Arm oder reich?

Arm oder reich?

Diese Frage zu beantworten, ist alles andere als einfach; denn ob arm oder reich, hängt immer davon ab, mit was oder wem man sich vergleicht. Zur Weihnachtszeit schlenderten wir wieder einmal durch Gstaad, guckten in die Schaufenster, bestaunten die pelz- und schmuckschweren Gäste und entdeckten einen gewöhnlichen Weihnachtsbaum für 170 Franken. Also Gstaad ist der einzige Ort in der Schweiz, wo wir uns «arm» vorkommen. Ganz anders ist es in unserem kleinen Dorf im Sundgau, wo wir als «les Riches Suisses» bekannt sind. Auch im Vergleich zu meinen Vorfahren, überwiegend Kleinbauern, Taglöhner, Legionäre und später Bahnarbeiter, darf ich mich sogar als sehr reich einstufen. Selbst im Blick zurück auf die eigene Karriere, galt ich jedoch bis weit über 30 als statistisch arm. Mit Frau und Kind lebten wir 1970–1972 in Yale von einem monatlichen Stipendium von 600 Dollar. Als meine Frau erneut schwanger wurde, musste sie bei ihren Eltern in der Schweiz Gratis-Unterschlupf suchen. Im Karriereverlauf verdoppelte sich dann das Einkommen gleich mehrmals. Aber reicher fühlte man sich kaum, weil man sich eben schnell an einen neuen Lebensstil gewöhnt, den sich auch fast alle Freunde und Bekannte locker leisten konnten. Was alle Statistiken über Einkommens- und Vermögensvergleiche zu fixen Zeitpunkten ausblenden, ist die Höhe und Entwicklung des Lebenseinkommens im Zeitverlauf. Viele Junge, die ohne Geld studieren, einen Beruf erlernen oder ein Unternehmen gründen, werden über den ganzen Lebenszyklus hinweg mit der Zeit in die oberen Ränge aufsteigen. Es ist deshalb falsch, junge und gesunde Menschen mit Sozialhilfe zu verwöhnen oder Studiengebühren tief zu halten, weil man dadurch eigene Investitionen ins Humankapital bremst und nicht fördert. In den USA kostet die Top-Ausbildung schnell einmal 30 000 Franken pro Jahr. Studis finanzieren sich mit Stipendien oder Schulden; aber sie überlegen sich die Studienwahl entsprechend viel besser (Ort und Fach) als das hier der Fall ist.

Die Ärmsten der Armen sind ziemlich gleich, d.h. sie haben ein minimales Einkommen und kaum Vermögen. In diesen Schichten herrscht daher viel Solidarität. Ihre homogenen Interessen sind wertvolles Futter für Politiker mit sozialen Schattierungen. Ganz anders sieht es am oberen Ende der Skala aus. Die 10 Prozent der Bestverdiener umfassen ein enorm breites Spektrum von gut 150 000 pro Jahr bis hin zu den gut hundert Mal mehr eines Severin Schwan bei Roche. Beim Vermögen ist es noch krasser. Wir haben mittlerweile in der Schweiz schon zirka 300 000 Millionäre, aber die wenigsten sind Multi-Millionäre. Der obere Mittelstand ist wohl zahlenmässig gross, jedoch bezüglich seiner Interessen auch sehr heterogen und deshalb politisch schlechter mobilisierbar. Hinzu kommt noch ein letztes Paradoxon. Je stärker das Wachstum ausfällt, desto grösser werden die absoluten Einkommens-Unterschiede und desto stärker wird die staatliche Umverteilungs- und Sozialanspruchspolitik, obwohl (oder eben gerade weil) alle «reicher» werden. Machen wir doch ein Beispiel: Im Jahre x verdienen die «Armen» im Durchschnitt 100, die «Reichen» 300. Verdoppeln sich innerhalb einer Generation alle Einkommen, verfügen die «neuen Armen» über 200, die «neuen Reichen» aber über 600. Das Verhältnis ist immer noch 1:3; aber die absolute Differenz hat sich von 200 auf 400 verdoppelt. Für die Linke ist die Verteilung ungerechter geworden. Also lieber alle arm, aber zumindest gleich (arm).

Dieser Beitrag wurde zuerst in der "Basler Zeitung" vom 1. März 2018 publiziert.

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