Ulrich Fischer: Gouverner c’est prévoir

Dieser Gastbeitrag des ehemaligen Nationalrats und bekannten Energiepolitikers Ulrich Fischer wurde heute in der Aargauer Zeitung als Leserbeitrag publiziert.

Gouverner c’est prévoir

Diesem politischen Grundsatz hat die Schweiz schon Ende des letzten Jahrhunderts nicht nachgelebt, als man in den 80er und 90er Jahren darauf verzichtete, die fast vollständig autonome Stromversorgung unseres Landes mit dem Bau weiterer Kernkraftwerke weiterzuführen. Die gegenwärtige Versorgungskrise ist das Resultat dieser Politik.

Ein Fehler ist aber vor allem dann ein Fehler, wenn man ihn wiederholt.

So soll am Kernenergieverbot, das im Rahmen der Energiestrategie 2050 eingeführt wurde, festgehalten werden, obwohl die offiziellen Rezepte für die künftige Stromversorgung völlig unzureichend sind. Wie soll der Anteil von 35% der Kernenergie und der zu erwartende Mehrverbrauch durch die sog. Alternativen Energien ersetzt werden, die zusammen bisher kaum 5% beitragen und deren Ausbau überall auf grosse Hindernisse stösst ? Deshalb sollten für den Zeitpunkt, in welchem die bisherigen Werke altershalber ausser Betrieb genommen werden müssen, diese durch Anlagen neuester Bauart mit inhärenter Sicherheit ersetzt werden können. Angesichts der Bevölkerungszunahme und dem Mehrverbrauch pro Kopf werden diese nötig sein, auch wenn die Stromproduktion durch Sonne und Wind bis dann wesentlich gesteigert werden kann. Was von den CO2-ausstossenden Möglichkeiten Öl und Gas als Alternativen zu halten ist, haben uns die jüngsten Entwicklungen deutlich vor Augen geführt. Deshalb sollte das Kernenergieverbot nun möglichst bald aufgehoben werden, um den Weg für die künftige Nutzung der Kernenergie wieder frei zu machen.

Ulrich Fischer, ehem. Nationalrat, Seengen

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15 thoughts on “Ulrich Fischer: Gouverner c’est prévoir”

  1. diesem weisen Vorschlag kann man nur zustimmen! Die Frage ist nur, wie man das bei solchen Themen überforderte und leicht beeinflussbare Volk überzeugen kann, dass Kernenergie nicht nur Gefahren mit sich bringt, sondern wieder eine Chance bekommen soll, damit die alten schweizerischen KKW nicht 60 oder 80 Jahre laufen müssen, um unsere Stromversorgung im Winter sicherzustellen …

    1. Indem die investigative Presse endlich wieder ihre Rolle richtig spielt. Dann kriegen wir auch die Politikerinnen und Politiker wieder auf die Stange, die halt einfach bodenlose populistische Opportunisten sind und statt Führung zu markieren sich von der angeblichen öffentlichen Meinung führen lassen.

  2. Die traurigste Falle macht der Ständerat. Wenn selbst bürgerliche Kantonsvertreter, namentlich ein Ruedi Noser (FDP ZH) und ein Damian Müller (FDP LU) nicht mehr wissen was “gouverner c’est prévoir” bedeutet, ist es um die Energiezukunft der Schweiz ganz schlecht gestellt. Die haben bis heute nicht begriffen, dass unsere ganze Wirtschaft, Gesellschaft und unser Wohlstand auf dem Gebrauch von Energie basiert. Energieverbrauch ist nichts Böses oder Schlechtes, sondern lebenswichtig. Genau deshalb müssen wir die am wenigsten umweltbelastenden Technologien weiter entwickeln. Und das sind nicht Sonne und Wind, sondern die Kernenergie. Offensichtlich müssen wir erst mit einem Black-out und exorbitanten Energiekosten erfahren in welche Energiepolitische Sackgasse wir da gefahren sind.

    1. Krisen bieten immer wieder neue Chancen. Aber vielleicht ist der Glaube in liberalen Kreisen, dass der Markt rechtzeitig dafür sorgen wird, dass genügend neue Kraftwerke gebaut werden, an der heutigen Situation schuld. Der Markt wird kaum allein dafür sorgen, dass alle immer genug Strom haben werden. Nur diejenigen, die es bezahlen können, werden weiterhin versorgt, die anderen haben dann einfach Pech gehabt oder werden sparen müssen… Bei einem halb liberalisierten Markt wie es jetzt der Fall ist, sind wenigstens die kleinen gefangenen Kunden relativ sicher weiterhin versorgt zu werden. Die anderen nicht mehr bzw. nur zu wesentlich höheren Kosten, wenn überhaupt. Oder sie finanzieren selber eine grosse PV-Anlage mit einer grossen Batterie oder ein Dieselbetriebenes Notstromaggregat.
      Jeder hat eigentlich die Wahl, wenn er es finanziell stemmen kann. Oder Staat übernimmt wieder die Verantwortung, weil der Markt versagt hat.

      1. Lieber Herr Huber. Jetzt lehnen Sie sich endlich einmal zurück und fragen sich, ob die aktuelle Situation und die Entwicklung seit der Ablehnung des Energiemarktgesetzes überhaupt etwas mit einem Markt oder einer liberalen Lösung zu tun hat. Wenn ein regulierter Markt versagt – und das ist hier krass der Fall -, dann ist das nichts anderes als Regulierungs- und also Staatsversagen.

        Klar würde ein nicht gefesselter Markt (in Friedenszeiten – und Krieg ist auch Staatsversagen!) bei Knappheit und massiv steigenden Preisen für ein grösseres Angebot sorgen. Selbst die Kombination von Solarenergie mit Back-up (damit stetig Strom angeboten werden kann) würde sich in sonnenreichen Regionen wie Andalusien am Markt behaupten.

        1. @Saurer: Das ist ja geradezu Aufsehen erregend: Sie schreiben: «Selbst die Kombination von Solarenergie mit Back-up (damit stetig Strom angeboten werden kann) würde sich in sonnenreichen Regionen wie Andalusien am Markt behaupten». Solche Regionen in Spanien haben eine so genannte Globalstrahlung (Jahresertrag pro m2) von rund 1600-1800 KWh. Und wie hoch liegt die gleiche Kennzahl für CH-Berggebiete? Zwischen 1300 und 1500 – fürs Flachland immer noch über 1000. Worin besteht denn nun der grundsätzliche Unterschied zwischen solchen Anlagen in sonnenreichen Gebieten und in der Schweiz? Doch wohl nur in Grössenordnungen, die PV-Anlagen hierzulande nicht obsolet werden lassen. Zumal der technische Fortschritt noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht hat.

          1. Na, das würde doch ggf. der Markt entscheiden, oder nicht? Alle Subventionen weg, dann schauen wir, welche Systeme überleben. In der Schweiz wären es Wasser und KKW. Die Berggebiete sind zu knapp….

            Aber grundsätzlich: Ich habe nichts gegen irgendeine Technologie. Es ist alles nur eine Frage der Effizienz. Doch das ist es nicht, wenn alle dreinreden…. und dreinfunken.

        2. in einem echt liberalisierten Strommarkt hätten neue KKW kaum eine Chance, weil sie im Ranking der Grenzkosten ganz hinten liegen, das müsste ein Ökonom wie Sie wissen. Nur mit staatlicher Unterstützung (dank Investitionsgarantie und Tragung der enormen Restrisiken) werden neue KKW in Frankreich und England gebaut. PV und Wind brauchen das nur, weil der heutige Marktdesign in Europa (und in der Schweiz) gravierende Mankos aufweist. Und dafür sind auch in erster Linie Ökonomen und nicht nur die Politik verantwortlich …

          1. Geben Sie doch einmal ihr Grenzkostenranking bekannt. Aber wie gesagt, würde der Markt darüber richten. Sofern die Gesellschaft übrigens auf einer Dekarbonisierung beharrt, müsste diese mit einer Belastung der CO2-Emissionen oder – noch fast besser – der Fossilen entsprechend ihrem Emissionspotenzial angestrebt werden. Das würde das Marktpotenzial der Kernkraftwerke vergleichsweise mehr stärken als dasjenige der Neuen Erneuerbaren.

  3. @Saurer – Sie schreiben: «Belastung der CO2-Emissionen oder – noch fast besser – der Fossilen müsste entsprechend ihrem Emissionspotenzial angestrebt werden. Das würde das Marktpotenzial der Kernkraftwerke vergleichsweise mehr stärken als dasjenige der Neuen Erneuerbaren». Das stimmt ja wohl anerkanntermassen nicht, denn sowohl Wind- wie Wasserkraft haben erwiesenermassen einen geringeren CO2-Ausstoss – und auch sonst noch ein paar Probleme weniger. Und Photovoltaik macht weiterhin die grössten technischen Fortschritte und nähert sich damit dem (im übrigen höchst umstrittenen) geringen CO2-Wert der Kernkraft an.

    1. Das Ziel müsste aber sein, dass Investitionen in fossile Kraftwerke weltweit nicht mehr stattfinden.
      Das ist effektiv nur mit einem hohen CO2 Preis möglich. Der Markt würde dann dafür sorgen, dass nur noch in PV, Wind-Offshore und Onshore, Wasserkraftwerke und KKW investiert wird. Eigentlich sehr einfach. Aber es gibt heute zu viele potente Akteure, die mit allen Mitteln dagegen lobbyieren.

    2. @Rehsche: Ich würde sagen, die KWh Kernkraft generiert weniger CO2 als eine KWh PV- oder Windstrom. Dies auch schon im Vergleich der quasi nackten Anlagen. Nun muss aber der intermittierende Strom mit vor- und v.a. nachgelagerten Anlage gepuffert, gespeichert, gesteuert, gemanaged werden, die so für KK-Strom nicht nötig sind. Dadurch generiert letztlich nutzbarer PV- oder Windstrom weit mehr CO2 als es KK-Strom tut. Eine generelle CO2-Steuer wird dei NEE massiv mehr belasten als die KK.

      Aber wie gesagt, wenn wir endlich eine CO2-Belastung einführen, weltweit oder in CO2-Clublösungen gemäss Nordhaus, dann können wir das Ganze den Ingenieuren und den Betriebswirten überlassen.

      Aber zu beachten: Nur was an Fossilen im Boden bleibt, wird nicht hier oder sontwo verbrannt – früher oder später.

      Und @Huber: Stimmt nicht aufgrund der doch stattfindenden Umweltbemühungen, ECS u.a., haben die Investitionen in Fossile Kraftwerke – zumal in Europa und in den USA – darchaus abgenommen. Die Kehrseite der Medaille sind die aktuellen Versorgungsprobleme und die explodierenden Preise. Jetzt wird erst klar, was die sogenannten Energiewenden bislang waren: In Deutschland ein Umstieg von KK auf Kohle und Gas. In der Schweiz die Versorgung einer massiv steigenden Nachfrage und der Ersatz von franz. KK-Strom durch Importe an Kohle- und Gasstrom.

      1. Klar kann die CO2 Steuer nicht schlagartig eingeführt werden, weil es sonst unerwünschte Nebeneffekte gibt.
        Es gibt kein Umstieg auf Kohle und Gas in Deutschland, diese füllen nur die Zwischenlücke aufgrund der (zu) schnellen Abschaltung der KKW und des zu langsamen Aufbaus der neuen Erneuerbaren.
        Die Gegner der KKW sind nicht nur die Grünen, sondern vor allem die gesamte Gas-, Kohle und Ölindustrie (Förderer, Verteiler, Trading, usw.): Man bekämpft beim CCN eigentlich immer wieder den falschen Gegner! Und die Grünen auch! Und wer sind die lachenden Dritter?

  4. ‘Gouverner, c’est prévoir’ war einmal. Heute gilt eher ‘gouverner, c’est enrichir’ (mit Meinungen, Aengsten oder anderem). Darunter leiden halt auch vernünftige, realistische und relativ gefahrlose Ansätze für eine nachhaltige Zukunft.

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