Windräder zerstören Landschaft

Bedrohte Idylle: Der Stierenberg, mit 872 Metern über Meer der höchste Berg des Aargaus.

Der folgende Beitrag wurde am 13. Juni 2022 in der “Umwelt Zeitung” publiziert.


Die Windenergie hat hierzulande grundsätzliche Probleme: Erstens ist die Schweiz ein Schwachwindland. Und zweitens fehlt der Platz, denn das Land ist kleinräumig und dicht besiedelt. Die Landschaft leidet hier besonders.

In den Ferien zieht es uns in die Berge oder ans Meer. Gestresste Stadtbewohner suchen intakte Landschaften, um sich zu erholen oder Freizeitsport zu betreiben. Eine schöne Landschaft löst Glücksgefühle aus. Sie ist aber auch eine seelische Ressource und gehört zu unserer Heimat und Identität. Landschaft ist wertvoll. Das wirkt sich auch finanziell aus: Eine schöne Umgebung und Aussicht erhöht den Preis einer Immobilie.

Der Stierenberg an der Grenze zum Kanton Luzern ist eine intakte Landschaft und für die Bevölkerung der umliegenden Ortschaften ein Natur- und Naherholungsparadies. Doch die Idylle ist bedroht: Auf Luzerner Seite im Gemeindegebiet von Rickenbach sind drei Windkraftanlagen geplant.

Landschaftseingriffe

«Natura non facit saltus» – die Natur macht keine Sprünge, erkannte man schon in der Antike. Ästhetisch ansprechende Landschaften haben weiche Übergänge und fliessende Linien. Dagegen werden unvermittelte harte Kanten, Ecken und Geraden als unschön und störend wahrgenommen. Windkraftanlagen sind solche Objekte, die sich nicht in die Landschaft integrieren lassen. Einmal aufgrund ihrer gigantischen Grösse – Höhe über 200 Meter und Rotordurchmesser 160 Meter – und zweitens durch den bewegten Rotor, der den Blick auf sich lenkt. Solche Anlagen verwandeln die Landschaft in eine Industriezone. Das Landschaftsbild ist zerstört und die Attraktivität der Gegend sinkt, und zwar in jeder Hinsicht.

Windpark auf dem Mont Crosin/Mont Soleil, Jura (Foto: Niklaus M. Wächter)

Der Pferdefuss der Windenergie

Seit der Energiewende gibt es einen Angriff auf Landschaft und Natur durch Windkraftprojekte. Kann die Windenergie zur Lösung des Energieproblems einen Beitrag leisten?

Windenergie in der Schweiz hat zwei grundsätzliche Probleme: Erstens ist die Schweiz ein Schwachwindland. Das Windpotential ist für eine effektive Energiegewinnung viel zu gering. Projekte sind nur mit massiven Subventionen möglich. Und zweitens fehlt der Platz, denn die Schweiz ist kleinräumig und dicht besiedelt. Ein angemessener Abstand zu Wohngebieten wird nicht eingehalten, und die Anwohner sind den negativen Emissionen Schattenwurf, Infraschall, Eiswurf, nächtliche Befeuerung ausgesetzt.

Eine moderne Grosswindkraftanlage im Schwachwindgebiet produziert um die 5 GWh/Jahr. Zum Vergleich: Wasserkraftwerk Rheinfelden 600 GWh, gesamter Schweizer Stromverbrauch 58’100 GWh im Jahr 2020. Mit einer Windkraftanlage kann man den Pro-Kopf-Anteil von 700 Einwohnern decken. Allein für die im Jahre 2021 zugewanderten 70’000 Personen wären 100 Windkraftanlagen nötig. Windenergie kann in der Schweiz nur einen marginalen Beitrag zur Stromversorgung leisten, zerstört aber wertvolle Landschaften.

Windräder töten

Im November 2021 fand man einen toten Steinadler auf dem Gelände des grössten Windparks der Schweiz auf dem Mont Crosin. Das Tier war durch ein Windrad regelrecht geköpft worden. Es hatte zudem massive Verletzungen und Knochenbrüche. Der Steinadler, der «König der Lüfte», ist gefährdet und streng geschützt.

Der besorgniserregende Biodiversitätsschwund wird durch die Windkraftanlagen weiter angetrieben. Die Rotoren töten Vögel und Fledermäuse. Eine Studie der Vogelwarte Sempach hat für den Standort Peuchapatte JU eine Anzahl von 20 Schlagopfer pro Anlage und Jahr ergeben. Fledermäuse sterben an einem Barotrauma, die Druckschwankungen hinter den Rotorblättern zerfetzen die inneren Organe. In Deutschland rechnen Naturschützer mit 100 getöteten Fledermäusen pro Anlage und Jahr.

Wo steht der Windenergieausbau?

Aktuell gibt es in der Schweiz 40 Grosswindkraftanlagen mit einer Stromproduktion von nur 0.24 Prozent des Stromverbrauches. Konkret sind knapp 40 Windpark-Projekte in Planung, ein Dutzend davon in der Deutschschweiz, zwei Dutzend in der Romandie. Das Ausbauziel der Energiestrategie 2050 von 7 Prozent des Stromverbrauches hat sich längst als unrealistisch erwiesen. Der Ausbau hinkt den Zielen weit hinterher, das Ziel für 2020 von 660 GWh wurde mit 144 GWh mehr als deutlich verfehlt.

In Aargau sind fünf Windenergiezonen im Richtplan ausgewiesen, in Burg und auf dem Lindenberg sind konkrete Projekte schon weit fortgeschritten. Der Druck steigt. Jetzt werden auch Windkraftanlagen im Wald geplant, früher ein absolutes Tabu. Im Thurgau ist der ganze Windpark Thundorf im Wald geplant, im Schaffhausen der Windpark Chroobach, im Waadtland wird jetzt gerade in Sainte-Croix geholzt, im Luzernischen ist der Windpark Stierenberg im Wald geplant und im Aargau der Windpark Burg.

Demokratische Mitbestimmung der Bevölkerung

In Fribourg kam es im Juni 2021 zu einem denkwürdigen Verdikt: Die beiden Gemeinden Vuisternenes-devant-Romont und La Sonnaz lehnten Windkraftanlagen auf ihrem Gemeindegebiet mit 89 und 99 Prozent ab. Immer wieder scheiterten Windkraftprojekte am Widerstand der Bevölkerung. Beim Stierenberg gingen die Gegner sogar in die Offensive und lancierten eine Gemeindeinitiative zur Unterschutzstellung, die auf der Gemeindeversammlung mit deutlicher Mehrheit angenommen wurde.

Bei Abstimmungen zum Thema Windenergie seit 2011 wurden in 55 Prozent der Fälle die Vorlagen von den Stimmbürgern abgelehnt. In den Jahren 2019–2021 hat die Bevölkerung in 12 von 15 Abstimmungen das ihr vorgelegte Windparkprojekt abgelehnt, also in 80 Prozent der Fälle.

Droht eine Ökodiktatur?

Es mehren sich die Stimmen und Vorstösse, die die Berücksichtigung des Landschafts- und Naturschutzes zugunsten der Energiegewinnung zurückstellen und die demokratische Mitbestimmung einschränken möchten. Eine aktuelle Vorlage zur Änderung des Energiegesetzes möchte die Gemeinden bei grösseren Energieprojekten entmachten. Der Gewerbeverband forderte, Einsprachen bei Energieprojekten ganz abzuschaffen. Und schon wird gefordert, dass der Bund das Heft in die Hand nimmt und das Mitspracherecht von Kantonen, Gemeinden und Verbänden beschneidet.

Elias Meier, Präsident des Verbandes Freie Landschaft Schweiz, der mit schweizweit 52 Mitgliedsorganisationen gegen Windräder kämpft, sagt zur aktuellen Situation: «Vor allem seit dem letzten Sommer ist der Druck auf naturbelassene Landschaften exponentiell gestiegen». Nichts ist mehr heilig, weder der Rheinfall bei Schaffhausen noch die Rigi, die Königin der Schweizer Berge.


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9 thoughts on “Windräder zerstören Landschaft”

  1. Eine hervorragende Beschreibung des Schadens, den Windräder in einer Landschaft wie der Schweiz anrichten können, ohne überhaupt energetische Wirkung zu erzielen.

    1. Ja, finde ich auch. Die Windradgegner werden oft einfach in einem Topf von grün-romantisch verklärten Technologieverhinderern gesehen, die das Gelingen der Energiewende und Dekarbonisierung gefährden. Aber tatsächlich wägen die meisten von ihnen die Kosten und Nutzen von Windenergievorhaben in pekuniärer wie auch in ökologischer Hinsicht sorgfältig ab, wie es hier auch Siegfried Hettegger tut.

      Ich hoffe, dass sie noch viele Vorhaben verhindern, bis wir endlich den nicht-gangbaren Pfad der Energie”strategie” 2050 verlassen, und auf die for die Schweiz klar dominierende Strategie eines optimalen Produktionsmixes aus vorwiegend Wasser- und Kernkraft zurückwechseln. Anders ist an eine Dekarbonisierung überhaupt nicht zu denken.

      Weil diese Strategie dominierend ist, werden sich viele Investitionen in Solar- und Windkraftanlagen als unnütze (gestrandete) Investitionen herausstellen. Die Windkraftgegner sorgen dafür, dass diese nicht zu gross ausfallen. Vielen Dank!

  2. Wir Schweizer zerstören schon seit Jahrzehnten Landschaft (Autobahnen, neue Wohnsiedlungen u.dgl). Und unsere Katzen töten viel mehr Vögel (und andere Nutztiere), als Windturbinen im worst case verletzen können. Im übrigen könnten Eoliennes im Falle eines Falles schneller zurückgebaut werden als die meisten andern Energieerzeugungsanlagen.
    Nur eine Energiepolitik ohne Denkverbote macht Sinn, sowohl bezüglich AKWs als auch bezüglich Windkraftanlagen. Dann ist eine seriöse Kosten-Nutzen-Analyse und eine vernünftige UVP (ohne Ueberbewertung allfälliger Umweltkosten) zu erstellen und ein Entscheid zu fällen. Windkraftanlagen, die dann auf der Strecke bleiben, ist keine Träne nachzuweinen. Sie im voraus zu verteufeln, kann aber nicht zielführend sein.
    Auch das allein nützt aber nichts, wenn nicht die Beschwerdemöglichkeiten und der Kreis der zur Beschwerde Berechtigten massiv eingeschränkt wird. Obwohl Simonetta Sommaruga und Stella Jegher gestern in Emosson wieder einmal das Gegeneil in SRG-Mikrophone flöteten. Für diese beiden kann die Spielphase in der Energiepolitik offenbar noch Jahrzehnte weiter andauern.

    1. Nur weil es schon Schlimmes gibt, ist das wahrlich kein Argument dafür, die Situation noch schlimmer zu machen. Und: Katzen töten keine Störche, Milane oder Steinadler.

      Die Wirtschaftlichkeit der Windkraftanlagen im Schwachwindland Schweiz lässt sich objektiv an ihrer Auslastung (“Kapazitätsfaktor”) festmachen. Diese beträgt durchschnittlich nur 18 Prozent, weit entfernt von jeder Wirtschaftlichkeit (2018, der Wert hat sich seitdem nicht wesentlich verändert). Windkraft ist effektiv nur an Küsten, im Meer und in Tiefebenen. Ich illustriere die Situation gerne mit folgendem Fall: Die Vorzeige-Windkraftanlage Haldenstein bei Chur produzierte 2017 Strom im Wert von Fr. 193’000 und erhielt eine Einspeisevergütung von 810’000, also das Vierfache des Marktwertes.

      Siehe meinen Beitrag: Ernüchternde Zahlen für die Schweizer Windstromproduktion https://www.c-c-netzwerk.ch/2019/06/24/schweiz-windenergie-stromproduktion-2018/

  3. Wir nähern uns dem Netto Null Ziel sehr dramatisch: Netto Null Verstand. Unsere Stromnetze sind für den Flatterstrom aus Fotovoltaik und Wind gar nicht ausgerichtet. Dieses “Flattern” nervt die Moderatoren in den Zentralen gewaltig. Die sind ständig am drehen und wenden.

    1. Natürlich!
      Aber wenn die offizielle Politik das hinterste und letzte elektrifizieren will (und zudem vom Atomausstieg schwärmt), wohl wissend, dass wir in Zukunft kaum genügend Strom werden importieren können, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als Szenarien mit Windrädern, Solarpanels, Netzausbauten und zusätzlichen Speicherseen durchzurechnen und Fragen zu beantworten, die etwa heissen könnten: wollen wir lieber einen Arvenwald auf Berner Staatsgebiet (im angrenzenden Wallis gibt es davon bekanntlich soviel wie Plastic im Meer) oder den Verlust von Zehntausenden von Arbeitsplätzen und Steuerzahlern infolge Strommangels?

  4. Völlig einverstanden. Wichtig ist aber: Auch beim besten Willen könnte die Windenergie in der Schweiz keinen relevanten Beitrag zur Stromversorgung leisten, weil das Windpotential zu gering ist. Die Schweiz hat im Unterschied zu Deutschland, Dänemark oder auch Österreich keine Küsten, kein Meer oder Tiefebene. In Österreich z. B. stehen die allermeisten Windräder in der ungarischen Tiefebene östlich von Wien. In den westlichen Bundeländern Vorarlberg, Tirol und Salzburg gibt es keine Windräder, genausowenig wie im italienischen Südtirol.

  5. Hier werden bis zu 10 Milliarden KEV Fördergelder nun über Jahre vorgehalten, obwohl man weiss, dass die Windenergie in der Schweiz keine Bedeutung hat und haben wird. Auf der anderen Seite fehlen diese Gelder dann beim Ausbau von PVA Projekten. Windenergie in der Schweiz wird ins öffentliche europäische Stromnetz eingespiesen. Somit ist bei starken Windvorkommen die Windenergie der Schweiz der Konkurrenz der deutschen Windproduktion ausgesetzt, und hat auf dem Strommarkt keine Chance. Also ist das Vorantreiben dieser Windprojekte durch den Bund, der den Kantonen vorschreibt wieviel Windstrom produziert werden muss, absolut unsinnig. Photovoltaik hat nebst der auch vorhandenen Volatilität den Vorteil, dass Sie auf EFH montiert zumindest bis zu einem Drittel, in ZEV Genossenschaften bis zu zwei Dritteln die Energie dort verbraucht wo sie auch produziert wird. Abgesehen davon brauchen beide Energieformen den entsprechenden Backup. Und diesen Backup haben wir mit unserem Atomausstieg definitiv bereits weggeschlagen. Wenn wir schon von keinen Denkverboten sprechen, dann bitte das Denken im Bereich der Atomkraft wieder zuschalten. Fazit: Das Bundesamt für Energie und deren Repräsentantinnen im Bundesrat haben kläglich versagt, das Volk arglistig getäuscht, und werden dafür nicht einmal zur Rechenschaft gezogen. Bitte bei den nächsten Wahlen daran denken. Macher*innen sind gefragt.

  6. Ein ökonomischer und ökologischer Wahnsinn! Solche Sachen werden nur wegen den riesigen Subventionen gemacht. (Siehe Wismer / Stierenberg)

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