Wirtschafts-Flüchtlinge gibt es nicht

Wirtschafts-Flüchtlinge gibt es nicht

Militärische Kriege, politischer Terror oder religiöse Verfolgung zwingen Menschen zur Flucht. Es sind politische Flüchtlinge mit einem Anspruch zumindest auf vorübergehendes Asyl. Migranten suchen bessere Lebensbedingungen wie etwa viele unserer Vorfahren, die im 19. Jahrhundert nach Nord- oder Südamerika – freiwillig und eigenverantwortlich – ausgewandert sind. Wirtschaftsflüchtlinge sind demgegenüber entweder Sozialeinwanderer oder Sozialismus-Flüchtlinge. Erstere nisten sich in unsere komfortablen Sozialwerke ein, die wir im Laufe der letzten hundert Jahre langsam, aber nachhaltig aufgebaut haben. Aber das ist hier nicht das Thema, sondern die politisch korrekt als Wirtschaftsflüchtlinge getarnten zwei Millionen Venezolaner, die vor dem Sozialismus fliehen.

Alles begann 1999, als Hugo Chavez Präsident wurde und der Welt den «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» verkündete. Die links-intellektuelle Elite, auch bei uns in der Schweiz, machte begeistert mit wie schon vorher in Kuba. Nach dem Kollaps des sowjetischen Sozialismus war Chavez der neue Hoffnungsträger, dem sogar vom berühmten Wirtschafts-Nobelpreisträger Stiglitz öffentlich applaudiert wurde.

Bei meinem Besuch vor 40 Jahren war Venezuela das reichste Land auf dem südamerikanischen Kontinent. Heute leidet die Bevölkerung unter Hunger, Medikamentenmangel, vorher ausgerotteten Krankheiten wie Diphtherie, Malaria oder Masern, aber auch einer weltrekordverdächtigen Mordrate und Hyperinflation. Eben wurden bei den Geldscheinen fünf Nullen gestrichen. Dabei hatte alles so komfortabel angefangen. In seiner Amtszeit kassierte Chavez 1000 Milliarden Erdöleinnahmen. Die damit finanzierten Sozialausgaben machten ihn zu Beginn populär, aber wurden bald nicht nachhaltig, weil schliesslich eine deutliche Mehrheit von Venezolanern nur noch von staatlichen Zulagen lebt. Hinzu kamen typisch sozialistische Verstaatlichungen nicht nur des Erdölsektors, sondern auch im Agrarbereich, im Handel und in der Lebensmittelindustrie. Innerhalb von 10 Jahren wurden über 1000 Farmen und Unternehmen verstaatlicht. Venezuela muss als Folge davon zirka drei Viertel aller Lebensmittel importieren und ist beim Ölexport hinter 1949 zurückgefallen.

Immer mehr Preis-, Währungs- und Kreditkontrollen zerstörten den noch verbliebenen Privatsektor der Wirtschaft noch ganz. Alles, was halt in einer sozialistischen Planwirtschaft passieren muss, nahm auch im ehemaligen Wunderland seinen tragischen Lauf. Und wie in sozialistischen Systemen üblich, endete das alles in einer kriminellen Diktatur, was eine friedliche Lösung unwahrscheinlich macht. Maduro verletzt immer mehr die Menschenrechte einschliesslich mit Folter und rechtfertigt sich mit dem «Wirtschaftskrieg», den die Amerikaner losgetreten hätten.

Wer wie ich selber die Aufstände in Ungarn von 1956 und in der Tschechoslowakei von 1968 hautnah erlebt hat, wundert sich über diesen wirtschaftlichen und politischen Zerfall nicht. Damals war man jedoch noch ehrlich genug, die vertriebenen Menschen nicht als «Wirtschaftsflüchtlinge» zu karikieren, sondern als Opfer der Kommunisten aufzunehmen. Aber früher oder später wird der «Sozialismus des 22. Jahrhunderts» irgendwo Auferstehung feiern!

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Dieser Beitrag ist zuerst in der «Basler Zeitung» vom 23. August 2018 erschienen.

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