichtlich sind die Arbeitsbedingungen in diesen Minen schrecklich und die Umwelt leidet darunter. Diese Bedingungen müssen saniert werden, und die Geschichte zeigt, dass sich Gesundheits- und Umweltschutz durch Wohlstand entwickeln. Es bedarf eines Transfers von Know-how und Qualitätsanforderungen, nicht einer Liste von Mängeln, die als unheilbar dargestellt werden.

    1. In seinem zweiten Teil, ist Michel natürlich Recht zu geben. Im ersten Teil… jein oder nein. Natürlich verzehren alle Energieproduktionstechnologien Ressourcen und sind Teil von Versorgungsketten. Aber die Frage ist, wie viele Ressourcen die eine Technologie im Vergleich mit anderen Technologien verzehrt, um eine nutzbare KWh hervorzubringen. Die Opportunitätskosten. Und da sehen die angeblich erneuerbaren Energiequellen grottenschlecht aus. Je weniger dicht eine Energieform ist, desto mehr Ressourcen sind aufzuwenden, um sie in nutzbare Form zu bringen – bezogen auf die Menge, die verfügbar gemacht werden kann. Die Erneuerbaren sehen beim aktuellen Stand der Technik nicht nur ökonomisch, sondern – paradox ! – auch ökologisch schlecht aus.

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