Dieselskandal Nummer 2

Dieselskandal Nummer 2

Auf der heutigen Empörungswelle wären sehr viele technisch-medizinische Fortschritte der letzten 100 Jahre untergegangen.

Der zweite deutsche Diesel-Skandal löste noch höhere Wellen der Empörung aus als der erste, sind doch tatsächlich Affen und Menschen Abgasexperimenten ausgesetzt worden. Empörung wird immer mehr zum dominierenden Signal in unserer Zeit. Aber darf man deshalb das kritische Denken einfach ausschalten? Die wahre Ursache liegt in der politischen Verteufelung von CO2, das eben – koste es was es wolle – reduziert werden muss, um die Welt vor der Klimaerwärmung zu retten. Der Staat erlässt daher für Benzin- und Dieselmotoren extrem strikte Normen, die nur unter idealen Bedingungen einzuhalten sind und daher Manipulationen geradezu provozieren. Das war der erste Skandal. Aber haben das eigentlich nicht alle mehr oder weniger gewusst und toleriert wie seit eh und je bei den Energielabels mit ihren unrealistisch ermittelten Verbrauchsangaben für 100 Kilometer?

Der zweite Skandal hat auch politische Wurzeln. Vor lauter CO2-Hysterie hat man die anderen Schadstoffe wie Feinstaub und Stickoxide zunächst «vergessen». Oder anders gesagt. Die extreme Reduktion des CO2-Ausstosses geht beim Diesel einher mit einer Erhöhung bei den Stickoxiden, die im Gegensatz zum CO2 für den Menschen schädlich sind. Undogmatische Umweltschützer wissen schon lange, dass die Luftverschmutzung die menschliche Gesundheit viel stärker belastet als die allenfalls CO2-bedingte globale Erwärmung. Hunderttausende von Kindern sterben, weil sie in geschlossenen Räumen dem offenen Feuer von «guter Biomasse» ausgesetzt sind, weil es keinen Strom gibt. Eine Elektrifizierung in weiten Teilen Afrikas – selbst mit modernsten Gas- oder Kohlekraftwerken – würde die Situation klar verbessern.

Aber es gibt für die Menschheit nur noch eine Schicksalsfrage: der Klimawandel! Oder was denken sich die «grünen Eltern», die ihre Kinder in Velokisten verpacken und genau auf Nasenhöhe der Autoauspuffe transportieren? Der Skandal lenkt immerhin die Aufmerksamkeit auf die Luftbelastung, die nicht nur in Peking oder New Delhi, sondern auch im sozialromantischen Havanna deutlich sichtbar und spürbar ist.

Hinzu kommt bei Experimenten mit Tieren und Menschen die ethisch-moralische Abwägung zwischen dadurch verursachtem Leiden der Probanden und dem Nutzen für die Menschheit. Dieselben Kreise, die sich über solche Forschungsmethoden entrüsten, schreien noch lauter, wenn ein zu wenig geprüftes Medikament verheerende Nebenwirkungen hat. Wir haben hier ein klassisches Dilemma der staatlichen Regulierung der Forschung und der Zulassung von Medikamenten. Der Fehler Nummer 1 besteht für alle klar ersichtlich darin, medizinische Behandlungen zuzulassen, die ungenügend getestet worden sind und schädliche Nebenwirkungen entfalten.

Der Fehler Nummer 2 ist weniger offensichtlich, aber die grössere Gefahr. Neuen Medikamenten oder Behandlungsmethoden wird zu lange aus Sicherheitserwägungen die Zulassung verwehrt, was vielen Menschen unnötiges Leiden oder gar Sterben verursacht. Aber im Gegensatz zum Fehler 1 bleiben diese Schäden in Gestalt von entgangenem Nutzen unsichtbar. Im Rückblick auf die Vergangenheit hat sich die Fehlerkategorie 2 stark vergrössert, nicht zuletzt weil Tier- und vor allem selbst völlig freiwillige Menschenversuche rechtens wären, aber moralisch verdammt werden. Ethikkommissionen verdrängen mehr und mehr Forschungsgremien mit solidem Sachverstand und fachlicher Verantwortung.

Natürlich gibt es Grenzen für die Forschung und Entwicklung. Doch diese sollten möglichst demokratisch legitimiert und juristisch klar definiert sein. Skandale sind so gesehen längerfristig kontraproduktiv. Auf der heutigen Empörungswelle wären sehr viele technisch-medizinische Fortschritte der letzten 100 Jahre untergegangen.


Dieser Beitrag ist zuerst in der "Basler Zeitung" vom 15. März 2018 erschienen.

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